Rezension |
Die Hauptprobe |
Das hintersinnige Schlachtfest
Wir sahen ein Stück, dessen Einordnung in eine der vorhandenen dramatischen Formen dem Autor selbst so unmöglich erschien, daß er eine neue Kategorie dafür erfand. Sie heißt laut Programmzettel: tragödienhafte Burleske. Wenn wir die Nomenklatur auch nicht glücklich finden, so sind wir literarischen Versuchen immer zugänglich. Was uns Nossack freilich mit diesem Stück aufgab, gleicht der Entwirrung eines Garnknäuels, das aus nicht zueinander passenden, heillos ineinander verknoteten Fäden verschiedener Farbe und Dicke besteht. Jeder Faden ist ein Hintersinn. Die Hintersinne sind so verknäuelt wie die burlesken Vordergründigkeiten. Man wird nicht daraus schlau, ob das Knäuel gesellschaftskritisch oder poetisch, grob naturalistisch oder philosophisch gemeint ist. Wir weisen ein paar mühsam herausgeklaubte Fäden vor und verschweigen nicht, daß es um des Autors willen geschieht, der sich mit einem schmalen novellistisehen Oeuvre einen Namen gemacht hat.
Der Wirt vom "Paradies" läßt ein Stück proben, mit dem er Gäste in sein provinzielles Lokal locken will. Die Spieler sind die Abortfrau, die den Wirt heiraten will und ihn schließlich dazu zwingt, weil der Wirt bei ihr hoch verschuldet ist, das junge Mädchen "Schnudelmutz", das nach enttäuschter Liebe im "Paradies" Hausmädchen ist, der junge Mann "Schnudelbart" (Namenfinden ist schwer, diese sind dümmliche Kosenamen, deren Hintersinn, falls vorhanden, dunkel bleibt), der das Mädchen enttäuscht hat, weil er es, ein hungernder Kuniödiant, nach gehabter Freud sitzen ließ, Mägerling (der Name klingt besser), Sohn der Abortfrau, Kellner im Paradies und tumb liebender Tor - er liebt natürlich die Verlassene - und schließlich der alte lumpensammelnde Papa Dullmeier, das senile Gegenstück zu Mägerling, auch er ein reiner Tor.
Nun hat sich Nossack wohl ausgedacht, daß die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn, in solch burleskes Milieu hineingetragen, viel Tief- und Hintersinn ergeben müsse. Zunächst sieht es so aus, als wolle das Stück auf die Fronten: Satt und hungrig hinaus. Es ist sehr viel von einem Schlachtfest die Rede, das den Darstellern zum Lohn für das Spiel vom Wirt gegeben werden soll. Ein "tragödienhaftes" Spiel um einen Schweinebraten, warum nicht? Man sieht zwar nicht ein, warum die Abortfrau die ganze Scheußlichkeit ihrer abgefeimten Seele als Königin ins Spiel vom verlorenen Sohn hinübernehmen darf. Dann aber rutscht die Sache in eine andere Thematik, die peinlichste im Knäuel. Es wird erotisch. Und da sind sie alle entweder geil oder blöd. Auch das wäre ein Thema. Aber irgendwo müßte ein Standort außerhalb sichtbar werden, der des Zynikers oder des Moralisten oder des Reinen. Manchmal fällt das Stück in den Bierulk, manchmal erreicht es die Ebene des Tiefsinns, so wenn der Wirt als Schwein ins Spiel gerät, das der verlorene Sohn hütet und das die Hungrigen gern schlachten möchten.
Aber Nossack hat offenbar nicht bedacht, daß die Figuren eines Stückes gelegentlich Gefahr laufen, eines Abends auf der Bühne Leben anzunehmen. Die Personenidentität der Darsteller stand in schreiendem Gegensatz zu den sich selbst widersprechenden Bedeutungen, die sie darzustellen hatten. Dramatis personae, mögen sie auch Ideenpuppen aus des Autors Gehirn sein, müssen mit sich selbst identisch sein und bleiben.
Faßt man das Ding von der Sprache her an, ergibt sich kein besseres Bild. Das edel Gemeinte gestelzter Verse wird in der direkten Nachbarschaft zum Animalisch-Niedrigen so fragwürdig, daß die Persiflage naheliegt. Der Dümmling Kellner schmeißt sich über einen Wirtshaustisch und schreit, daß das Leben so schwer sei (sic!) und irgendein anderer eröffnet der Abortfrau, daß er im Nichts stehe, was natürlich irgendwie mit - nun ja mit Existentialismus zu tun haben soll. Wenn wenigstens die Schweinereien aus Saft und Kraft kämen. Sie scheinen aus sublimem Ekel zu kommen, der auch nicht überzeugt.
Die Inszenierung von Walter Grüntzig lieferte wieder einmal ein Schulbeispiel für die Macht des Theaters. Ein Stück konnte natürlich auch das Theater nicht aus einem Gebilde machen, das kein Stück ist. Aber die Burleske wurde mit akustischem und elektrischem Bühnenzauber wenigstens im ersten Teil zum Spiel, in dem es hier und da von komödiantischen Effekten blitzte. Hannes Schütz ließ sich in der Rolle des fettwanstigen Spitzbubenwirts keine Chance entgehen.
Nachwort: Wieder einmal hat die Kritik versagt, indem sie ein neues deutsches Stück verrissen hat. Nun, so lange wir noch nicht wieder zum System der überwachten Kunstbetrachtung zurückgekehrt sind, hat die Kritik noch die Chance, Verantwortung abzuwälzen. Sie von uns selbst abzuwälzen, wäre witz- und zwecklos. Wir werden doch die Sündenböcke sein und bleiben. Aber der Kritiker plädiert dieses Mal auf Entlastung des Autors. Das Stück ist symptomatisch für das Fehlen einer Voraussetzung. Nossack wollte Gesellschaft in Frage stellen. Ansätze verraten es. Dazu fehlen die Voraussetzungen. Das erneut gezeigt zu haben, scheint uns ein Verdienst des Wiesbadener Schauspiels, dem in einer neuen Ära hoffentlich wieder mehr Bewegungsfreiheit gegönnt werden möge.
Über die Aufführung des Stückes Die Hauptprobe
Von KARL KORN
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Februar 1953
Erstveröffentlicht in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Februar 1953.
Hier nach: Über Hans Erich Nossack. Hg. von Christof Schmid. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970 (= edition suhrkamp 406), S. 88-90.