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Rezension

Nach dem letzten Aufstand

Der Kuckucksruf
Von KARL AUGUST HORST

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. November 1961

Hans Erich Nossack verhält sich in seinem Schaffen den überlieferten literarischen Normen gegenüber widerstrebend. Es würde sich kaum lohnen, diese Binsenwahrheit auszusprechen, wenn nicht Binsenwahrheiten, sofern man sie als Dickicht aufwuchern läßt, dem Dichter Gelegenheit böten, die Lichtung seines Werks verborgen zu halten. Wenn Nossack sich der literarischen Konvention bedient, schirmt er mit der Geschichte des erzählenden "Ich" oder "Er" einen Horizont ab, dessen unverstellte Offenheit mit dem Verstummen gleichbedeutend wäre.

Sein jüngstes Buch "Nach dem letzten Aufstand" ist nach dem Ausspruch des fiktiven Herausgebers, dem gewisse Aufzeichnungen durch "Zufall" in die Hände gefallen sind, kein Roman, sondern ein "Bericht". "Es handelt sich nicht um das", schreibt der Herausgeber, "was man einen Roman zu nennen pflegt, also nicht um etwas Ausgedachtes und auf seine Wirkung hin Erzähltes, sondern um einen schlichten Erlebnisbericht, den der Verfasser ohne Rücksicht auf anerkannte literarische Formen niederschrieb." Der Leser, der zu einem Buch von Nossack greift, fühlt sich über den Verdacht, er habe es mit einem bloßen Roman zu tun, natürlich hoch erhaben. Ueber der lässigen Definition, wonach der Roman etwas Ausgedachtes und auf seine Wirkung hin Erzähltes ist, entgeht seinem Blick die Angel, die Nossack den Herausgeber treuherzig am Schluß des Satzes auswerfen läßt: ein "Erlebnisbericht" soll das Buch sein, und gar ein schlichter Erlebnisbericht. Auch hier wird mit einer Binsenwahrhelt der Horizont verstellt. Denn mag der Roman - wenn auch im groben - noch einigermaßen definierbar sein, so entzieht sich - buchstäblich aufgefaßt - der Erlebnisbericht jeder Definition, da er in striktem Sinne absolut ist. Nossack läßt den Herausgeber unterstellen, daß Roman und Erlebnisbericht einander ausschlössen, obwohl natürlich jeder echte Roman - ob Flauberts "Madame Bovary" oder Prousts "Recherche" - immer beides zugleich, nämlich Erlebnisfabel im Gewande der Darstellung ist: eine Zwiefältigkeit, die auch Nossack nicht aufzuspalten vermag. Will uns der Herausgeber bedeuten, daß die Rechtfertigung des "Don Quijote" von Cervantes einzig und allein darin besteht, daß er uns als Roman bis an die Schwelle der einsamen und jeder Mitteilungsfähigkeit baren Idealwelt des Ritters aus der Mancha heranführt, die sich nicht unmittelbar, sondern nur ironisch gebrochen darstellen läßt?

Oder noch einfacher: Jemand geht im Wald spazieren und hört plötzlich einen Kuckuck rufen. Sein Verstand mag das ganz in der Ordnung finden. Man hat ihm gesagt, es gebe in dieser Gegend noch hie und da einen Vogel dieses Namens, ja, es beständen sogar gewisse, zu seinem Schutz getroffene Bestimmungen. Man könne sich an Hand von Schriftstücken davon überzeugen. Jedoch der Kuckucksruf als solcher bleibt von dieser Erklärung völlig unbetroffen. Tatsache ist, daß ich ihn höre und mich gewisser Praktiken entsinne, die darauf abzielen, zwischen dem Ruf und mir ein ausschließliches Verhältnis herzustellen, indem ich zum Beispiel - unter Hintansetzung jedes anderen Gedankens und indem ich mich hüte, ein Wort auszusprechen - meinen Geldbeutel schüttle oder insgeheim einen Wunsch lautwerden lasse. Auch die Lebensjahre, die mir die Zahl der Kuckuckrufe zumißt, gehen einzig und allein mich an und haben nur im Raum meines Erlebnisses Geltung.

Setzen wir den Fall: es gäbe nach wie vor den Kuckuck, wenn auch an für den Städter schwer zugänglichen Orten, aber es gäbe nicht mehr das Erlebnis des Kuckucksrufs, so haben wir ungefähr die Epoche bestimmt, aus der Nossacks "Bericht" stammen soll. Ein Mensch hat ihn niedergeschrieben, der im Verhältnis zu dem, was er in der Zeit "vor dem letzten Aufstand" erlebt hat, ein anderer geworden ist - nämlich Nachtportier in dem Münchener Hotel "Schwarzes Lamm", während er vorher "Begleiter des Gottes" war, der jetzt einen anderen Namen trägt, aber einen "eigentlichen" Namen auch früher nicht gehabt hat, obwohl er natürlich in den Personalakten und Meldungslisten der Behörden gewisse Namenspuren hinterlassen hat, genauso wie der Wunschvogel in zoologischen oder ornithologischen Handbüchern unter bestimmten Bezeichnungen geführt wird.

Die Zeit "Nach dem letzten Aufstand" ist nach der Tötung des letzten Menschen - das heißt genauer: des zum Göttlichen befähigten Menschen - angebrochen. Die Zerscherbung und Atomisierung der Welt hat einen äußersten Grad erreicht, was sich darin äußert, daß sie in das Erlebnis nicht mehr eingeht. Aber vielleicht läßt sich gerade darum erst jetzt, nachdem der Bruch endgültig eingetreten ist, in absoluter Einsamkeit der Ort ihrer früheren Einheit einsehen. Dieses "Vielleicht" ist der spinnwebdünne Faden, der in Nossacks Buch konstatierbare Realität und reine Phantasie zusammenhält. Er ist der Faden des "Berichts". Risse er gänzlich ab, so gäbe es einerseits nur noch Reportage, anderseits nur noch Esoterik. (Der Gesamttitel des Erzählungsbandes "Interview mit dem Tode" deutet ebenfalls auf die Verknüpfung dieser beiden Bereiche hin.) Ein Bericht aus der Zeit "vorher" kann sich nur noch auf die Erinnerung gründen, denn "nachher" ist das Erlebnis - etwa die Begegnung mit einem Engel auf der Leopoldstraße in München - ortlos geworden. Seine Realität ist im Hinblick auf die Welt, in der es sich ereignet, derart exzentrisch, daß es sich nur noch tautologisch in einem sachlich gehaltenen "Erlebnisbericht" wiedergeben läßt.

Warum läßt es sich dennoch erzählen? Ich habe mit Absicht den Kuckuck genannt, der seine Stimme so verstellen kann, daß sie aus weiter Ferne zu rufen scheint, wenn sie ganz nah ist, und der umgekehrt die Ferne in greifbare Nähe rücken läßt. Nossack ist ein Meister sprachlicher Verstellung. Sein Stil wechselt mit unerhörter mimischer Wendigkeit zwischen Ferne und Nähe. Das zeigt sich schon rein formal, indem er den "Jungen Mann", dessen Begegnung mit dem "Engel" die ganze Geschichte in Gang setzt, als inzwischen gealterten "Herausgeber" das Buch einführen läßt und mit dem weit zurückliegenden Erzählungsanfang bewußt kontrastiert. Tiefer reicht die Verstellung, wenn er die Realität in Schein auflöst, als böten Schauspiel oder Zirkus die einzige Chance, sich jenen Stufen zu nahen, die der Gott zur Unsterblichkeit emporschreitet, weil diese "Unsterblichkeit" nichts anderes ist als äußerste Ohnmacht, Entblößung und Einsamkeit des "Außerhalb-der-Welt-Seins", das sich nur im Schein spiegeln kann. Das Mysterium, das der "Bericht" unablässig umkreist, ist der Vollzug des Schweigens durch die Sprache. Ohne das Schweigen der Intervalle gäbe es keine Tonreihe, keine Melodie. Ohne das Schweigen des Raums gäbe es weder Ferne noch Nähe. Die Leere, die "nach dem letzten Aufstand" in die Welt eingezogen ist, dient dem Dichter Nossack als Zauberspiegel, um die Erscheinungen des Göttlichen ins Nichts zurückzuverwaneln. Mephisto wurde bei den Romantikern zum ironischen Geist der Poesie. Bei Nossack büßt der hinkende "Widersacher" beim letzten Aufstand seine Macht ein. Von nun an ist die Sprengkraft weltvernichtender Ironie den Vernichtungswaffen ebenbürtig.