| Startseite Einleitung
Aktuell
Werk
Literatur
Biographie
Die Tagebücher
Die Briefedition
Nachlaß
Veranstaltungen
Nossack-Literatur-Preise
Register
Arbeitsstelle
Links |
Hans
Erich Nossack:
"Welche Biographie bitte?"

"Autobiographie? Welche Biographie bitte? Denn es gibt
bekanntlich zwei, die nichts miteinander zu tun haben.
Über die eine, ganz gleich, ob man sie die bürgerliche, gesellschaftliche,
geographische, geschichtliche oder statistische Biographie nennt, können Standes-,
Wohnungs-, Finanzämter und andere Behörden weit besser Auskunft geben als ich. Die
Register sind absolut zuverlässig, da sie phantasielos sind. Danach bin ich z. B.
wahlberechtigt, aber nicht pensionsberechtigt, wie die, die ich wähle. (...)
Und die andere Biographie? Aber mit der mühe ich mich doch sozusagen Tag und Nacht ab,
und zwar so 'auto' wie möglich. Wozu also noch theoretisch darüber reden? Das hieße
ihre Selbstverständlichkeit anzweifeln."
(aus: Autobiographie. In: Über Hans Erich Nossack. Hg.
v. Christof Schmid. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970 (edition suhrkamp 406), S. 159-162,
hier S. 159)
Hans Erich Nossack betrachtete sein Leben als
gespalten, geteilt zwischen dem langweiligen und konventionellen äußerlichen
Dasein des bürgerlich verheirateten Hamburger Kaffeekaufmanns und späteren
hauptberuflichen Schriftstellers und dem sich hinter dieser Fassade abspielenden "eigentlichen" geistigen Leben, das der Autor
vorwiegend nachts führte, wenn alle anderen schliefen.
Mit den Fakten seiner äußeren Biographie nahm Nossack es dementsprechend auch nicht sehr
genau. Allzuoft opferte er in seinen diesbezüglichen Äußerungen und Texten (deshalb von
ihm auch "pseudoautobiographische Glossen" genannt) die "historische
Wahrheit" einem stilisierten Selbstbild, das seiner inneren Wirklichkeit eher
entsprach. Ihm daraus einen Vorwurf zu konstruieren, ist zwar verfehlt, für uns Heutige
besteht aber dennoch ein Interesse an den genauen biographischen Fakten, allein schon, um
die Selbststilisierung des Autors und ihre Gründe nachvollziehen und verstehen zu
können.
Die Sekundärliteratur, besonders ältere Werke, griff Nossacks Stilisierungen
bereitwillig auf und wandelte sie in immer wieder weiter übernommene Legenden um - das Publikationsverbot, die verbrannten
Manuskripte, der Außenseiter Nossack usw. -, denen der Autor selbst aber auch nie
widersprach.
Seine "eigentliche" innere Biographie, die, auf welche es ihm ankam und in deren
Bereich er auf höchster Genauigkeit bestand, findet sich in erster Linie natürlich in
Nossacks Werkgeschichte mit ihren anfänglichen Irrwegen und Brüchen, dem erzwungenen
Schweigen in der NS-Zeit und dem künstlerischen Auf- und Durchbruch nach dem
"Untergang" Hamburgs 1943. Daneben verlief sein geistiges Dasein immer zwischen
Anziehungen und Ablehnungen anderer Autoren der Weltliteratur. Die seinem Ideal von
Künstlertum entsprechenden Schriftsteller bezeichnete er mehrfach als seine "wirkliche Familie", ein Ausdruck, der nicht nur
metaphorisch gemeint war. Andere Autoren mußte Nossack als "Feinde" ansehen, und die Auseinandersetzung mit ihnen
verlief nicht weniger scharf als die mit seinen stärksten Widersachern auf der Ebene der
äußeren Biographie: seiner leiblichen Familie, besonders seiner Mutter. Das Verhältnis
bzw. Mißverhältnis zu ihr, das "Unglück meines Lebens" (Tagebucheintragung
vom 30. 10. 1947), kann mit Fug und Recht als Dreh- und Angelpunkt von Nossacks
Lebensgeschichte, als Schnittstelle zwischen innerer und äußerer Biographie angesehen
werden.
Die weiteren Seiten zur Biographie Hans Erich
Nossacks beleuchten die hier schon kurz angesprochenen Aspekte genauer:
J. Hilgart |