Rezension |
Dem unbekannten Sieger |
Der neue Nossack enttäuscht
Nossack, das war gegen manche kritische Stimme zu betonen, hatte Im vergangenen Jahr mit Der Fall d'Arthez einen bemerkenswerten Roman geschrieben, der konsequent auf seinen vorhergehenden Romanen oder Berichten aufbaute - sogar darin, daß er Nossacks Romantizismus wieder aufnahm und in der Figur des Pantomimen d'Arthez Gestalt gewinnen ließ. Bereits ein Jahr später liegt ein neuer Roman Nossacks vor, eher eine längere Erzählung, Dem unbekannten Sieger. Man weiß nicht so recht, wo man diesen Roman einordnen soll im Werk Hans Erich Nossacks; aber um Katalogisierungsprobleme geht es bei dieser Überlegung weniger als um Qualitätsfragen. Ich kann mich nicht erinnern, je einen so mißlungenen Roman von Nossack gelesen zu haben wie diesen.
Nossack hat es wieder einmal mit einem Berichterstatter. Der ganze Roman ist der Bericht eines promovierten Geschichtslehrers an einen Juristen. Inhalt dieses Berichtes ist, verschiedentlich unterbrochen, ein Bericht des Vaters des Erzählers, der als Fiktion dargestellt wird, aber doch Wirklichkeit zu sein scheint. Diese formale Schachtelung hat ganz schlichte Gründe, so daß sich endlich dieser Roman nicht etwa als feinstrukturierte und vielschichtige Erzählung darstellt, sondern als ebene, ja zuweilen platte Geschichte.
Sie sieht so aus: Der Erzähler, Sohn einfacher Eltern, hat promoviert, und zwar in Geschichte über einen Unbekannten, der in den Unruhen nach dem Ersten Weltkrieg bei der Besetzung des Hamburger Rathauses und bei einer anderen entscheidenden Aktion gegen die Rechte eine strategisch wichtige Rolle gespielt hat, aber nie aufzutreiben war. Er hat Blutvergießen verhindert, dafür hat man ihm später sogar ein Denkmal gesetzt. Unser Erzähler nun, der dieser Geschichte wissenschaftlich-akribisch nachgegangen ist und viel Dokümentenmaterial studiert hat, veröffentlicht seine Dissertation nach einiger Zeit als populäre Zeitgeschichte.
Drehpunkt der Nossackschen Geschichte ist die Annahme des Autors, die dem Ich-Erzähler erst und nach bewußt wird,
daß nämlich jener unbekannte Sieger niemand anders als sein Vater sei. Den lieben langen Roman über memoriert der Erzähler Situationen, in denen der Väter über
sein Buch gesprochen und - das nimmt den größten Teil des Buches ein - im Familienkreise aus vorgegebener Phantasie erzählt hat, wie alles tatsächlich stattgefunden haben müßte. Nach des Vaters Erzählungen war alle ganz anders, als es der Historiker in seinem Buch dargestellt hat. Jener, genötigt die Handlungen aus den Dokumenten und Zeitungen (denen ohnehin nicht immer zu trauen ist), herauszuschälen, gezwungen, Sinn in eine ihm nicht aufschließbare Geschichte zu bringen, zielt weit an der Realität vorbei und leistet gleichwohl einen Beitrag zur Geschichte. Man fühlt sich an die Thesen aus Peter Härtlings neuem Roman "Das Familienfest" erinnert, denen Thema ebenfalls die Unglaubwürdigkeit zusammengetragener Geschichten ist, die an der Wirklichkeit vorbeitragen. Doch Härtling führt dieses Thema konsequent in die Form seines Romans ein. Bei Nossack ist nichts von alledem zu spüren. Lediglich ein Nörgeln gegen die Stichhaltigkeit der Historie und die Überheblichkeit eines Naturkinds gegen die Studierten - Ressentiments also beherrschen den Roman. Die drücken sich in der Sprache aus, die von einer erschreckenden Plattheit ist, nicht nur hier, wo es darum geht, daß der unbekannte Sieger den Namen Hein trug, ganz wie der Vater:
Merken Sie etwas? Klar, daß Sie etwas merken. Nur ich merkte nichts, obwohl die Wahrheit nackt und bloß auf dem Tisch lag und sich mit Händen greifen ließ. Mein Vater stieß mich ja geradezu mit der Nase drauf. Mein Vater hie0ß Kurt Hinrichs. Da haben Sie das Kuddel und da haben Sie das Hein. Doch selbst wenn mir damals diese Namensähnlichkeit aufgefallen wäre, hätte ich das höchstens für einen Zufall gehalten. Der Name ist ja nicht gerade selten; es dürfte wohl bestimmt noch mehr Kurt Hinrichs auf der Welt geben. Auch mein Sohn heißt wieder so. Nein, mit der Namengleichheit läßt sich nichts beweisen.
So (und so ähnlich) geht es püber 200 Seiten. Nossack, das ist das Traurige an der ganzen Angelegenheit, war mit seinem letzten Roman nach längerer Pause und trotz vieler Wiedersprüche wieder literarisch interessant geworden. Mit diesem Roman büßt er jeden Glanz ein, ja jeflisches Gespür für Qualität scheint ihn verlassen zu haben. Mit der deutsche Revolution nach 1918 und irgendwelchen gesellschaftlichen Problemen dieser oder jener Zeit hat das, was Hans Erich Nossack in diesem Rom,an von sich gegeben hat, nichts zu tun.
Kritische Anmerkungen zu dem Roman "Der unbekannte Sieger"
Von HEINZ LUDWIG ARNOLD
Sonntagsblatt, 28. September 1969