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Dies lebenlose Leben Im Februar oder März I933 nahm
sich ein Schulkamerad von mir das Leben. Er warf sich vor einen Zug. Ein hochbegabter
Mathematiker, der schon mit dreiundreißig einen Lehrstuhl an einer kleinen norddeutschen
Universität innehatte. Ich habe ihn nur als einen sehr zarten, nervösen jungen mit
weißblonden Haaren in Erinnerung. Seine Mutter gab meiner Familie das Tagebuch zu lesen,
das er in den letzten Jahren geführt hatte. Die letzte Eintragung lautete: »Ich schäme
mich, daß ich kein Jude bin.« Ich entsinne mich noch der ratlosen Diskussionen, die in
meiner Familie über diesen Satz stattfanden. In Hamburg pflegte man im allgemeinen nicht
antisemitisch zu sein, sei es auch nur aus kommerziellen Gründen nicht. Seit
Jahrhunderten hatten sich jüdische Familien, die irgendwo vertrieben waren, in Hamburg
angesiedelt und gehörten zur Stadtaristokratie. Es wurde auch hin und her geheiratet,
Geld kam zu Geld. Aber daß jemand bedauerte, kein Jude zu sein, war denn doch ganz
unverständlich. Auch ich, der in Opposition zu der bürgerlichen Familie stand, begriff
die Außerung damals nicht. Erst heute verstehe ich die tragische Hellsichtigkeit, die
einen jungen Menschen zwang, sein Leben fortzuwerfen, weil er sich schämte, nicht zu den
Opfern zu gehören.
Und hier gleich noch ein zweiter Selbstmord aus derselben Zeit, der vielleicht nicht
weniger tragisch ist, obwohl er aus ganz anderen Motiven geschah. Wir erfuhren allerdings
erst zwanzig Jahre später davon. Es handelt sich um einen guten Bekannten meiner Frau,
einen jungen Stuttgarter, ebenfalls einen überdurchschnittlich begabten jungen Mann, der
mit dreiundzwanzig seinen Doktor gemacht hatte und eine leitende Stellung in einem großen
Industrieunternehmen einnahm. Wir hatten die Korrespondenz mit der Familie schon 1928
eingestellt, da sich in deren Briefe immer deutlicher nationalsozialistische Phrasen und
Lobsprüche auf Hitler einschlichen. So kamen wir uns aus den Augen. Zwanzig Jahre später
erkundigte sich meine Frau bei einem Aufenthalt in Stuttgart nach der Familie, die
inzwischen umgezogen war. Aber eine Nachbarin konnte Auskunft geben. »Ja, wissen Sie denn
das nicht?«, sagte sie. »Der junge Mann hatte damals einen wichtigen Posten in der
Partei und hat sich im Sommer 1934 auf dem Waldfriedhof erschossen.« - Da hätten wir
also den Fall eines jungen Idealisten, der die Konsequenzen zog, als er nach der
Röhm-Affäre erkennen mußte, daß er getäuscht worden war. Behaupten zu wollen, wie es
heute manchmal geschieht, daß er sich ja nicht hätte irreführen zu lassen brauchen,
wäre nichts als selbstgefälliger Hochmut, wie er jeder historischen Sicht eigen ist.
Angesichts der späteren Massenvernichtungen zählen beide Selbstmorde historisch und
statistisch nicht. Typisch erscheint mir, daß es sich in beiden Fällen um junge
Intellektuelle handelt. Man hat uns später vorgeworfen, daß wir versäumt hätten, schon
etwa 1927 in die Partei einzutreten; wir hätten, so theoretisierte man, das Programm
beeinflussen können, und alles wäre anders gekommen. Das ist abstrakte Klugschwätzerei
von Leuten, die nicht dabeigewesen sind. Sehen wir einmal ganz von den zeitgeschichtlichen
Voraussetzungen ab, die zur Entstehung des Faschismus geführt haben. Ein nur taktischer
Beitritt zur Partei hätte von dem Betreffenden verlangt, eine Doppelrolle zu spielen, wie
etwa eine für den Geheimdienst ausgebildete Person. Dafür ist ein Intellektueller nicht
geschaffen, denn die dauernde Lüge widerspricht seiner Veranlagung. Er wäre entweder
korrumpiert worden, oder man hätte ihn beseitigt. Geist und Macht stehen niemals in einem
innigen Verhältnis zueinander, bestenfalls in einem, das auf gegenseitiger Duldung
beruht. Aber in krankhaft sektiererischen Epochen wird Geistfeindlichkeit zu einer
machtpolitischen Tendenz. So war es unter den Nazis. Man denke nur an den Satz von
Goebbels, daß er jedesmal nach dem Revolver greife, wenn er das Wort Kultur höre. Mit
dem Slogan konnte er des frenetischen Beifalls des halbgebildeten Kleinbürgertums gewiß
sein. Es ist immer wieder erschreckend, mit welchem abgründigen Instinkt eine nur
biologische Intelligenz der Masse alle geistigen Resterscheinungen auswittert und
verfolgt, wenn wir hier unter Geist der Einfachheit halber die Gabe selbständiger
Entscheidung des menschlichen Individuums verstehen. Der Zivilisationshaß, der als
Reaktion gegen die Technisierung des Daseins seit der Jahrhundertwende im Biologismus,
Folklorismus und einem »Zurück zur Natürlichkeit« unter der Oberfläche am Werke war,
schlug bei den Nazis in die krasse Barbarei eines Herdentums um, das als gesundes
Volksempfinden propagiert wurde. Plötzlich hieß es: Die deutsche Frau raucht nicht. Die
deutsche Frau färbt sich nicht die Lippen. Und dergleichen mehr, was heute harmlos und
komisch anmutet. Es ging aber gar nicht um Rauchen und Lippenstift, sondern um
Uniformierung und darum, daß die deutsche Frau sich in dieser Uniform für auserwählt
vor allen andern Frauen der Welt halten sollte.
Und von dem Gefühl des Auserwähltseins ist es nur ein winziger Schritt zur Ausrottung
aller, die nicht auserwählt sind. Da liegt das gefährliche Phänomen, vor dem gewarnt
werden muß, denn dieser sektiererische Bazillus kann jederzeit und überall virulent
werden, wo Machthaber sich der ameisenhaften Instinkte für nationalistische und
ideologische Ziele bedienen, die selber wieder nur ein Vorwand für rein wirtschaftliche
Zwecke sind. In Amerika genauso wie in Europa hört man von biederen Zeitgenossen, denen
eine Kritik an den Verhältnissen unbequem ist, sofort den Ruf: Ach, ein
Linksintellektueller! Welche Vokabel in marxistischen Ländern augenblicklich für solche
Abweicher in Mode ist, wüßte ich nicht zu sagen.
Als ich in den dreißiger Jahren, aber noch vor den systematischen Vernichtungsaktionen,
hörte, daß Juden im Gefängnis die Nahrungsaufnahme verweigerten, da die Speisen nach
ihrem Ritus unrein waren, hielt ich das für falsch. Ich argumentierte, daß es doch
darauf ankomme, sich körperlich stark zu erhalten, wenn man überstehen wolle. Inzwischen
habe ich längst eingesehen, daß ich unrecht hatte. Nicht auf physische Widerstandskraft
kam es an, sondern allein auf geistige. Nur durch Rückbesinnung auf uralte menschliche
Normen vermochte der wehrlose Einzelne die Selbstachtung zu bewahren und damit den Punkt
zu gewinnen, von dem aus es nur ein absolutes Nein zur Unmenschlichkeit gibt.
Der nationalsozialistische Alltag begann nach meinen Erfahrungen im Sommer 1934, das
heißt nach der Röhm-Affäre. Und um es vorwegzunehmen: Er endete im Sommer 1943, als mit
der Zerstörung Hamburgs als der ersten Großstadt das System einer pseudobürgerlichen
Ordnung in die Brüche ging. Die ersten anderthalb Jahre der Nazizeit könnte man noch
eine heroische Zeit nennen. Gewiß, wir, die als Gegner bekannt waren, hatten mit
Haussuchungen, Verhaftungen, Verfolgungen und spontanen Racheakten zu rechnen; aber das
alles ging noch ohne klare Linie, undogmatisch und unbürokratisch vor sich. Es war ein
Zustand der Umwälzung, das System war noch nicht Institution geworden, und der
Machtapparat hatte sich noch nicht etabliert. So gab es für Gegner und Verfolgte auch
noch Hoffnung auf Widerstand und darauf, daß die Partei selber auseinanderfiel. Mehr oder
weniger hielt die ganze Welt die Ereignisse für eine Krisenerscheinung und war des
Glaubens, daß über kurz oder lang alles wieder einer gewissen Normalität Platz machen
würde. Erst im Sommer 1934, als Hitler sich gegen die SA und die ihr innewohnenden
revolutionären Elemente entschied und damit für die Wehrmacht, für Aufrüstung, für
totale Militarisierung und für den Aggressionskrieg, begann der nationalsozialistische
Alltag, der als Zustand fortschreitender Lähmung bis zur völligen Hoffnungslosigkeit
charakterisiert werden kann.
Es ist kaum zu sagen, wie sehr dies Abwarten auf Grund einer falschen Beurteilung der Lage
den Nazis genutzt hat. Wir kennen heute die Voraussetzungen, die zu diesem Fehlurteil
geführt haben. Wir kennen das zum mindesten duldende Interesse des Auslandes am
Hochkommen Hitlers. Wir kennen die industriellen Geldgeber, die die Bewegung aus
kapitalistischen Motiven förderten. Wir kennen die raffinierte Ausnutzung einer
sogenannten Legalität, und wir kennen vor allem die Schwäche und das Versagen der
Gegner, die sich untereinander mehr haßten als den gemeinsamen Feind. Doch wir müssen
die Dinge aus der damaligen Sicht zu sehen versuchen, als alles noch in Fluß war und man
von den Hintergründen nichts wissen konnte.
Ich erwähnte schon, daß ich den 30. Januar 1933 nicht für möglich gehalten hatte. Ich
war wie vor den Kopf geschlagen. Es handelte sich weniger um die Gefahr, in der meine Frau
und ich zweifellos schwebten, als um das unbestimmte Gefühl: Nun ist alles aus. In den
Jahren davor hatte es dauernd Unruhen, Straßenschlachten und Tote gegeben. Alle paar
Monate gab es neue Wahlen. Die Zahlen änderten sich zwar, doch im großen ganzen nahm die
radikale Linke zu. Ich wohnte damals in einer ausgesprochen kommunistischen Gegend, die
Hakenkreuzfahne sah man dort kaum. Noch am 1. Mal 1933 legten die Frauen, statt zu
flaggen, die roten Inlette der Betten zum Lüften ins Fenster. Meine Freunde und Kameraden
bestanden nur aus Angehörigen der Linken. Möglich, daß die politische Kleinarbeit
während mehrerer Jahre und der fast ausschließliche Umgang mit Arbeitslosen meinen Blick
verengt hatten. Außerdem war ich jung und voller Zorn und alles andere als ein gewitzter
politischer Taktiker mit dem Ehrgeiz auf einen Ministerposten. Ich hatte mit Bürgerkrieg
gerechnet und einseitig darauf hingearbeitet. Ich hatte dabei einen politischen Faktor
völlig überschen, mit dem gerade die Nazis operierten: den im tiefsten Sinne des Wortes
reaktionären Instinkt des Kleinbürgertums, besonders des deutschen Kleinbürgertums, das
jede noch so verlogene Ordnung einer revolutionären Unruhe vorzieht. So war es in
Hamburg, aber man kann getrost annehmen, daß es überall so war, höchstens daß Neid und
kleinliche Gehässigkeiten in der Provinz mehr zur Geltung kamen als in einer Großstadt.
Für März 1933 war ein Aufstand geplant, der nicht mehr stattfand. Es fehlte nicht nur an
Waffen, sondern auch an Organisation. Obendrein blühte der Weizen für Denunzianten,
übelwollende Nachbarn und kleine Karrieremacher. Man konnte seinem Nebenmann nicht mehr
trauen.
An sich klappte der übergang in die Illegalität erstaunlich gut. Von heute auf morgen
kannten sich ehemalige Genossen und Freunde auf der Straße nicht mehr. Meine Frau kam
eines Tages empört nach Haus, weil jemand auf ihren Gruß nicht geantwortet hatte. Bis
der Freund ihr erklärte: »Von uns Arbeitern weiß man, was wir sind, doch für euch ist
es gefährlich.« Trotzdem kam man heimlich zusammen und tauschte Erfahrungen aus. Alles
belastende Material wurde vernichtet. Es war in den ersten Monaten noch möglich, die
Gestapo, die damals ZBV genannt wurde, zu überspielen. Dabei kam es zu komischen Szenen.
Mitten in der Nacht waren einmal die Leute fünf Mann hoch in unsere Wohnung gekommen und
wühlten alles durch. Meine Frau rettete uns vor der Verhaftung, indem sie ihnen einen
solchen Unsinn erzählte, daß ich, der das mit anhörte, dachte: Das können sie doch
unmöglich glauben. Aber sie wurden davon konfus und eilten in den Keller, um unter den
Kohlen nach Waffen und Propagandamaterial zu suchen. Ein anderes Mal setzte sich ein
biederer Polizist an meinen Schreibtisch, holte umständlich seine Brille aus der Tasche
und versuchte, meine Manuskripte zu lesen. »Was ist das?«, fragte er mit strengem Blick,
und ich kam mir wie ein Schüler vor, der bei irgendwelchem Unsinn ertappt war. Wieder bei
einer andern Haussuchung sehe ich, wie mir einer, den ich gleich als ehemaligen
Kommunisten erkannt hatte, zuzwinkert und mit dem Fuß verdächtiges Material beiseite
schiebt, daß nur er als solches erkennen konnte. Die andern begingen unterdessen den
Fehler, mir eine Menge Bücher zu beschlagnahmen, die sie für unerwünscht hielten,
darunter sämtliche Autoren russischen Namens, sogar Dostojewskij. Daraufhin reichte ich
eine seitenlange blödsinnige Beschwerde ein, in der ich erklärte, daß ich ein Buch
über die Freiheit schriebe und dafür die Bücher brauchte. Tatsächlich wurde ich ins
Hauptquartier der Gestapo zitiert und bekam alles wieder, sogar das Kapital von Marx. Das
sind läppische Anekdoten, kaum der Erwähnung wert. In Wirklichkeit ging das alles
natürlich sehr auf die Nerven. Nur eben, daß die ausfahrenden Organe noch nicht
einheitlich gedrillt waren, so daß man durch die Maschen schlüpfen konnte, wenn man
Glück hatte.
Um es zu wiederholen, der nationalsozialistische Alltag begann nach der Röhm-Affäre im
Sommer 1934. Das Teuflische war, daß dies Ereignis zu jenem Zeitpunkt auf die Masse
derer, die weder politisch interessiert waren noch andere Wünsche hatten als ein ruhiges
Auskommen, wie das Ende einer Umwälzung und die Rückkehr zu staatlichen
Rechtsverhältnissen wirkte. Das weibliche Element der Bevölkerung darf dabei nicht
vergessen werden. Zur Ehre der Frauen sei angenommen, daß sie auf die prahlerischen
Phrasen der Partei nicht viel gaben, aber sie waren des jahrelangen Elends der
Arbeitslosigkeit müde und bejahten deshalb, was sie für eine neue Sicherheit halten
mußten. So wurde vieles als vorübergehende Notmaßnahme in Kauf genommen. Die grobe
Täuschung bestand darin, daß es sich nicht um Recht handelte, sondern um Vorschriften
eines riesigen Gefangenenlagers, eine Ordnung, die durch Lautsprecher als Freiheit
ausgegeben wurde, während außerhalb des Lagers angeblich alle Menschen unfrei waren und
im Elend lebten. Wie sollte der Durchschnittsmensch nach all den Jahren politischer und
wirtschaftlicher Ungewißheit erkennen, daß die ihm gewährte Arbeit nur die eines
Gefangenen war?
Auch das Ausland begrüßte das Regime, das steht fest, und sei es auch nur aus purer
Angst vor dem Kommunismus. Ein alter schwedischer Geschäftsfreund meines Vaters wies in
seinen Briefen immer wieder auf einen seiner Könige hin, der auf irgendeinem Marktplatz
mit dem Bronzefinger nach Osten zeigte. Ganz naiv deutete der alte Herr damit an, daß es
Aufgabe der Deutschen wäre, Schweden vor Rußland zu beschützen. Auch die übrige Welt
befand sich seit Jahren in einer Wirtschaftskrise und ließ sich daher durch die zur Schau
getragenen Erfolge der Nazis blenden. Man beneidete die Deutschen um die Beseitigung der
Arbeitslosigkeit, die Stabilisierung der Währung, die herrschende Ordnung und so weiter.
Daß die scheinbaren Erfolge durch unmenschliche Methoden und rücksichtslose
Militarisierung erreicht wurden, ließ man mehr oder weniger bewußt unbeachtet. Auch da,
wo Flüchtlinge und Emigranten von den tatsächlichen Vorgängen hinter der Fassade
berichteten, nahm man offiziell kaum oder nur mit Skepsis davon Kenntnis. Das Verhalten
der Fremdenpolizei anderer Länder ist ein trauriges Kapitel für sich; man hielt die
Flüchtlinge im Grunde für Kriminelle. Doch seien wir realistisch: Die Hilfsbereitschaft
des Menschen ist sehr begrenzt. Wird ein Zeitgenosse, dessen Land sich selber in einer
Krise befindet, einseitig über die Erfolge des Nachbarlandes informiert, dann wird er
mißtrauisch gegen Emigranten; ja, schließlich kommt es so weit, daß er ihnen die Schuld
an ihrem Schicksal gibt und sie sogar als Belastung empfindet.
Das sind Tatsachen, die auf den nationalsozialistischen Alltag zurückwirkten; denn der
kasernierte Deutsche wurde wieder umgekehrt einseitig über die positive Stimmung des
Auslandes orientiert. 1936, zur Zeit der Berliner Olympiade, konnte er sich selbst von der
Bewunderung der Besucher überzeugen. Sollte er etwa den Gästen erklären, was an der
bewunderten Ordnung falsch war? Daß es gleich dahinter Kasernen und Konzentrationslager
gab? Er wäre dabei nur auf seinen Instinkt und auf Gerüchte angewiesen gewesen, die der
glanzvollen Fassade gegenüber keine Beweiskraft hatten.
Dazu kamen die Auslandsdeutschen, die sich überall nach einem Jahrzehnt der
Zweitklassigkeit wieder geachtet sahen und mit ihrem sogenannten Vaterland prahlen
konnten. Wir waren seit Jahren mit einem österreichischen Ehepaar befreundet, herzliche,
liebe Menschen. Der Mann war Opernsänger. 1937 trafen wir ihn in Berchtesgaden. Er war
von Salzburg herübergekommen; denn wir hatten keine Genehmigung, die Grenze zu
überschreiten. Er schwärmte ganz naiv vom nationalsozialistischen Deutschland, wie er es
aus österreichischer Sicht sah, und äußerte: Elsa - seine Frau - würde am liebsten auf
den Knien den Obersalzberg hinaufrutschen. Wir stießen ihn in die Rippen und sagten:
»Das wird ihr rasch vergehen.« Und in der Tat gab es schon ein Vierteljahr nach dem
Anschluß Österreichs keinen empörteren, gleichwohl naiven Antinazi als unsern Freund,
aber da war es zu spät. - Und um die damalige Atmosphäre begreiflich zu machen, muß ich
leider von meiner Mutter reden. Sie stand eines Tages zufällig daneben, als Hitler aus
dem Wagen stieg; vielleicht wurde ihr auch die Hand geschüttelt. Hinterher erzählte sie,
daß er genauso schöne Augen hätte wie mein verstorbener Bruder.
Das sind nur drei beschämende Fälle aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis, aber
der Alltag war von solchen Naivitäten gefärbt, und Menschen, die an sich nicht böse
waren, stärkten damit das Regime. Die Frage ist, wie soll man sich heute solchen Leuten
gegenüber verhalten. Es wäre unrealistisch, von ihnen zu verlangen, daß sie in Sack und
Asche gehen; es wäre auch peinlich und unglaubhaft. Ein Mann wie Robert Neumann darf
sicher sagen: Gib auch dem Vater eine Chance. Es ist richtig, der Haß führt zu nichts.
Doch unsereinem wird es schwer, dem Vater eine Chance zu geben, wenn man auf Schritt und
Tritt bemerken muß, daß dieselben kleinbürgerlichen Unzufriedenheiten jederzeit wieder
zu einem politischen Mordinstrument umgeschmiedet werden können. Man ist oft geneigt, dem
Haß das Wort zu reden.
Für die großen Untaten gibt es einwandfreie Dokumentationen und Bestandsaufnahmen. Auch
über die Henkerpsychologie eines wildgewordenen Kleinbürgertums sind maßgebende Bücher
geschrieben worden. Ebenso dürfte es genügend Abhandlungen geben, die sich mit dem
Versagen einzelner Berufsgruppen befassen, mit dem der Wissenschaft, der Juristen, der
Lehrer, der Kaufleute und des Militärs. Wie kommt es, daß diese historisch unbedingt
notwendigen Dokumentationen jemanden, der die Zeit mitgemacht hat, unbefriedigt lassen,
ja, daß er das Gefühl hat, als machten sich die, die sich mit der Anklage geschehener
Unmenschlichkeiten zufriedengeben, die Sache zu einfach und redeten sogar an dem
erschreckendsten Phänomen vorbei?
Angesichts des bürokratischen Mordes an Millionen klingt das zynisch. Ein junger Mensch,
der seine Herkunft als geschändet empfindet und mit Recht darunter leidet, wird fragen,
was es denn noch Erschreckenderes geben könne. Um gleich darauf zu antworten: Das
Erschreckendste ist ein geschichtsloses Phänomen, das sich deshalb auch nicht
geschichtlich abtun und für die Zukunft verhindern läßt, der Alltag und die
allmähliche Korrumpierung durch ihn. Denn die historisch feststellbaren Schrecknisse
werden Geschichtsereignis, grausiger Unterhaltungsstoff und Sensation; ja, vielfach ist es
Mode geworden, über gestrige Untaten zu schimpfen, eine recht billige Mode; denn
Unmenschlichkeiten unmenschlich zu nennen ist keine positive Tat und oft kaum mehr als ein
Alibi für nihilistischen Selbsthaß. Aber wie will heute jemand von sich behaupten, er
sei gegen eine behördlich angeordnete Verfälschung primitivster Wahrheiten gefeit?
Vermag er zu beurteilen, wie er durch seine Umgebung korrumpiert wird? Wie er als Gegner
durch die träge Subalternität der Masse gelähmt wird? Durch die schöne Redensart etwa.
»Wie kann ich vom Biertisch aus die Weltlage ändern?« Als ob es sich um die Weltlage
handelte! Kürzlich fragte ich einen Schweizer: »Wie steht es bei Ihnen mit dem
Antisemitismus?« Er antwortete stolz: »Kein Problem bei uns! Wir haben zuwenig Juden.«
Welch eine Antwort! Doch die Frage ist falsch gestellt. Es handelt sich nicht um
Antisemitismus, nicht um Faschismus, nicht um Gaskammern. Es handelt sich nicht um die
Weltlage, es handelt sich um den Menschen, den einzelnen Menschen, der durch
konformistische Gedankenträgheit erstickt wird.
Über den nationalsozialistischen Alltag ist meines Wissens nichts Gültiges berichtet
worden. Das hat seine guten Gründe. Zunächst einmal den ganz banalen Grund, daß jeder,
der darüber spricht, damit rechnen muß, Beifall von der falschen Seite zu erhalten. All
die Millionen mit ihren winzigen Fehltritten werden rufen: Ja, so war es; wir konnten ja
nicht anders. Es stimmt: Sie konnten nicht anders. Wie darf ich es einem kleinen Beamten,
der Frau und Kinder hatte und um seine Stellung bangte, zum Vorwurf machen, daß er sich
gleichschalten ließ, ein Parteiabzeichen an den Rockaufschlag steckte, mit »Heil
Hitler!« grüßte, weil es so angeordnet war, und am befohlenen Gemeinschaftsempfang
anläßlich einer Führerrede teilnahm? Wie darf ich von einem Durchschnittsmenschen
Heroismus verlangen? Oder den Mut zu einer persönlichen Gesinnung, durch die er die
Existenz seiner Familie in Frage stellt? Ich wäre ein Utopist und, was schlimmer ist, ein
selbstgerechter Moralist. Es tut mir leid, aber das muß einmal gesagt werden, nicht so
sehr im Hinblick auf die böse Vergangenheit, sondern aus Sorge um die Zukunft. Gewiß,
das unschuldige Versagen des Einzelnen mit Millionen multipliziert machte es erst den
Nazis möglich, ihre Untaten zu begehen, das bedarf keiner Erwähnung, aber wer dem
kleinen Mann, dem es immer nur um private Existenzfragen geht, deshalb die Schuld an allem
zuschiebt, macht es sich gar zu billig. Diesen nur in seinen Alltagssorgen befangenen
kleinen Mann wird es immer geben, ganz gleich, ob wir das schön finden oder nicht. Jedes
politische System und jeder wirtschaftliche Apparat muß mit ihm rechnen. Man läßt daher
aktivistische Schreihälse und gerissene Werbefachleute auf ihn los, um ihn fügsam zu
machen. Statt sich darin zu gefallen, den kleinen Mann von 1933 anzuklagen, überlege man
lieber, wieviel faschistische Verachtung des Menschen als rücksichtslos verbrauchbares
Material in unsern heutigen Werbemethoden liegt. Über den geschichtslosen Alltag zu
schreiben, ist immer schwer. Es deprimiert, nur über die einfachen Tatsachen des Daseins
zu berichten, als da sind: Schlafen, Essen, Fortpflanzung, Brotberuf, gesellschaftlicher
Erfolg und dergleichen mehr. Das Erzählen von privaten Geschehnissen mutet wie ein
Wichtignehmen von Dingen an, die jeder erlebt. Doch wo ist die Grenze zwischen Geschichte
und Geschichtslosigkeit? Wer wagt zu entscheiden, wieweit ein häusliches Ärgernis die
Entschlüsse beeinflußt, die ein Mann am nächsten Morgen in seinem Amt zu treffen hat?
Anekdoten und Klatschgeschichten verraten oft mehr darüber, wie es in der Vergangenheit
wirklich zuging, als ein historisches Werk, das mit exakten Dokumenten aufwerten kann. Die
Gedichtzeile von Andreas Gryphius: »Ich habe meine Zeit in heißer Angst verbracht«
bringt mir die Leiden des Dreißigjährigen Krieges näher als eine Statistik der dabei
umgekommenen Menschen oder die Aufzählung von Schlachten und zerstörten Dörfern. Zahlen
sind abstrakt, aber ein menschlicher Seufzer bleibt lebendig. Und wenn Gryphius dann
fortfährt: »Dies lebenlose Leben«, so haben wir ein Motto für den
nationalsozialistischen Alltag, wie es treffender nicht zu denken ist.
Nur daß damals die wenigsten wußten, daß sie ein lebenloses Leben führten und ihre
Zeit in heißer Angst verbrachten. Man hatte sich an die Angst gewöhnt wie an eine
Epidemie, gegen die sich nichts tun ließ, als ein paar sinnlose prophylaktische
Maßnahmen zu beobachten. Es war die Gewöhnung um so leichter möglich, als die, die
mittels der Angst herrschten, nicht mehr zu verlangen schienen als Gehorsam und Maulhalten
in der Öffentlichkeit; im übrigen ließ man die Leute in dem Glauben, daß sie ihr
kleines privates Leben weiterführten. Hinter seinen vier Wänden durfte der Gefangene
aufbegehren und Witze reißen, wenn ihn das befriedigte und über seine Unfreiheit
täuschte. Die Gefangenenwärter lachten selber mit, denn auch die Wärter waren die
Gefangenen des Systems, und das System konnte durch einen faulen Witz keinen Schaden
erleiden.
Die furchtbare Täuschung beruht darin, daß es unter einem totalitären Regime kein
Privatleben, kein individuelles Dasein und keinen wirklich selbständigen Gedanken gibt.
Alles ist von dem Bazillus der Epidemie infiziert, selbst der Gegner, der sich immun zu
machen glaubt, steht schon unter ihrem Gesetz. Wie eine Dunstglocke lagert die Ideologie
der Machthaber über allem und nimmt allen menschlichen Handlungen die Wirklichkeit.
Schallplatten aus jener Zeit wirken wie im Schlaf oder in einem Alptraum gesprochen.
Sämtliche Fotos scheinen unterbelichtet oder nicht reproduzierbare Negative zu sein. Mit
Mühe versucht man, sich und die Seinigen darauf zu erkennen. Das soll ich gewesen sein?
fragt man sich ungläubig. Allerdings, die standesamtlichen Fakten stimmen, aber das
Standesamt registriert nur das lebenlose Leben.
Hier dürfte der wahre Grund liegen, weshalb sich der nationalsozialistische Alltag der
Darstellung entzieht. Es handelt sich nicht darum, daß jemand ein Vergehen oder Versagen
vergessen will, also nicht um unbewältigte Vergangenheit; damit ließe sich moralisch,
psychologisch und strafrechtlich fertig werden. Es handelt sich um eine
Vergangenheitslosigkeit, um eine Lücke im Dasein des Einzelnen wie bei einer Ohnmacht.
Man erinnert sich der letzten Worte des Chirurgen und der Operationsschwestern vor der
Betäubung und nachher der Mühe, die es kostet, ins Bewußtsein zurückzukehren. Aber was
war dazwischen? Die Zeit ist weitergelaufen, das läßt sich an der Uhr kontrollieren,
aber wo war ich unterdessen?
Ich glaube nicht, daß ich präzisere Aussagen machen könnte, wenn mir meine Tagebücher
und Briefe aus jenen Jahren nicht bei einem Luftangriff verbrannt wären. Vermutlich
würden mir die Mittel, mit denen ich meine Selbstachtung zu bewahren suchte, kindisch und
schattenhaft vorkommen. Daß wir nicht ein einziges Mal flaggten, wenn es angeordnet war,
daß wir nicht ein einziges Mal mit »Heil Hitler!« grüßten, daß wir keinen Pfennig
für die Winterhilfe und sonstige Sammlungen gaben, daß wir in einen Hausflur oder in
eine Nebengasse verschwanden, wenn wir in einen Umzug mit Standarten und Musik gerieten -
das alles sind lächerliche Nadelstiche eines wehrlosen Opponenten. Übrigens wurden
solche Unterlassungen in der Kartothek des Blockwarts vermerkt; vielleicht berichtete er,
um sich wichtig zu machen, an eine vorgesetzte Stelle weiter und diese wiederum weiter
nach oben. Der Geheimdienst konnte sich so ein Bild über die Stimmung der Bevölkerung
machen und die Propaganda entsprechend ausrichten. Man wird solche Nadelstiche nicht
besonders ernst genommen haben. Es kam dem Regime gar nicht auf das Geld an, das gesammelt
wurde, und ebenso lag ihm an ein paar Fahnen mehr oder weniger nichts. Das Geld hätte
sich viel einfacher drucken lassen. Das alles hatte nur den Zweck, die Masse der
Gefangenen dauernd zu beschäftigen und in Atem zu halten, um sie über ihren Zustand
hinwegzutäuschen und von ihrem Schicksal abzulenken. Und in der Tat, auch der kleine
Renitente wurde in Atem gehalten. Ausländer haben nach dem Krieg gefragt: »Warum habt
ihr euch das gefallen lassen und keinen Aufstand gemacht?« Wer so fragt, hat nie auf dem
Operationstisch gelegen oder unter den Bedingungen einer Epidemie gelebt. Attentate und
Einzelaktionen wären jederzeit möglich gewesen. Unsere Schullesebücher sähen heute um
vieles besser aus, wenn wir auf eine größere Zahl von Gefängnisrevolten hinweisen
könnten. Praktisch waren solche Einzelaktionen zum Scheitern verurteilt und hätten am
Ablauf der Geschichte nichts geändert. Die Lähmung war zu groß, als daß die Tat
Einzelner Nachfolge gefunden hätte, und das Scheitern solcher Handlungen wurde sofort
propagandistisch ausgenutzt, um die Lähmung zu vergrößern. Dies Wissen um die
Vergeblichkeit nahm jedem Widerstand die Stoßkraft. Bis zur Röhm-Affäre, wie gesagt,
war ein aktiver Widerstand möglich und dann erst wieder vom Sommer 1943 ab, als das
System durch die Zerstörung der Großstädte Risse zu zeigen anfing.
Damit sind wir bei dem Vorwurf der Feigheit. Kein Zweifel, die Deutschen neigen wegen
ihrer Subalternität, die als Ordnungsliebe und Tüchtigkeit ausgegeben wird, mehr zu
einer lakaienhaften Bequemlichkeit als andere Völker. Darüber ist oft genug
philosophiert worden. Ich verabscheue den Begriff »innere Emigration«, weil damit
vielfach nur ein feiges Ausweichen frisiert worden ist. Trotzdem halte ich es für
unrealistisch, der Masse Feigheit vorzuwerfen. Mit der biologischen Trägheit der Masse
wird man immer rechnen müssen. Feigheit ist nur denen vorzuwerfen, die es als
Intellektuelle oder auf Grund ihrer Stellung hätten besser wissen müssen.
Rückschauend möchte ich sagen, daß für mich die Gefahr zu verzweifeln weit größer
war als die, bei einer aussichtslosen Aktion verhaftet und erschossen zu werden. Welche
Kraft ermöglichte es uns, zehn oder zwölf Jahre lang einen Zustand völliger
Hoffnungslosigkeit zu ertragen? Es gibt keine Antwort darauf. Die Frage kann nur
weitergegeben werden.
Es war keine literarische Marotte, wenn dieser hoffnungslose Zustand nach 1945 als
Aufenthalt im Totenreich zu schildern versucht wurde, denn jede realistische Darstellung
eines unrealistischen Zustands wäre den Tatsachen nicht gerecht geworden. Man bildete
sich noch ein zu leben und machte dieselben Gesten wie Lebende, aber alles war nur Schein.
Das Schattenhafte eines solchen Zustands ließ sich darum nur metaphorisch andeuten. Das
gültigste Gleichnis dafür hat wohl Albert Camus mit seinem Roman Die Pest
gefunden. Erst sind es ein paar Ratten, die krepiert im Hausflur oder Rinnstein liegen.
Dann gibt es ein paar Todesfälle, die von den Ärzten jedoch nicht als Pest erkannt
werden, da die Pest in unserem zivilisierten Jahrhundert als unmöglich gilt. Und als die
Krankheit erkannt wird, versucht man, sie zunächst geheimzuhalten, um eine Panik zu
verhindern. Dann wird der Ausnahmezustand erklärt, die Stadt wird zerniert, es werden
Vorsichtsmaßregeln angeordnet, die Bevölkerung wird zu ihrem eigenen Besten der Freiheit
beraubt und muß sich einschränken. Famillenangehörige von Pestkranken werden in
Quarantänelagern gefangengehalten. Alles das ganz allmählich. Letzte Woche dreihundert
Tote, diese Woche fünfhundert, nächste Woche achthundert und so weiter. Man gewöhnt
sich daran, weil sich nichts dagegen tun läßt. Man stumpft ab gegen das Sterben und ist
damit schon ein Opfer der Pest. Man bildet sich ein, noch sein gewohntes bürgerliches
Dasein zu führen, man schimpft ein wenig, man kauft schwarz, und man geht sogar in die
Oper. Da die Stadt abgeschlossen ist, gibt es keine echten Vergleichsmöglichkeiten mehr,
es gibt nur noch Erinnerungen, die von Tag zu Tag blutleerer werden.
Niemals waren die Konzertsäle so überfüllt wie zur Nazizeit. Niemals, möchte ich
behaupten, wurde Barock- und klassische Musik so präzise und akribisch gespielt wie in
den Jahren der Diktatur, sogar auf alten Museumsinstrumenten, um den höchsten Grad der
Werktreue zu erreichen. Da haben wir das Phänomen der Flucht in den Historismus. Laßt
uns ein Concerto grosso von Händel hören; denn Musik kann man nicht ideologisch
verfälschen. Wahrscheinlich hätte ich nie so viel über Musik gelernt, wenn es damals
nicht dies Ablenkungsmittel gegeben hätte; doch zugleich stammt daher mein tiefes
Mißtrauen gegen Musik.
Denn ins Kino konnte man nicht gehen. Die Filme propagierten entweder die gewünschte
Ideologie, so daß einem noch übler davon wurde, oder, wo es sich um harmlose
Unterhaltungsstoffe handelte, waren sie ganz einfach verlogen. Zum Beispiel hing doch in
jedem Raum einer Behörde ein Führerbild, und der Beamte grüßte mit »Heil Hitler!«.
Nicht aber so in den Filmen, denn dann wären sie ungeeignet für den Export gewesen. Im
Film schüttelte dir der Beamte die Hand, und alles war gut und angenehm komisch.
Die tägliche Wirklichkeit war ganz anders. Du gehst morgens ins Milchgeschäft und sagst
zu der Milchfrau: »Guten Morgen.« Manche sagten auch »Grüß Gott!«, obwohl das für
Hamburg ganz ungewöhnlich war. Die Milchfrau sagt ebenfalls: »Guten Morgen.« Herein
kommt eine Frau und ruft provozierend: »Heil Hitler!« Diesen üblen Typ gab es leider.
Für den Bruchteil einer Sekunde gibt es ein Stutzen im Milchladen, ein kaum hörbares
Klicken. Die Milchfrau ist mit dem Einfüllen der Milch beschäftigt und antwortet mehr
nebenbei: »Heil Hitler!« Dann schiebt sie dir die Flasche über den Tisch. »Zwanzig
Pfennig bitte. Auf Wiedersehen.« Wie soll man das Schweigen, das dazwischen lag, nach
zwanzig oder dreißig Jahren wiedergeben? Das ist unmöglich.
In der Times las ich etwa 1937, irgendwo, ich glaube in Frankfurt, habe ein
Gauleiter verkündet, Zitronen wären schädlich für die nordische Rasse, dagegen
enthielte Rhabarber das richtige Vitamin. Natürlich ging es bei diesem Blödsinn um
Devisenersparnis. Die Times kommentierte, daß dann ja auch das Mignonlied
abgeändert werden müsse in: »Kennst du das Land, wo der Rhabarber blüht.« Das klingt
wie ein fauler Witz, aber keine Dummheit ist so groß, daß sie nicht geglaubt wird. Warum
nicht Rhabarber, wo doch selbst Wissenschaftler die Überlegenheit der nordischen Rasse
bestätigten?
Ob man sich verliebte, heiratete, eine Wohnung einrichtete oder was sonst auch immer,
alles wurde zur politischen Handlung umgefälscht. Man bekam nicht ein Kind, weil man den
natürlichen Wunsch hatte, Kinder zu haben, sondern um sich als wertvoller Volksgenosse zu
beweisen. Eine kinderlose Ehe galt als Verbrechen an der Nation, an der Rasse und vor
allem an der Wehrtüchtigkeit. Vielleicht dachte der Einzelne: Na, laß die Kerle reden,
das berührt mein Familienleben nicht. Welch ein Irrtum, denn er war längst der
Ameisenpolitik unterworfen.
Es hat auch Kinder gegeben, die ihren Eltern mit Denunziation drohten. Ein Junge will
natürlich der langweiligen Hausordnung entrinnen und sich in seiner Organisation wichtig
machen. Man hat dem dummen Bengel eingeredet, daß die Zukunft Deutschlands auf ihm
beruhe. Also zeigt er den Vater an, der einen ausländischen Sender gehört hat. Wie soll
der Junge wissen, daß er damit eine ihm vielleicht mögliche Freiheit gegen die absolute
Unfreiheit des militärischen Kollektivs eintauscht, wenn ihm Befehle ausfahren als
Prinzip der Freiheit erklärt wird?
Doch es gab auch Fälle, wo es Eltern gelang, ihre Kinder vor der Verfälschung zu
bewahren. Nicht daß sie die Kinder zu einer bewußten Opposition veranlaßten, das wäre
kaum zu verantworten gewesen, aber durch ihr eigenes Verhalten weckten sie Kritik in
ihnen. Doch im allgemeinen war der Einfluß der Jugendorganisationen stärker, die den
Kindern viel Kurzweil und Abenteuer boten. Der Zersetzungsprozeß der Familie wurde
bewußt gefördert. Man konnte von Eltern, die selber um ihre Stellung bangten und um das
Fortkommen ihrer Kinder besorgt waren, kaum verlangen, daß sie ihnen verboten, in die
Hitlerjugend einzutreten, zumal Schulzeugnis, Examen, Stipendium und so weiter von der
Mitgliedschaft abhängig waren. Das Regime arbeitete bestecherisch. Für den Vater lag die
Frage darin, ob er seinem Kind die Zukunft erschweren dürfte, weil ihm selber das System
zuwider war. Akademisch ist die Frage sehr leicht zu beantworten.
Hier ein Beispiel. Ein siebenjähriges Mädchen macht sich auf den Schulweg. Unterwegs -
es war in der Eilenriede in Hannover - fängt es in einem Tümpel noch rasch ein paar
Kaulquappen, um sie der Lehrerin in einem Marmeladenglas mitzubringen. Dann steigt das
Mädchen in die Straßenbahn, trifft dort wie jeden Morgen eine Klassenkameradin und
begrüßt sie. Diesmal antwortet die Freundin nicht und wendet sich sogar ab. Das Kind
versucht es noch einmal und bietet dem andern Mädchen an, das Glas mit den geliebten
Kaulquappen zu tragen. Welch ein Opfer! Aber vergeblich, die Freundin dreht dem Kind den
Rücken zu und schweigt. Später erzählt das Kind der Mutter: »Denk dir, sie hat mir
nicht guten Morgen gesagt.« Was war über Nacht geschehen? Das andere Mädchen war ein
Judenkind und trug zum ersten Male den gelben Stern auf dem Mantel. Man knirscht noch
heute mit den Zähnen, wenn man daran denkt, mit welcher Niedertracht selbst die
natürlichen Gefühle von Kindern verfälscht wurden. Aber was sollte die Mutter sagen?
Bisher hatten die Kinder keine Unterscheidung zwischen Juden und Nicht-Juden gemacht, für
sie galt nur Freundin oder Nicht-Freundin. Die Mutter also erklärt ihrer Tochter, daß
sie dem andern Mädchen am meisten dadurch helfe, wenn sie es vorläufig allein ließe und
nicht beachtete. Welch eine feige Lüge, höre ich jemand sagen. Nein, das ist abstrakt
geurteilt. Durfte die Mutter ihr Kind Konflikten aussetzen, denen es noch nicht gewachsen
war? Wer wagt da mit einem klaren Ja oder Nein zu antworten? Bei dem hier erzählten Fall
kommt noch hinzu, daß der Vater des Mädchens schon eine Zeitlang im Konzentrationslager
gewesen war, wo ihm sozusagen das Rückgrat gebrochen worden war.
Und wie steht es mit jener fanatischen Nationalsozialistin, einer höchst gefährlichen
Person, die ihr geistesschwaches Kind versteckte und verheimlichte, als solche armen Wesen
unter dem Vorwand der Volksgesundheit umgebracht wurden? Da haben wir einen krassen Fall,
wo totalitäre Lüge und kreatürliche Realität zusammenstießen. Glaube nur keiner, daß
er heute nicht dieser Pseudo-Rationalisierung natürlicher Gegebenheiten ausgesetzt wäre.
Wand an Wand neben uns wohnte ein Kantor der Synagoge mit seiner Frau und zwei kleinen
Kindern. Dann kam im Herbst 1938 die sogenannte Kristallnacht. Während der schlimmsten
Tage übernahm meine Frau Geld und Wertsachen der Nachbarn. Der Mann konnte sich
verbergen, und es gelang ihm dann, ins Ausland zu entkommen. Die Frau erhielt als geborene
Schweizerin die Genehmigung, zu emigrieren und sogar ihre Möbel mitzunehmen. Als die
Kisten endlich gepackt, vom Zoll versiegelt und dann abtransportiert waren, kam die Nacht
der Abreise. Die Taxe war vorgefahren. Meine Frau und ich trugen jeder eines der
verschlafenen Kinder die vier Treppen hinunter. Nichts regte sich im Treppenhaus, die
jahrelangen Mitbewohner zeigten sich nicht. Möglicherweise standen sie hinter den
Wohnungstüren und horchten. Unten an der Haustür umarmte meine Frau die weinende Mutter
und sagte: »Trösten Sie sich doch. Denken Sie immer daran, die nächsten, die an die
Reihe kommen, sind wir.« Ein prophetisches Wort, doch nicht deswegen wird die Szene hier
erzählt. Als wir nach Abfahrt der Taxe ins Haus zurückkehrten, hörten wir hinter dem
Holzverschlag, der zur Kellertreppe führte, ein Geräusch. Im Dunkeln stand dort die
kleine alte Hauswartsfrau, eine gefürchtete Person mit zänkischer Stimme, und schluchzte
hemmungslos. Die Tränen sollen hier nicht sentimentallsiert werden, und doch scheint mir
die Szene ein furchtbares Symbol für den nationalsozialistischen Alltag zu sein. Die
Kreatur wagte nur noch im dunklen Keller aufzuseufzen.
Die am meisten lähmende Wirkung auf das gesamte Dasein übte die Herrschaft der
Zweitklassigen aus. Es gehört wohl zum Prinzip eines solchen Systems, nicht denen die
Kontrolle über ein bestimmtes Berufsgebiet anzuvertrauen, die etwas davon verstehen; denn
bei ihnen muß mit einer sachlichen Opposition gerechnet werden, sondern umgekehrt denen,
die wegen ihrer Unfähigkeit beruflich gescheitert sind. Solche Leute sind von Haß gegen
die Begabten erfüllt und erklären ihr eigenes Versagen mit unehrlichen Machenschaften
irgendwelcher Cliquen. Auf diese subalterne Mentalität kann man sich unbedingt verlassen.
Man statte den kleinen Unzufriedenen, der sich für betrogen hält, mit einer winzigen
Machtposition aus, der Mann wird sich für unentbehrlich halten und dem System, das ihn
hochgebracht hat, die Treue wahren. Hitler selber ist geradezu der Prototyp für dies
sektiererische Ressentiment. Auf die Weise kommt es zu einer Kontrolle von unten nach
oben, nicht etwa nur soziologisch, sondern vor allem psychologisch. Das Dasein wird aus
der Perspektive eines verbitterten Hauswarts reguliert, der sich die Mieter durch Schikane
hörig macht. Man möchte von einer absoluten Herrschaft der Unteroffiziere reden.
Hauptgegner für diesen Typ war - und ist immer - Geist und eigenes Urteil. In der
Literatur wurden von heute auf morgen Namen als Genies gepriesen, von denen noch nie
jemand etwas gehört hatte oder die allenfalls in Familienblättern erschienen waren. Die
Malerei geriet sofort in die Hände von Dekorationsmalern. Leute, deren Thema wehr- oder
bevölkerungspolitisch brauchbar war, wurden in den Himmel gelobt; alles andere war
Formalismus, Schund und Schmutz oder entartete Kunst und war obendrein noch schuld am
verlorenen Krieg, an der Inflation, an der Arbeitslosigkeit und überhaupt an allem. Man
schimpfte auf die Plutokratie und bereicherte sich auf schäbige Art selber. Derselbe
Obskurantismus griff auch auf die Universitäten über. Gelehrte von Rang wurden
kaltgestellt, wenn sie sich weigerten, die Forschung politischen Tendenzen zu unterwerfen.
An ihre Stelle traten bereitwillig Leute, die wissenschaftliche Methoden nach
ideologischen Parolen ausrichteten. Es gab Philosophen, die sich nicht schämten, in
SA-Uniform aufs Katheder zu treten und den Führer als »geschichtliche Notwendigkeit« zu
preisen. Es gab Biologen und Genetiker, die die Naturwissenschaft an billige Romantizismen
verrieten. Es gab Journalisten, die mit soziologischen Gesten von der Endlösung der
Judenfrage faselten. Es gab Filme, die auf raffinierte Weise die Vernichtung angeblich
wertlosen Lebens als edle Tat propagierten. Zieht man die landläufige
Wissenschaftsgläubigkeit und die Hochachtung vor allem Gedruckten in Betracht, so gibt es
überhaupt keine Entschuldigung für solche opportunistischen Verräter, die durch
pseudowissenschaftliche Argumente die Unmenschlichkeiten rechtfertigten. Nicht nur, daß
der kleine Nicht-Intellektuelle sich dadurch beruhigt fühlte, wenn sogenannte Fachleute
ihm als Notwendigkeit erklärten, was ihm vielleicht nicht gefiel und er beruhigte sich um
so eher, da er bis 1942/1943 keine Ahnung von dem Ausmaß der Untaten hatte -, sondern diese
Geistverräter verschafften dem primitiven SS-Mann auch das gute Gewissen für alle
Grausamkeiten. Daß sich die Parteiprominenz aus den Goldplomben der Opfer für den
Notfall Auslandskonten schuf, während offiziell jedes Devisenvergehen mit Todesstrafe
bedroht wurde: auch dafür wird sich sicher eine wissenschaftliche Deutung gefunden haben.
Doch um noch ein Beispiel für die Korrumpierung durch den Alltag zu bringen, und zwar aus
einem nicht-intellektuellen Beruf: Da ich seit 1933 nicht veröffentlichen durfte, wurde
ich Kaufmann. Kaufmann zu sein gilt als ein freier Beruf, besonders in Hamburg, wo man vom
königlichen Kaufmann zu sprechen pflegte, womit selbständige Unternehmungslust und
Übernahme von Risiko gemeint war. Wie sah es nun mit dem königlichen Kaufmann während
der Nazizeit aus? Die Auslandsfirmen bekamen Devisenkontingente, die nach den Umsätzen
der Jahre vor 1933 errechnet waren. In der Höhe des Kontingentes durfte die einzelne
Firma Waren importieren. Das ließe sich noch als finanzielle Maßnahme eines verarmten
Landes deuten, doch es kam zu völlig unkaufmännischen Folgen; denn nun wurde gekauft,
wenn man Devisen übrig hatte, und nicht dann, wenn der Markt günstig war. Aber nicht
genug damit, es war auch eine Gewinnspanne vorgeschrieben, die bei Strafe nicht
überschritten werden durfte. Und nicht nur das, da auch die verarbeitende Industrie und
der Fachhandel kontingentlert waren und nur mit Einkaufsgenehmigungen kaufen durften, gab
es keine freie Kundenwahl mehr. Alle Beteiligten erhielten einen ausreichenden Verdienst
und brauchten sich über Marktrisiko, Finanzierung und Kreditgabe nicht mehr den Kopf zu
zerbrechen. Was blieb da noch von dem sogenannten freien Kaufmann übrig? Die Bürokratie
leistete sich aus Fassadengründen den Luxus, ihn durch eine Art Pension am Leben zu
erhalten. In der Tat nannte man damals solche Firmen »Sofafirmen«, da die Geschäfte
mühe- und risikolos vom Sofa aus gemacht werden konnten. Und wiederum konnte nur
derjenige einen Vorteil innerhalb des Systems ergattern, der über gute Parteibeziehungen
verfügte und dadurch ein zusätzliches Kontingent erhielt. Für einen königlichen
Kaufmann eine recht unkönigliche Handlung.
Nochmals: Der erzieherische Wert historischer Fakten kann leider nicht gering genug
eingeschätzt werden. Konzentrationslager, in denen Hunderttausende zugrunde gingen, hat
es schon im Burenkrieg gegeben, und sicher hat der kuponschneidende Kleinbürger in
England damals beide Augen zugedrückt. Das entschuldigt die Nazigeneration nicht, aber
mit anklagender Dokumentation ist es nicht getan. Auch wer die Frage stellt, ob
systematische Massenvernichtungen, wie die Nazis sie organisierten, jemals wieder möglich
sind, weicht dem eigentlichen Problem aus. In dieser Form werden solche Dinge vermutlich
nicht wieder vorkommen. Aber man beachte bitte: in dieser Form nicht.
Die Frage muß sinnvoll lauten: Ist heute im Zeitalter totalitärer Apparatur, mag sie
ideologisch aufgeputzt sein, wie sie will, die Möglichkeit gegeben, den geschichtslosen
Alltag der Masse durch Propaganda, falsche Informierung und Angst so zu verfälschen, daß
alle natürlichen und menschlichen Instinkte gelähmt und Unmenschlichkeiten fatalistisch
hingenommen werden? Die Frage muß ohne jedes Moralisieren gestellt werden.
Alle, die den nationalsozialistischen Alltag bewußt erlebt haben und sich bemühten, ihn
mehr oder weniger zu bestehen, werden die Frage mit einem unbedingten Ja beantworten. Aber
sind wir, die das Unglück nicht zu verhindern vermochten, die richtigen Leute, einer
Generation, die nach der Epidemie aufgewachsen ist, Ratschläge für ihre Zukunft zu
geben? Wir zweifeln oft genug daran. Für diesen Zweifel hat man das Modewort
»Frustration der Intellektuellen« gefunden, das wie alle Modeworte das wirkliche Problem
mit einer journalistischen Handbewegung abtut. Wir Älteren haben, um es deutlich
auszudrücken, einen Knacks. Man führt nicht ungestraft zehn oder zwölf Jahre lang ein
Schattendasein in einem perfekten Totenreich. Der Schrecken über die Erkrankung der
menschlichen Substanz sitzt uns in den Knochen. Doch an einem zweifeln wir trotz allem
Scheitern nicht: daß in allen äußersten Situationen nur die Entscheidung gültig
bleibt, die das menschliche Gewissen trifft.
Da diesem Versuch das Wort von Gryphius »Dies lebenlose Leben« vorangesetzt ist, dürfte
es erlaubt sein, mit einem Gedicht zu schließen. Nicht des Gedichtes wegen, das nicht
mehr Gewicht hat als die Tränen, die die Hauswartsfrau auf der Kellertreppe weinte,
sondern weil zufällig der Anlaß seiner Entstehung im Gedächtnis geblieben ist, was sehr
selten vorkommt. Darum scheint es mir die furchtbare Atmosphäre des
nationalsozialistischen Alltags besser wiederzugeben als noch so einwandfreie
Dokumentationen.
Im Sommer 1934 hörte ich abends bei Bekannten, daß wieder etliche der Unsrigen, ich
glaube, es war in Wilhelmshaven, verhaftet wären. Die Nachricht machte mich schlaflos.
Ich lag auf meinem Bett und hörte, wie Kabelleger zwei Straßen weiter sich gegenseitig
über das Abrollen des Kabels durch klagende Zurufe informierten. Da stand ich auf und
schrieb:
Zur Nacht, weil alle Menschen schliefen,
Rief da ein Mann? O wie er rief!
Zweimal! Zwei Rufe, die mich riefen.
O Trägheit, daß ich weiterschlief.
Vom Flusse her ein wildes Klingen,
Zweimal, und dann war wieder Nacht.
Und ich verschlief das Hilfebringen
Zweimal und bin nicht aufgewacht.
Bin nicht vom Lager aufgesprungen
Zur Tür, und fragen, was es sei.
Ich schlief. Ich schlief, bis es verklungen.
O der du nach mir riefst, verzeih!
Heut morgen kommen sie und fragen:
Wer rief und hat die Nacht gestört?
Rief man nach Gott? Und ich muß sagen:
Ich schlief und habe nichts gehört.
Es war nicht Gott, dem es gegolten;
Ich war es, den ein andrer rief.
Zwei Rufe, die zum Bruder wollten,
Vom Bruder, und der Bruder schlief.
Es rief, damit es mich erwecke
Zur Nacht, zweimal, vom Flusse her:
O Mensch, wie liebst du deine Decke,
Dein Bett und deinen Schlaf so sehr!
Wie dumpf und stumpf ist dein Gewissen,
Wie satt und matt du im Erhören!
Ach, daß erst Schüsse fallen müssen,
Aus deinem Schlaf dich aufzustören.
Ja, ich bin träg und taub geschaffen
Und ließ dich letzte Nacht allein.
Heut nacht werd ich gewiß nicht schlafen,
Denn heute muß ich selber schrein.
zuerst in Merkur Jg. 21 (1967) H. 2,
S. 134-149. |