Hans Erich Nossack |
Autobiographie |
Autobiographie? Welche Biographie bitte? Denn es gibt bekanntlich zwei, die nichts miteinander zu tun haben.
Über die eine, ganz gleich, ob man sie die bürgerliche, gesellschaftliche, geographische, geschichtliche oder statistische Biographie nennt, können Standes-, Wohnungs-, Finanzämter und andere Behörden weit besser Auskunft geben als ich. Die Register sind absolut zuverlässig, da sie phantasielos sind. Danach bin ich z. B. wahlberechtigt, aber nicht pensionsberechtigt wie die, die ich wähle.
Schön, wenn man diese zuverlässigen Daten mit anderen Daten vergleicht, zeigt es sich, daß es da zur gleichen Zeit ein paar Kriege, Hungersnöte, Inflationen und sogar zwölf Jahre Diktatur gegeben hat. Aber das geht Millionen so; es ist keine Spezialität von mir, und es ist nicht einzusehen, was eine solche Biographie zu der Vorsilbe "auto" berechtigt. Sogar die schöne Hauptsilbe "bio" scheint mir ein Mißbrauch zu sein. Kurz, die statistischen Angaben haben hervorragenden Wert für jede Friedhofsverwaltung, doch um einem Künstler ein klein wenig Sicherheitsgefühl zum Weiterleben zu gewähren, dazu sind sie völlig ungeeignet.
Und die andere Biographie? Aber mit der mühe ich mich doch sozusagen Tag und Nacht ab, und zwar so "auto" wie möglich. Wozu also noch theoretisch darüber reden? Das hieße ihre Selbstverständlichkeit anzweifeln.
Sie begann damit... das heißt, soweit ich mich dessen entsinnen kann; denn vielleicht begann sie schon vorher. Vielleicht hat sie nie richtig angefangen, sondern sich einfach fortgesetzt. Vielleicht hatten ein paar Unbekannte, die sich nicht auf das Standesamt verließen, die Angelegenheit längst unter sich besprochen. Dieser Bursche dürfte unter Umständen ganz brauchbar für unsere Zwecke sein, wird das Ergebnis ihrer Beratung gewesen sein. Vielen Dank, meine Herren! Sehr ehrenvoll! Aber für welche Zwecke, bitte? Das ist mir bis heute noch nicht klar geworden -. Die Biographie begann damit, daß man Strindberg vorschickte, der mich vergewaltigte, als ich sechzehn war. Anders läßt es sich nicht nennen. Ja, mit solchen Mitteln wird bei uns gearbeitet, das wenigstens weiß ich inzwischen. Wie im Märchen habe ich ganze sieben Jahre gebraucht, um mich freizustrampeln. Stendhal hat mir dabei geholfen. Er sagte: Man muß Stil haben, dann geht es. Ein trefflicher Rat, nur nicht ganz leicht zu befolgen. Die Biographie begann also mit einem Anachronismus; denn laut Standesamt war Strindberg schon ein paar Jahre und Stendhal sogar über siebzig Jahre tot, aber das ist nichts Besonderes bei uns.
Natürlich muß jeder, dem so etwas passiert, Haus und Hof verlassen, schon um den anderen nicht zur Last zu fallen. Man merkt es nicht gleich, daß man die Grenze überschritten hat. Nicht einmal die Standesämter merken es sofort. Sie behaupten, es sei alles in Ordnung; es sei eine Generationsfrage und lasse sich mit Umwelt erklären. Die Standesämter können sich Duldsamkeit leisten; sie warten auf die nächste Eintragung. Doch eines Tages merkt man es. Man merkt, daß die Geschichte nicht stimmt, obwohl die Zahlen stimmen. Man merkt, daß man schon lange nicht mehr dazugehört, obwohl sie noch über einen reden. Das ist ein Schock, der umso heftiger ist, als man ja nicht weiß, wohin man statt dessen gehört. Meine sehr intimen Freunde Kleist und Pavese, mit denen ich mich ausgiebig darüber unterhielt, haben sich deswegen umgebracht; sie haben sich vermutlich eine Sekunde zu lange umgeschaut. Ich verstehe sie gut, ich mache ihnen das nicht zum Vorwurf. Im Gegenteil, ich hin ihnen dankbar, denn auf die Weise kann ich es anders probieren. Kurz, es gibt kein Zurück. Und damit gut.
Im Ernst, ich bewundere die Leute, wenn sie so viel Wesens von ihrer Kindheit machen und Fotografien herumreichen. Sie schwindeln nicht, so viel verstehe ich noch gerade; was sie zu erzahlen haben, ist auch nicht so wichtig, daß man deswegen schwindeln müßte, aber es ist mir peinlich, daß mir ihre Sprache fremd ist. Ich bewundere auch die Marxisten, die alles aus der Geschichte erklären und damit zufrieden sind. Wie kommt es, daß sie das nicht langweilt? Und dann gibt es da noch das Wort Heimat, vor dem ich völlig versage. Ich habe bei den Romantikern nachgeschlagen, um zu begreifen, warum die Leute jedem Agitator, der das Wort gebraucht, unbedenklich ihre Stimme geben, mit Tränen in den Augen und gegen ihr materielles Interesse, doch auch bei den Romantikern scheint es nur ein undeutliches Gefühl zu sein, das sich nicht lokalisieren läßt. Unsereiner mietet sich eine Wohnung oder ein Zimmer in irgendeiner Stadt. Wenn sich in dem Zimmer allein sein und arbeiten läßt, dann ist die Behausung in Ordnung. Und auch die Mitbewohner und die Stadt und das Land sind in Ordnung; es wäre also undankbar, ihnen unsere Teilnahme zu entziehen. Wenn es nicht geht, muß man eben woanders hinziehen. Man kann so etwas nicht gut Heimat nennen. Es ist eine Durchgangsstation. Zur Zeit bin ich in Darmstadt stationiert. Ich habe den Verdacht, daß das Wort Heimat identisch mit Gestern ist, aber das wage ich nicht laut zu sagen.
Das alles mag einfach daran liegen, weil man sich jenseits der standesamtlichen oder geschichtlichen Grenze sehr viel nüchterner und geistesgegenwärtiger verhalten muß. Zahlen und schöne Gefühle helfen einem da nicht weiter; wir können uns dergleichen nicht leisten. Von Kriegen, Hungersnöten und Diktaturen wird man auch dort heimgesucht, aber das ist menschliches Ungemach, mit dem man ohne Stöhnen fertig zu werden hat. Es ist niemandem damit gedient, wenn man darüber den Kopf verliert. Ja, denn das ist die weit größere Gefahr: es bedarf nur eines Augenblicks mangelnder Geistesgegenwart, und man hat sich selbst verloren. Dann machen die Standesämter einen triumphierenden Schlußstrich.
Doch um mich keiner existentialistischen Theaterpose schuldig zu machen: es gibt Momente, wo beide Biographien zusammentreffen und sich schmerzhaft überschneiden. Da vergeht einem die Prahlerei. Bei mir zum Beispiel fand ein solcher Moment Ende Juli 1943 statt, als Hamburg zerstört wurde. Hamburg ließ sich wieder aufbauen, die Kanalisation, dieser wertvollste unterirdische Teil jeder Stadt, war noch einigermaßen intakt. Aber mir war alles, was ich in den fünfundzwanzig Jahren vorher geschrieben hatte, dabei verbrannt. Es gab nichts, worauf ich mich berufen konnte. Ich stand ohne Vergangenheit da. Ich warne davor, sich in solchen Momenten auf Kraft und dergleichen zu verlassen. Nach meiner Erfahrung muß man einfach Glück haben - wie im Märchen.
Und noch ein paar bio- oder autobiographische Fakten. Als mir in den dreißiger Jahren die Todesanzeige von Barlach ins Haus geschickt wurde, war mir klar, daß mein Vater gestorben war. Als Max Beckmann 1950 in New York starb, habe ich um einen älteren Bruder geweint, und als Albert Camus 1960 verunglückte, um einen jüngeren Bruder. Ich fühlte mich ein wenig im Stich gelassen. Alle drei Familienangehörige habe ich nicht persönlich gekannt, das ist bei uns nicht nötig. Ich habe mich auch oft mit Theo van Gogh über seinen Bruder Vincent unterhalten.
Bei uns darf man noch um einen Nahestehenden trauern, ohne als unmännlich zu gelten. Manchmal schreibt man statt dessen ein Buch. Das wird dann Literatur genannt.
Aus: Über Hans Erich Nossack. Hg. von Christof Schmid. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970 (= edition suhrkamp 406), S. 159-162 (geschrieben 1963).