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Rezension

Der jüngere Bruder

Auf der Einbahnstraße
Von GÜNTER BLÖCKER

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25./26. Oktober 1958

Hans Erich Nossack verdanken wir den deutschen Text eines Romans, von Joyce Cary sowie - unlängst erst - die subtile Nachformung der beinahe schon klassischen, trotzdem in Deutschland kaum bekannten Kleinstadtgeschichten von Sherwood Anderson "Winesburg, Ohio" (bei Suhrkamp). Freilich, sosehr solche Sonderleistungen der Schärfung und Verfeinerung des eigenen schriftstellerischen Instrumentariums dienen mögen - der Karriere dienen sie nicht. In der Regel werden sie kaum beachtet, und dem selbstlosen Vermittler droht, daß er auch mit dem in Vergessenheit gerät, was er selber geschrieben hat. Dieser Gefahr scheint Nossack sich bewußt zu sein. Während er bis 1955 auffallend sparsam publizierte, hat er seither in rascher Folge drei Romane vorgelegt - eine Leistung, die neben Bewunderung auch leise Besorgnis weckt.

Es ist gewiß kein Zufall, sondern ein für unsere Situation bezeichnendes Zusammentreffen, daß Nossack mit seinem neuen Buch auf einen ähnlichen Punkt zielt wie gleichzeitig Gerd Gaiser mit seinem Roman "Schlußball" (vergleiche Literaturblatt vom 13. 9. 58). Auch Nossack stellt - wenn auch auf eine vorsätzlich kaltschnäuzige, achselzuckende Art und ohne Gaisers tragische Grundierung - das Uebel unserer Epoche dar: ihre Abgetrenntheit vom eigentlichen Daseinsgrund, ihre Unfähigkeit zu jeglicher Unmittelbarkeit. Sein Held, ein erfolgreicher Oelfachmann, steht ohne rechte Teilhabe neben dem Leben, er spielt das Spiel mit, jedoch nur, um sich nicht zu verraten, zur "Tarnung", wie er es nennt. In Wahrheit fühlt er sich in eine Bilderwelt gestellt, die er als ebenso unwirklich empfindet wie die Rolle, die er darin zu agieren gezwungen ist. Er betrachtet nicht nur seine Umwelt mit ungläubiger Verachtung, auch auf sichselbst blickt er wie auf einen "wunderlichen anderen". Je steiler seine Karriere, nach bürgerlichem Maß, aufwärts geht, desto mehr führt sie ins Leere, in einen substanzlosen Schwebezustand, aus dem er sich durch einen Absprung zu retten versucht. Er verläßt Europa, um im Auftrage des schwiegerväterlichen Oelkonzerns an einer Expedition in Südamerika teilzunehmen. Nur er selbst weiß, daß es sich dabei um eine Flucht handelt.

Alles dies ist Vorgeschichte. Der Roman beginnt mit der Rückkehr des Helden. Der Krieg hat ihn in Brasilien festgehalten, ein Erdbeben ist inzwischen über die Welt gegangen, seine Frau ist daheim auf mysteriöse Art umgekommen, er selbst hat eine schwere Krankheit hinter sich - aber im Grunde hat sich nichts geändert. Man tut, als ob nichts gewesen wäre, und spielt weiter "christliches Abendland". Keine Katastrophe bringt die Menschen zur Wirklichkeit. Vielmehr sind sie, sobald der reinigende Feurregen aufgeört hat, sogleich wieder mit der Restauration ihrer Unwirklichkeit beschäftigt. Der Autor zitiert ein Wort Swedenborgs, nach welchem allein die verwüsteten Stellen unseres Daseins in ihrer absoluten Trostlosigkeit jene Erlösung gewähren, die aus der Verzweiflung kommt. Doch keiner ist bereit, sich an solchem Ort anzusiedeln. Auch Nossacks dürrer Held nicht. Im Gegenteil, in einer sonderbaren poetischen Wallung beginnt er - und hier gerät der Roman ins Romanhafte - nach seinem besseren, seinem versäumten Selbst zu suchen, das er den "jüngeren Bruder" nennt. Er meint diesen in einem jungen Mann gefunden zu haben, auf dessen Namen er beim Studium der Polizeiakten über den (ihm übrigens höchst gleichgültigen) Tod seiner Frau stößt. So jagt er - der Kontaktlose in jähem Verlangen nach Kontakt - hinter einem Phantom her. Als er es - irrtümlich - zu erblicken meint, gleitet er in einer Bierlache aus und stürzt sich zu Tode. Das klägliche Ende einer klüglichen Sache, deren Symbolwert eben in ihrer Untauglichkeit für jede echte Symbolik liegt.

Der Held selbst berichtet den Vorgang in der Ich-Form - nur das Ende wird von einem anderen nachgetragen. Nossack wandelt damit, wie in seinen früheren Romanen, auf der Spur des Meisters Joyce Cary, der ein Virtuose in solchen erzählerischen Tarnformem ist. Cary kann sich das leisten: seiner überquellenden Erzählernatur gelingt es (am großartigsten in "Prisoner of Grace"), den Stoff im Temperament eines anderen doppelt farbenreich aufsprühen zu lassen. Dagegen kann man sich bei Nossack nicht des Gefühls erwehren, daß dieses Verfahren zur Verschleierung eigener Erzählschwäche herhalten muß: die Verantwortung für die sture Kargheit des Berichts wird vom Autor weg auf den vorgeschobenen Berichterstatter abgewälzt. Nossack weicht vor der Verpflichtung zur epischen Allseitigkeit in die Einbahnstraße der fingierten Ich-Erzählung eines Dritten aus, für dessen Erzählweise er - so kunstvoll er sie auch selber herstellt - daher nicht voll geradezustehen braucht. Was bei Joyce Cary Bereieherung aus dem Handgelenk eines souveränen Spielers ist, wirkt bei Nossack als unnötige, fast ein wenig ängstliche Blick- und Weltverengung, als die vorsorgliche Maßnahme eines Talents, das mit sich haushalten zu müssen meint. Ein gewisser Mangel an erzählerischer Vollblütigkeit wird manieristisch zum Ausdruck stilisiert und so als Tugend ausgegeben.

Das ist schade. Nossack vertritt in der gegenwärtigen deutschen Literatur den Typus des schmalen, intellektuellen Romans, wie er außerhalb Deutschlands etwa von Camus, in gewissem Sinne auch von Huxley gepflegt wird. Er ist ein eher novellistisches Temperament, das den Roman durch Zusammenschweißung erzählerischer Einzelteile erzwingt. Ein solches Verhalten geht begreiflicherweise, nicht ohne Künstlichkeiten vonstatten, zumal dann nicht, wenn bei einer allzu hastigen Produktion - und insofern sprachen wir eingangs von einem leisen Bedenken - die Montage den Reifeprozeß ersetzen muß. Die einzelnen Teile dieses Romanberichts sind ungleichwertig nicht in der erzählerischen Qualität, sondern in ihrer Wichtigkeit für die Entwicklung des Themas. Der Besuch bei dem älteren Bruder, einem Studienrat in Apolda, dem Prototyp eines mit Lebensblindheit geschlagenen "guten Menschen", ist eine meisterliche Miniatur, aber in dieser Form ebenso eine Einlage wie die ein wenig billig geratene Kabarettszene des Dr. Fritz Breckwaldt. Gewiß. mit dieser Karikatur eines Witschaftswundermannes sollte etwas Billiges dargestellt werden, es wurde jedoch nur mit billigen Mitteln dargestellt. Das sind Einwände, die gemacht werden müssen, gerade weil sie auf Mängel hinweisen, die die Kehrseite von Vorzügen sind, und weil wir meinen, daß von diesem Autor, der sich einen Platz außerhalb der bundesdeutschen Gartenlaube ausgesucht hat und ihn mit Entschiedenheit behauptet, noch etwas zu erwarten ist.