Rezension |
Das kennt man |
Kunst kontra Ideologie
Im deutschsprachigen Westen erschienen vor kurzem zwei neue Werke von Hans Erich Nossack: Das Testament des Lucius Eurinus und Das kennt man, Erzählung. Der Vergleich zwischen beiden Arbeiten ist aufschlußreich für die Erkenntnis der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Kunst in der freien westlichen Welt.
In beiden geht es um den Durchbruch und die Formung eines mündigen Bewußtseins gegenüber dem Terror einer demokratisch sich gebärdenden Religion der Menschlichkeit, die angeblich "alles versteht", alles als "gleich"-wertig einebnet und in Besitz nimmt ohne jede Möglichkeit eines Widerstandes, da ja alles zum Wohl des Beherrschten selber geschieht, dessen Auflehnung also von vornherein moralisch disqualifiziert ist. Denn wer darf sich Rechtens gegen Menschenfreundlichkeit und Verständnis auflehnen?
Die Erzählung Das kennt man ist die interessanteste Parodie demokratischer Utopien, die ich kenne. Das Traumreich von Freiheit, ungetrübtem Wohlsein und Wohlstand jenseits des Stroms und der schwarzen Wälder ist Utopie im Zustand moderner Verdinglichung, d. h. Verrat am Geist der Utopie.
Es wird regiert von der "Herrin". Sie ist sowohl eine ewig jungfrische Maid als auch der Todesengel, der ins Ewige weist. Alle Männer träumen von ihr. Aber nur einer unter Millionen, André, hat Bewußtsein. Er gelangt daher angstlos und frei durch die Schar wilder Tiere, die ihren Bezirk umkreisen als Repräsentanten des Animalischen, das seit jeher verlockend und vernichtend in den Imaginationen der Männer die Sphäre des Weiblichen, aber auch die Sphäre des "reinen" Geistes umgibt, der "geschützt" werden muß vor allem allzu "Irdischen". "Reines" Weib und "reiner" Geist fallen in solchen Imaginationen auf groteske Weise seit Jahrtausenden zusammen.
Das kennt man: Der Titel trifft vorzüglich dieses selten reflektierte factum brutum. Vorzüglich werden auch die Konsequenzen gestaltet: Die "Herrin", im Reich der Freiheit des Geistes und der Liebe ist selber höchst unfrei als Weib, so unfrei, daß sie den einzigen "Freien", André, sich als Besitztum aneignen will. Der aber, als dies ihm klar wird, verläßt sie, statt sie zu verwandeln. Die Folge: Affektbesetzung der "Herrin", die wütend ihre Vertraute in die "Welt" schickt, wo diese zur Hure wird, aber dem Traum von "Freiheit" teilhaftig bleibt, indem sie "menschlichen" Beistand dem Helden André leistet, der nun völlig an der wirklichen Welt zerbricht. Das Fazit: Liebe zwischen mündigen Personen wird ersetzt durch Mitleid mit den Gescheiterten, während die "Herrin" als alles zermalmende "Königin" in schwarzer Limousine die mitleidige Dirne unter den Rädern zerschmettert und am Sterbebett Andrés einen schäbig pseudo-"königlichen" Rachetriumph auskostet, der wirkt "wie im Zirkus". Die Parodie der heute herrschenden Vorstellungen von Freiheit, Geist Liebe und Menschlichkeit ist vollkommen.
Präziser und daher auch sprachkünstlerisch prägnanter hat Hans Erich Nossack im Testament des Lucius Eurinus das Problem ausgeformt: den Untergang personalen Rangbewußtseins durch Mitleid. Lucius Eurinus, einer der letzten freien Bürger Roms, der die Autonomie der Person mit dem Gehorsam gegenüber den rangunterschiedenen Göttern, den "Unsterblichen", verbindet, sieht in der heraufkommenden christlich-demokratischen Nivellierung aller Rangunterschiede im Namen der "Menschlichkeit" die Zerreißung der Einheit von Geist und Liebe. Seine Frau wird Christin und projiziert ihre Liebe zu ihrem Mann in eine allgemein verbindliche Nächstenliebe. Das kann er nicht ertragen. Für ihn sind Geist und Liebe identisch, sie aber trennt beide. Ihr Übertritt zum anderen Geist des Christentums tangiert nicht im mindesten ihre eheliche Liebe, die für sie, wie ihre Religion, etwas "allgemein" Menschliches ist. Sie kann sich nicht vorstellen, daß gerade der starke Mann als Person geliebt werden will. Im Bewußtsein, daß seine Frau auch ohne ihn unbeschwert weiterleben wird im Gefühl menschlich-göttlicher Allverbundenheit, wählt Eurinus den Freitod. Er läßt sich nicht als "Märtyrer" einer überpersönlichen "Idee" von anderen oder vom Fatum umbringen. Vor seiner Größe "verbeugt" sich sogar der christliche Führer (5. 59), nennt ihn den wahrhaft Überlegenen, der "keines Menschen Hilfe bedarf" (S.57).
Das Werk ist eine hoch explosive Kritik am heute herrschenden Demokratismus. Es scheint mir auch die künstlerisch gelungenste Dichtung zu sein, die Hans Erich Nossack bis heute schrieb.
Von WILHELM EMRICH
Die Welt der Literatur, 26. November 1964
Erstveröffentlicht in: Die Welt der Literatur, 26. November 1964.
Hier nach: Über Hans Erich Nossack. Hg. von Christof Schmid. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970 (= edition suhrkamp 406), S. 134-136.