| Aus den Akten der Kanzlei Sr. Exz. des Herrn
Premierministers Tod Betr. No- 54-30101
Obige Nummer sagte, als sie vom Leben eingeholt wurde:
»Ihr kommt zu spät. Nun habe ich nichts mehr davon.« Die Äußerung wurde anderweitig
gehört und scheint geeignet, Unzufriedenheit zu erregen.
Zur Erklärung hierzu: In der Tat war es bekannt (s. Geheimarchiv No. 1933, 1943, 1947 u.
a. m.), daß obige Nummer, die zu ihren Lebzeiten den Namen Hans Erich Nossack führte,
schon seit früher Jugend während der Stunden nächtlichen Alleinseins seufzte:
»Hoffentlich ist bald Schluß, das wäre das beste.« Da strikte Anweisung gegeben ist,
nur die vom Leben einzuholen, die daran hängen und die sich, wie es genannt wird,
'glücklich' fühlen, war in diesem Fall eine raschere Erledigung nicht möglich.
Immer in Erwartung ihres baldigen Ablebens unterließ es obige Nummer, die während ihrer
Generation angesehenen Berufe eines Managers, Mittelstürmers oder Filmstars zu ergreifen.
Aus gleichem Grunde versäumte sie es, sich zu bereichern. Statt den Umgang mit achtbaren
Cocktail-Damen zu pflegen, zog sie es vor, sich mit zweifelhaften Existenzen zu
unterhalten.
Offenbar um sich die Zeit bis zum Ableben zu vertreiben, schrieb obige Nummer einige
Bücher, Theaterstücke und sogar Verse. Der Charakter dieser Machwerke wird am besten
durch ein übles Pamphlet Interview mit dem Tode gekennzeichnet, in welchem in
anmaßender Weise über Dinge geredet wird, die dem Verfasser nicht bekannt sein konnten.
Vereinzelte Erfolge, die obiger Nummer nur deshalb zuteil wurden, um sie dadurch zu
verlocken, sich in dem vorerwähnten Sinne 'glücklich' zu fühlen, veranlaßten sie
leider nur zu der verdrossenen Bemerkung, daß nichts mehr verfälsche als ein Erfolg.
Es wird hiermit ergebenst um Anweisung gebeten, was mit obiger Nummer geschehen soll,
damit weitere unliebsam Äußerungen vermieden werden.
gez. Psychopompos
Ministerialdirektor
Eigenhändiger Vermerk Sr. Exz.
Der Querulant ist zu fragen:
1. Weshalb er versäumt hat, sich rechtzeitig selber
umzubringen.
2. Was das nächtliche Alleinsein betrifft: Weshalb er sich
nicht der weniger achtbaren Momente der Cocktail-Damen bedient hat.
Übrigens: ihm als Autor dürfte unschwer der Mund mit dem
Hinweis zu stopfen sein, daß bekanntlich Stücke, die zu Lebzeiten einen Theaterskandal
verursachten, etwa 150 Jahre - welch eine geringfügige Zeitspanne! - nach dem Ableben des
Verfassers beklatscht und von den Literaturprofessoren gelobt zu werden pflegen.
gez. T.
zuerst in Halt! Station Himmel.
Almanach zum Hamburger Presseball 1954. Hamburg 1954, S. 7. |