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Hans Erich Nossack: Biographie |
Der Lebenslauf Nossacks unterteilt sich in fünf Phasen:
- Jugend in Hamburg und unruhige Studienjahre in Jena (1901-1923).
- Die Rückkehr nach Hamburg und den "Untergang" (1923-1946)
- Die Nachkriegszeit in Hamburg, erste Veröffentlichungen und nationale Anerkennung als Literat (1946-1956).
- Die "Emigration" nach Süddeutschland und der internationale Durchbruch (1956-1969).
- Die zweite Rückkehr nach Hamburg (1969-1977).
Die Jugend: 1901-1923 |
Nossack kommt am 30. Januar 1901 in Hamburg als Sohn eines Kaffeeimporteurs zur Welt, besucht von 1910 bis 1919 die Gelehrtenschule des Johanneums und verlebt eine unruhige Zeit als junger Erwachsener. Nach einem Semester des Studiums in Hamburg wechselt er 1919 nach Jena, wo er offenbar in die 1918 gegründete Deutschnationale Volkspartei und die studentische Verbindung Thuringia eintritt. Eigenen Angaben zufolge nimmt er am Kapp-Putsch (1920) und "anderen Unruhen" teil. Möglicherweise im Zuge seiner Mitgliedschaft in der Thuringia wird er - ebenfalls nach eigenen, nicht zu bestätigenden Angaben - in den Oberschlesischen Abwehrkampf verwickelt. 1921 allerdings tritt er aus dem Corps aus und sagt sich vom großbürgerlichen Milieu los: Er lehnt eine weitere finanzielle Unterstützung durch seinen Vater ab und wird für sechs Monate Werkstudent in der Glasfabrik Schott Söhne. Wenige Zeit später beendet er sein Studium und versucht, sich als Arbeiter in verschiedenen Stellungen durchzuschlagen. Er schwankt, typisch für die 20er Jahre, zwischen politischen Extrempositionen hin und her, er bewegt sich "im Zentrum des Spannungsfeldes", "auf der Wasserlinie zwischen Links und Rechts" und wird, nachdem er auch aus der DNVP ausgetreten ist, ca. 1922/23 Mitglied der KPD Thüringen.
Die Rückkehr nach Hamburg: 1923-1946 |
Zurück in Hamburg heiratet Nossack die aus gutbürgerlichem Hause stammende Gabriele Knierer, genannt Misi, und nimmt zunächst seine Tätigkeit für linke Parteien wieder auf. Die angestrebte Mitwirkung am Hamburger Aufstand von 1923 hat Nossack, der zu diesem Zweck extra per Zug anreiste, allerdings knapp verpaßt. Nach mehreren Aushilfsstellungen und einer Ausbildung zum Bankkaufmann folgt Nossack dem beruflichen Vorbild seines Vaters und wird Kaffeehändler in der Hamburger Speicherstadt. Zunächst in der Firma Ed. Heinsen & Co. Nachf., in der er zum Leiter der Kakaoabteilung aufsteigt. Von 1930 bis 1933 ist er (auch hier wieder ließen sich die Angaben Nossacks nicht verifizieren) Mitglied der KP Wasserkante. Wann der Eintritt in die väterliche Firma erfolgt, ist nicht gänzlich klar: Mit einiger Sicherheit hat Nossack sich bereits im Jahre 1929 im Auftrag der Firma Eugen Nossack in Brasilien aufgehalten, später jedoch behauptet, in diese erst im April 1933, um sich der Überwachung durch die Gestapo zu entziehen, eingetreten zu sein. In ihr wirkt er zunächst als Prokurist, später als alleiniger Geschäftsführer. Während dieser Zeit schreibt er 'für die Schublade'. Angeblich verbieten die Nazis eine Publikation seiner Werke; tatsächlich war Nossack von der Reichsschrifttumskammer die Veröffentlichung gestattet. Warum der bei Suhrkamp geplante erste Gedichtband nicht zu stande kam, ist bis heute unklar. Immer wieder betont, aber nachweislich falsch ist der Verlust aller Manuskripte bei der Bombardierung Hamburgs im Jahre 1943. Trotzdem prägte diese Katastrophe, der 'Untergang' (so auch der Titel einer Erzählung), sein späteres Werk.
Erste Erfolge als Schriftsteller: 1946-1956 |
Für zehn Jahre führt Nossack eine Doppelexistenz als Literat und Kaufmann, der die väterliche Importfirma im Freihafen bis zu deren Liquidation zu leiten hat. Erste Veröffentlichungen erscheinen im Hamburger Verlagshaus Krüger (Gedichte, 1947; Nekyia, 1947; Interview mit dem Tode [Erzählungen], 1948). Nach der Trennung von Krüger und dem Wechsel zu Suhrkamp erfolgt der endgültige Durchbruch auf nationaler Ebene mit dem Erfolgsroman Spätestens im November (1955, Gesamtauflage ca. 150.000). Nossack entwickelt in dieser Zeit alle Motive und Figuren, die bis zu seiner letzten großen Veröffentlichung (Ein glücklicher Mensch, 1975) sein Werk bestimmen werden. Biographisch ist dieser Lebensabschnitt geprägt von einer regen Teilnahme am kulturellen Leben Hamburgs: Nossack mitbegründet die Freie Akademie der Künste und engagiert sich z.B. beim Hamburger Dichtermarkt von 1951. Er veranstaltet zahlreiche Lesungen, sein Stück Die Rotte Kain wird am Deutschen Schauspielhaus aufgeführt. Nossack hält Kontakt zu vielen bedeutenden Schrifstellern der Stadt, namentlich Hans Henny Jahnn, Rolf Italiaander und Günther Weisenborn sowie zahlreichen prominenten Schauspielern wie etwa Mathias Wieman und Eva Pflug. Diese Hamburger Zeit ist, obwohl von Nossack häufig als belastend geschildert, die literarisch fruchtbarste seines Lebens. Die etwas abenteuerliche Biographie der 20er und 30er Jahre verändert sich jetzt zur Lebensgeschichte eines renommierten Intellektuellen.
Die Diaspora in Süddeutschland: 1956-1969 |
Es folgen die Jahre in Aystetten bei Augsburg. Dort finanziert der Schweizer Mäzen Kurt Bösch Nossack ein kleines Haus, in dem er, nach der Auflösung der väterlichen Firma, hätte zurückgezogen schreiben können. Er beschäftigt sich jedoch hauptsächlich mit Übersetzungen; eigene Werke größeren Umfangs entstehen nicht. Offenbar benötigt Nossack die Atmosphäre einer Großstadt zur Anregung seiner literarischen Produktion. Erst nach der Verleihung der Ehrengabe des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie (1957, später in Hans Erich Nossack-Preis umbenannt), des Büchner-Preises im Jahre 1961 und dem Umzug nach Darmstadt, später Frankfurt, nimmt er die literarische Tätigkeit wieder auf und greift dabei, wie er selbst sagt, auf Konzepte aus der Hamburger Zeit zurück: Er "lebt von den Zinsen des Kapitals, das er seit 1945 angesammelt hat. Das Wertpapier, das lange nichts einbrachte, ist endlich in Kurs gekommen, so daß er nun reden oder schreiben kann, was er will, und dafür bezahlt wird." 1963 erhält er den Wilhelm Raabe-Preis der Stadt Braunschweig. Es entstehen Werke wie Das kennt man, Das Testament des Lucius Eurinus oder Der Fall d'Arthez. Als deutscher 'Kulturbotschafter' tritt er eine rege Reisetätigkeit an, die ihn nach Indien, Skandinavien, Südeuropa und in die USA führt.
Das Alter: 1969-1977 |
Nach der Rückkehr nach Hamburg zählt Nossack zu den gefragtesten Publizisten Deutschlands, der sich in Rundfunk und Zeitschriften zu Themen des Zeitgeschehens äußert. Ferner erscheinen noch einige Alterswerke (Die gestohlene Melodie, Bereitschaftsdienst, Ein glücklicher Mensch, ein Roman, der auf Vorarbeiten aus den 50er Jahren zurückgeht). Sein Lebenswerk wird durch die Aufnahme in den Pour le mérite (1973) und die Verleihung weiterer Preise (z.B. Alexander Zinn-Preis, 1974) gewürdigt. Am 2. November 1977 verstirbt Nossack in seiner Heimatstadt. Hans Erich Nossack hat Zeit seines Lebens die Bedeutung seiner Biographie für sein Werk betont, diese gleichzeitig in eine innere und eine äußere geteilt (vgl. dazu z.B. seine kurze Autobiographie oder sein Selbstinterview), wie auch diese verschleiert.