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Rezension

Das Testament des Lucius Eurinus

Antike aktuell
Ein Beispiel für die Gegenwart in historischem Gewand
Von KARL KROLOW

Tagesspiegel (Berlin), 5. September 1965

Nicht unwahrscheinlich, daß Hans Erich Nossack die Hinterlassenschaft des hohen römischen Juristen, der den Freitod stirbt, "Das Testament des Lucius Eurinus", aufgesetzt im Jahre 200 nach Christi zu Rom, innerhalb seiner Produktion als ein Nebenwerk empfindet. Sicherlich ist dieses Protokoll der römischen virtus, zunächst als Privatdruck erschienen, ehe es Suhrkamp herausbrachte, im Vergleich zu den Romanen und geräumigen Erzählungen des Autors eher so etwas wie ein Kabinettstück. Von hoher kompositorischer Geschlossenheit, repräsentiert dieses Stück großartig gespannter Prosa freilich die besten stilistischen Äußerungsmöglichkeiten seines Verfassers.

Das Testament ist der Lebensbericht des römischen Richters und Bürgers Lucius Eurinus in einer sich wandelnden Zeit, während der christliche Glaube sich unaufhörlich ausbreitet und das Bild der alten Welt sich langsam zersetzt, die alten Götter im Begriff sind zu Haidengöttern erklärt zu werden, und die - vom Standpunkte der römischen Staatsreligion - "atheistischen" Christen auf dem Weg der Durchsetzung ihrer religiösen Wahrheit sind. Eurinus hat etwas von einem späten Cato, freilich ohne jede Engstirnigkeit. Seine Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, um mit diesem Selbstmord "den absoluten Gegensatz zu dem propagandistischen (christlichen) Martyrium", den "freiwilligen Tod des einzelnen als ein Bekenntnis zum Leben" zu demonstrieren, drückt die ganze Schwierigkeit der Lage römischen Geistes und seiner Kategorien inmitten einer Umwelt aus, die dabei ist, sich zu nivellieren, die Grenzen zwischen den Menschen, ihre Unterschiede, im Glaubensakt ineinander übergehen zu lassen. Die Freiheit von Geist, Liebe, Leben, Rechtlichkeit, Sitte, wie sie Eurinus versteht, wird durch den "lebensfeindlichen" Mitleids-Enthusiasmus der Christen widerlegt. Als die eigene Frau, Claudia, Christin wird und ihm das in einem nächtlichen Gespräch auseinandersetzt und als sich bald danach ein für Eurinus wichtiges Ereignis, eine Unterhaltung mit dem von ihm zur Verbannung verurteilten römischen Bischof, anschließt, ist sein Entschluß gefaßt.

Das alles wird von Nossack in der eigentümlich aufregenden Spannung des Berichts niedergelegt, in einer leidenschaftlich beunruhigten Kargheit der Äußerung, wie sie sich nur eine so disziplinierte Prosa wie die Nossacks gestatten kann, ohne an der eigenen Intention zu ermüden. Nossack gibt, wie er das gerne besorgt, ein Exempel für die Überlebenden: ein historisch-moralisches Beispiel der Menschenwürde in der Freiheit ihrer Entscheidungskraft. Der aktuelle Ton ist nicht zu überhören: es ist ein Beispiel angesichts eines Massenzeitalters, dem sich menschliche Individualität in einem Akt von rigoroser Konsequenz zu widersetzen versucht, gegeben von jemandem, der als Schriftsteller stets auf existentielle Wahrheit und Würde, auf Entscheidungssuche aus war. Die herben Konturen dieses Testamentes bestätigen solche Absichten aus neue.