| Startseite | Legenden der Nossack-Literatur Über Hans Erich Nossacks Biographie sind immer noch eine Reihe von Legenden im Umlauf, die zum großen Teil auf stark stilisierten autobiographischen Aussagen seinerseits beruhen. Hier soll nun nichts im Enthüllungsstil "richtiggestellt" werden, es geht bei der folgenden Darstellung vielmehr darum, anhand von Nossacks Selbststilisierungen die Art und Weise seines Umgangs mit der eigenen Biographie, sprich die Kriterien, nach denen er die von ihm für erwähnenswert gehaltenen Aspekte seiner Lebensgeschichte bemaß, zu verdeutlichen. Dabei wird bald klar, daß diese in der Sekundärliteratur oft zum bequemen Klischee gewordenen autobiographischen Posen Nossack dazu dienten, den Riß zwischen seinem Ideal vom "exterritorialen" Künstler und seiner Lebenswirklichkeit wenigstens teilweise zu schließen oder zu überdecken. Nur einige Aspekte dieses Themenkomplexes, der eine längere Betrachtung verdiente, können im Folgenden beleuchtet werden. Das Publikationsverbot Immer wieder erwähnt - so in der fast jeder
Taschenbuchausgabe seiner Werke beigegebenen Vita - wird ein angebliches
"Publikationsverbot" Nossacks in den Jahren der NS-Diktatur. Ein solches
ausdrückliches Verbot hat es nicht gegeben und konnte es auch nicht geben, da ein Autor
wie Nossack, der noch nie etwas publiziert hatte, auch nicht verboten werden konnte. Zu
einem "verbotenen" Autor paßt auch nicht, daß Nossack in der NS-Zeit nicht nur
weiter schrieb, sondern auch versuchte, einen Weg zur Veröffentlichung zu finden. 1942
gelang ihm das auch fast mit einem Gedichtband im S. Fischer/ Suhrkamp Verlag, nachdem er
schon zwei Gedichte in der Neuen Rundschau, der literarischen Zeitschrift des Verlags,
veröffentlicht hatte. Zur Publikation des Bandes kam es jedoch nicht, angeblich wegen
"Papiermangels". Nossack faßte diese Begründung sofort als vorgeschoben auf,
hatte er doch in den dreißiger Jahren Verfolgungen und Hausdurchsuchungen durch die
Gestapo wegen seiner ehemaligen KPD-Mitgliedschaft erleiden müssen und infolgedessen
allen Grund gehabt zu vermuten, das Regime sehe eine Buchpublikation seinerseits nicht
gern. "Papiermangel" war aber wirklich ein gravierendes Problem in dieser Phase
des Krieges, viele Bücher konnten nicht mehr gedruckt werden, die Ablehnung einer
Publikation aus diesem Grund konnte schon ihre faktische Berechtigung haben. Aus Nossacks
damaliger Enttäuschung heraus ist seine Reaktion aber verständlich, auch wenn es
wiederum nicht zu einem "verfolgten" Autor paßt, daß er 1942 auf seinen Antrag
zur Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer hin - der Suhrkamp-Verlag hatte das, nach
Nossacks eigener Angabe, zur Bedingung für die Publikation der Gedichte gemacht - wegen
geringfügiger und nur gelegentlicher schriftstellerischer Tätigkeit von der Erfordernis
der Mitgliedschaft befreit und ihm die Veröffentlichung seiner Arbeiten befristet
gestattet wurde. Der Außenseiter Eine weitere verbreitete Legende über Nossack ist die
vom "Außenseiter" im literarischen Betrieb. So etwas kann nur behauptet werden,
wenn man - wie es leider immer noch zu häufig geschieht - den Literaturbetrieb der
Nachkriegszeit mit der "Gruppe 47" gleichsetzt, in der Nossack tatsächlich nie
Mitglied war. Nossack verweigerte sich aber nicht den in der Zeit nach 1945 rasch neu
entstehenden institutionellen Aktivitäten anderer Literaten. Im Gegenteil: Er war
Gründungsmitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (1949), der
Freien Akademie der Künste in Hamburg (1950) und der Deutschen Akademie für Sprache und
Dichtung (1961). In diesen Institutionen fand er Freunde - etwa Hans Henny Jahnn oder
Ernst Kreuder - und arbeitete kollegial an den jeweiligen Projekten mit, bis zum Ende
seines Lebens. Von 1964-1968 war er Vizepräsident der Mainzer Akademie. Auch im P.
E. N. sowie im Kulturkreis im Bundesverband der Deutschen Industrie war er aktiv. 1973
wurde er dazu noch in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste
aufgenommen. Ein Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland konnte kaum mehr
literaturinstitutionelle Aktivitäten ausüben. Dazu bekam Nossack auch noch zwei der
renommiertesten Literaturpreise der Bundesrepublik Deutschland zugesprochen
(Georg-Büchner-Preis 1961, Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig 1963), was schon
allein eine erhebliche Öffentlichkeitswirkung garantierte. Wie paßt die schon fast
hektisch zu nennende Betriebsamkeit in diesen Dingen zur von allen Seiten, auch von
Nossack selbst, gepflegten These vom "Außenseiter"? Die verbrannten Manuskripte Hans Erich Nossack behauptete immer wieder, beim
verheerenden Bombenangriff auf Hamburg im Juli 1943 seien ihm fast alle Manuskripte seiner
Dramen verbrannt, nur wenige seien erhalten geblieben. Darüber, um welche Stücke es sich
dabei allerdings handelte, machte er in der Zeit nach der Katastrophe sehr
widersprüchliche Angaben. "Ach, er wollte nur einmal wieder scheitern." (Walter Boehlich über Nossack; s. Nossack-Tagebücher, Band 2, S. 786) Hans Erich Nossacks Ideal vom exterritorialen Künstler konnte von ihm selbst nicht vollständig verwirklicht werden, eine Tatsache, die ihn zeitlebens dazu zwang, gewisse "unpassende" Momente seiner Biographie in Selbstaussagen auszublenden und dafür andere, dem Ideal eher entsprechende Aspekte stark zu stilisieren und immer wieder herauszustellen. Dem Autor daraus einen Vorwurf zu machen - im Sinne einer "Lebenslüge" etwa - erscheint verfehlt, muß doch angenommen werden, daß die von ihm in der skizzierten Weise gestalteten autobiographischen Äußerungen seine "innere Wirklichkeit" wiedergeben, die kein noch so akkurater Biograph durch seine Recherchen als unwahr entlarven kann. J. Hilgart |
Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer