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Rezension

Gedichte

Dichtung als Beschwörung
Von HEINZ WENIGER

Rheinische Zeitung, 5. April 1948

Wenn man sozusagen beruflich damit befaßt ist, sein Ohr an der Stimme der Zeit zu halten, um jeden echten Klang zu erlauschen, so ist man angesichts der lyrischen Flut, die seit dem Dritten Reich über uns hereingebrochen und heute noch nicht verebbt ist, in einer schwierigen Lage. Man kann sich des Verdachts nicht ganz erwehren, daß hier eine einzigartige und bedenkliche Flucht aus der schwer ertragbar gewordenen Lebenswirklichkeit in die Unsachwerte einer unverbindlichen Dichterphantasie stattfindet, also eine Art fortgesetzte innere Emigration. Man muß sein Ohr und seine Stimme kritisch schärfen, um unter den vielen teils bekannten, meist aber neuen Namen ein echtes, abtastbares Dichterprofil sich abzeichnen zu sehen.

In dem 1901 in Hamburg geborenen Hans Erich Nossack glauben wir wenigstens in Umrissen etwas von einer eigenartigen dichterischen Persönlichkeit entdeckt zu haben, etwas, auf das man achtgeben sollte. Was von ihm bislang im Druck vorliegt, ist wenig. Die Heidelberger Monatsschrift "Die Wandlung" (bei Lambert Schneider) veröffentlichte unlängst eine Szene aus dem Schauspiel "Die Rotte Kains" [sic] in einer wuchtig patriarchalischen Sprache geschrieben. Man wurde aufmerksam. Die beigefügten biographischen Angaben verraten, daß es meist dramatische Arbeiten sind, die von Nossack in Manuskripten vorliegen. Inzwischen sind im Wolfgang-Krüger-Verlag, Hamburg, ein Band "Gedichte" und ein "Bericht eines Überlebenden: Nekyia" erschienen. Schon das einleitende Gedicht läßt aufhorchen [...].

Nicht daß dieses Gedicht besonders kühn oder gewagt "modern" in der Form wäre. Es hat ja die traditionsgebundenste Form, die es gibt, die des Sonetts. Auch sonst überwiegt die Sonettform unter den Gedichten. Nossack ist also formal durchaus kein revolutionärer "Neutöner", beweist vielmehr mit überkommenen Formen (wie übrigens die meisten neuen Lyriker eine manchmal etwas beängstigende Virtuosität. Das ist in der Lyrik eher eine Gefahr als ein Gewinn, wie der Fall Rückert in der Vergangenheit und der Fall Weinheber in der Gegenwart gezeigt haben, die Gefahr nämlich, den Anschluß an den eigentlichen poetischen Substanzquell zu verlieren. Dieses Gedicht zeigt zum mindesten, das von einer Flucht aus der Wirklichkeit in eine romantische Unsachwelt bei Nossack nicht die Rede sein kann. Die etwa 50 Gedichte des Bändchens sind vielmehr manchmal von etwas erschreckender Erlebnisnähe und gehen in der beinahe Borchertschen Direktheit der Aussage oft hart an die Grenze des Sentimentalen, ein Eindruck, der durch die oft fast zu glatte Reimsprache nicht gemildert wird. Gedichte wie "Der Sohn", Gespräch eines gefallenen Soldaten mit seiner Mutter, und "Ein Mädchen spricht zum Tod" sind kennzeichnend dafür, verraten aber zugleich eine bis ins Balladeske reichende Spannweite lyrischer Aussageweise, die nicht ohne bestrickenden Reiz ist.

Um im Kritischen vollständig zu sein, sei noch erwähnt, daß mehrere Gedichte Bildungserlebnisse zum Gegenstand haben: Zwei Kleistgedichte, Händel, Strindberg, Hebbel, Barlach, Aeschylos u.a. Und das sind nicht die Stärksten [...].

Was einen im ganzen für diese Verse einnimmt, das ist eine gewisse lyrische Naivität, die jedoch in ihren besten Äußerungen vor Plattheit bewahrt bleibt. Und dann das echt dichterische Anliegen, die Lebenswirklichkeit nicht zu umgehen, sondern sie direkt anzugehen, ja anzuspringen, um sie zu bewältigen und zu bannen. Nach der herrschenden philosophischen Meinung heute ist Leben ein Geworfensein in das Schicksal und einziger Sinn des Lebens, das Leben in relativer Freiheit zu bestehen. Das ist auch der selbstzweckhafte Sinn von Dichtung. Und dieses legitime dichterische Anliegen ist auch das Anliegen des Dichters Nossack. [...].

Von diesem Gedicht ["Ist das der Mensch?"] ist der Weg zu dem Prosabuch "Nekyia" nicht weit. Nekyia ist der 11. Gesang der Odyssee betitelt, da Odysseus, in seiner Fahrt verhaltend, im Totenopfer die Seelen der Verstorbenen, namentlich den Seher Teresias und die Mutter, also die Vergangenheit, beschwört. Es ist eine Traumlandschaft, in der Raum und Zeit und ihre Kausalität aufgehoben sind zur höheren Logik der Existenz. Solchen Ausbrüchen aus der Zeit und Ausbrüchen in die Überzeit begegnen wir heute auf Schritt und Tritt in der Bühnendichtung wie in der Prosa. Mag uns das sympathisch sein oder nicht, es ist offenbar unser Schicksal, die Aufgabe, vor die wir uns gestellt finden. Es ist, als müßten wir das Geworfensein an die Schwelle des Todes und über sie hinaus nun erst einmal geistig nachleben und nachvollziehen, um es zu bestehen und zu bewältigen. Es begann vorahnend bei Kafka und geschah zuletzt großartig bei Kasack. Auch Nossack zollt in "Nekyia" diesem geistigen Schicksal seinen Tribut.

Trösten wir uns: Auch Odysseus mußte sich im Sühneopfer für die Toten bei Teresias und der Mutter Rat holen und Weisung in die Zukunft, ehe er seine eigentliche Heimkehr antreten konnte. Auch Nossacks "Nekyia" mag dichterisch als ein solches Sichabstoßen von der Vergangenheit (und Gegenwart) in eine neue Zukunft und Heimkehr Geltung haben.