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Bekenntnis zu Barlach Als sich die matte Zeit von ihrem Vater
Wehklagend abwandt, um den kleinen Harm
Wie ein gestraftes Kind im Mutterarm
Sich auszujammern, - wardst du mein Berater.
Ein Armer Vetter galt ich aller Welt,
Ich Findling, der ich musterlos geboren;
An meiner Echtheit zweifelnd, ganz verloren,
Eh du mir meinen Toten Tag erhellt.
Ich ward dein Sohn, weil ich dein Wort verstand.
Ich ward dein Sohn, weil in der Sintflut schwand,
Was Sohn in mir vom Weibe und Geblüte.
Denn mehr als unsres Leibes Zwang und Wonne
Versöhnt uns, innig wie die Abendsonne,
Stets über alles, Vater, deine Güte.
Meine Damen und Herren!
Verzeihen Sie, daß ich ohne jede Einleitung mit ein paar Versen
begonnen habe, die ich vor vielen Jahren an Barlach richtete; meistens pflegt man ja Verse
am Schluß einer Ansprache als Verzierung anzubringen. Aber wenn man von Barlach spricht,
sind Verzierungen nicht am Platze. Und außerdem wollte ich von vornherein keinen Zweifel
daran lassen, daß es nicht meine Absicht ist, einen Vortrag über den großen Künstler
zu halten, sondern daß ich eine schon viel zu lange versäumte Pflicht nachholen will,
indem ich vor aller Öffentlichkeit ein ganz persönliches Bekenntnis zu dem Menschen
Barlach ablege. Das könnte unerlaubt erscheinen, da ich, statt allein von Barlach zu
reden, auch von mir reden muß. Was jedoch vielleicht die Berechtigung dazu gibt, scheint
mir folgendes zu sein: Bei einem Phänomen wie Barlach reicht es meiner Meinung nach nicht
aus, es nur ästhetisch oder kunsthistorisch zu würdigen; es kommt mir dies sogar wie ein
unerlaubtes Ausweichen vor der Wahrheit vor. Denn ich sehe das Einzigartige und geradezu
begnadend Unzeitgemäße seiner Persönlichkeit darin, daß jede Geste seiner Plastiken,
jede Linie seiner Zeichnungen und jedes Wort seiner Dramengestalten etwas ganz Intimes in
uns anspricht und uns zwingt, ganz intim darauf zu reagieren.
Kein Wunder, daß die Zeit der Diktatur sich beeilte, Barlach als unheldisch zu verbieten.
Mit dem Kunstwerk allein hätten sich die damaligen Machthaber wohl noch abfinden können,
zumal bei dem dringenden Bedarf an international repräsentativen Männern des
Geisteslebens, durch die sie ihre Un- oder Antigeistigkeit tarnen konnten. Aber diese
menschliche Ausstrahlung Barlachs mußte ihnen sofort suspekt sein. Mit dem von unten her
angreifenden Instinkt substanzloser Nihilisten witterten sie hier die Gegenkraft, die ihre
Herrschaft in Frage stellte und die es deshalb auszurotten galt. Der Begriff Heldentum ist
durch verkehrten Gebrauch so abgegriffen, daß wir ihn heute nicht gern mehr verwenden.
Immerhin dürfte zu seiner Richtigstellung einmal gesagt werden, daß zu nichts mehr Mut,
Stärke und innerliche Sicherheit gehört, als in einer unmenschlichen Zeit menschlich zu
bleiben und sich selbst irn Zorn nicht zum Haß verleiten zu lassen. Und wir wollen es uns
nicht so einfach machen und unter der unmenschlichen Zeit nur die Jahre der Diktatur
verstehen, sondern ebensogut unser heutiges kollektivistisches Zeitalter, das so
erschreckend arm an menschlichen Entscheidungen ist.
Was nun mein Bekenntnis zu Barlach betrifft, so will ich es, was ich in meinen Versen
schon andeutete, ganz genau präzisieren: Es handelt sich um das Bekenntnis eines Sohnes
zum Vater.
Wiederum könnte man mir Vermessenheit vorwerfen; zu einem solchen Verhältnis gehören
zwei; das Bekenntnis des Sohnes genügt nicht, es bedarf auch der Anerkenntnis durch den
Vater. In der Tat hat Barlach mir einmal geschrieben: »Machen Sie sich keine Sorge. Sie
stammen nicht von mir ab.« Doch das war literarisch gemeint. Der Meister schrieb es einem
Anfänger, um ihm die Freiheit seiner individuellen Entwicklung zu geben; das ist das
Hauptproblem jedes wahren Meisters einem Jüngeren gegenüber. Von dem
Vater-Sohn-Verhältnis aber war selbstverständlich nicht zwischen uns die Rede. Ober so
etwas spricht man nicht laut, es drückt sich höchstens in der Haltung aus oder klingt
zwischen den Zeilen mit. Und selbst wenn Barlach von meinen Gefühlen für ihn nichts
gewußt hat, was ich den Umständen nach für sehr möglich halte, so ändert das nicht
das geringste an meiner Stellung zu ihm und vor allem nichts an der Wirkung, die er auf
mein Leben hatte. Er hat mich zum Sohne umgewandelt, während ich vorher allenfalls ein
»armer Vetter« war.
Ich habe von Barlach zum ersten Mal gleichsam aus zweiter Hand gehört; und zwar durch die
Literaturgeschichte von Soergel, die um 192o herum auf viele von uns einen gewissen
Einfluß ausübte. In diesem sehr dicken Buch standen dreieinhalb Seiten über Barlach. Es
war die Titelzeichnung zum Toten Tag, der kauernde und vergeblich aufblickende
Sohn, reproduziert. Ferner eine Zeichnung zum Armen Vetter, darunter die Textworte,
die Siebenmark zu dem Toten spricht: »Verehrter, werden Sie sich vielleicht bequemen zu
erklären, was los ist!« Und schließlich war zwischen dem Soergelschen Text noch eine
kurze Szene aus der Sündflut abgedruckt. Alles in allem also nicht viel,
jedenfalls nicht im Verhältnis zu den achthundert oder tausend Seiten dieser
Literaturgeschichte. Dennoch wurde ich unmittelbar davon angerührt, und zwar in
gefährlicher Weise. Gefährlich insofern, als alle eingebildeten Positionen ins Wanken
gerieten und ich mir zunächst verlorener vorkam als vorher. Ich spürte wohl die Luft
einer heimatlichen Landschaft, ich ahnte die Richtung dorthin, aber war es nicht
schon zu spät?
Im herkömmlichen Sinn war ich damals wirklich ein verlorener Sohn. Diese Krise machen die
meisten von uns durch; bei vielen geht sie unmerklich vorüber, manche führt sie nahe am
Abgrund vorbei, und einige wenige können die Traurigkeit nicht ertragen und gehen
endgültig verloren. Wenn ich den Sinn des biblischen Gleichnisses richtig begreife, so
scheint uns das als Prüfung auferlegt zu sein, damit wir den Vater nicht mehr im
Materiellen sehen und ablehnen, sondern ihn im Geistigen suchen und erkennen lernen.
Unbewußt glaube ich, gleich beim ersten Lesen einiger Barlachscher Zeilen das Richtige
empfunden zu haben; denn mir will es scheinen, als wäre das Thema vom verlorenen Sohn ein
Grundthema von ihm, und zwar bei ihm nicht vom Sohn, sondern vom Vater her gesehen. Ich
denke dabei nicht einmal so sehr an die Stellen, wo er es deutlich ausspricht, wie etwa am
Schluß des Toten Tages: »Alle haben ihr bestes Blut von einem unsichtbaren Vater.
[... ] Sonderbar ist nur, daß der Mensch nicht lernen will, daß sein Vater Gott ist.«
Ich meine auch nicht den Armen Vetter, den man eine sehr heutige Variante des
verlorenen Sohnes nennen könnte, einen Sohn, der zugrunde geht, weil kein Vater da ist,
und den deshalb auch die Liebe einer Frau nicht zu retten vermag. Denn seien wir ehrlich:
Was wissen wir heute denn noch vom Vater? Und woher soll die Jugend es wissen, wenn die
Generation, die die väterliche sein müßte, ins Taumeln geraten ist?
Nein, ich denke z. B. an die große Mutter-Rune auf dem Gefallenenmal unserer Stadt, die
in dieser schmerzhaften Härte nur ein Vater gezeichnet haben kann, als Mahnung für den
Sohn, damit er endlich einsehe, was seine Verlorenheit den Frauen zufügt. Ich denke an
all die Barlachschen Gestalten, wie sie sich aus ihrem Körperlichen heraus zu ihrer
geistigen Möglichkeit hin mühen und sehnen, wenn auch oft vergeblich und tragisch. Und
ich denke dabei zugleich an den Schöpfer dieser Gestalten, wie er mit rastloser
Bescheidenheit immer das Wesentliche aus ihnen herauszuholen und sichtbar zu machen sucht.
An diese väterlichen Hände, die das allzu feste Fleisch eines Blauen Boll abtasten, um
ihn zu einem Menschen umzuformen. An diesen eindringlich wartenden Blick, der selbst noch
im Ekligen nach dem Engel forscht. Und dann wieder dies schmerzliche Erbarmen, wenn eine
der Gestalten von den Leidenschaften überwältigt und verzerrt wird. Diese wartende Güte
ist es, die die skeptische, allzu rasche und oft allzu freche intellektuelle Zunge des
verlorenen Sohnes zum Schweigen bringt. Vor der er sich mit Beschämung seiner
Richtungslosigkeit bewußt wird. Vor der es ihm weh tut, einen Vater, der so sehr an ihn
glaubt, zu enttäuschen.
Auf mich jedenfalls hat Barlach so gewirkt, als Richtung und Verpflichtung, und kein
kunstkritischer Einwand und keine Modeschwankung vermag etwas daran zu ändern. Auch der
Tod Barlachs nicht.
Ja, wenn ich Ihnen verrate, daß ich Barlach niemals persönlich gegenübergestanden habe,
so wird dies alles Sie vielleicht wundern. Ich habe nur Briefe mit ihm gewechselt, die
1943 verbrannt sind. Es handelt sich hier um eines der größten Versäumnisse meines
Lebens; auch das gehört zu meinem Bekenntnis. Ich hatte genügend Gelegenheit, ihn in
Güstrow zu besuchen. Daß ich es unterlassen habe, geschah weniger aus Trägheit des
Herzens als aus Schüchternheit oder aus dem Gefühl eigener Unreife. Ich sagte mir: Du
darfst einen so großen Mann nicht mit dir belästigen. Ich wußte damals noch nicht, daß
der Begriff »großer Mann« doch nur eine von der Außenwelt erfundene und für die
Außenwelt gültige Schablone ist, daß sich dahinter vielleicht ein Mensch verbirgt, der
ganz schlicht nach unserer Liebe hungert. Für Barlach traf das um so mehr zu, als er
wegen des über ihn ausgesprochenen Verbotes Anlaß zur Verbitterung hatte.
Das kam mir erst zum Bewußtsein, als es zu spät war. Als mir die seltsame Todesanzeige
ins Haus gesandt wurde, auf der nichts anderes stand als: »Es starb Ernst Barlach, Ritter
des Pour le Mérite.« Das ist beinahe so unbarlachsch wie seine Grabstelle in Ratzeburg.
Und doch muß man diese Todesanzeige richtig verstehen; sie gehört nämlich unter die
Akten der deutschen Widerstandsbewegung.
Aber für mich handelt es sich um ein geistiges Verhältnis; für mich ist Barlach nicht
tot. Die Verpflichtung, die ich ihm gegenüber empfinde, besteht heute noch genauso stark.
In meinem Arbeitszimmer hängt als einziges Bildnis eine Aufnahme
von ihm. Ich fand sie nach 1945 in einer Zeitschrift; ich schnitt sie mir heraus und
rahmte sie ein. Damals besaßen wir ja nichts als die paar Lumpen, die man auf
Fliegergeschädigtenschein zugeteilt bekam. Die Aufnahme ist kurz vor seinem Tode gemacht
worden. Ein erschütternderes Bildnis läßt sich nicht denken. Die Gestalt erschöpft
hingelehnt. Das Gesicht ganz nach innen gesogen. Die Augenbrauen mühsam hochgezogen, um
die müden Lider zu heben und dem Blick einen kleinen Spalt freizugeben. Eine barlachsche
Figur; erst wenn man sie betrachtet, erkennt man, wie ganz er selbst er in jeder seiner
Schöpfungen ist. Immer, wenn mein Auge auf dies Bildnis fällt, möchte ich sprechen:
»Habe noch etwas Geduld, Vater. Ich werde mich nicht ans Nichts verlieren.«
Ansprache für die Barlach-Matinee am 9. März
1952 im Deutschen Schauspielhaus, Hamburg; zuerst in: Pseudoautobiographische Glossen.
Frankfurt am Main 1971, S. 41-45. |