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Leseprobe

Der Untergang

Man wagte nicht, Luft zu holen, um es nicht einzuatmen. Es war das Geräusch von achtzehnhundert Flugzeugen, die in unvorstellbaren Höhen von Süden her Hamburg anflogen. Wir hatten schon zweihundert oder auch mehr Angriffe erlebt, darunter sehr schwere, aber dies war etwas völlig Neues. Und doch wußte man gleich: es war das, worauf jeder gewartet hatte, das wie ein Schatten seit Monaten über all unserm Tun lag und uns müde machte, es war das Ende. Dies Geräusch sollte anderthalb Stunden anhalten, und dann in drei Nächten der kommenden Woche noch einmal. Gleichmäßig hielt es sich in der Luft. Gleichmäßig hörte man es auch dann, wenn sich das viel lautere Getöse der Abwehr zum Trommelfeuer steigerte. Nur manchmal, wenn einzelne Staffeln zum Tiefangriff ansetzten, schwoll es an und streifte mit seinen Flügeln den Boden. Und doch war dies furchtbare Geräusch wieder so durchlässig, daß auch jeder andere Laut zu hören war: nicht nur die Abschüsse der Flak, das Krepieren der Granaten, das heulende Rauschen der abgeworfenen Bomben, das Singen der Flaksplitter, nein, sogar ein ganz leises Rascheln, nicht lauter als ein dürres Blatt, das von Ast zu Ast fällt, und wofür es im Dunkeln keine Erklärung gab.
Das Geräusch trieb mich sofort zurück. Ich weiß nicht mehr, ob Misi mich etwas fragte und welche Antwort ich gab. Es ist möglich, daß wir uns von oben nach unten etwas zuriefen, aber es werden nicht viele Worte gewesen sein; denn dies Geräusch machte alles Reden zur Lüge und drückte Worte wehrlos nieder. Es war eine halbe Stunde nach Mitternacht. Die Fenster der Hütte waren nicht zu verdunkeln, wir kleideten uns im Finstern an und stießen in der ungewohnten Umgebung an die Möbel. Dann kam Misi den beiden Koffern die Treppe hinunter. Ich hob die Falltür hoch, zwängte mich durch die Öffnung die Stiege hinab bis nur mein Kopf noch oberhalb war; Misi reichte mir die Koffer und ich weiß nicht, was sonst noch, und ich trug alles hinunter. Dabei stieß ich im Keller an ein Bord; eine Glasschüssel, die uns nicht gehörte, fiel zur Erde und zerbrach. Auch im Keller war dies Geräusch schon, ja, vielleicht noch stärker; die Wände vibrierten davon, der Heideboden trägt die Geräusche sehr weit. Wir zündeten die Altarkerze an, die wir in einen kleinen Blumentopf hatten. Ich glaube, Misi löschte sie bald wieder aus, um sie zu sparen. Ich überhörte die Bitte, die in Misis Frage lag: Willst du nicht auch lieber unten bleiben? Ich ließ sie allein dort unten sitzen, auf einem kleinen Fußschemel, in Decken gehüllt. Ich stieg wieder nach oben und schloß die Falltür über ihr. Oder vielleicht schloß Misi sie auch selber in dem Glauben, dann sicherer zu sein. Aber sicher wovor? Und wie weit trennten wir uns voneinander durch die dünnen Bretter dieser Falltür! Dies alles ist sinnlos, und wenn man daran denkt, erfaßt einen unendliches Mitleid mit jeglicher Kreatur, und man verstummt, weil die Worte in Schluchzen überzugehen drohen. Wir können heute noch keine Musik hören, wir müssen aufstehen und weggehen. Wenn ich Musik sage, meine ich so etwas wie das Air von Bach oder ähnliches. Es liegt etwas Tröstendes darin, aber gerade dieser Trost läßt uns fühlen, daß wir nackt und hilflos einer Macht ausgesetzt sind, die uns vernichten will. Ich ging in jenen Nächten auf und ab auf dem schmalen Streifen zwischen dem Gemüsegarten und dem Drahtgitter, das das Grundstück einzäunte; dort war der Blick nach Norden frei. Manchmal stolperte ich über einen Maulwurfshügel; einmal fiel ich hin, weil sich mein Fuß im Hirnbeergebüsch verwickelt hatte.
Was es für die Augen zu sehen gab, war wenig und immer das gleiche. Es ist auch nicht das wichtigste. Über Hamburg standen zahlreiche Leuchtschirme, die der Volksmund Tannenbäume nennt. Manchmal zehn Stück, manchmal nur zwei oder einer, und wenn einmal keiner zu sehen war, schöpfte man Hoffnung, daß es vorbei wäre; bis wieder neue abgeworfen wurden. Viele lösten sich auf, während sie niedersanken, und es sah aus, als flössen glühende Metalltropfen vom Himmel auf die Städte. Anfangs konnte man diese Leuchtschirme verfolgen, bis sie am Boden verlöschten; später verschwanden sie in einer Rauchwolke, die durch das Feuer der Stadt von unten her rot angestrahlt war. Die Rauchwolke wuchs von Minute zu Minute und kroch langsam nach Osten. Ich achtete nicht, wie bei früheren Angriffen, auf die Richtung der Scheinwerfer und die Brennpunkte des Abwehrfeuers. Die Leuchtspuren der kleinen Flak sah man nur ganz zart, und die Granaten der schweren Geschütze explodierten überall. Nur wenn das Feuer genau über mir lag und die Splitter pfeifend und klatschend in nächster Nähe zur Erde kamen, trat ich unter das Dach der Veranda. Einige wenige Flugzeuge gerieten in Brand und fielen wie Meteore ins Dunkel. Aber es erweckte kein jägerisches Interesse wie früher. Wo sie aufschlugen, erhellte sich die Gegend für Minuten, Einmal stand der Schattenriß einer fernen Windmühle vor einer solchen weißen Helligkeit. Das Gefühl grausamer Befriedigung über einen abgeschossenen Feind blieb aus. Ich entsinne mich, daß bei einer solchen Gelegenheit irgendwelche Weiber auf dem Dache des Nachbarhauses in die Hände klatschten, und wie ich damals voller Zorn der Worte des Odysseus gedachte, mit denen er der alten Pflegerin über den Tod der Freier zu jauchzen verbot.

Aus: Dieser Andere. Ein Lesebuch mit Briefen, Gedichten, Prosa. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976, S. 118-120.