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Rezension

Der Fall d'Arthez

d'Arthez - der Artist
Von KARL AUGUST HORST

Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 8. September 1968

Hans Erich Nossacks Roman Der Fall d'Arthez beginnt mit einem Verhör zur Person. Für den jungen Berichterstatter, der es in der Abhörzelle auf Band nimmt, wird es zum Anstoß, sich mit d'Arthez näher zu befassen, zunächst im Auftrag der Sicherheitsbehörde, späterhin aus Neugier auf die unbewältigte Vergangenheit und um zu einem Ich zu kommen. In seinem Bericht nämlich spricht er von sich in der dritten Person. Im Augenblick da er ihn abschließt und mit abrundenden Nachträgen vorlegt, ist er als Entwicklungshelfer unterwegs nach Afrika, woraus zu schließen ist, daß d'Arthez ihm zum Absprung verholfen hat.

Nichts, das sich greifen und fixieren ließe, kommt bei der Entschlüsselung des Falls heraus. Wir kennen aus früheren Büchern Nossacks die Unmöglichkeit der Beweisaufnahme in einem Verfahren, bei dem sich an jeder Frage Ja und Nein scheiden, wiewohl von seiten des Vernommenen alles geschieht, dem gesellschaftlichen Verabredungsschema genüge zu tun und es eben dadurch in seiner heillosen Beschränktheit bloßzustellen.

Auch Ernst Nasemann, der unter dem Künstlernamen d'Arthez durch zeitkritische Pantomimen berühmt geworden ist, Bruder eines Großindustriellen und ehemaliger KZ-Häftling, kommt von außerhalb oder - wie sein Freund Louis Lambert (eigentlich Ludwig Lembke) sagt: er ist "exterritorial", und wenn es im Dritten Reich eine Schuld gab, so "bestand seine Schuld darin, daß er damals, als man ihn ins Konzentrationslager steckte, seine Exterritorialität noch nicht zu verbergen verstand". Was ihn heute mit der Sicherheitsbehörde in Konflikt bringt und den mit dem Verhör beauftragten Dr. Glatschke so reizt, ist der Umstand, "daß er diese Exterritorialität wittert, aber nicht beweisen kann, weil d'Arthez ein so korrekter Mann ist und dazu verwandt mit den Nany-Werken".

Die Verwandtschaft Nasemanns mit maßgebenden Gesellschaftskreisen, deren Gepflogenheiten er sich lieber anpaßt, als die selbstverständliche Exterritorialität verkitscht oder melodramatisch auszuspielen, die peinlich genaue und durch das absolute Nein, das sie begründet, vernichtende Kopie des gängigen Verhaltens, mit der man die Mitwelt beliefert, wobei das Mitleid, das sie verdient, dem Pantomimen hilft, Konzilanz vorzutäuschen - all das ist uns aus früheren Büchern Nossacks vertraut. Die Pantomimen Nasemanns sind die gegenständliche Replik des Verhaltens, das in der Erzählung Die Schalttafel der unmenschliche Schneider seinem zu Aufsässigkeit neigenden jüngeren Kommilitonen empfiehlt. Ein ähnliches Verhältnis hier, vermittelt durch Nasemanns Tochter Edith, besteht zwischen d'Arthez und dem jugendlichen Berichterstatter.

Neu ist an Nossacks jüngstem Roman, das die Exterritorialität des Helden geschichtlich - daß heißt literaturgeschichtlich - eine bestimmte Herkunft hat und daß sie statt in eine utopische Zukunft in eine imaginäre Vergangenheit zurückweist. In Balzacs Verlorenen Illusionen kommt ein gewisser d'Arthez vor, von dem Ernst Nasemann, der gelegentlich als Clown bezeichnete Kabarettist und Komiker, sagt: "Er ist uns Vorbild geblieben für die geduldig arbeitende, geheime intellektuelle Opposition. Ein Vorbild darin, sich von keiner falschen Aktualität vom Ziel abbringen zu lassen. Von der Revolution."

In zwei Punkten mißversteht Glatschke, der die Vernehmung durchführt, diese durchaus korrekte Aussage. Dem Leser mag es ähnlich ergehen. Erstens darin, daß d'Arthez "wir" und "uns" sagt, was auf eine Geheimorganisation mit subversiven Absichten schließen läßt. In Wahrheit ist Louis Lambert, eine andere Figur Balzacs, der einzige, der sich in die anachronistisch exterritoriale Herkunft mit d'Arthez zu teilen vermag, wiewohl er nicht exterritorial geboren, sondern durch eine tödliche Erfahrung über die Binnenwelt hinausgeraten ist, während Ernst Nasemann, der KZ-Häftling, in den drei Monaten Chaos, die er bei Kriegsende auf dem Weg nach Berlin übersteht, die Rolle des abwartenden d'Arthez stellvertretend übernimmt. Louis Lambert ist das Pseudonym des ehemaligen Erfolgschriftstellers Ludwig Lembke, der als Hilfsbibliothekar in Frankfurt untergekommen und an den pantomimischen Schöpfungen seines Freundes d'Arthez mindestens ideell mitbeteiligt ist.

Für den Begriff "Revolution" ergibt sich hieraus, daß er in ihrer beider Sprachgebrauch so wenig mit irgendeiner falschen Aktualität zu verwechseln ist wie ihre Person mit der Umwelt, in die sie hineingeworfen ist, sondern daß sie die bewußte Preisgabe der eigenen zufällig bedingten Vergangenheit zur Voraussetzung hat. Die Revolution richtet sich gegen diese Welt, die nicht anders sein kann als sie ist und deren Notwendigkeit für unser Freiheitsbewußtsein das ständige Skandalon ist. Was Lembke am Sterbebett seiner Frau, was Nasemann in den drei Monaten nach seiner Flucht aus dem Konzentrationslager erfahren haben, ist unaussprechlich und ihr persönliches Geheimnis. Wichtig ist allein, daß sie in der intellektuellen Opposition den Hebel der Revolution gefunden haben.

Nossack knüpft zwischen zwei Figuren Balzacs ein Verhältnis an, das zu einer Reihe von Spekulationen Anlaß gibt. Hier soll nur eine herausgegriffen werden. Es fällt auf, daß im "Fall d'Arthez" zum erstenmal bei Nossack die geschichtliche Dimension sichtbar wird (im Gegensatz zur mythischen in Nekyia). Mit ihr das Paradox geschichtlicher Überlieferung, insofern die Epochen in ihrem Kern, das heißt in ihrem Wahrheitserlebnis, hermetisch gegeneinander verschlossen sind. Der Traditionsbegriff trügt. Was an einer Erfahrung selbstverständlich ist - und dies allein zählt -, läßt sich ebendarum nicht mitteilen. Das selbstverständliche Wissen ist nur um den Preis der Selbsterfahrung zu haben.

Ludwig Lembke hat unter dem Pseudonym Louis Lambert im Dritten Reich historische Romane geschrieben, nach dem Krieg hat er die bescheidene Stellung eines Hilfsbibliothekars angenommen. Es geht die Rede, daß die Pantomimen, die d'Arthez auf der Bühne und im Fernsehen so großen Erfolg eingebracht haben, zum Teil auf Ideen Lamberts zurückgehen, ja daß der Typ, den d'Arthez verkörpert, eine Schöpfung Lamberts ist. Der historische d'Arthez, über dessen fernere Schicksale nichts bekannt ist, wird bei Nossack, ohne daß er seinen Namen wesentlich zu ändern brauchte, zum freien Artisten. Sollte damit gemeint sein, daß der Geist, wenn er das geschichtliche Gewand abgestreift hat und seiner Exterritorialität innegeworden ist, im Artisten sein Gegenbild erblickt und das mit der Revolution das letzte Kapitel der Welt anhebt?