Rezension |
Unmögliche Beweisaufnahme |
Mit der Vergangenheit leben (Living with history)
Es ist bedauerlich, daß außer der vortrefflichen Unmögliche Beweisaufnahme die letztes Jahr unter dem Titel The Impossible Proof in englischer Übersetzung erschien, Hans Erich Nossacks längere Prosawerke in diesem Land unbekannt sind. Er ist ein Schriftsteller von beachtenswertem Vermögen, dessen scharfsinnigen Analysen der moralisch dahinsiechenden Erscheinungen in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft eine durchdringende Einsicht in die wirkliche Natur der menschlichen Erfahrungen enthüllen. In vollem Bewußtsein der schwindenden Möglichkeit einer Selbstbestimmung in der Massengesellschaft - mit ihren oberflächlichen Anpassungsmechanismen und kurzfristigen Beziehungen - unternimmt Nossack in seinen Werken die innere Erkundung, um die emotionalen Zentren zu erreichen, die in uns liegen. Denn "in der Welt in ihrem jetzigen Zustand ist die eigene Wahrheit die einzige Realität". Die zunehmende Abstraktion und Institutionalisierung des Lebens werden als Weg zur Leugnung und zum Verlust des eigenen Selbst gesehen: der Zustand des "berechenbaren Menschen", der seine eigene Unterwerfung duldet. Natürlich hat das Nachkriegs-Deutschland keinen Mangel an Exponenten seines auffälligen sozialen und psychologischen Zustandes: Schriftsteller, für die ungelöste Widersprüche und eine auffällige Gespaltenheit zwischen Intention und Verhalten recht klare Tatsachen sind. Nossack jedenfalls hat ihre kalkulierte politische Polemik bzw. ihre alles einschließenden Angriffe vermieden und das Individuum ins Auge gefaßt, dessen Bewußtsein, sich von den Hauptströmungen der Gesellschaft zu trennen, ein starker Impuls ist, sich nicht den anonymen Kräften der absoluten Systematisierung zu unterwerfen. Dieser Typ von Individuum will tatsächlich jenem Druck aktiv widerstehen, indem er - wie Nossack es nennt - ein Partisanen-Dasein führt, worunter man eine Form von intellektueller Resistenz verstehen muß.
Nossacks literarische Karriere begann tatsächlich nicht vor 1947, als er schon mitten im Leben stand. Als die Nazis an die Macht kamen, war er gerade dabei, sein erstes Werk zu publizieren, wurde aber daran gehindert. Er fuhr fort im Verborgenen zu schreiben, aber außer ein oder zwei Gedichten wurde nichts vor Ende des 2. Weltkrieges veröffentlicht. Heute umfaßt sein Oevre eine Sammlung von Poesie, drei Theaterstücke und zahlreiche erzählende Prosa-Stücke - von Kurzgeschichten bis zu Romanen - und eine unbekannte Zahl von Essays und Vorträgen. Den Verlust aller Manuskripte und den Zwang, ganz von vorne anzufangen, hat Nossack anschaulich festgehalten; aber viel wesentlicher war seine gleichzeitige Identifikation mit Deutschlands historischem Schicksal.
Nossack begrüßte die Gelegenheit, von neuem anzufangen, aber seine großen Hoffnungen gerade für Deutschland wurden bald enttäuscht, als er überall den Verschleiß der moralischen Orientierung und den Mangel an persönlicher Aufrichtigkeit sah. Dazu sind seine Werke ausgesprochen nüchtern - jedenfalls von dokumentarischem Charakter -, er nennt sie Berichte. Sie bewegen sich - generell in der 1. Person geschrieben - entweder in einer realistischen Umgebung oder in einer Sphäre von echter und mythischer Überwirklichkeit (eine Sphäre, in der er zu Hause ist). Die zentrale Figur versucht jeweils ihre Ziellosigkeit und ihr behindertes Leben zu ordnen, indem sie von der familiären Sicherheit in das "Unversicherbare" entflieht, indem sie den Schritt in die Anonymität, als der ersten Stufe der Selbstverwirklichung, wagt.
Dies wird entweder durch den literarischen Schritt in eine neue Sphäre oder durch einen Prozeß plötzlicher Autoanalyse erreicht. Immer aber wird das Individuum zu sich selbst zurückgedrängt, in eine Position nahe der existentiellen Isolation.
In Unmögliche Beweisaulnahme z.B. ist der Beklagte genötigt einen Richter und den Anklagevertreter die Umstände des mysteriösen Verschwindens seiner Frau zu erläutern. Die Vernehmung (ein alltägliches Motiv heute) ist jedenfalls nichts anderes als eine persönliche Klärung, ein Dialog mit sich selbst.
Der Richter und der Angeklagte können sich nicht verständigen, einfach weil beide von verschiedenen Wirklichkeiten sprechen. Der Richter verfährt mit rechtlichen, historischen und beweisbaren Tatsachen ("das, was vom Standesamt, von der Polizei oder von Kürschners Literatur-Lexikon registriert wird"), während der Angeklagte über die Wirklichkeit und Wahrheit des "Unversicherbaren" ("geistige Biographie") spricht, welche für Nossack viel mehr wirklich und viel tragender ist als jedes andere bürokratische Gefüge. Und das ist die Crux seines Werkes: die Suche nach der Wahrheit hinter der Fassade der Wirklichkeit für den aufrichtigen Menschen und das Individuum. Er ist beschäftigt mit dem Ausmessen und Füllen der "Lücken" im Leben. Diese nicht aufgezeichneten Einzelheiten sind auch randvoll mit Menschlichem, und das haucht Leben in die kalte Landschaft, die wir Geschichte nennen.
Mit seinem letzten Werk Dem unbekannten Sieger hat Nossack ein glänzend humorvolles Buch geschrieben, in dem komische - zeitweise fast burleske - Elemente die Diskontinuität des Lebens geistreich beleuchten. Er hat immer eine Vorliebe für das Komische und Dramatische in seinen Werken gezeigt. - Aber niemals vorher war das so offen, noch hat er je (der Komik und Dramatik) so gründlich erlaubt, die Form der ganz und gar erzählenden Struktur zu prägen. Damit jedenfalls hat er für die Aussagekraft des aufschlußreichen Beispiels, bzw. des historischen Moments, ein schönes Talent gezeigt.
Zerlegt durch das Prisma der Komik sind das seine alten Themen, aber diesmal vor den Hintergrund der Geschichte gestellt, kann Nossack damit die Beziehung der Deutschen zu ihrer Geschichte testen. Es ist oftmals dargestellt worden, nicht am schlechtesten von den Deutschen selbst, daß gerade der Deutsche anfällig ist, sein Schicksal als an die Geschichte gefesselt zu sehen, und wenn er sich darum von ihr trennt, so findet er sich in einem leeren Raum. Das erklärt teilweise den gelegentlich traumatisierenden Effekt, den die Freilegung der Wahrheit für den Erzähler in diesem Buch hat. Das Fachwerk der Geschichte, in das er sein Leben gebaut hat, wird als vertrauensunwürdig gezeigt.
Die Geschichte Dem unbekannten Sieger ist ausgesprochen einfach. Ein Historiker, "Professor Genau" (ein Spitzname, den ihm seine Schüler gegeben haben), subsumiert während eines Essens mit irgendeinem Richter die wichtigen Stellen seines Lebens, die er absichtsvoll um seine Doktorarbeit gruppiert, welche später ein Bestseller wurde. Das Thema dieser Arbeit ist die Einnahme von Hamburg 1919 durch revolutionäre Elemente, deren Sieg nur durch das Eingreifen eines mysteriösen Fremden gesichert wird - dieser, Hein genannt, ist der "Unbekannte Sieger" des Titels.
Am Höhepunkt seines Erfolges verschwindet er, und man hört nur noch mal von ihm, als er seinen früheren Kameraden ein Telegramm sendet, mit dem Inhalt, daß es ihm gutgehe. Eine ohnehin ausreichende Zahl von Umständen für ein komisches Werk läßt einen zufällig Anwesenden alleine in einer ernsten Auseinandersetzung von menschlichen Beziehungen und politisch-historischer Wirklichkeit; Nossack jedoch fährt fort, uns geschickt und satirisch durch eine wunderbar beobachtete Landschaft zu führen.
Das Übelste dabei ist für den Erzähler der nicht zu unterdrückende Verdacht, daß sein verstorbener Vater identisch war mit jenem mysteriösen "Hein". Sein Dilemma wird verschärft durch die Tatsache, daß er seit eh und je im Besitz dieser wahren Kenntnis war, daß er aber durch die enge Verbundenheit mit seinen historischen Recherchen für die menschliche Wirklichkeit geblendet war. Sein Vater hat ihm jedenfalls gesagt "was du geschrieben hast, ist viel interessanter als die Wirklichkeit, aber stimmen tut es nicht".
Die Realität jedenfalls kann man nur noch in den "Lücken" finden und nicht in der Anhäufung der Reihen von Ereignissen, deren wirklicher ursächlicher Zusammenhang versteckt bleibt: denn "all der historische Kram ist ja nur für die Historiker". Bei Nossack ist die Geschichte eine individuelle menschliche Erfahrung; er gibt der Geschichte eine andere Dimension und stattet sie mit der ganzen Dichte des menschlichen Lebens aus. "Ne, Junge, das ist keine Phantasie, das ist alles aus deinem Buch [...] Ich lese es und lese noch einmal und frage mich: Ist da nicht eine Lücke? Klar, da ist eine Lücke [...] denn wofür du keine Dokumente hast, da kann nichts andres sein als eine Lücke, und du wartest einfach, bis wieder ein Dokument auftaucht und schreibst dann weiter. Das verstehe ich schon [...] aber die Lücken sind doch für so einen wie mich sehr interessant [...]. Was wird wohl in dieser Lücke passiert sein? Vielleicht ist gerade da was Wichtiges passiert, auch ganz ohne Dokumente [...] Phantasie ist das nicht."
Mit Dokumenten belegte Geschichte ist starr und dürftig, sie scheint die Dinge zu vereinzeln und zu verrücken, wohingegen menschliche Erfahrung reich und vielschichtig ist. Geschichte soll nicht systematisch werden, sie muß den Klang und den Schwung eines historischen Moments ganz ausdrükken, um ein Schauspiel zu werden, in das Menschen verwickelt sind. Dieses außerordentliche Buch ist frei von Tricks, von Rätselhaftem und Undurchsichtigem. Es preist die menschliche Spontaneität und wirft einen nachdenklichen reflektierenden Blick auf die Natur des Vater-Sohn-Verhältnisses. Nossack entdeckt, daß die Wirklichkeit der Geschichte ziemlich stark gerade in dem Individuum lebt, in dem die unbegrenzten Möglichkeiten seiner selbst viel größere Gefahren bergen und auch größere Verdienste als der Bereich des politisch-historischen Zeitgeschehens.
ANONYM erschienen
The Times Literary Supplement, 8. Januar 1970
Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Seifert.
Erstveröffentlicht in: The Times Litterary Supplement, 8. Januar 1970.
Hier nach: Über Hans Erich Nossack. Hg. von Christof Schmid. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970 (= edition suhrkamp 406), S. 151-155.