Hans Erich Nossack |
Nachtgespräch auf der Lombardsbrücke |
Eines Tages kam ein Engel nach Hamburg. Man sollte es nicht für möglich halten.
Aber die Frauen hatten sich seiner gleich angenommen, die aus St. Pauli und die aus Pöseldorf oder Klein-Flottbek, darin waren sie sich einig. So kannst du hier nicht herumlaufen, sagten sie, die Leute denken ja, du bist aus Ohlsdorf entsprungen. Und sie führten ihn zu einem Herrengeschäft in den Alsterarkaden oder in den Großen Bleichen, damit er sich einen vernünftigen Anzug kaufte. Echt Hamburger Börsenstoff, unverwüstlich. Sie machten sich auch Sorge, ob er genug zu essen hätte. So erkannte ich ihn nicht sofort und hielt ihn für einen Hamburger. Es war nämlich spät nachts, er lehnte bei einem der schönen Kandelaber an der Balustrade der alten Lombardsbrücke und blickte auf das Wasser der Binnenalster, in dem die Lichter des Jungfernstiegs tanzten. Er wird schlechter Laune sein, dachte ich, das passiert einem in Hamburg leicht, denn auch ich war schlechter Laune. Ich war im Schauspielhaus gewesen und ging zu Fuß nach Haus, um mich auszulüften, das ist immer noch das beste Mittel denn wenn man im Theaterkeller hocken bleibt und über das Stück schwatzen muß, ist einem kaum mehr zu helfen.
Um ihn nicht allein zu lassen, stellte ich mich neben ihn und sagte nach einer Weile - das heißt, ich glaubte, er würde es nicht hören, denn hinter uns brausten die Autos über die Lombardsbrücke und auch ein Vorortszug ratterte zum Dammtorbahnhof. Oder war es der Nachtzug nach Basel, der schon aus Kopenhagen kommt und dem in Altona die Schlafwagen angehängt werden, bei denen man sich immer fragt: Wer liegt da wohl in den Betten? Wie gut haben sie es, daß sie morgen woanders aufwachen dürfen. Nicht in Basel, denn was ist schon Basel, aber der Zug fährt ja noch weiter, irgendwohin bis ans Mittelmeer -, ich sagte und wies auf die Binnenalster: "Dafür kann man Hamburg manches verzeihen."
Doch er hatte gute Ohren und sah mich tadelnd an. Da erkannte ich ihn und rief erschrocken: "Was willst du denn hier?"
"Sollten Sie nicht endlich aufhören, schlecht über Ihre Mutterstadt zu reden?"
"Über was?"
"Einer gut aussehenden, eleganten Dame, die noch dazu über mehr praktische Vernunft verfügt als wir, vorzuwerfen, daß sie nicht musisch sei, halten Sie das etwa für geistreich? Da ist doch die Dame viel geistreicher, wenn sie über die Städte, die sich Theaterstadt nennen oder sich mit sonst irgendeinem protzigen Titel behängen, meint: Die da in der Provinz müssen es wohl sehr nötig haben, weil sie keinen Hafen haben und die Fremden nicht von selbst zu ihnen kommen. Aber ihrem Teint nützt es auch nichts, wenn sie sich musisch nennen."
"Ihrem Teint?"
"Stellen Sie sich doch einmal auf die Landungsbrücken. Nicht wegen des bleigrünen Wassers und der Schiffe, die ein- und ausfahren, das sind Selbstverständlichkeiten. Auch nicht wegen der Helgenaufbauten auf der andern Seite und nicht wegen des Mennigrots der in den Werften aufgedockten Dampfer, das kann man sich auch in Reiseprospekten ansehen. Aber die Luft darüber, die Atmosphäre, die zarten Aquarellfarben und die sanft streichelnden Schatten, das wagt man doch kaum zu träumen. Und so etwas nennen Sie amusisch?"
"Das liegt am Feuchtigkeitsgehalt der Luft."
"Na, sehen Sie."
"Was geht uns der Teint der Weiber an! Ich kann dir ohne erst nachzudenken ein Dutzend Leute aus meiner Generation nennen, von der Vergangenheit gar nicht zu reden, die sich hier von deiner Mütterlichkeit wie gelähmt fühlten und darum fortgingen, um sich woanders einen Namen zu machen."
"Sollen sie doch, wenn es ausreicht, ein Hamburger Mädchen zu heiraten." Da schlug ich mit der Faust auf die Balustrade und tat mir weh dabei. "Du redest ja wie die Alte, die neben mir im Schauspielhaus saß. Eine Geborene, wenn du weißt, was das ist. Eine von deinen Müttern aus den fünfzig oder hundert Familien, die hier allein zählen, ja, immer noch, trotz zweier Kriege und Inflationen und was sonst noch alles und obwohl doch die Mädchen heute ohne Korsett und dergleichen herumspringen, aber aus Mädchen werden Mütter, und alles bleibt beim alten, so verflucht stark ist diese Stadt.
"Na, sehen Sie."
"Hör endlich mit deinem 'Sehen Sie' auf. Sogar Erzberliner, die nach Kriegsende hierherflohen, brachten kein Leben in die Bude, sondern benahmen sich nach zwei, drei Jahren karikiert hamburgisch. Es ist zum Kotzen."
Er legte die Hand auf meinen Arm, damit ich nicht wieder auf die Balustrade schlug. "Wie hamburgisch Sie sind. Nein, gehen Sie nicht gleich hoch. Das 'sst' und 'ssp' haben Sie sich zwar abgewöhnt, da es denn doch zu auffallend gewesen wäre, aber die Betonung und die Sprachmelodie! Jedes Mikrofon merkt sofort, daß Sie von hier stammen. Und dann zum Beispiel, daß Sie mich gleich duzen, obwohl wir uns zum ersten Mal sehen."
"Ich kann dich auch mit Sie anreden. wenn es dir lieber ist."
"Bleiben Sie nur bei dem Du. Das ist ja nicht vertraulich gemeint, es kommt noch vom Plattdeutschen her, wo es kein Sie gibt. Und was ist mit der alten Dame im Schauspielhaus?"
"Sie sagte zur ihrer Nachbarin, als das Stück zu Ende war und geklatscht wurde - es gab elf Vorhänge, glaube ich, denn das Stück war von einem jungen Hamburger und noch dazu von dem Sohn einer Geborenen, mußt du wissen, er wird es sicher woanders geschrieben haben, und die Alte war natürlich befreundet mit der Mutter, diese Weiber hängen wie Pech und Schwefel zusammen und lassen nichts anderes gelten -. sie sagte: Nein, wie freue ich mich für Lilli, denn in Hamburg ist es ja so, da muß man entweder gleich ganz großen Erfolg haben oder man soll gar nicht erst anfangen. Hast du Worte?"
Da lachte der Engel. Wer hat schon einen Engel lachen gesehen und noch dazu mitten auf der Lombardsbrücke? Er lachte sich halbtot.
"Was?" rief ich empört, "über die freche Dummheit der arroganten Alten lachst du noch?"
"Sie ist doch nur ehrlich, viel ehrlicher als andre Städte."
"Und nicht für den jungen Mann freut sie sich, sondern für ihre Lilli. Sind wir etwa dafür da, daß die Hamburger Lillis sich vergnügt die Hände reiben können?"
"Das tun sie bestimmt nicht, das schickt sich nicht."
"Und was ist mit uns? Was ist mit den Männern?"
"Sollen sie doch Geld verdienen und schweigen."
"Schweigen?"
"In welcher Stadt kann man sieh denn so gut verschweigen wie in Hamburg? Wo wird man denn so wenig durch intellektuelles Geschwätz verwirrt wie hier? Wo kann man denn heutzutage noch schweigen lernen. Dafür muß man doch dankbar sein, denn das ist ja beinahe schon wieder musisch. Wir haben hier schon viel
zuviel geredet, und die Alster hat sich um nichts verändert."
"Wollen wir nicht irgendwo noch einen Schnaps trinken?"
"Ist denn noch ein Lokal offen?"
"Wenigstens der Wartesaal im Dammtorbahnhof wird noch offen sein, das ist nicht weit."
"Vielen Dank, aber ich muß fort, vielleicht um mir woanders einen Namen zu machen", sagte er lächelnd, denn er war ein Engel mit Humor, ein sehr hamburgischer Engel. "Wozu auch noch länger über Privatsachen reden, die doch nichts einbringen. Ach ja, und vergessen wir doch den Mann nicht, den Hafenarbeiter, von dem Sie selber gesagt haben: Der Mann verdient den Nobelpreis. Sie wissen doch, neulich als ein paar von Ihnen eine literarische Woche oder dergleichen Firlefanz in Hamburg veranstalteten und sich im Auditorium maximum produzierten. Welch eine Blamage! Sogar das Wort Innenleben hatten die Burschen aus der Mottenkiste geholt und taten sich damit auf dem Podium wichtig. Sollte unser Freund aus dem Hafen, der statt friedlich seinen Grog zu trinken den Abend geopfert hatte, da etwa
>Hurra< rufen? Nicht einmal bei Hitler hat er das getan, obwohl es damals Vorschrift war, denn er dachte bei sich: Zeig erst mal, ob du was kannst, du Schreihals. Das war nicht heroisch, zugegeben, aber vernünftig war es. Und da in der Universität machte unser Freund mit der albernen Darbietung Schluß, indem er aus dem Hörsaal rief: "Was geht Ihnen mein Innenleben an?"
Und weg war mein Engel, wie das so die Gewohnheit bei Engeln ist. Das mit dem Verschweigen ist keine schlechte Idee, vielen Dank. Darüber muß ich erst einmal schlafen als braver Sohn dieser Stadt.
Meinetwegen auch Mutterstadt.
Aus: Um es kurz zu machen. Miniaturen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975, S. 91-94.