Start | Bibliographien | Biographie | Wohnorte | Galerie | Texte | Impressum


Leseprobe

Der Fall d'Arthez


Die Testamentseröffnung war es, die d'Arthez ein paar Tage länger nach der Beisetzung in Frankfurt festgehalten hatte. Sie fand auf neutralem Boden statt, und zwar am Rathenauplatz im Büro der Notare Dres. Wiedemann, Ihle & Krantz, den Justitiaren der NANY-Werke. Anwesend waren: Generaldirektor Otto Nasemann mit seiner Frau Amelie, einer geborenen Biltz aus Schwartau bei Lübeck, Frau Charlotte Fischer, geb. Nasemann mit ihrem Mann Direktor Urs Fischer aus Basel und Ernst Nasemann, genannt d'Arthez.
Dem Berichterstatter scheint es unnötig, hier von den Testamentsbestimmungen zu reden, die im allgemeinen als gerecht und ordnungsgemäß bezeichnet werden können. D'Arthez war darin, trotz der Distanz, die er seit mehr als drei Jahrzehnten zur Familie und zu den NANY-Werken beobachtet hatte, nicht wesentlich benachteiligt. Es stand darin der Satz: "Mein Sohn Ernst, der niemals die Vorteile meiner andern Kinder genossen hat, soll... usw., usw." Ein Satz, der sogar wie eine Bevorzugung klang, wenn das auch zur Befriedigung der anderen Erben nicht materiell zum Ausdruck kam.
Nach Verlesung des Testaments, mit dessen Inhalt übrigens die andern Erben schon bekannt gewesen zu sein scheinen, wurde d'Arthez, wie es die Form verlangte, als ältester Sohn zuerst gefragt, ob er die Bestimmungen annähme. Alle Anwesenden, vor allem Herr Generaldirektor Otto Nasemann und Frau Charlotte Fischer hielten offenbar die Zustimmung für selbstverständlich. Sie waren der Ansicht, daß ihr Bruder freudig überrascht sein müsse, trotz seiner Gleichgültigkeit gegen die NANY-Werke so unerwartet, wenn nicht unverdient günstig bedacht worden zu sein. Gewiß, es gab da Klauseln wegen des Verkaufs von Aktien, die das Unternehmen gegen eine Überfremdung schützen sollten; die Verwaltung des d'Arthez zufallenden Vermögens blieb also ausschließlich in den Händen der Direktion. Aber das berührte ja nicht den hohen Ertragsanteil, der d'Arthez zugeflossen wäre. Um so überraschter waren alle, als er auf die ihm gestellte Frage in seiner höflichen und leisen Art antwortete: "Ich muß um Bedenkzeit bitten." Alle Augen richteten sich auf ihn. Die Flecke auf den Bakken seiner Schwester Lotte wurden sofort röter. Sie stieß ihren Mann, den Bankdirektor Fischer, mit dem Ellbogen an, was so viel heißen sollte wie: Habe ich es dir nicht gesagt? Aber noch behielt Dr. Wiedemann als erfahrener Versammlungsleiter das Heft in der Hand.
"Bedenkzeit? Darf ich fragen weshalb?"
"Weil die Entscheidung nicht bei mir liegt."
"Ah, ja, ich verstehe. Und von wem ist die Entscheidung abhängig, wenn ich fragen darf?"
"Von Edith Nasemann." Da brach der Sturm los.
"Edith?" schrie Frau Charlotte Nasemann auf. D'Arthez nickte ihr nur freundlich zu.
"Was hat denn Edith damit zu tun?" Und da d'Arthez nicht darauf antwortete, sondern sie nur weiter freundlich anblickte, sah sie sich Beistand suchend in der Runde um und fragte schließlich ihren Mann:
"Was sagst du, Urs?"
Der Herr Bankdirektor Urs Fischer sagte dazu nur: "Wohl! Wohl!"
"Aber von Edith ist doch überhaupt nicht die Rede", fuhr Frau Charlotte Nasemann fort. Die Flecke auf ihren Backen wurden schon allzu rot.
"Auch von deinen Kindern ist im Testament nicht die Rede, wenn ich es recht verstanden habe. Was sagst du, Urs?" fragte d'Arthez seinerseits den Herrn Bankdirektor, der wieder nur mit einem Wohl Wohl! antwortete.
Herr Dr. Wiedemann versuchte sich in die Debatte einzuschalten, kam aber nicht gegen Frau Charlotte Nasemann auf.
"Edith ist doch viel zu jung für solche Dinge", rief sie mit einem wegwerfenden Tonfall in der Stimme.
"Eben deshalb", antwortete d'Arthez, ohne von seiner leisen Höflichkeit zu lassen.
"Ich begreife dich nicht, Ernst."
"Wer verlangt denn das, Lotte?"
Endlich gelang es Herrn Dr. Wiedemann, zu Wort zu kommen. Er erlaubte sich, darauf aufmerksam zu machen, daß die voraussichtlichen Rechtsnachfolger der Erbberechtigten bei der Annahme des vorliegenden Testaments in der Tat keine Rolle spielten, was von Frau Charlotte Nasemann mit einem Siehst du? Siehst du? und einem Was sagst du, Urs? beifällig aufgenommen wurde. Doch ohne sich von den Zwischenrufen ablenken zu lassen, fuhr Herr Dr. Wiedemann fort und fragte d'Arthez, ob ihm etwa der Schlußpassus des Testaments entgangen sei. Der Schlußpassus lautete, daß derjenige der Erben, der mit den Bestimmungen des Testaments nicht einverstanden wäre und die Ausführung verhinderte, auf Pflichtteil gesetzt werden solle. "Ich kann nicht annehmen", sagte Herr Dr. Wiedemann, "daß Ihnen daran gelegen ist, Schwierigkeiten zumachen, die uns zwingen würden, auf diesen Schlußpassus zurückzugreifen.
"Schwierigkeiten?" fragte d'Arthez zurück und zog dabei die eine Augenbraue erstaunt hoch, wie er das in seinen Pantomimen sehr wirksam zu tun pflegte. "Ich bitte sehr, Herr Dr. Wiedemann, ins Protokoll dieser Verhandlung aufzunehmen, daß der Ausdruck "Schwierigkeiten" nicht von mir, sondern von Ihnen in unsere Unterhaltung eingeführt wurde!"
Das brachte selbst den Notar ein wenig aus der Fassung, doch zum Glück enthoben ihn die Zwischenrufe von Frau Charlotte Nasemann einer Stellungnahme.
"Aber du machst doch Schwierigkeiten", kreischte sie.
"Ich?"
"Oder deine Edith."
"Meiner Edith wird ebensowenig daran liegen wie deinen Kindern, das zu machen, was Herr Dr. Wiedemann Schwierigkeiten nennt. Schließlich geht es doch um eine Menge Geld. Was sagst du, Urs?" Dadurch, daß d'Arthez sich beiläufig und in ruhiger Gesprächsform an den friedlichen Schweizer Bankdirektor wandte und Frau Charlotte Nasemann auf diese Weise der Gewohnheit beraubt wurde, an ihren angeheirateten Mann zu appellieren, kam die Situation auf den Siedepunkt. Das man an den glühenden Flecken auf den Backen der Frau. Einen Augenblick war zu befürchten, daß sie nun über ihren Mann herfallen würde, der nicht einmal dazu kam, die Frage von d'Arthez mit einem "Wohl! Wohl!" zu beantworten. Doch bevor es zu einer peinlichen Szene kam" fiel ihr Blick auf einen stärkeren Bundesgenossen.
"Was sagst du, Otto", rief sie ihrem andern Bruder über den Tisch zu, "Ernst hat doch schon immer Schwierigkeiten gemacht"
Der angeredete Herr Generaldirektor Otto Nasemann hatte bisher nur zugehört und sogar eine gewisse Teilnahmslosigkeit an der Diskussion gezeigt. Zweifellos hatte er genügend Erfahrung in solchen Verhandlungen und wüßte daß es immer die beste Taktik war, wenn man sich die Partner erst ausstreiten ließ ohne einzugreifen. War dann die ganze Hitze verpufft, bereitete es keine Umstände, zum erwünschten Ergebnis zu kommen.
"Auch mir gefällt das Wort Schwierigkeiten nicht, Herr Dr. Wiedemann", sagte er zu dem Notar. "Aber warum sollen wir uns als erwachsene Menschen um einen verkehrten Ausdruck streiten. Wir wissen doch alle, daß wichtigere Fragen zur Debatte stehen."
"Wohl? wohl" hörte man endlich als beifälligen Knurrlaut.
"Geld", sagte d'Arthez freundlich und geradezu versonnen.
"Die NANY-Werke", entgegnete sein Bruder nicht ohne Pathos.
Doch d'Arthez überspielte das Pathos sofort durch Sentimentalität. "Ich denke, es geht hier doch zunächst um den letzten Willen unserer lieben Mutter. Und wenn ich den Schlußpassus richtig verstehe, worüber Herr Dr. Wiedemann uns sicher belehren wird, dann sehe ich darin vor allem ihren Wunsch, das friedliche Zusammensein der Familie Nasemann zu sichern. Unsere liebe Mutter, das wissen wir doch alle, Lotte, und du noch besser als wir andern, war doch immer für Frieden."
"Siehst du, siehst du", rief Frau Charlotte Nasemann gerührt von den Worten Frieden und liebe Mutter, Und endlich gelang es ihr auch, in Tränen auszubrechen.
"Und darum", fuhr d'Arthez fort, "sehe ich, immer vorausgesetzt, daß ich den Passus richtig auslege, was uns nur Herr Dr. Wiedemann sagen kann, die einzige Richtlinie für uns darin, daß wir diesen von unsrer lieben Mutter gewünschten Frieden erhalten."
"Aber warum machst du dann Schwierigkeiten?" schluchzte Frau Charlotte Nasemann auf.
"Wir wollten das Wort Schwierigkeiten doch nicht mehr gebrauchen", sagte Herr Generaldirektor Nasemann ziemlich scharf zu seiner Schwester. "Entschuldige, Ernst. Und kommen wir doch zur Sache. Auch ich bin natürlich etwas erstaunt, daß du Bedenkzeit forderst. Bestehst du immer noch darauf?"
"Ja, Otto, und jetzt sogar mehr als vorher, wenn ich den Willen unsrer lieben Mutter richtig erfüllen soll. Ich bin mir nämlich jetzt nach unserer kurzen Unterhaltung noch weniger klar darüber als zu Beginn. Ich muß gewissenhaft darüber nachdenken, damit ich auch wirklich eine Entscheidung treffe, die in ihrem Sinne liegt."
"Ich dachte, du wolltest mit Edith sprechen, obwohl dir Herr Dr. Wiedemann doch erklärt hat, daß weder Edith noch Lottes Kinder noch meine bei der Annahme des Testaments eine Rolle spielen, juristisch wenigstens nicht, weil sie darin nicht als Nacherben genannt werden.
"Ich hoffe, daß ich mich richtig ausdrücke, Herr Dr. Wiedemann"
"Du mißverstehst mich, Otto", sagte d'Arthez. "Es geht mir nicht um das Juristische, Das ist kein Problem, oder eines, das so einfach ist, daß wir es Herrn Dr. Wiedemann getrost überlassen können. Mir geht es um den juristisch kaum zu erfassenden Willen unsrer lieben Mutter, der doch unzweifelhaft das Motiv der juristisch präzis formulierten Sätze des Testaments gewesen sein muß. Du wirst sagen: die NANY-Werke. Ich gebe dir völlig recht, als Generaldirektor kannst du nichts andres sagen, es ist der richtige Gesichtspunkt für dich. Doch für mich, entschuldige bitte, ist dieser Gesichtspunkt doch etwas gar zu abstrakt. Für mich, wohlverstanden. Ich will damit niemand zu meiner Meinung bekehren. Denn wie bereits erwähnt, es handelt sich um eine Menge Geld."
"Ja, was willst du denn noch eigentlich?" fragte Otto Nasemann.
"Vielleicht erleichtert es meine Entscheidung, wenn du mir erklären kannst, was mit dem Wort Schwierigkeiten gemeint ist"
"Aber wir wollten das Wort doch nicht mehr gebrauchen."
"Verzeih, daß ich es jetzt gebrauche. Ich hätte wohl auch kaum Notiz davon genommen, wenn Lotte nicht die Bemerkung herausgerutscht wäre, daß ich schon immer Schwierigkeiten gemacht hätte."
"Das ist ihr doch nur so herausgerutscht, wie du selber sagst."
"Das eben, Otto, muß ich genau wissen, ja, davon hängt sogar meine Entscheidung ab. Wie soll ich denn sonst den Willen unserer lieben Mutter erkennen? Denn es könnte ja sein, daß diese sogenannten
"Schwierigkeiten" und das herausgerutschte "Immer schon", was mich betrifft, eine Art Familientradition gewesen sind, von der ich nichts wissen konnte wegen meiner langjährigen Abwesenheit. Sollte unsre liebe Mutter auch dieser Familientradition angehangen haben, so würde das selbstverständlich bei Auslegung ihres letzten Willens sehr ins Gewicht fallen."
"Sie hat dich doch extra im Testament erwähnt. Ich weiß gar nicht, was du noch mehr willst Wie lautet der Satz noch?" wandte sich Herr Generaldirektor Otto Nasemann an Herrn Dr. Wiedemann, der daraufhin den fraglichen Satz noch einmal verlas. "Mein Sohn Ernst, der niemals die Vorteile meiner anderen Kinder genossen hat, soll..."
"Danke, das genügt. Na also, Ernst. Damit kannst du doch zufrieden sein."
"Das finde ich auch", ließ sich Frau Charlotte Nasemann hören.
"Überhaupt: Vorteile!"
"Bitte, Lotte, laß..." versuchte Otto Nasemann seine Schwester zu bremsen.
"Welche Vorteile denn? Ich habe nichts davon gemerkt Und daraus wird uns jetzt ein Vorwurf gemacht? Wir können doch nichts dafür, daß Ernst immer nur Schwierigkeiten gemacht hat."
"Bitte, Lotte, das gehört doch nicht zur Sache."
"Aber so war es doch, Otto. Schon immer. Auch schon vorher, aber da war ich noch ein halbes Kind und kümmerte mich nicht viel darum. Doch dann, als Ernst sich auf Politik einließ..."
"Bitte Lotte, davon brauchen wird doch jetzt nicht zu reden."
"Ernst hat ganz recht, Mama hatte immer Angst, daß er wieder etwas anstellte. Wie peinlich war das immer. Und welche Sorgen hatte Papa damals wegen der Fabrik und daß die Nazis uns mit Ernst in Verbindung bringen könnten. Das weißt du auch ganz genau, Otto. Ja, und das soll jetzt auf einmal unsere Schuld sein? Was sagst du, Urs?"
"So kommen wir nicht weiter", meinte Otto, Nasemann resigniert.
"Im Gegenteil, Otto", griff nun d'Arthez wieder in die Debatte ein, "wir sind schon sehr viel weiter gekommen. Ich gebe Lotte vollkommen recht. Der fragliche Satz, in dem ich erwähnt wurde, kann als eine Art Wiedergutmachung ausgelegt werden."
"Wiedergutmachung?"
"Bitte, Otto, stoß dich nicht an dem albernen Modewort. Es geht jetzt allein darum, den letzten Willen unsrer lieben Mutter richtig zu erkennen. Und in der Hinsicht stehe ich völlig auf deiner Seite, Lotte. Ich sehe nicht ein, warum einem gewissen Ernst Nasemann zu deinen Lasten eine Wiedergutmachung gezahlt werden soll"
"Wiedergutmachung?" rief Herr Generaldirektor Nasemann noch einmal. Trotz all seiner Erfahrung, die er im Verhandeln mit schwierigen Partnern besaß, verlor er jetzt die Geduld.
"Von einer Wiedergutmachung oder einem Anspruch darauf kann, soweit es die Familie oder die NANY-Werke betrifft, nicht die Rede sein Es tut mir leid, daß überhaupt davon die Rede ist, das wäre ganz unnötig gewesen, aber nicht ich bin es, der davon angefangen hat. Laß dir sagen, Ernst, daß es uns unter dem damaligen Regime und noch dazu in Kriegszeiten allerdings in die allergrößte Verlegenheit brachte, als wir erfahren mußten, daß ein Mann unseres Namens verhaftet und ins Konzentratinslager gesteckt worden war. Das hatte, so wie die Verhältnisse damals waren, leicht das Ende der NANY-Werke bedeuten können."
"Papa hat damals ganz den Appetit verloren. Weißt du noch, Otto?" warf Frau Charlotte Nasemann dazwischen.
"Bitte, Lotte, laß mich zu Rede reden. Ich weiß, glaube ich, über diese traurigen Dinge besser Bescheid als du. Trotzdem, Ernst, darauf kannst du dich verlassen, haben wir dich nie im Stich gelassen. Trotz der prekären Lage, in der wir uns wegen der NANY-Werke befanden, haben wir für für dich getan, was wir konnten. Wir hatten natürlich einige Beziehungen, und Papa hat..."
"Mama hat sich sogar erniedrigt und ist zu diesem Weibsbild gegangen, der Frau eines Gauleiter" oder wie man das damals nannte. Mein Gott, wie peinlich war das alles", unterbrach Frau Charlotte Nasemann wieder.
"Bitte, Ernst, das alles war selbstverständlich. Es war unsere Pflicht. Ich erwähne es nur, weil du das Testament anzweifelst, weil du dir zu unserm Erstaunen Bedenkzeit ausbittest und weil du von Wiedergutmachung sprichst. Entschuldige, Ernst, man könnte ja auch umgekehrt argumentieren. Vermutlich nämlich hast du durch den Einfluß der NANY-Werke eine schonendere Behandlung erfahren als andre Häftlinge. Ja, wer weiß, ob dir unsre Beziehungen nicht sogar das Leben gerettet haben, immer vorausgesetzt, daß das alles stimmt, was heute über die Vorgänge in Konzentrationslagern gedruckt wird. Doch das ist Vergangenheit und längst erledigt. Ich gebe es dir nur zu bedenken, weil es auch in diesem Testament allein um die NANY-Werke geht. Sonst brauchten wir kein Wort darüber zu verlieren."
"Danke, Otto", sagte d'Arthez freundlich. ,Um so mehr muß ich nach dieser Aufklärung um Bedenkzeit bitten, damit ich die Angelegenheit mit Edith besprechen kann."
"Was hat denn Edith damit zu tun?" rief Schwester Lotte wieder entrüstet.
"Oh, sehr viel. Nach Ottos Ausführungen verstehe ich nämlich jetzt den letzten Willen unsrer lieben Mutter so, daß ich den NANY-Werken und euch allen zu einer Wiedergutmachung verpflichtet bin."
"Wer redet denn von so etwas?" rief Otto Nasemann.
"Ich rede von so etwas. Und du mußt verstehen, Otto, zur Zahlung einer solchen Wiedergutmachung darf ich mich nicht entschließen, ohne des Einverständnisses meiner voraussichtlichen Erbin gewiß zu sein."
"Was soll denn diese Überempfindlichkeit!" rief der Herr Generaldirektor angewidert.
"Aber wer ist denn überempfindlich von uns hier?" fragte d'Arthez mit einem freundlichen Lächeln zu seiner Schwester Lotte hin zurück.
"Ich?" schrie diese, "ich doch nicht. Kein Mensch will Geld von dir. Was für eine dumme Idee. Es geht doch gar nicht um Geld."
"Ach, dann habe ich mich die ganze Zeit geirrt. Wie ist es, Herr Dr. Wiedemann, denn das müßten wir Ihnen als Juristen überlassen. Könnten wir hier nicht...?"
Der Schluß der Verhandlung braucht hier nicht im Wortlaut wiedergegeben zu werden. D'Arthez verlangte vier Wochen Bedenkzeit, die Frist wurde dann auf vierzehn Tage heruntergehandelt, und selbst das unter dem Widerspruch von Frau Charlotte Fischer, geb. Nasemann. "Dann müssen wir ja alle noch einmal hierherfahren", beschwerte sie sich, nur wegen deiner lächerlichen Bedenkzeit. Was sagst du, Urs?"
Doch auch dieser Einwand wurde aus der Welt geschafft, da Herr Dr. Wiedemann erklärte, daß eine schriftliche, notariell beglaubigte Anerkennung des Testaments seitens d'Arthez ausreichte. Es wurde außerdem ein Dokument des Inhalts aufgesetzt und unterzeichnet, daß die Leitung der NANY-Werke während der vierzehn Tage ausschließlich, wie ja im Testament vorgesehen, in den Händen von Herrn Generaldirektor Otto Nasemann liegen solle und die beiden anderen Erben auf jede Einrede verzichteten.
Damit war die Verhandlung beendet. Es gab nur noch ein paar Höflichkeitsphrasen. Frau Amelie Nasemann zum Beispiel, die sich während der ganzen Diskussion still verhalten hatte, druckte d'Arthez ihr Bedauern aus, daß er nicht bei ihnen wohne, und er entschuldigte sich mit den vielen beruflichen Anrufen, die in einen Privathaushalt nur Unruhe brächten. Frau Charlotte Fischer allerdings konnte sich nicht enthalten, beim Abschied zu sagen: "Ich verstehe dich nicht' Ernst."

Aus: Der Fall d'Arthez. Frankfurt am Main: Suhrkamp1968, S. 44-53.