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Rezension

Die gestohlene Melodie

Freiwild unter Toten
Raffiniertes Spiel mit dem Leser: eine verwirrende Equilibristik der Erzählung
Von KLAUS PETER DENKER

Nürnberger Nachrichten, 17. November 1972

Hans Erich Nossacks (71) neuer Roman "Die gestohlene Melodie" wird ein Fressen der Literaturwissenschaft werden, nicht eines des breiten Leserpublikums, das noch Romane ganz liest. 1958 hatte Wolfgang Kayser einmal eine Studie veröffentlicht, die den Titel trägt "Wer erzählt den Roman?". Diese bescheidene Frage hat eine ganze Wissenschaftler-Generation in Atem gehalten: ist es der Autor selbst, ist es sein erfundener Erzähler, schlüpft der Autor in die Rolle eines allwissenden Erzählers oder ist es, wie Kayser damals folgerte, der Roman, der "sich selber erzählt, steht der Geist dieses Romans, der allwissende, überall gegenwärtige und schaffende Geist der Welt".

Die ersten 36 Seiten der "gestohlenen Melodie" sind ein glänzendes Spiel mit der Erzählperspektive, sie sind der Versuch, den Leser von der Existenz eines sogenannten "Herausgebers" von "wahren" Notizen zu überzeugen, ihm aber auch fast im gleichen Absatz diesen Herausgeber und diese Notizen als Erfundenes, als Fiktion zu entlarven. Beispiel: "Darum hat der Herausgeber dieser Notizen sich entschlossen, die Geschichte auf die unglaubhafteste Art zu erzählen, die sich denken läßt, nämlich so, wie sie tatsächlich passiert ist." Passiert ist sie aber, wie wir zwei Seiten später erfahren, im Jahre 1980 im Sanatorium des Luftkurortes Bad T. im Schwarzwald.

Nossack gelingt es, auf diesen ersten Seiten mühelos aus der Distanz des Erzählenden in das Erzählte hinüberzugleiten, und dies so, daß zunächst ganz unwichtig ist, was erzählt wird: daß da nämlich ein gewisser Herr Fürst, Chef oder Inhaber der Firma "Fürst-Werbung GmbH", nach zehn Jahren in oben genanntem Sanatorium dem Herausgeber die Geschichte eines beiseite gelegten Drehbuchs schildern möchte, die Geschichte einer Suche nach der gestohlenen Melodie, weil dieser Herausgeber doch Schriftsteller sei und diese Filmidee am besten beurteilen könne.

"Was dieser Herr Fürst erzählte, war ihm von einem anderen erzählt worden. Das wäre nicht weiter schlimm, daß jemand nur Erzähltes erzählt, damit kann man sich leicht abfinden. Unüberwindlich werden die Schwierigkeiten jedoch dadurch, daß der, von dem dieser Herr Fürst das alles hatte, größtenteils auch nur erzählte, was ihm erzählt worden war, und zwar von einem, der kurz vorher gestorben war. Und inwieweit dieser Tote, den man nebenbei als Hauptfigur bezeichnen könne, auch nur wieder Erzähltes erzählte, läßt sich kaum mehr feststellen." Trotzdem beginnt dann tatsächlich die Geschichte oder besser der Roman, nun vom Herrn Fürst erzählt - oder doch vom Herausgeber, der ihn zitiert, oder vom Autor, der den zitierenden Herausgeber als Kunstfigur benutzt? Jedenfalls sagte der Herausgeber am Schluß des Buches, daß damit die Notizen, die er sich damals aufgrund der Erzählungen des Herrn Fürst gemacht habe, enden würden.

Und dieses Ende wird dann noch einmal für die interpretierende Literaturwissenschaft aufregend, denn flugs stellt sich eine Verbindung her zu Nossacks letztem Roman "Der Fall d'Arthez".

In dem kleinen Bändchen "Dichten und Trachten" (Nr. 30) des Suhrkamp-Verlages schrieb Nossack 1968 über diesen Roman, daß er unter dem Motto des Verses aus dem 87. Psalm stünde: "inter mortuos liber", wobei liber nicht eigentlich frei sondern vielmehr so etwas wie "nutzloses Strandgut" sei.

Auf der Seite 247 der "gestohlenen Melodie" heißt es aber: "Will man durchaus nicht auf die zweifelhafte Silbe 'frei' verzichten, ließe sich eher sagen 'Auch unter Toten Freiwild', doch auch das klingt noch nach Selbstbedauern, und so läßt sich der Sinn nur umschreiben mit: 'Selbst unter den Toten nicht sozialisierbar', womit zumindest die positiven Möglichkeiten eines Überlebens der Zeitgeschichte angedeute [sic] wären." Diese Passage selbst bleibt dunkel ebenso wie die Klammer zu Nossacks letztem Roman, jedenfalls vorläufig dunkel, wie vieles in der "gestohlenen Melodie".