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Rezension

Dieser Andere

Das eigene Ich und der Andere
Von PAUL HÜBNER

Rheinische Post, 14. August 1976
Das Nossack-Lesebuch eignet sich gut als erster Zugang zu Nossack, bringt aber auch für den Nossack-Leser viel unbekanntes Material. Vor allem einige Briefe sind für die Person und für das frühe Werk sehr aufschlußreich. Der Briefwechsel mit Hermann Kasack ruft die Hamburger Katastrophe von 1943 ins Gedächtnis, wie Nossack sie überlebte und was sie für ihn wegen der Vernichtung der Tagebücher und fertiger Manuskripte bedeutet hat.

Besonders interessiert in dem Band das Thema: Nossack und das Dramatische. Denn Nossack fühlte sich ursprünglich vom Drama angezogen. Verloren ging ein dreiaktiges Trauerspiel "Der reiche Jüngling" von 1929, eine Orestie mit dem als unmöglich kommentierten Titel "Der Krieg ist aus" sowie ein Entwurf mit ausgeführten Szenen zu einem Florian-Geyer-Stück, "Der Sieger". Zu keinem Stück habe er gewissenhaftere Vorstudien gemacht, schreibt Nossack. Militärisch sei für ihn der Bauernkrieg eine eindeutige Landkarte. Er sei in Königshofen sogar persönlich gewesen, um die strategische Lage des Tauberüberganges zu prüfen, der leicht von den Bauern zu verhindern gewesen wäre. Das Stück über Florian Geyer sollte ohne Szenenwechsel, ohne Pause von Samstagnachmittag bis in den Sonntagmorgen dauern, Nossack sagt dazu, er könne sich ein Drama nur als eine unterbrochene große Passacaglia denken. In dieser Kasack mitgeteilten Lebensbilanz unmittelbar nach dem Schock der Bomben, spricht er auch von seiner eigenen Ungeselligkeit; er untersucht, warum sich Menschen für ihn zunächst stark interessieren, bis sie sich langsam, ohne Grund zurückziehen. Noch in den teils bittenden, teils von sich überzeugten Briefen an den Verleger Peter Suhrkamp ist von den Theaterstücken die Rede, obwohl "Die Rotte Kain" kein Erfolg wurde: Prosa sei ein noch ungelöstes Problem für ihn, erklärte er Suhrkamp. Obwohl dann gerade die Prosa den Einzelgänger und ,zähen Burschen', wie er sich bei aller Enttäuschung über Suhrkamp bezeichnet, vor den Gedichten und vor den Stücken zu Nossacks schriftstellerischem Weg und Erfolg führte.

Zur geistigen Zeitgeschichte nach 1945 mit der Anklage, daß kein Gebildeter eingestehe, daß er sich habe betrügen lassen, gibt es ebenso erstaunliche Beobachtungen und Dokumentarisches wie zu eigenen Schwächen. Nossack gesteht etwa, daß er die Bedeutung von Brechts ,,Mutter Courage" völlig verkannt hatte. Die ausgewählten Texte erhärten, was der Herausgeber als zentrale Themen in Nossacks Werk ausweist: Gericht und Prozeß, Anklage und Verteidigung, Verurteilunq und Begnadigung; der Irrtum, muß man noch hinzufügen, und das eigene Ich und der Andere.