Der literarische Nachlaß Nossacks enthält u. a.
auch ein umfangreiches Briefkonvolut, das z. T. im Deutschen Literaturarchiv in Marbach und z. T. in
Privatarchiven erhalten ist. Aufgrund der entscheidenden biographischen Zäsur, des
kriegsbedingten Verlustes seiner Manuskripte, Briefe und Tagebücher im Juli 1943,
gehören die Briefe der Kriegs- und Nachkriegszeit neben den Tagebüchern aus dieser Zeit
zu den frühesten erhaltenen Zeugnissen Nossacks. Der Brief ist für ihn zeitlebens ein
wichtiges Medium der Kommunikation und Aussprache gewesen; davon zeugt der Umfang der von
Nossack aufbewahrten Durchschläge eigener sowie die im Nachlaß überlieferten Briefe an
ihn. Zwar nimmt die Korrespondenz erst in den 70er Jahren deutlich ab insbesondere
in den 60er Jahren gehört die Klage über die wachsende Briefflut noch zu den
wiederkehrenden Topoi der Tagebücher , von einzelnen Ausnahmen abgesehen geht
jedoch die Bedeutung der Briefe als persönliche und literarische Dokumente schon ab den
fünfziger Jahren eher zurück. Die eigene Rolle als Autor ist nun gefunden und
persönliche und literarische Positionen haben sich gefestigt; die Funktion der Briefe
liegt nun stärker in der Aufrechterhaltung beruflicher und freundschaftlicher
Beziehungen, sie zeigen Nossack in seiner offiziellen Funktion als Vizepräsident der
Mainzer Akademie oder sie dienen der Vermittlung und Förderung junger Autoren.
Das Editionsprojekt umfaßt den Briefwechsel aus den
Jahren 1943 bis 1956. Der Schwerpunkt der Auswahl-Ausgabe liegt auf den vierziger Jahren,
d. h. der Kriegs- und Nachkriegszeit, aus denen Nossacks intensiver Briefwechsel mit dem
Verleger Peter Suhrkamp, dem Schriftsteller und Verlagslektor Hermann Kasack, dem Lyriker
und späteren Drehbuchautor Hans H. König und dem Lektor Hartmann Goertz in relativ
dichter Auswahl vorgelegt werden soll. Ausgewählte Briefe der fünfziger Jahre führen
diese Nachkriegsphase fort und beleuchten punktuell markante Stationen der weiteren
Entwicklung bis zum Weggang aus Hamburg 1956.
Die Konzentration auf diesen vergleichsweise schmalen Zeitraum ergibt
sich im wesentlichen aus der biographischen und zeitgeschichtlichen Relevanz dieser Zeit.
Sie rechtfertigt sich einerseits durch die ungewöhnliche persönliche Offenheit und
schriftstellerische Konzentration der Korrespondenz der frühen Nachkriegsjahre, die ein
umfangreiches und untereinander vernetztes Gespräch darstellt, das in seiner
Aufbruchsstimmung von einem hohen Grad an Intensität und Intimität geprägt ist, wie er
in keinem der späteren Briefwechsel Nossacks in vergleichbarer Weise wieder erreicht
wurde. Es ist die Geschichte eines Schriftstellers auf der Suche nach der eigenen Rolle
als Autor, vom Kampf um Veröffentlichung und einen festen Verlag, und zugleich eine
Geschichte idealisierter Vorstellungen und Möglichkeiten des Handelns und der
Einflußnahme im politisch-literarischen Leben der Nachkriegszeit. Die Entwicklung von
Strategien, literarisch-publizistisch Fuß zu fassen, und die ganz persönlichen Probleme
des Kriegs- bzw. Nachkriegsalltags stehen im Vordergrund. Bestimmend ist der Gestus des
Aufbruchs, das Nachdenken über die Möglichkeiten des Schreibens nach dem Zusammenbruch
des Faschismus und der Wunsch, am Aufbau eines neuen Deutschland mitzuwirken. Der
Vertragsabschluß mit dem Krüger Verlag und die ersten Buchpublikationen 1947 und 1948
markieren ein Ende dieser ersten euphorischen Aufbruchsphase; mit der zunehmenden
wirtschaftlichen und politischen Konsolidierung der jungen Bundesrepublik verbessern sich
auch Nossacks persönliche Verhältnisse. Der engagierte, sowohl um das neue geistige
Deutschland als auch um den eigenen künstlerischen Durchbruch bemühte, dichte Austausch
mit einigen wenigen Briefpartnern weicht ab dem Ende der vierziger Jahre einer eher
weitläufigen Korrespondenz mit vielen: der Kreis der Briefpartner erweitert sich, dagegen
nehmen Intensität und Frequenz der Korrespondenz ab. Nossacks Briefe der fünfziger Jahre
zeigen ihn, der veränderten persönlichen und zeitgeschichtlichen Situation entsprechend,
als anerkannten Schriftsteller im Austausch mit anderen Autoren, etwa mit Wilhelm Lehmann,
Hans Henny Jahnn, Ernst Kreuder, Peter Huchel, Joseph Breitbach u. a. Die Briefe wenden
sich nun stärker literarisch-ästhetischen Fragen und konkreten Problemen des kulturellen
Lebens der Restaurationsphase zu, wie sie sich beispielsweise in der tätigen
Mitgliedschaft in den neugegründeten Akademien von Hamburg und Mainz (etwa in der
Korrespondenz mit Jahnn, Kreuder u. a.) oder in den Briefen an die Herausgeber
literarischer Zeitschriften (z. B. "Merkur" oder "Sinn und Form")
spiegeln. In biographischer Hinsicht begleiten die Briefe der frühen fünfziger Jahre
auch die Entstehung zahlreicher wichtiger Prosaarbeiten sowie Nossacks Krise mit dem
Krüger-Verlag, der seine Manuskripte wiederholt als unveröffentlichbar zurückwies. Das
Jahr 1956 bedeutet schließlich in mehrfacher Hinsicht einen Abschluß dieser späten
Nachkriegsphase: Bereits 1955 fanden die Verlagsprobleme mit dem endgültigen Wechsel zu
Suhrkamp ein Ende, und 1956 gab Nossack seine Hamburger Firma und damit auch das bisher
geführte Doppelleben auf, um sich, mit Unterstützung seines Mäzens Kurt Bösch, als
"freier Schriftsteller" fortan ganz auf das Schreiben zu konzentrieren. Darüber
hinaus setzt auch der Wechsel des Wohnortes im Herbst desselben Jahres zog Nossack
in ein kleines Dorf bei Augsburg einen Schlußpunkt unter diese frühen Hamburger
Jahre.
In vielfältigen Spiegelungen und Brechungen wird die konkrete
Zeitgeschichte als Geschichte des Neuanfangs und der Etablierung neuer
literarisch-kultureller Systeme nach 1945 in den Briefwechseln sichtbar. Die bereits 1946
von Hans H. König erwogene Publikation der Briefe "Es fliesst ein so grosser
Teil Ihrer Stärke, Ihrer echten Persönlichkeit in diese Briefe, dass ich Ihnen
versichere, diese Briefe werden eines Tages als Buch von Ihnen mindestens ebenso viel
zeugen und künden, wie Ihre dichterischen Arbeiten das tun" (Brief an Nossack vom
12.1.1946) wies Nossack damals zwar mehrfach zurück, auch er war jedoch davon
überzeugt, "dass unser Briefwechsel irgendwie typisch für die geistigen Menschen
unserer Epoche" sei (Brief an König vom 16.2.1946). Die Edition will die
biographische und literarische Entwicklung Nossacks zugleich exemplarisch die
Situation des Schriftstellers und Intellektuellen in dem zeitgeschichtlich
besonders relevanten Zeitraum der letzten Kriegs- und frühen Nachkriegsjahre sichtbar
machen und darüber hinaus wichtige Quellen zur Kulturgeschichte der deutschen
Nachkriegszeit bereitstellen.