| Die
Nachlaßbibliothek Hans Erich Nossacks Eine
Einführung
Ein
Verzeichnis der nachgelassenen Bücher eines
Autors wozu kann das gut sein und wem soll
das nützen, wenn nicht einem überzüchteten
literaturwissenschaftlichen Spezialistentum?
So oder
ähnlich wird wohl mancher auch angesichts der
hier vorliegenden Bestandsauflistung der
Bibliothek Hans Erich Nossacks fragen. Es ist ja
beileibe nicht selbstverständlich, die
Beschäftigung mit einem Autor so weit zu
treiben, daß nicht nur die von ihm geschriebenen
Bücher, sondern auch die von ihm rezipierten
Werke seiner Kollegen in den Blick genommen
werden. Jeder Schriftsteller ist aber von anderen
literarischen Texten beeinflußt; ohne diesen
Bezug zum großen Netzwerk der Literatur ist
schriftstellerische Produktion nicht denkbar.
Folglich ist es bei der Analyse der Werke eines
Autors oft von Nutzen, wenn nicht sogar
unabdingbar, die Gegenstände seiner Lektüre zur
Kenntnis zu nehmen. Dies trifft für verschiedene
Autoren natürlich in unterschiedlichem Maße zu.
Hans Erich Nossacks schriftstellerisches Werk
jedenfalls ist ohne die Kenntnis der
Schriftsteller, die ihn durch ihre Bücher ein
Leben lang begleiteten, kaum verständlich.
Nossack
hatte zeitlebens ein ambivalentes Verhältnis zum
Besitz von Büchern. Auf der einen Seite stehen
seine zahlreichen Beteuerungen, daß er keinen
allzugroßen Wert auf seine Büchersammlung lege.
Das hat natürlich mit dem traumatisierenden
Erlebnis der Bombenangriffe auf Hamburg 1943 zu
tun, bei dem seine gesamte Habe verbrannte
und damit auch alle seine Bücher, die ihm ans
Herz gewachsen waren.
Von
Nossacks Bibliothek vor 1943 ist nichts erhalten,
auch ihr Bestand kann nicht mehr genau ermittelt
werden. Nossack selbst hat über die verlorenen
Bücher nie genauere Angaben gemacht mit
einer Ausnahme: Im August 1943 forderte Hermann
Kasack ihn brieflich dazu auf, eine Liste seiner
verbrannten Bibliothek für das Kriegsschädenamt
anzulegen, um als Schriftsteller für das
verlorene Arbeitsmaterial eventuell eine
Entschädigung zu erhalten, was dem ehemaligen
Mitglied der Reichsschrifttumskammer Nossack
die Mitgliedschaft war Voraussetzung für
die Bewilligung von Schadensersatz!
prinzipiell möglich war. Diese in einem Brief an
Kasack vom 7. 10 1943 erhaltene kurze Liste nun,
zu deren Vervollständigung Preise,
bibliographische Angaben etc. Nossack laut
Kasack noch einen sachverständigen Buchhändler
hinzuziehen sollte, ist deswegen so interessant
und aufschlußreich, weil sie uns nicht nur von
der für immer vernichteten alten Bibliothek
Nossacks, also einem gewichtigen Teil seines
Lebens vor 1943, das immer noch weitgehend im
Dunkeln liegt, berichtet, sondern auch zeigt,
daß diese Büchersammlung offensichtlich völlig
andere Titel, ja zum Teil ganz andersartige
Literatur enthielt, als sie die heute
zugängliche Nachlaßbibliothek aufweist.
Seine nach 1943 neu angelegte Bibliothek konnte
Nossack nach eigenem Bekunden nicht mehr als
vollwertigen Ersatz für die 1943 verbrannte
ansehen:
Angewidert lasse ich mein Auge
über die Bücherwand gleiten, doch auch das
gewährt keine Zufriedenheit. Es sind nicht
die Bücher, die zusammen mit mir
aufgewachsen sind, denn sie verbrannten 1943.
Es sind Bücher, die sich seitdem wieder
angesammelt haben. Es lassen sich keine
Jahresringe aus ihnen ablesen, darum sind sie
mehr oder weniger lästiger Besitz, aber kein
Eigentum.
Andererseits
trägt die im vorliegenden Band verzeichnete, im
Laufe von 34 Jahren angelegte Bibliothek trotz
dieses harten Verdikts sehr individuelle Züge.
Das hat unter anderem mit Nossacks rigider
Selektionspraxis im Umgang mit seinen Büchern zu
tun. Nossack trennte immer klar zwischen
Literatur, die Bedeutung für ihn hatte, und
solcher, die er als überflüssig oder gar als
schädlich empfand, und er setzte diese
Unterscheidung auch in praktisches Handeln um,
indem er sich ungeliebter Bücher auf
verschiedenen Wegen wieder entledigte. So
erklärte er z.B. einmal über die Bücher des
von ihm so verachteten Thomas Mann:
Die Bücher von Thomas Mann habe
ich immer nur mit größter Überwindung und
nur aus Bildungsgründen zu Ende lesen
können, dann habe ich sie sofort verschenkt
oder gegen mir wichtigere Bücher
eingetauscht. Noch heute, und das könnte man
als kindisch bezeichnen, befindet sich nicht
ein einziges Buch von ihm in meiner
Bibliothek; es würde mich stören, es da
stehen zu sehen.
Auch Max
Frischs "Homo Faber" fand vor Nossacks
Augen keine Gnade:
Bücherpaket von Suhrkamps kam.
Und wieder mit dem verfluchten "Homo
Faber", den ich schon ein paarmal
verschenkte, weil ich diesen
"Illustrierten-Kitsch" nicht unter
den Büchern dulden kann.
Der hier
verworfene Roman befindet sich dementprechend
nicht (mehr) in der Nachlaßbibliothek Nossacks,
ebensowenig übrigens wie die autobiographischen
Bücher von Frank Thiess "Freiheit bis
Mitternacht" und "Verbrannte
Erde", an denen er in seinem Tagebuch kein
gutes Haar ließ:
Thiess: es tut weh, daß ein
Mann, den man persönlich schätzt, ein so
schlechtes Buch wie diese "Verbrannte
Erde" geschrieben hat. Es ist nicht nur
schlecht und altmodisch, es ist peinlich.
Es war aber
wohl auch für Nossack nicht immer einfach, seine
Bibliothek von unerwünschten Büchern frei zu
halten:
Was aber macht man mit Büchern,
denen man keinen Platz in seiner Bibliothek
zuzubilligen bereit ist? Wie soll man sie
wieder loswerden? Man kann doch nicht gut ein
Buch verschenken, das man selber für
überflüssig oder minderwertig hält. Gerade
dem sogenannten Fachmann verbietet sich diese
naheliegende Verwendung als passendes
Geburtstagsgeschenk an Nicht-Fachleute. Denn
der Beschenkte wird unweigerlich denken:
'Aha, der ist ja Fachmann und weiß Bescheid'
und wird sich abquälen, in dem Buch einen
Wert zu suchen, den der Schenkende darin
vermißt. Aus dem Dilemma gibt es jedoch
einen willkommenen Ausweg: man trage die
unbrauchbaren Bücher zu einem befreundeten
Antiquariat und tausche sie dort gegen das
ein, was einem fehlt.
Ein
weiterer möglicher Schlüssel für Nossacks
ambivalente Haltung zum Besitz von Büchern ist
in seiner Auffassung von der dem Künstler einzig
gemäßen Haltung der
"Exterritorialität" zu suchen. Dieses
"geistige Exil" ist ein Ort außerhalb
jeder Gesellschaft, fern jeden materiellen
Besitzes. Selbst eigene Bücher scheinen bei
einer solchen asketischen, nur aufs Wesentliche,
in Nossacks Fall aufs Schreiben, konzentrierten
Lebensweise entbehrlich. Nossack selbst versuchte
seit seiner Jugend, dieses schwierige Ideal in
seinem Leben zu verwirklichen; der Versuch nahm
allerdings, trotz all seiner anfänglichen
Konsequenz, die in den zwanziger Jahren zu einem
zeitweisen Bruch mit seiner Familie führte,
später immer öfter die Gestalt der Pose an. So
ist die weit verbreitete These von seinem
Einzelgängertum, wenigstens für die Zeit seit
ca. 1950, nicht aufrechtzuerhalten. Nossack war
einer der in Verbands- und Akademietätigkeiten
rührigsten westdeutschen Schriftsteller, und
auch sonst kann man ihn mit Ausnahme
seiner letzten Jahre in Hamburg durchaus
nicht als kontaktarm bezeichnen. Diese
Verbundenheit mit dem
"Literaturbetrieb" der Bundesrepublik
wird auch in der Zahl und dem Spektrum der
Widmungen in seinen Büchern deutlich. Hier
finden sich viele, die in der deutschsprachigen
Nachkriegsliteratur Rang und Namen hatten: von
Wilhelm Lehmann und Hermann Lenz über Franz
Tumler, Ernst Kreuder, Hermann Kasack und Heinz
Risse bis zu Hilde Domin, Helmut Heissenbüttel,
Paul Celan u. v. m. Sie alle haben Spuren in
Nossacks Büchern hinterlassen.
Nossacks
Buchbestand enthält fast ausschließlich
"Belletristik". Seine Auswahl hält
sich dabei aber sehr wenig an den traditionellen
Kanon. Wenige Werke der Klassiker und der
Romantiker sind zu finden, es überwiegen die
Texte der sogenannten "klassischen
Moderne". Das soll nicht heißen, Nossack
hätte an älterer Literatur kein Interesse
gehabt, er berief sich aber eher auf große
literarische Einzelgänger wie Stendhal,
Strindberg, Hebbel oder Dostojewski. Unter den
von ihm bevorzugten zeitgenössischen
Schriftstellern überwiegen ausländische,
insbesondere amerikanische, französische und
italienische Autoren. Nossack legte auch hier bei
seiner Auswahl strenge Maßstäbe an. Wichtig
waren ihm nur Werke, die seiner Auffassung nach
die "Zwiesprache des Menschen mit sich
selbst" zum Inhalt haben, wie z.B. die
Bücher Becketts, Paveses, Camus' oder
Vittorinis. Alles andere lehnte er als
"Freizeitliteratur" ab. Verbunden mit
der Vorliebe für "monologische"
Literatur war Nossacks Hang zu veröffentlichten
Tagebüchern von Schriftstellern, die sich in
großer Zahl in seiner Bibliothek finden, z.B.
von Hebbel, Kierkegaard, Léautaud, Kafka, Musil,
Ionesco, de Montherlant, Loerke, Vittorini,
Beckmann, Whitman, Camus, Doderer, Flaubert,
Gide, Ernst Jünger und Julien Green. Zu Nossacks
Lieblingslektüre zählten weiterhin Märchen,
wobei er besonders die Bände der Reihe
"Märchen der Weltliteratur" des Eugen
Diederichs Verlags liebte. Auf sie bezog er sich
in seinem eigenen Werk immer wieder, vor allem
die Indianermärchen begegnen dem Leser häufig.
Neben den
literarischen Schwerpunkten fallen die wenigen
Sachbücher in der Büchersammlung kaum auf. Es
handelt sich dabei oft um theologische Literatur
auf den ersten Blick erstaunlich für
einen Autor, der sich immer dezidiert als
Nicht-Christen bezeichnete , aber auch die
Bücher, die sich mit der Kultur der Inka, Mayas
und Azteken befassen, sind stark vertreten.
Außer all
diesen von Nossack nach 1943 zum größten Teil
wohl selbst erworbenen Büchern stehen in seiner
Bibliothek noch eine große Anzahl von Bänden,
die er geschenkt bekam: Werke befreundeter
Kollegen, Texte junger unbekannter Autoren, die
sich von Nossacks Urteil etwas versprachen,
Jahrbücher etwa von Akademien ,
Buchreihen (edition suhrkamp, Bibliothek
Suhrkamp, Die Mainzer Reihe) und Bücher aus dem
Programm seiner Verlage (Krüger, Suhrkamp), die
er "automatisch" geschickt bekam. Trotz
der schieren Menge dieser Bände ist doch
anzunehmen, daß Nossack einen großen Teil davon
tatsächlich gelesen hat; Spuren der
Beschäftigung mit ihnen, Exzerpte, Kommentare
usw., finden sich in seinen Tagebüchern.
Die Frage,
welche seiner Bücher Nossack wirklich gelesen
hat, bleibt aber in vielen Fällen offen. Er
unterstrich nie etwas (eine Ausnahme bildet dabei
der Lichtenberg-Band, Nr. 1468 im Verzeichnis)
sein Umgang mit den Texten war beileibe
nicht "wissenschaftlich". Auch seine
Exzerpte in den Tagebüchern betreffen zumeist
kurze Abschnitte aus den Büchern. Nossack
"verarbeitete" die Lektüre in seinem
eigenen Werk.
In dem Roman "Nach dem
letzten Aufstand" von 1961, seinem wohl
eindrucksvollsten Werk der sechziger Jahre (Eugen
Biser nannte es in seinem Nachwort zur
Taschenbuchausgabe gar "das vergessene
Hauptwerk" Nossacks), begegnet uns
beispielsweise eine Figur, die an Cesare Pavese
erinnert, ein Autor, den Nossack nie persönlich
kennenlernen konnte, und den er für sich dennoch
wie einen Freund behandelte. Die Begegnung mit
ihm fand also in der Literatur statt. Nossacks
Beitrag zu diesem "Gespräch", seine
Auffassung des Wesens der "Figur
Pavese" findet sich in den Schilderungen des
"Besuchers" im Roman. Im Umkreis dieser
Episode stehen dort Sätze, die zentral für das
Verständnis von Nossacks Werk und geistigem Ort
sind. Es ist bezeichnend, daß sie gerade hier,
im "literarischen Dialog" mit einem
für ihn wichtigen Autor fallen; es zeigt den
Stellenwert dieses Dialogs für Nossack, dessen
einer Teil das Schreiben, der andere die Lektüre
ist.
Der "Besucher" in
"Nach dem letzten Aufstand" erschießt
sich in seinem Hotelzimmer genau wie
Pavese während neben ihm sein Buch
"GESPRÄCHE MIT ..." aufgeschlagen auf
dem Nachttisch liegt. Paveses "Gespräche
mit Leuko" sind Nr. 1752 unseres
Inventars.
Einige
Anmerkungen zur Titelaufnahme:
- Das
Verzeichnis ist numeriert. Kursive
Nummern kennzeichnen Titel, die zum
Besitz des Deutschen Literaturarchivs in
Marbach am Neckar gehören, sich zur
Zeit, aber noch in der Obhut der Akademie
der Wissenschaften und der Literatur in
Mainz befinden. Alle übrigen Bände sind
dauerhaft in Mainz deponiert.
- Autoren-
oder Herausgebernamen, Titel, Untertitel,
Bändezahl, Verlagsort, Verlag und
Erscheinungsjahr werden in der
bibliographisch üblichen Reihenfolge
genannt. Reihentitel, falls vorhanden,
folgen am Ende der Titelaufnahme.
- Bibliographische
Angaben, die aus dem vorliegenden
Exemplar selbst nicht erschlossen werden
konnten (z.B. fehlender Verlagsort,
fehlendes Erscheinungsjahr, Auflösung
von Pseudonymen, Auflösung von
abgekürzten Autorenvornamen etc.),
wurden, wenn möglich, vom Bearbeiter an
der betreffenden Stelle in eckigen
Klammern hinzugefügt.
- Ist
ein Autor auch als Herausgeber
verzeichnet, so werden in der Liste
zuerst die von ihm verfaßten Bände in
alphabetischer Reihenfolge genannt, dann
auf die gleiche Weise geordnet
diejenigen, für die er als
Herausgeber in Erscheinung tritt.
- Die
teilweise unterschiedliche Schreibweise
von Autorennamen (z.B. bei Stendhal,
Lesskow u. a.) wird immer getreu der
Angabe auf dem Titelblatt des
betreffenden Bandes wiedergegeben.
Dennoch werden die Werke eines Autors,
auch wenn sein Name verschieden
geschrieben erscheint, hintereinander in
alphabetischer Ordnung verzeichnet, der
genaue Ort dieser Angaben im Verzeichnis
richtet sich dann nach der gängigsten
Schreibweise des Autorennamens (so werden
die Werke Stendhals zusammengehalten und
im Verzeichnis unter dem Namen
"Stendhal" einsortiert, nicht
etwa unter z.B. "Beyle").
- Gegebenenfalls
vorhandene Widmungen folgen der
Titelaufnahme mit neuem Absatz in
kleinerer Drucktype, wobei der
Widmungstext kursiv gesetzt erscheint.
Hier wie auch bei anderen
handschriftlichen Eintragungen
sind unleserliche Wörter oder Passagen
durch ein Fragezeichen in spitzen
Klammern ersetzt. Wörter, bei denen die
Lesart nicht sicher ist, werden mit einem
Fragezeichen in runden Klammern nach dem
betreffenden Wort gekennzeichnet.
- Kommentare
des Bearbeiters, Angaben über Beilagen
etc. schließen sich in spitzen Klammern
an; thematische Einheiten werden hier
durch Semikola getrennt.
- Bei
der Titelaufnahme nicht erwähnt wurden
in der Regel die Namen von Übersetzern,
sofern diese nicht einen besonderen Bezug
zu Nossack und seinem Werk oder sonstige
herausragende Bedeutung haben, sowie
eventuelle Auflagenzahlen. Grundsätzlich
nicht aufgenommen wurden Nossacks eigene
Publikationen auch die in
Sammelbänden, Anthologien, Zeitschriften
usw. erschienenen , sie sind in der
Personalbibliographie von Gabriele
Söhling zu finden. Verzichtet wurde auch
auf die Aufnahme von Atlanten,
Landkarten, Wörterbüchern,
Verlagsprospekten u. ä.
Die
Kommentare des Bearbeiters zu manchen Bänden,
betreffen sie nun Beilagen, handschriftliche
Eintragungen oder andere Besonderheiten, machen
die Bibliothek als biographische Quelle erst
zugänglich. Durch sie werden Spuren des inneren
wie äußeren Lebens des Besitzers diese
Unterscheidung war Nossack immer äußerst
wichtig , die sich in den Büchern
befinden, sichtbar. Zusammen mit dem, was allein
die Auswahl der Bücher aussagt, geben sie dem
interessierten Leser ein komplexes Bild von Geist
und Persönlichkeit Nossacks und bestätigen
dessen eigene Aussage, daß "aus dem
Bücherbestand auf die Individualität des
Besitzers zu schließen" sei.
J. Hilgart
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