Hans Erich Nossack |
Nationalhymne der Opportunisten |
Verehrte Hörerinnen und Hörer!
Wir haben eine erfreuliche Sondermeldung für Sie. Einem unserer Reporter gelang es gestern - nicht ohne erhebliche Opfer an Persönlichkeit, wofür wir ihm dankbar sein müssen -, endlich den Originaltext desjenigen Liedes aufzuzeichnen, das von der einzigen Partei als Nationalhymne gesungen wird, die seit Jahrtausenden alle historischen Katastrophen und kurzlebigen nationalen Aufschwünge unverändert überstanden hat... Und die, wie wir von uns aus hinzufügen möchten, deshalb als einzige Aussicht hat, auch die nächsten Jahrtausende ohne jede Einbuße an Gewicht zu überstehen.
Sie werden mit Recht fragen. warum die Nationalhymne einer so wertbeständigen Partei erst jetzt der Öffentlichkeit zu Ohren kommt. Nach unsern vorläufigen Informationen scheint es zu den Gepflogenheiten der zahllosen Parteimitglieder gehört zu haben, das Lied nur hinter verschlossenen Türen zur eigenen Erbauung zu summen. Sie fühlten sich ihrer selbst so sicher, daß sie darauf verzichten konnten, die Hymne zum Zwecke der Werbung neuer Mitglieder laut zu singen. Dies bescheidene Verhalten mag auch die Tatsache erklären, daß nur diese Partei stets den Verfolgungen andersdenkender, aufgeregter Dogmatiker zu entgehen wußte.
Heute jedoch dürfte die Partei so weit über die engstirnigen Grenzen unseres Globus hinaus angeschwollen sein, daß sie einer so vorsichtigen und selbstgenießerischen Geheimhaltung ihrer Macht entraten kann. Ein wahres Glück für uns! Denn wir wollen uns doch nichts vormachen, nicht wahr? Dies Jahrhundert der geographischen Konfusion beginnt unerträglich zu werden. Wie soll man sich zurechtfinden? Wohin gehören wir? Was sollen wir unsere Kinder lehren? Nein, wir brauchen etwas, woran wir uns halten können. Wir brauchen endlich ein Lied, in dem unsere wirklichen Gefühle erklingen.
Aber hören Sie selbst. Es handelt sich um die Nationalhymne der Opportunisten.
Die Fenster zu! Und Feuer in den Herd!
Setzt euch zu Tisch und laßt die Pfropfen knallen!
Die alte gute Kost hat sich bewährt:
Wir leben noch und sind noch nicht gefallen.
Zwar mußten wir vorübergehend kuschen
Und sprachen so und taten so als ob...,
Versuchten unser Bäuchlein zu vertuschen
Und duzten uns mit jedem Hungermob.
Die Fenster zu, damit uns niemand hört!
Geist und Gewissen enden bald im Siel.
Wir hielten durch; wir waren gut genährt.
0 welche Lust, dies Ewigkeitsgefuhl!
Leider verwirrte die Seligkeit, sich endlich zu dieser Partei bekennen zu dürfen, unsern Reporter so sehr, daß es ihm bis heute noch nicht möglich war, uns die genaue Melodie mitzuteilen, nach welcher dieser jubelnde Text gesungen wird. Aber nicht lange mehr, verehrte Hörerinnen und Hörer. Schon jetzt können wir Ihnen verraten, daß die Melodie sich aus altbekannten, ganz leicht eingängigen und vor allem leicht auswechselbaren Motiven zusammensetzt. Die Nacht ist nicht mehr fern, in der wir erstmalig diese Nationalhymne zum Abschluß unseres Programms als gemeinschaftlichen Gesang durch den Äther senden werden, Wir wünschen Ihnen einen sorgenfreien Schlaf.
Aus: Um es kurz zu machen. Miniaturen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975, S. 23f.