| Bericht eines fremden Wesens über die Menschen Den erhaltenen Anweisungen gemäß habe
ich mich nicht zu erkennen gegeben, sondern mit ihnen verkehrt, als wäre ich einer der
ihren. Es hätte aber solcher Vorsicht gar nicht bedurft, denn diesen Wesen ist die
Fähigkeit des gläubigen Staunens versagt. Doch sie müssen sie genauso wie wir einmal
besessen haben, wie ich aus den Trümmern ihrer Werke und den Seufzern alter Leute zu
schließen wage.
Wollet bitte, was ich Euch hier sage, nur als eine Nachricht aufnehmen, daß ich daran
gegangen bin, die Lage dieser Wesen zu erkunden, und nehmt dies nicht etwa als einen
endgültigen Bericht, den ich Eurer Weisheit unterbreite, damit Ihr danach Eure
Entschlüsse fassen möget. Stolz darüber, daß Ihr mich dieser Sendung für würdig
erachtet, bin ich mir erst jetzt der Verantwortung bewußt geworden, die mit dieser
Aufgabe verbunden ist. Ich sehe so viel Unglaubhaftes, daß ich zögere, eine Meinung
darüber auszusprechen. Meine Anwesenheit hier ist vorläufig nur ein lauschendes Tasten
im Nebel. Habt deshalb Geduld.
Denn hier ist nichts so greifbar und wirklich, daß einer sagen konnte: So ist es! Oder:
So wollen sie es! Vor allem sind diese Wesen ihrer selbst nicht sicher, und das
unterscheidet sie von allem Bekannten. Es ist ein Irrtum, wenn wir als ein
Selbstverständliches von ihnen annahmen, daß Menschen zu sein ihnen eine ehrende und
endgültige Form des Daseins bedeute. Mit Schaudern empfindet jeder, der mit ihnen umgeht,
daß sie sich gleichsam dafür zu verachten scheinen, wachsen zu müssen, zu blühen und
Frucht zu tragen, wie es doch allem Lebendigen notwendig ist, um seine Art zu erhalten.
Sie aber haben maßlose Wünsche, und indem sie dem Notwendigen auszuweichen trachten,
versäumen sie ihre Möglichkeit. Doch was sie zu werden begehren, wenn es ihnen gelänge,
ihre Form zu zerbrechen und den Namen Mensch von sich zu tun, das konnte mir niemand
angeben. Dabei kann man nicht sagen, daß sie noch der kindliche Halbschlaf einer
Morgendämmerung umfängt. Der Tag liegt hinter ihnen, und das Wissen, daß es umsonst
hell war, läßt sie an allem zweifeln. Wie aber darf man von Wesen, die nicht an sich
selber glauben, erwarten, daß sie das Dunkel bestehen werden?
Wundert Euch nicht, daß ich von solchen Dingen spreche, denn ich vermute hierin den
wahren Ursprung ihres leiblichen Elends. Ja, die Kunde, die davon zu uns drang, hat nicht
übertrieben. Sie hausen, wie es ihnen nicht angemessen ist. Sie haben nichts, sich zu
wärmen und zu kleiden. Sie ernähren sich von giftigem Abfall. Ihre Körper sind mit
Schwären bedeckt, sie taumeln vor Schwäche und unzählige vergehen vor Hunger. Kein
Wesen, das ihre Leiden sieht, kann sich des Erbarmens enthalten. Beobachtete ich doch, wie
sich selbst ein Baum ächzend über Flüchtende beugte, um sie in ihrer Not zu verbergen.
Wie aber, wenn Eure Weisheit sich dazu entscheiden sollte, ihnen sofort durch Nahrung und
Kleidung zu helfen? Würde dies nicht, so muß ich fragen, nur bewirken, daß die Menschen
mit neuer Kraft anhüben, sich selbst zu zerstören? Denn sie haben ja früher von allem
im Überfluß gehabt, doch sie konnten ihn nicht meistern, und wer genug hatte, gönnte
das, was er nicht brauchte, keinem andern. Lieber erkrankte er am Zu-Vielen.
So haben sie es sich selbst zugefügt, daß all ihre Gewohnheiten, die ihnen lieb und
gesund waren, in Trümmern liegen. Doch das vermögen sie nicht einzusehen. Wenn man davon
zu ihnen spricht, dann geben sie einander rätselhafte Antworten. Dir ward es bestimmt, so
sagen sie, mich zu besiegen, und mir, dies von dir zu erleiden. Dabei lebt der Sieger so
kläglich wie der Besiegte, und beide stöhnen, daß sie so handelten, wie sie es taten.
Was sie aber mit diesem Dritten meinen, durch welches sie angetrieben wurden, sich zu
zerfleischen, habe ich vergeblich zu erforschen versucht. Die alten Leute sprechen von
einem Wesen, das sie Gott nennen. Doch dies Wort hat so wenig Klang in ihrem Munde, daß
es mir nicht zur Gestalt wurde. Vielleicht war, was sie so nennen, nur ein Bild ihrer
Wünsche, und es ist ihnen zerbrochen, wie alles andere; denn wir müßten doch auch von
einem solchen Wesen erfahren haben. Die jüngeren aber kennen dies Wort nicht mehr, und,
da sie nicht wissen, an wem sie sich für ihr Unglück rächen sollen, knirschen sie mit
den Zähnen gegen sich selbst.
Wollet doch bitte erwägen, ob es nicht gut wäre, ihnen die Erinnerung an ihre
Vergangenheit zu nehmen, denn sie liegt wie ein verwesender Leichnam über ihnen und
verdirbt ihren Atem. Auch kriechen überall Maden umher. Solche, die sich am Gestorbenen
mästeten und nun in Schlupfwinkel eilen, um dort auf eine Auferstehung zu warten. Und
solche, die sich erst jetzt aus ihren Schlupfwinkeln neidvoll herandrängen, weil sie
bisher an der Mahlzeit nicht teilnehmen durften. Und während sie vom Aas fett zu werden
suchen, rühmen sie sich laut: Seht, wir vertilgen den verfluchten Leichnam! Die Menschen
aber gleiten auf diesen Maden aus, und so werden ihre Bewegungen mißtrauisch und mutlos.
Doch gibt es auch einige unter ihnen, die sich nicht unangemessenen Wünschen hingeben.
Ihren Ärzten habe ich zugesehen und fand sie uns ähnlich, denn obwohl es ihnen an
Mitteln fehlt, die Krankheiten zu hellen, tun sie in freundlicher Weise das Mögliche als
das Notwendige. Und so mag es auch noch viele unter ihnen geben, die zu durchschauen mir
versagt ist, weil sie ihre echte Gesinnung schüchtern verbergen. So darf ich besonders
die Frauen nicht zu erwähnen vergessen. Stärker sind sie im Ertragen der Leiden, die
ihnen die Männer verursachen, und fragen nicht wie diese bei jedem Schritt: Wozu? Daher
ich gern mit ihnen zusammen bin und in ihren Augen nach der Wahrheit forsche. Anders aber
und unbegreiflich ist ihre Art, wie sie nach Umarmung trachten, denn ihr Streben ist nicht
einfach darauf gerichtet, ein junges zu erzeugen, wenn ihr Leib dazu reif ist, sondern sie
begehren etwas, was sie Liebe nennen. Auch dies ist, so will es mir scheinen, ein Wunsch,
sich selbst zu entfliehen. Doch sehe ich, daß sie davon schöner werden, und so mag es
auch nur ein anderes Wort für Blühen sein.
Oder sollte man ihnen besser gar nicht zu helfen versuchen? Denn bedenket wohl, daß über
andre Wesen Unordnung und Verzweiflung kommen könnte, wenn sie von dieser Sucht der
Menschen angesteckt würden, sich selbst zu entwachsen, ohne doch die Kraft zur
Verwandlung zu besitzen. Nur ungern frage ich dies, und das Herz bebt mir dabei. Muß es
nicht jeden mit Bewunderung erfüllen, daß sie immer noch ausharren und da sind, obgleich
sie nicht sein wollen, was sie sind? Welches andre Wesen ertrüge das wohl? Und doch muß
ich Euch diese Frage unterbreiten, denn es darf nicht sein, daß alles Lebendige durch die
Menschen in Gefahr gebracht werde.
So lebe ich denn unter ihnen und suche sie zu ergründen. Vielleicht werde ich Euch in
meinem nächsten Berichte bitten, daß Ihr noch andre auf Kundschaft aussendet. Wählet
dann nur solche aus, von denen Ihr sicher seid, daß sie nicht zu vorzeitigem Erbarmen
neigen, sondern in nüchterner Güte zu beharren wissen. Denn stark ist trotz allem der
Zauber, den die Menschen ausüben, und Eure Weisheit mag aus meiner undeutlichen
Erzählung erkennen, daß ich bereits davon befallen bin. Ja, manches Mal schon, wenn ich
sie weinen sah, fühlte ich, der ich doch einer von Euch bin, wie ich mich sehnte, mir
untreu zu werden und zu sein wie sie.
geschrieben 1946; zuerst u. d. T.
"Bericht eines Marsbewohners über die Menschen" in: Wiesbadener Kurier,
23.10.1946 |