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Hans Erich Nossack: Die "eigentliche" Biographie
* Ein Aufbruch ins
Nicht-Versicherbare.
"Wie kommt es, daß ein junger, ganz unfertiger und widerstandsloser Mensch sich sozusagen über Nacht zu Traditionen aufgerufen fühlt, die denen seiner Herkunft, seiner Umgebung und seiner Zeit völlig entgegen sind?" Diese Frage hat sich der Kaufmannssohn und spätere Schriftsteller Nossack in einem Aufsatz gestellt, der unter die Überschrift "Der Weg nach draußen" nach den Hintergründen der eigenen persönlichen und literarischen Entwicklung fragt. Die dort erinnerte Lektüre der Tagebücher Friedrich Hebbels, die Nossack als Jugendlicher in der väterlichen Bibliothek fand, führt diesen Weg exemplarisch vor Augen. Es ist die intensive literarische Begegnung mit einzelnen, die ihm aufgrund ihres Bekenntnisses zum eigenen Selbst als geistig verwandt erscheinen und ihm zum verpflichtenden Aufruf werden, jenseits von Sicherheit und überkommenen Denkmustern nach seiner eigenen Wahrheit zu forschen: in Nossacks Worten ein "Aufbruch ins Nicht-Versicherbare". Dabei betont er, daß es weniger der Schriftsteller Hebbel war, der einen solch tiefen Eindruck hinterließ, sondern vielmehr der Mensch Hebbel, heißt es doch, daß er [Nossack] sich vornahm "ein Mann wie Hebbel zu werden". In der Tat sind sich die Tagebücher Hebbels und Nossacks im Hinblick auf ihre unablässige kritische Selbstbefragung durchaus ähnlich. Hebbel ist der erste in einer Reihe von Vorbildern, die Nossack zu seinen "Vätern" zählte: daneben werden u. a. August Strindberg, Ernst Barlach und Vincent van Gogh, aber auch Namen wie Äschylos und Pascal, Kleist und Hölderlin genannt. Diese "Väter" sieht er als Teil einer geistigen Familie, deren gemeinsame Merkmale ein Standpunkt außerhalb der jeweiligen Gesellschaftsordnung und das "unermüdliche Suchen nach der eigenen Wahrheit" sind. Schreiben wird in dem Kontext dieser "Familie" als "historischer Gemeinschaft der Exterritorialen" zum notwendigen Mittel, das Gespräch auch über die Zeiten hinweg führen und sich auch mit Verstorbenen wie mit Zeitgenossen unterhalten zu können. Wichtig erscheint es Nossack, die zentrale Frage nach der Wahrheit lebendig zu halten und an die Nachgeborenen (qua Literatur) weiterzugeben. Neben den "Vätern" rechnet er auch "Brüder", d. h. Zeitgenossen, zur "Familie": im Tagebuch nennt er etwa Max Beckmann, Joseph Roth, Cesare Pavese oder Albert Camus. Über sein Verhältnis zu dieser "Familie" hat sich Nossack auch in zahlreichen Texten geäußert: neben "Der Weg nach draußen" z. B. in seinem "Bekenntnis zu Barlach", "Warum ich nicht wie Hermann Broch schreibe", "Über den Einsatz" oder in den Gedichten "Kleist", "Strindberg" u. a.; zugleich sind einige dieser Vorbilder in mehr oder weniger verschlüsselter Form auch in seine eigenen Werke eingegangen (z. B. C. Pavese in den Roman "Nach dem letzten Aufstand"). Einen der letzten, den Nossack wenige Jahre vor seinem Tod als zugehörig erkannte, war der Schriftsteller Thomas Bernhard, über den es im September 1970 im Tagebuch heißt: "Dieser Bernhard ist Fleisch von meinem Fleisch. Eigentlich müßte ich nun mit meiner etwas prahlerischen Theorie ernst machen und mit Schreiben aufhören. Da sich einer gefunden hat, der die Richtung konzentrierter und zeitgemäßer fortsetzen kann." Zugunsten dieser geistigen Gemeinschaft, die sich der gemeinsamen Aufgabe der Suche nach der eigenen Wahrheit verschrieben hat, tritt der einzelne als Individuum zurück. Was zählt ist, daß er seine Aufgabe zu seiner Zeit und nach seinen Möglichkeiten mit ganzem Einsatz zu lösen versucht und dabei Spuren hinterlassen hat, die den Nachkommenden die Richtung weisen können. Diese Grundidee, exemplarisch gestaltet, etwa in den Erzählungen "Der Neugierige" und "Das Mal", hat Nossacks Werk geprägt. G. Söhling |
Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer