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Hans Erich Nossack an Hans H. König

Hamburg, den 24. Februar 1947

Lieber Herr König! Haben Sie Dank für Briefe und Sendung. Meine Frau wird Ihnen vom Bett genauer schreiben, ich kann Ihnen in Eile nur ein Lebenszeichen geben. – Kommen Sie auf keinen Fall jetzt nach Hamburg. Ohne Licht und Verkehrsmittel, von der Heizungsfrage garnicht zu reden, können Sie hier nichts anfangen. Außerdem ist Herr Krüger seit Ende Januar auf Reisen in der franz. Zone, will auch noch nach Berlin etc., sodaß Sie hin vorläufig garnicht sehen würden. Es freut mich, daß Sie mit dem Verlag zufrieden sind. Wann mein Gedichtband und Nekyia erscheinen werden, ist nicht abzusehen, vielleicht im Juni, wenn wir Glück haben. Wegen Strommangel stoppt die Produktion. Es ist auch ziemlich gleichgültig, solange wir nichts zu tun haben, als ums nackte Leben zu kämpfen. Meine Frau ist aus der Gefahr heraus, aber sehr schwach. Länge als eine Stunde am Tag kann sie nicht auf sein. Wozu auch, in der kalten Wohnung. Nun haben mich die Aerzte auch beim Wickel. Mein eines Auge ist dauernd entzündet und unbrauchbar. Ferner sind einige meiner zahlreichen Leberflecke aufgebrochen und wuchern, was den Leuten bedenklich erscheint, sodaß ich zur Bestrahlung muß. Das kostet mich jedes Mal einen halben Tag Reise ins Krankenhaus bei den Verkehrsverhältnissen. Für einen Menschen, der nie krank gewesen ist, ist das Alles sehr ärgerlich. Ich habe unmenschliches geleistet in den letzten Wochen, Tag und Nacht, mit der Pflege meiner Frau, dem Hausstand etc. und das ohne Licht, ohne Wasser, ohne Fahrgelegenheit. Sie machen sich keinen Begriff, was man hier für ein Leben führt. Und wieviele schon umgekommen sind. Manche bringen sich auch um. Gezählt werden nur die direkt erfroren aufgefundenen, die anderen sterben eines natürlichen Todes an Lungenentzündungen oder Herzschwäche. Das klingt statistisch besser und niemand hat die Schuld dafür. Das deutsche Volk hat in diesem Winter viel abgebüßt, sollen die Leute doch jetzt aufhören, uns etwas von KZ zu erzählen, es ist unmodern. – An Literatur habe ich schon seit Monaten nicht mehr denken können. Von der Zeit abgesehen, wie soll man im Dunkeln schreiben? E ist auch nicht so wichtig. – Nutzen Sie die Zeit dort zum Schreiben. Wer weiß wie lange es Ihnen noch vergönnt ist. Goethe sagt: "Mein Rat ist nichts zu forcieren", und die unfruchtbaren Tage lieber zu vertändeln. Ich habe für mich das Gegenteil für besser gefunden. Ich habe nie etwas fertig gebracht, was ich lange plante. Ich habe mich monatelang, ja jahrelang damit abgeplagt, aber plötzlich entspringt aus dieser nutzlosen und scheinbar verkehrten Mühe etwas Neues, woran man vorher nicht gedacht hat, und das ist dann das Richtige. So muß man also auch die vergeblichen Anstrengungen als nützlich betrachten. Aber das ist schon lange her. Ich kann Ihnen jetzt wenig sein und schlecht raten, da mir der Wind selber allzustramm um die Ohren bläst. Wir werden nicht ihne bittere Narben aus diesem Winter herasukommen. Einen dritten Winter möchte ich nicht in Hamburg zubringen. Man soll es lieber gar nicht erst versuchen, es wäre leichtsinnig. – Hans Paeschke gab ich Ihre Adresse. Hat er sich schon an Sie gewandt. Bekommen Sie eigentlich den Lancelot von der Buchhandlung Laatzen, wo ich vor Monaten für Sie abonnierte? Außer dem "Reich der Dämonen" von Thiess, das bei Krüger neu erschienen ist, habe ich nichts gelesen. Es fehlt an Licht, auch bin ich zu erschöpft.

Halten Sie sich wacker und gesund und grüßen Sie Ihre Frau herzlichst von Ihrem

Nossack

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer