| Hans Erich Nossack an Hermann Kasack Hamburg, den 12. Dez. 1943
Lieber Herr Kasack,
Ihr Brief vom 5. ds. (Postdatum 7. 12.) gelangte vor zwei Tagen in
meinen Besitz, also ohne wesentliche Verspätung. Ihre Mitteilungen freuten mich sehr,
auch daß Herr König sich wieder gemeldet hat. Von unsrer Freundin aus Steglitz hörten
wir inzwischen ebenfalls, daß es dort nicht so schlimm stände, wie es den ersten
Anschein hatte; wir waren in nicht geringer Sorge um sie. Aber all diese erfreulichen
Nachrichten berühren natürlich nicht die Unruhe und dauernde Spannung über das Weitere.
Ich sehe wohl, daß es den meisten Menschen nicht gelingt, damit fertig zu werden und sie
als positive Kraft in ihr Dasein aufzunehmen; sie gehen langsam daran entzwei. Ich will
damit nicht sagen, daß es mir gelingt, ich denke nur, daß es möglich sein müßte und
arbeite deshalb daran; denn vielleicht ist es überhaupt die einzige Möglichkeit, uns zu
erhalten und zu vermeiden, daß wir irgendwo an einen dürren Strand geworfen werden, wo
wir dann verdörren. Das was Sie und Ihre Frau den an Apathie und Verzweiflung leidenden
Flüchtlingen an seelischer Hilfe leisten, wie es uns von Ihnen geschah, wird Ihnen im
Grunde auch nicht Kräfte rauben, sondern gerade die Kraft verleihen, die jetzt nötig ist
und morgen noch nötig sein wird. - Gestern nachmittag packte meine Frau mit größter
Sorglichkeit wegen des zerbrechlichen Inhalts eine kleine Weihnachtsfreude für die
Ihrige. Abends las ich in der Zeitung, daß eingeschriebene Päckchen noch immer nicht
versandt werden dürfen. Das ist also höhere Gewalt, und wir müssen uns gedulden.
Was mich angeht, so drängt es mich, nach Fertigstellung meines Bekenntnisses zu dem
Erlebnis des Untergangs Hamburgs, auch über die sonstige geistige Vergangenheit mit
nüchternen Augen Inventur zu machen, um danach entscheiden zu können, was davon wirklich
mit untergegangen ist und was sich trotz Brandwunden etwa noch verwerten läßt. Das
Gefühl, an einem Wendepunkt zu stehen oder vielleicht sogar schon ein paar Schritt
darüber hinaus zu sein, ist nach wie vor in mir vorherrschend, und ich bin wachsam, mich
nicht selbst zu versäumen. Es könnte auch durchaus sein, daß ich nach all diesem, was
inzwischen über uns gekommen ist, wieder an Dinge anschließe, die weit zurückliegen,
und dabei entdecke, an welchem Kreuzweg ich einmal die falsche Richtung wählte. Ich
schrieb oder sagte es Ihnen schon, daß ich mich über ein altes Stück "Die Rotte
Kain" machen wollte, wovon sich wider Erwarten noch ein Exemplar in Salzburg
angefunden hat. Leider haben meine dortigen Freunde es mir immer noch nicht senden
können; ich habe es mit größter Dringlichkeit gestern noch einmal angefordert, es ist
eine wahre Gier in mir, es als Entwurf hier zu haben. Das Thema paßt wie kein zweites
für das Problem, was uns heute alle angeht: Was wird am Tag nach der Sintflut oder
Weltkatastrophe sein? Um das Leben und die Überlebenden zu erhalten, wird die Aufgabe
für die Geistigen und Wissenden darin liegen: zu verschweigen! Also nicht: zu vergessen.
Diese Erkenntnis hat sich klar und unumstößlich für mich aus den schmerzlichen letzten
Monaten ergeben. Es ist eine sehr schwere und sehr gefährliche Aufgabe, ich weiß es. -
Übrigens, je länger ich nächtlich über dies alte Stück, das ich seit mindestens 15
Jahren nicht mehr angesehen habe, nachdenke, um so deutlicher wird es mir wieder, so daß
es bald kaum des ersten Entwurfes als Hilfe bedürfte. Nur was ich seltsamerweise
vergessen habe, ist ein großer Teil der damals gewählten Namen, und ohne die geht es
nicht. Wieviel doch an den Namen hängt, um eine Gestalt damit ins Leben zu rufen. Ich
wundere mich selbst darüber.
Früher hätte ich diese Inventur in meinem Tagebuch gemacht, und damit wäre die
Angelegenheit stillschweigend für mich und die übrige Welt erledigt gewesen. Ich habe
wohl versucht, in dieser Weise fortzufahren, aber es geht nicht; vielleicht ganz einfach
deshalb nicht, weil nichts mehr da ist, auf Grund dessen ich fortfahren könnte. Daß
diese Tagebücher über einen Zeitraum von 25 Jahren nicht mehr existieren, ist als
Verlust bei weitem nicht das Schwerste. Für mich selber war das, was ich da
hineinschrieb, mit dem Augenblick des Niederschreibens erledigt; es war nachträglich
nichts für mich daraus herauszulesen, ich tat es auch nicht und hätte es auch nie getan.
Und für Andere hatte es schon überhaupt keinen Wert, höchstens für einen Feind, der
mich daraufhin leicht hätte psychologisch zur Strecke bringen können. Trotzdem: dies
nicht mehr Vorhandensein der Bücher ist für mich von allem das Unbegreiflichste.
Vielleicht, weil es Symbol für die verlorene Vergangenheit ist? Ich kehre mich immer
wieder nach diesem luftleeren Raum hinter mir um, es ist ganz ohne Gefahr für mich, im
Gegensatz zu manchen andern Dingen, nach denen man sich heute noch nicht umblicken darf.
Es erfüllt mich nur mit grenzenlosem Staunen. Ich frage mich manchmal vorsichtig, ob es
nicht eine Befreiung für mich bedeutet.
Wenn ich also diese Inventur in einen Brief an Sie hineinnehme, so ist der Verlust dieser
Tagebücher zur Hauptsache daran schuld. Seien Sie nicht böse, wenn ich Sie als einen
lebendigen befreundeten Hörer als Hilfsfigur nehme, zu der ich spreche, und lesen Sie das
Folgende zunächst auch nicht anders. Ich bin mir bewußt, daß es jetzt kaum der rechte
Augenblick ist, solche rein persönlichen Ansprachen an Sie zu richten, wo Sie sich dort
in einem quälenden Zwischenstadium befinden. Nehmen Sie es als den leidenschaftlichen
Versuch eines Menschen, der die schweren Zeitereignisse dazu benutzen will, sich selber
von Schlacken zu reinigen. In dieser Tatsache, daß es ein Mensch trotz unseres
unmöglichen Daseins versucht, liegt vielleicht auch für Sie etwas Positives. Wie dem
auch sei: legen Sie diese Papiere nach Lektüre beiseite. Sie bedürfen wahrscheinlich
keiner Antwort. Das Wichtigere ist, es geschrieben zu haben. Und wenn eine Antwort
notwendig erscheint, so eilt sie nicht.
Als völlig verloren muß ein dreiaktiges Trauerspiel ungefähr aus dem Jahre 1929 gelten.
>DER REICHE JÜNGLING<. Ich entsinne mich, daß ich es zwei- oder dreimal
geschrieben habe und hart damit kämpfte. Als ich kürzlich in dem mir von Ihnen
geschenkten >Totenhaus< Dostojewskij's las, kam es mir wieder ins Bewußtsein. Die
Fabel ist die darin enthaltene Erzählung >Akulkas Mann<. Ich hatte die Geschichte
ein wenig abgewandelt, indem ich Akulkas Mann einen reichen Jüngling sein lasse, der aus
gutem Willen oder aus Sehnsucht, etwas Gutes zu tun, weil ihn sein reiches Dasein nicht
befriedigt, das angegriffene junge Mädchen dem geliebten Herumtreiber gegenüber in
Schutz nimmt, der also nicht triebhaft handelt, sondern aus zweithändigen, wenn auch
unangreifbaren Beweggründen heraus. Erst ganz zum Schluß erwacht auch in ihm dies
Triebhafte und dann, wie es nicht anders sein kann, grausamer als bei dem Herumtreiber. Es
ist eine unausweichbare Tragödie, ohne Schuld des einen oder andern, an der drei Menschen
zu Grunde gehen müssen. Insofern fesselt mich dies Thema auch heute noch. War ich damals
nicht reif genug dafür? Oder bin ich daran gescheitert, daß ich die Fabel
entrussifizieren wollte und dies mir nur halb gelang? Das ist eine Frage, die ich noch
nicht entscheiden kann und auch jetzt nicht entscheiden will.
Verloren ist ferner die Orestie mit dem unmöglichen Titel >DER KRIEG IST AUS<. Ich
sehe jetzt, daß es dieser Titel war und damit der falsche Ansatzpunkt, der mich in die
Irre gehen ließ. An irgendeiner unbewachten Stelle ist die Zeit in mich eingebrochen und
hat mich zur Polemik gegen die Zeit verführt. Das Stück lag fertig da, zwei- oder
dreimal geschrieben, eigentlich waren es nur die ersten zwei oder drei Szenen, die mich
nicht befriedigten, also die Szenen, die noch an dem irrsinnigen Titel klebten, während
ich dann bald und zuletzt überhaupt auf mein richtiges Gebiet geraten bin. Und wegen
dieser letzten Hälfte wird das Stück auch zu retten sein und gerettet werden müssen.
Ich möchte daher auch etwas mehr davon sprechen. Ich habe es fertig gebracht, die
Ermordung Agamemnons und die Vergeltung Orests in ein kaum abendfüllendes Stück
zusammenzubringen, und zwar in einer großen Szene ohne Akteinteilung. Dies mag sich
erschreckend anhören, war aber sehr einfach. Ich habe Orest nur um einige Jahre älter
gemacht, als man gewöhnlich annimmt. Er ist mit vor Troja gewesen, ist also Frontsoldat,
ein sehr junger Leutnant, würden wir heute sagen, während sein Vater
Oberstkommandierender war. Vater und Sohn haben auch kaum anders als dienstlich
miteinander gesprochen, vor allem haben sie beide es vermieden, über das zu sprechen, was
sie über die Zustände in der Heimat hörten und wußten. Ist es nicht auch unmöglich
für Vater und Sohn, über so etwas zu reden? Erst als die heimatliche Küste in Sicht
ist, will Orest mit Agamemnon darüber sprechen, aus Angst um seinen Vater, weil dieser
keinerlei entsprechende Befehle gibt, um die voraussichtliche Gefahr abzuwenden. Er
versteht erst später und schmerzlich, warum sein Vater dies nicht tut: Erst als er selber
der Verantwortliche (der König) wird. Agamemnon also unternimmt nichts gegen die gewußte
Gefahr, weil er sich völlig klar darüber ist, daß die Welt und die Ordnung nur dadurch
zu retten ist, daß er es auf sich nimmt, die kleine verzeihliche Unordnung während
seiner Abwesenheit in sich zu »verschweigen«. Da haben wir wieder dies Verschweigen. Und
er erwartet, daß sein Sohn weiter »verschweigt«, falls er daran scheitern würde. In
diesem Verschweigen liegt die Aufgabe des Wissenden und meinetwegen des Königs. Er ist
auch nicht im Zweifel, daß die Welt, wenn er, der Zerstörer Trojas, zu Hause ermordet
würde, so tief vor ihren Instinkten erschrecken würde, daß sie nur zu bereit sein wird,
zur alten Ordnung zurückzukehren und damit seinem Sohne das Verschweigen zu erleichtern.
So hingeschrieben mag das alles sehr gesucht klingen; aber es sind für mich so echte und
unumstößliche Standpunkte, daß ich kaum glaube, daß diese Art der Problemstellung im
Stück als gesucht erschienen wäre. - Seltsam, ich habe monatelang nicht an dieses Stück
gedacht oder seinen Verlust in mir empfunden. Dann plötzlich eines Nachts tritt wieder
die unheimliche große Schlußszene vor mich hin, die fast die Hälfte des Dramas
ausmacht. Orest begibt sich allein und waffenlos in den Hof der Burg, die in den Händen
von Aegisth ist. Und er bringt diesen kleinen Usurpator zur Strecke durch seine
Waffenlosigkeit und die Überlegenheit des wirklichen Königtums und der des
Trojakämpfers. Es muß eine Szene von einer unirdisch leuchtenden Dramatik sein. Und von
einer doppelten Spannung: der inneren, ein Wandeln auf der haardünnen Linie zwischen den
Instinkten des Hasses und Ekels, - der äußeren, ein Hinziehen und Warten auf die Hilfe,
die ihm von den Gefährten aus dem Hafen, die dort auf den Schiffen zurückgelassen
wurden, kommen wird. Wenn sich dies mit irgend etwas Bekanntem vergleichen läßt, so
scheint es mir nur die zwar epische Szene in der >Rettung< von Conrad zu sein, wo
sich Tom Lingard zusammen mit der Dame waffenlos in die Versammlung der eingeborenen
Fürsten wagt, um mit ihnen zu verhandeln, und sie durch seine überlegene Haltung
besiegt. Übrigens tötet Orest seine Mutter nicht, aber er läßt keinen Zweifel
darüber, daß er es tun würde, wenn sie ihrem Manne nicht freiwillig nachfolgte. Ach,
ich höre diese Worte in mir:
»Klytemnestra:
Während wir sprechen, sank die Nacht herab.
Wir stehn im Dunkeln.
Aegisth: Fackeln! Fackeln her!
Klytemnestra: Wozu denn Licht!«
Darin ist viel enthalten, wenn nicht Alles, was sie betrifft. Ja, es
wäre gut, wenn dies Stück noch einmal geschrieben würde.
Verloren ist ferner ein vollständiger Entwurf mit teils schon ausgeführten Szenen, teils
sogar aus den letzten Jahren, für ein Stück, das den vorläufigen Titel >Der
Sieger< führte. Es hätte um die Person von Florian Geyer gehandelt. Ob er aber oder
sein Gegner, der Truchseß der Sieger gewesen wäre, diese Frage stand noch offen und
vielleicht hätte ich überhaupt diese Frage offen gelassen. Sie wären sich beide sehr
ähnlich gewesen, nur daß der Truchseß vierzig Jahre mehr Erfahrung und mehr Weisheit
gehabt hätte. Beide Offiziere im besten Sinne des Wortes, beide voller Ekel gegen die
Partei, die sie führten, aber beide der einmal eingegangenen Verpflichtung treu bis
zuletzt und deshalb ohne Rücksicht auf sich die notwendigen Grausamkeiten befehlend. Der
Konflikt liegt darin, daß der alte Truchseß nach der Endschlacht bei Königshofen seinen
Gegner retten möchte. Uneingestanden, weil er ihn als den einzigen Mann in diesem
Wirrwarr der Instinkte erkannt hat und liebt, äußerlich, weil er der Sache der Bauern
keinen Märtyrer schaffen möchte. Er bietet im letzten Augenblick dem Hauptmann Geyer
einen nächtlichen Fluchtweg zum Heer in Ungarn gegen die Türken an, zugleich dem
Offizier dies schmackhaft machend als Verteidigung des Vaterlandes. Geyer lehnt dies
folgerichtig ab - allerdings, welche qualvolle Entscheidung -; er sagt, daß in diesem
Bauernkrieg auf beiden Seiten nur geplündert und gemordet worden wäre, alle Menschen
hätten nur als von der Naturkatastrophe Getriebene gehandelt, und es wäre nicht eine
einzige Tat geleistet worden. Da die Sache der Bauern praktisch verloren ist, will er den
Kampf bewußt auf der anderen Ebene der Idee weiterfahren. Er schließt sich mit den
letzten 217 Mann in Schloß Engelstadt ein und zwingt den Truchseß, ihn dort anzugreifen
und zu vernichten. Der Truchseß sagt: Ich würde in seinem Alter auch nicht anders
gehandelt haben. In diesem Stücke hätte wahrscheinlich nur eine Frau mitgespielt, Frau
v. Grumbach, die Cousine Geyers und Gattin Grumbachs von der gegnerischen Seite.
Vielleicht hätte ich auch diese Frau noch ausgestrichen, um jede Möglichkeit zu einer
Sentimentalität auszuschalten. Ja, es wird zu Anfang und dann wiederholt im Stücke
geäußert: Hier ist kein Platz für Frauen, ein wenig knabenhaft und damit die Furcht vor
unzeitiger Weichheit verratend.
Zu keinem Stück habe ich gewissenhaftere Vorstudien gemacht, ganz gegen meine Gewohnheit.
Ich habe alte Bücher durchgesehen und Dokumente geprüft. Militärisch ist der
Bauernkrieg für mich eine eindeutige Landkarte. Ich bin sogar in Königshofen persönlich
gewesen, um die strategische Situation des Tauberübergangs zu prüfen, der leicht von den
Bauern zu verhindern gewesen wäre. Ich bin mit offnen Augen von da nach Norden auf dem
Fluchtweg nach Würzburg gefahren. Es ist für mich klar, daß der Hauptmann Geyer in der
gegebenen Situation sich ganz bewußt auf den Punkt Schloß Engelstadt festsetzte. Hier
mußten die drei gegnerischen Heere zusammenlaufen: das des Truchseß von Süden her, das
des Ansbachers über Rothenburg von Osten her und das der Hessischen Pfalzgrafen von
Würzburg her. Geyer wollte strategisch die drei Heere binden, für einige Tage nur, bis
Pfingstsonntag 1525, um hunderttausend flüchtenden Bauern aus der Schlacht von
Königshofen die Möglichkeit zu geben, sich unterdessen vor ihren Henkern zu verkriechen.
Das Stück hätte mit verhältnismäßig wenigen Personen gespielt, vielleicht nur zehn;
es hätte nur von Sonnabendnachmittag bis Sonntagmorgen gedauert, ohne Szenenwechsel, ohne
Pause, ohne Akt, nur ein einziger Ablauf. Ich weiß nicht warum, und es widerspricht jeder
Theatererfahrung: ich kann mir seit einigen Jahren ein Drama überhaupt nur als eine
ununterbrochene große Passacaglia denken. Die Akteinteilung erscheint mir geradezu als
ein kindliches Hilfsmittel. Bitte erklären Sie mir doch dies einmal. Ich will meinen
Standpunkt gar nicht verteidigen, ich spüre nur, daß er für mich irgendwie echt und
zwingend ist. - Übrigens wird es Sie vielleicht wundern, daß diese beiden letzten
Stücke einen ausgesprochen soldatischen Charakter haben. Etwas davon ist wohl in mir,
weiß der Himmel woher, da ich von keinem Tropfen preußischen Blutes wüßte. Und ich
vermute, daß es der uns umgebende wirkliche Krieg ist, der mich daran gehindert hat,
diese schon so weit ausgearbeiteten Pläne fertigzustellen. Ich scheute den Verdacht,
diesen oder irgendeinen Krieg zu bejahen, während es mir nur darauf ankam, welche Haltung
ein Mensch oder der Mann im einmal von der Natur gegebenen Krieg einzunehmen hat.
Während ich dies niederschreibe, fiebert es in mir, diese drei Stücke
wiederherzustellen, wie ich es mit der >Rotte Kain< beabsichtige. Aber welch eine
zweifelsfreie geistige Existenz gehört dazu! Nicht etwa nur das, was man Zeit nennt. Ist
mir die Möglichkeit zu dieser zweifelsfreien geistigen Existenz nach Verlust meiner
Vergangenheit jetzt gegeben? Das ist die Frage.
Was sonst verbrannt ist, scheint mir nicht von Belang zu sein. Kleinere Sachen, vor allem
Stöße von Entwürfen und Versuchen, die mich aber nicht bedrängen, jedenfalls bis jetzt
noch nicht.
Ich komme zu dem, was gerettet wurde. Zunächst die Gedichte, die sich dort bei Ihnen oder
im Verlag befinden. Sind sie dort inzwischen abgebrannt oder werden sie dort noch
verbrennen? Verhältnismäßig spät habe ich erfahren, daß sich in Hamburg noch ein
Duplikat für sämtliche Gedichte befindet, auch solche, die Sie noch nicht kennen und die
noch so neu waren, daß ich sie nicht einmal rekonstruieren könnte. Dies ist ein sehr
seltsamer Zufall. Wenige Wochen vor dem 24. Juli bat mich ein Freund darum. Meiner Art
nach hatte ich ihm nie etwas von mir gezeigt, um das Menschliche nicht durch das
Künstlerische zu belasten. Ich konnte aber endlich nicht mehr Nein sagen, weil ich ihn
sonst beleidigt hätte. Er hat die Gedichte in literarische Hände weitergegeben, wohl in
dem Glauben, etwas für mich zu tun, und auf diese Weise haben die Verse die Katastrophe
überlebt. Ich kenne nun die Leute gar nicht, die sie jetzt in Verwahrung haben.
Natürlich könnte ich sie jeden Tag abholen, bin aber bis heute noch so abergläubisch,
sie dort zu lassen, wo der Zufall sie bestehen ließ. - Was nun die dortigen Exemplare
anlangt, so ist die Lage so, wie ich sie aus Ihren Äußerungen verstanden habe: Der
kleine geplante Band liegt im Verlag bereit, um ihn zur Genehmigung vorzulegen. Da er viel
unerwünschten Zündstoff enthält, muß der richtige Moment für die Einreichung
abgewartet werden; denn eine Ablehnung würde mir auch für die Zukunft großen Schaden
verursachen. Und betr. des richtigen Momentes verlassen wir uns auf den sicheren Instinkt
Herrn Suhrkamps. Dies alles ist klar und wird von mir eingesehen. Ich würde ferner
einsehen, wenn durch die Angriffe auf Berlin und die kommenden Ereignisse auch dieser Plan
hinfällig wird und überhaupt an Veröffentlichungen und Druck in nächster Zukunft nicht
mehr zu denken ist. Was die >Rundschau< angeht, so sind wohl, weil nur noch vier
Hefte im Jahr erscheinen dürfen, die ursprünglichen Pläne - wie etwa vor einem Jahr zu
Kleists Todestag die beiden Kleistsonette u. a. - auch hinfällig geworden. Damit muß man
sich abfinden, und es fällt auch nicht sehr ins Gewicht. Wenn es allerdings noch andre
Gründe haben sollte, so möchte ich Sie bitten, mir diese der Klarheit halber doch nicht
zu verheimlichen. Diese Klarheit gehört zur Inventur, irgendwelche Selbsttäuschungen
darf ich nicht mit hinübernehmen.
Gerettet sind ferner an dramatischen Arbeiten: außer der erwähnten >Rotte Kain<
das Stück, das früher bei Kiepenheuer im Vertrieb war, >Ilnin<. Das einzige
Exemplar davon befindet sich ebenfalls in Salzburg und mag dort meinetwegen bleiben; wegen
seines revolutionären Inhalts ist doch nichts damit anzufangen, auch nichts daran zu
ändern. Es ist ein begeistertes und vermutlich begeisterndes Bekenntnis zu etwas, was wir
inzwischen in Zweifel ziehen. Ob diese Begeisterung das Stück über das, für was sich
darin begeistert wird, erhebt, kann ich schwer beurteilen. Übrigens für alle Fälle: Die
Adresse dieses Salzburger Freundes ist: Max Felgitsch, Salzburg-Leopoldskron,
Rupert-Kauserstraße.
Weiter existiert von mir je ein Exemplar hier und in Milow bei Ihrem Freunde, ja
vielleicht auch noch in Salzburg, von den drei auch Ihnen bekannten Stücken:
>Die Hauptprobe<
>über die Freiheit<
>Der Hessische Landbote<.
>Die Hauptprobe< ist mir von den drei Stücken das Liebste,
ja, mehr, ich weiß, daß es das echteste und vollgewichtigste ist, was ich von mir
gegeben habe. Alle Menschen haben bisher dagegen Einwendungen erhoben, auch Sie.
Seltsamerweise macht mich dies nicht irre, und zwar nicht etwa deshalb, weil ich die zähe
Liebe wie zu einem mißratenen Kind zu diesem Stück fühle, sondern ich habe irgendwie
die bei mir verwunderliche Sicherheit, dies besser zu wissen. Daß die Einstellung des
Stückes eine romantische ist, wurde mir beim gemeinsamen Korrekturlesen des
>Gestiefelten Katers< wieder recht deutlich. Und daß man nur einmal im Leben so
etwas schreiben darf, dessen bin ich mir auch bewußt. Ich weiß aber auch, welch
ungeheure Dramatik darin steckt und was sich auf der Bühne damit machen ließe, ganz im
Gegensatz zu dem romantischen Stück von Tieck. Und schließlich weiß ich auch, daß z.
Zt. ebensowenig damit anzufangen ist, wie etwa mit der >Dreigroschenoper<. Und damit
erübrigt es sich, etwas dafür zu tun oder sich zu ereifern. Es sei denn: für den ersten
Tag danach. Dies Wort stammt von Ihnen.
Die >Freiheit< hat am wenigsten Eigenes von mir. Es ist bewußt unterdrückt,
höchstens daß es hier und da doch durch die Nähte schimmert. Ich wollte damals ein
sofort aufführbares theatergerechtes Stück schreiben, um mich in Kurs zu bringen. Das
Stück wird dieser Forderung auch völlig gerecht, es ist dramatisch, unbeschwert,
kurzweilig und läßt sich ohne viel Umstände in Szene setzen. Obendrein hat es noch
geistiges Niveau; die Theaterleute geben zwar nichts darauf, aber es braucht sie in diesem
Falle auch nicht zu stören. Insofern ragt es also trotz wenig Eigenem über die Marktware
hinaus. Nun gut, ich komme noch darauf zurück.
Den >Hessischen Landboten< glaube ich von mir aus tadeln zu müssen als Rückfall in
die von mir verdammte Bildertechnik oder das Filmische. Vielleicht ist sogar der Inhalt
ein Rückfall von 1936 auf 1926, von mir aus gesehen. Das ist schwer für mich zu
entscheiden. Seltsamerweise ist es das Stück, das die Wenigen, die etwas von mir lasen,
immer am liebsten mochten. Ich glaube, sie irren sich über mich. Doch wie gesagt, ich
kann das nicht entscheiden. Obendrein wird es wegen seines revolutionären Temperamentes
heute kaum verwertbar sein. Kurz, ich stehe diesem Büchner etwas skeptisch gegenüber,
ich habe es mir zu leicht gemacht. Doch vielleicht irre ich.
13. Dezember 1943
Ich muß die Bilanz für einen Augenblick unterbrechen. Wir hatten
heute mittag einen sehr schweren Tagesangriff. Ich glaube, er galt vor allem dem Hafen;
doch ich habe sonst noch wenig Zeit gehabt, mich umzusehen, da ich vom eigenen Erlebnis zu
sehr in Anspruch genommen war. Ich wundere mich, daß ich noch da bin, ja, ich habe mich
vorhin ernsthaft im Spiegel betrachtet, voller Staunen noch dasselbe Bild zu sehen. Es
spricht eigentlich alles dagegen. Nehmen Sie doch bitte zu allen übrigen Erfahrungen die
Lehre von mir an, daß all die kleinen Feststellungen und Merkmale, die wir gemacht haben
- mögen sie nun akustischer oder optischer Art sein - und auf Grund derer wir uns zu
sagen erlauben: Dies ist kein Angriff! Dies gilt nicht uns! Dies sind nur Störflieger
oder was sonst, daß auf dies alles kein Verlaß ist. Wir hatten heute eine Viertelstunde
Voralarm, daran anschließend bereits eine ganze Stunde Alarm; dann und wann schoß die
Abwehr, bald näher, bald ferner, es war auch wohl das Geräusch eines einzelnen
Flugzeuges zu hören. Von Natur herrschte starker Bodennebel im Hafen, dazu kam die
künstliche Vernebelung, so daß man keine 100 mtr weit sehen konnte. Erst nach so langer
Zeit - es stand erfahrungsgemäß alles dagegen, daß es sich um Hamburg handeln würde -
griffen die Staffeln ganz unerwartet im Tiefflug an. - Ich war im Kontor und ich war auch
oben geblieben im dritten Stock, ja, ich stand sogar gerade am halbgeöffneten Fenster,
weil ich hinaushorchen wollte, ob nicht bald Schluß wäre. So sicher fühlte ich mich dem
Gehör nach. Und da war es eigentlich schon zu spät, ich sprang nur noch in den
Mauerwinkel neben der Balkontür. Die erste Serie Bomben fiel vielleicht 100 mtr entfernt,
die nächste 20 mtr, es war wie ein Heranschreiten, und ich dachte, der nächste Schritt
gilt dir. Dann war es nur ein Wanken der Mauern, Feuerschein und umherfliegender Schutt.
Dann der vierte Schritt 50 mtr hinter mir in den Fleet und auf die Brücken. Ich zog dann
scheinbar in aller Ruhe meinen Mantel an und packte ohne Hast meine Aktentasche und ging
dann langsam die Treppe hinunter zu einem Ship-Chandler in den Keller. Dort gaben sie mir
gleich zwei große Gläser Schnaps. Es soll niemand mit seinen guten Nerven prahlen, wie
ich es immer getan habe. Erst eine Viertelstunde nachher begannen mir die Knie zu zittern
und ich habe zwei Stunden gebraucht, um diese feigen Organe wieder in die Gewalt zu
kriegen. Dieser Bruchteil einer Sekunde zwischen der zweiten Serie und der dritten war
wohl etwas viel, also nicht der Einschlag selber, sondern das, was unmittelbar vorher
kommt.
Eigentlich ist es nicht gut, hinterher davon zu reden; es sieht immer etwas nach Prahlerei
aus, ich weiß das, verzeihen Sie. Aber es ist auch wieder interessant, sich trotz allem
selber zu beobachten. Mit dem Verstande ist aber auch nachher nicht zu fassen, warum ich
noch da bin und nicht einmal von indirekter Wirkung beschädigt wurde. Die dritte Serie
sitzt genau 1 mtr vor dem Hause, die Kopfsteine des Pflasters sind bis in den zweiten
Stock hinaufgeflogen; die ganze Straße war sofort ein rauschender Fluß, weil die
Wasserleitung aufgerissen war. Links und rechts brannten die Häuser. - Ich kann es mir
nicht anders denken, ich muß zufällig in einem toten Winkel der Druckwirkung gestanden
haben. - Fenster und Türen des kleinen Kontorraums, den ich seit Juli benutze, sind nun
dahin, die Scheiben haben gerade einen Monat gehalten. Das Hauptkontor, das im ersten
Stock liegt und seit Juli noch nicht wieder in Stand gesetzt war, ist nun erst völlig
demoliert. ich weiß noch nicht, was ich morgen mache. Wir haben große Importe aus
Holland zu Weihnachten abzuwickeln, aber wie und wo? - Meine Frau ist heute in aller
Frühe für zwei Tage nach Cuxhaven gefahren, das ist ein glücklicher Zufall. Das
Viertel, in dem ich wohne, blieb verschont. Ich weiß, was Sie sagen werden: es heißt
sein Schicksal versuchen und herausfordern, so dazustehen, wie ich es getan habe. Ich sehe
das auch ein, und werde es nicht wieder tun. Genug davon. Ich will jetzt, vier Stunden
danach, versuchen, diese Bilanz weiter nüchtern und klar mit Ihnen zu besprechen und
diese äußerlichen Störungen nicht wichtiger nehmen, als sie wert sind.
Eine Handvoll Gedichte und drei Dramen, davon nur eins sofort
verwertbar, das ist nicht viel für einen Mann von 43 Jahren. Um ein Gesamturteil zu
fällen: Dies Wenige ist mehr, als es mengenmäßig ist, weil es große Möglichkeiten
aufweist. Und zugleich weniger, weil das Fertige auch die Gefahr zeigt, daß diese
Möglichkeiten sich selber gegenseitig ersticken werden. Oder mit andern Worten: Das, was
vorliegt, ist etwas und ist sicher sogar mehr als das übliche. Aber wenn man so wägt,
wie man allein wiegen soll, d. h. wenn man mich und meine Möglichkeiten dagegen in die
Waagschale legt, so wiegt das Geleistete viel zu leicht. Ich glaube mich mit diesem Urteil
weder zu überheben noch, was mir noch näher liegt, zu unterschätzen.
Ist diese Differenz zwischen Versprechen und Leistung das Unbequeme an mir und meinen
Sachen? Ich muß darüber sprechen, es gehört zur Bilanz. Ich habe von jeher folgende
Beobachtung gemacht: Wenn ich neue Menschen kennenlerne, interessieren sie sich in den
ersten Augenblicken sehr stark für mich. Dann nach wenigen Tagen ziehen sie sich langsam
und ohne irgendeinen sichtbaren Anlaß zurück, schließlich halten sie sich ganz fern.
Dies hat sich in meinem Leben so oft und so gesetzmäßig wiederholt, daß eine Täuschung
darüber nicht möglich ist. Sie können sich denken, daß mich das früher bittere
Stunden gekostet hat, wahrscheinlich ist es auch der Grund meiner Ungeselligkeit. Ich habe
viel darüber nachgedacht und bin auf dem Umwege über die Wirkung zu folgendem Schluß
zurückgekommen: Ich pflege seit meiner Kindheit so wenig wie möglich über mich selbst
und über das, was mich angeht, mit andern zu sprechen. Nicht weil ich dem
gesellschaftlichen Gesetz folge, welches das Gleiche vorschreibt, sondern wohl nur aus
Scheu und Empfindlichkeit. Trotzdem muß ich stillschweigend und über ganz andre
gleichgültige Dinge redend, so anspruchsvoll und als eine so maßlose Forderung wirken,
daß ich sofort unbequem werde. So wie ich hier schreibe, würde ich, wenn ich es wüßte,
nicht verheimlichen, was ich eigentlich fordere. Aber ich weiß es nicht, also bleiben wir
bei dem Worte: Forderung. - Gilt diese gleiche Unbequemheit für meine dichterischen
Äußerungen? ja, sicher, denn die Wirkung ist genau dieselbe, wie die persönliche.
Jeder, der etwas von mir gelesen hat, Laien und Fachleute, sagen immer wieder im ersten
Augenblick deutlich ja! dazu, dann auf einmal werden sie schweigsam und am Ende ist ein
Nein! daraus geworden. Wie ist das nur möglich? Lösen Sie mir doch bitte dies Rätsel,
lieber Freund, denn auch Sie gehören ein klein wenig dazu.
Ich spreche nicht zu dem Lektor eines Verlages, sondern zu dem befreundeten Dichter, den
ich durch meine Verse kennenlernte, wofür ich Ihnen dankbar sein muß. Etwas Höheres
kann es eigentlich nicht geben, als für eine dichterische Äußerung eine menschliche
Antwort zu erhalten. Sie können sich auch kaum vorstellen, welche Bereicherung ich
dadurch erfuhr, als mir, der ich bislang blind durch mich selber war, plötzlich über Ihr
>Ewiges Dasein< die Augen für eine Welt aufgingen, die außer mir da war. Eine
Welt, die ich jetzt manchmal um mich sehe, die ganz anders ist und mir fremd, die mich
aber lockt, weil ich fühle, daß sie im wahrsten Sinne grenzenlos ist, während die
meinige überall durch moralische Grenzen beengt bleibt. Wie kommt es nun, daß dieser
Freund und Dichter, der so viel unbeengter zu urteilen und gelten zu lassen weiß, der mir
über mein bißchen Lyrik mehr sagte, als ich davon wußte, weil ich mich nicht für einen
Lyriker hielt und auch heute noch nicht halte, ja also, wie kommt es, daß er mir über
meine Stücke nichts zu sagen weiß? Sind sie wirklich so unbequem? Und wie kommt es, daß
diese Stücke nicht Ihre Hände verließen? Sei es nur die >Freiheit<, von der ich
nach wie vor behaupte, daß sie sofort realisierbar ist, sei es das eine oder andre, als
Talentprobe, als Versprechen oder wie man es nennen will, um mich für später auch dem
Verlag bekannt zu machen. Was die >Freiheit< angeht, so haben Sie allerdings einmal
geäußert, daß sie wohl an den Mann zu bringen wäre, aber ein falsches Bild von mir
geben könnte, weil zu wenig Eigenes von mir darin ist. Aber trotzdem schwanke ich
zwischen folgenden Gründen hin und her:
Sie hielten die Stücke für noch zu unvollkommen.
Sie hielten die Stücke für den Verlag für ungeeignet, auch für
den Tag danach.
Der Verlag hatte keine Zeit dafür, aber keine Zeit haben, bedeutet
kein Interesse dafür zu haben.
Sie befürchteten, auf eine Animosität Herrn Suhrkamps zu stoßen.
Für mich sind diese Fragen umso schwerer zu entscheiden, weil ich
auf der andern Seite ganz genau weiß, daß Sie, auch wenn Sie schweigen, besser mein
Interesse wahrnehmen, als ich es könnte. Trotzdem heischt diese Frage eine Antwort.
Handelt es sich z. B. um die Animosität Herrn Suhrkamps, so muß erwogen werden, ob sie
zu beseitigen ist oder nicht. Sie wissen, daß ich bereit bin zu bekennen, daß ich in
einem Augenblick völliger Verwirrung mich ungehörig gegen ihn benommen habe, und mich
dafür zu entschuldigen. Ich setze voraus, weil ich selber so denken würde, daß damit
die Sache zwischen uns erledigt wäre. Denn im umgekehrten Falle würde ich einen Menschen
erst dann verabscheuen, wenn er sich vor mir erniedrigt, weil er sich einmal schwach vor
mir gezeigt hat, aber niemals deshalb, weil er schwach gewesen ist. Kurz, es geht jedoch
auf keinen Fall, daß eine solche Unklarheit mit in meine neue Existenz geschleppt wird.
Es gehört zur Sauberkeit meiner Bilanz und ist notwendig, um den Goodwill meiner Person
einwandfrei und ohne Selbsttäuschung festzustellen. In einem Augenblick, wo alles in mir
drängt und ich mich daran machen will, diese immer kahler werdende Welt mit Geschöpfen
von mir zu erfüllen, die in dieser Kahlheit zu leben wissen, und zwar möglichst auch mit
einer Vielheit von Geschöpfen, durch die ich endlich am Leben teilnehmen kann, muß ich
wie ein Vater auch an die äußere Existenz dieser Geschöpfe denken. Ja, in dieser
Hinsicht werde ich mich seit der Katastrophe völlig gewandelt haben: ich werde nicht mehr
wie bisher von vorneherein nur für den Schreibtisch schreiben, sondern ich werde für
das, was ich ab Morgen schaffe, auch gleich den Kampf nach Außen hin aufnehmen.
Sei es auch für den Tag danach! Dieses Wort haben Sie anläßlich des Dramas geprägt,
das unter Soldaten auf einer norwegischen Insel spielt, sehr geschickt, aber mit etwas
allzu deutlicher Ibsen'scher Symbolik. Und ich glaube, Sie wissen es genauso gut wie ich,
wenn ich Ihnen sage, daß es für mich nicht ausreichen würde, so ein Stück zu
schreiben, weder für heute noch für den Tag danach. Übrigens fiel es mir eben ein, als
ich von der kahlwerdenden Welt redete, daß es für mich schon seit mehreren Jahren nichts
gibt als eine kahle Wand, vor der meine Gestalten zu spielen haben. Können sie davor
nicht bestehen, so haben sie keine Existenzberechtigung. Insofern also kommt mir die
heutige kahle Welt nur gelegen.
Ob es in den nächsten fünf Jahren noch Bücher, Verleger, Theater, Druckereien etc.
geben wird, diese Frage ist dabei so nebensächlich wie die Bombe, die mich wahrscheinlich
heute nur deshalb verschonte, damit ich diese Bilanz zu Ende schriebe und Ihnen vorlegte.
Wir müssen leider auch Geld verdienen, Essen, Verdauen, Schlafen. Das alles nimmt viel
Zeit und ist oft lästig. Jedoch, auf ein wenig mehr oder weniger dieses Lästigen kommt
es nicht an. Wichtig ist: auf sich warten zu können, das habe ich getan und bewiesen,
auch wenn ich vor Ungeduld manchmal in Verwirrung geriet, wie im Falle Suhrkamp. Ebenso
wichtig ist dann, sich im genau richtigen Moment einzusetzen, und hier beginne ich nun.
Insofern ist dieser Brief nicht unzeitgemäß. Er ist es höchstens im Hinblick auf Sie,
der Sie den Gefahren der Zeit gegenüber in einem andern Stadium stehen. Nehmen Sie
deshalb diese Bilanz nicht eiliger als sie ist. Denn ganz gleich, wie die Antwort
ausfällt, und das würden Sie mir selber sagen: Das was geschehen soll, wird trotzdem
geschehen. Es ist deshalb Pedanterie, solche Bilanz zu machen und andren durch Fragen das
Leben zu erschweren. Aber: ich spreche zum Freunde, nicht zum Lektor. Und vielleicht
ermuntert es auch diesen Freund, wenn er sieht, wie einer über die Fährnisse der Zeit
hinweg mit zornigen Augen in die Zukunft blickt.
Sie haben oft von meinen Minderwertigkeitsgefühlen gesprochen. Gewiß habe ich solche,
wie jeder von uns. Und trotzdem war es nicht ganz richtig gesehen. Es war sogar vielleicht
etwas Schlimmeres: eine Art Betrug! Oder Mimikry. (Wie schreibt man das Wort? Ich habe
keinen Duden mehr!) Also: ein instinktives sich Niederhalten, um nicht zu früh in die
kalte Luft zu wachsen. Sie haben ja selbst erlebt, was dabei an Verwirrung herausgekommen
ist, als Ihre Hand im August 1942 ein klein wenig zu früh die verbergende Hülle
beiseiteschob. Um ein Haar hätte es mich samt den Wurzeln ausgerissen. Aber Dank sei
Ihnen dafür oder dem Schicksal, das Ihre Hand leitete: es ist gut, daß auch diese Probe
bestanden wurde. - Aber was ich sagen wollte: es wird noch der Tag kommen, wo Sie mich vor
Überheblichkeit warnen müssen, und ich bitte Sie schon jetzt darum, falls diese Bilanz
es nötig macht.
Aber wie schön ist es doch, daß das Leben so gefährlich ist. Ich glaube, nur deshalb
dichtet man überhaupt, weil man dabei jeden Augenblick ins Nichts stürzen kann. Was
zählt dagegen so eine schäbige Bombe. Nicht einmal zu treffen versteht sie.
In herzlicher Treue Ihr
veröffentlicht in: Dieser Andere, Frankfurt 1976, S. 13-30 |