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Dies lebenlose Leben

Im Februar oder März I933 nahm sich ein Schulkamerad von mir das Leben. Er warf sich vor einen Zug. Ein hochbegabter Mathematiker, der schon mit dreiundreißig einen Lehrstuhl an einer kleinen norddeutschen Universität innehatte. Ich habe ihn nur als einen sehr zarten, nervösen jungen mit weißblonden Haaren in Erinnerung. Seine Mutter gab meiner Familie das Tagebuch zu lesen, das er in den letzten Jahren geführt hatte. Die letzte Eintragung lautete: »Ich schäme mich, daß ich kein Jude bin.« Ich entsinne mich noch der ratlosen Diskussionen, die in meiner Familie über diesen Satz stattfanden. In Hamburg pflegte man im allgemeinen nicht antisemitisch zu sein, sei es auch nur aus kommerziellen Gründen nicht. Seit Jahrhunderten hatten sich jüdische Familien, die irgendwo vertrieben waren, in Hamburg angesiedelt und gehörten zur Stadtaristokratie. Es wurde auch hin und her geheiratet, Geld kam zu Geld. Aber daß jemand bedauerte, kein Jude zu sein, war denn doch ganz unverständlich. Auch ich, der in Opposition zu der bürgerlichen Familie stand, begriff die Außerung damals nicht. Erst heute verstehe ich die tragische Hellsichtigkeit, die einen jungen Menschen zwang, sein Leben fortzuwerfen, weil er sich schämte, nicht zu den Opfern zu gehören.
Und hier gleich noch ein zweiter Selbstmord aus derselben Zeit, der vielleicht nicht weniger tragisch ist, obwohl er aus ganz anderen Motiven geschah. Wir erfuhren allerdings erst zwanzig Jahre später davon. Es handelt sich um einen guten Bekannten meiner Frau, einen jungen Stuttgarter, ebenfalls einen überdurchschnittlich begabten jungen Mann, der mit dreiundzwanzig seinen Doktor gemacht hatte und eine leitende Stellung in einem großen Industrieunternehmen einnahm. Wir hatten die Korrespondenz mit der Familie schon 1928 eingestellt, da sich in deren Briefe immer deutlicher nationalsozialistische Phrasen und Lobsprüche auf Hitler einschlichen. So kamen wir uns aus den Augen. Zwanzig Jahre später erkundigte sich meine Frau bei einem Aufenthalt in Stuttgart nach der Familie, die inzwischen umgezogen war. Aber eine Nachbarin konnte Auskunft geben. »Ja, wissen Sie denn das nicht?«, sagte sie. »Der junge Mann hatte damals einen wichtigen Posten in der Partei und hat sich im Sommer 1934 auf dem Waldfriedhof erschossen.« - Da hätten wir also den Fall eines jungen Idealisten, der die Konsequenzen zog, als er nach der Röhm-Affäre erkennen mußte, daß er getäuscht worden war. Behaupten zu wollen, wie es heute manchmal geschieht, daß er sich ja nicht hätte irreführen zu lassen brauchen, wäre nichts als selbstgefälliger Hochmut, wie er jeder historischen Sicht eigen ist.
Angesichts der späteren Massenvernichtungen zählen beide Selbstmorde historisch und statistisch nicht. Typisch erscheint mir, daß es sich in beiden Fällen um junge Intellektuelle handelt. Man hat uns später vorgeworfen, daß wir versäumt hätten, schon etwa 1927 in die Partei einzutreten; wir hätten, so theoretisierte man, das Programm beeinflussen können, und alles wäre anders gekommen. Das ist abstrakte Klugschwätzerei von Leuten, die nicht dabeigewesen sind. Sehen wir einmal ganz von den zeitgeschichtlichen Voraussetzungen ab, die zur Entstehung des Faschismus geführt haben. Ein nur taktischer Beitritt zur Partei hätte von dem Betreffenden verlangt, eine Doppelrolle zu spielen, wie etwa eine für den Geheimdienst ausgebildete Person. Dafür ist ein Intellektueller nicht geschaffen, denn die dauernde Lüge widerspricht seiner Veranlagung. Er wäre entweder korrumpiert worden, oder man hätte ihn beseitigt. Geist und Macht stehen niemals in einem innigen Verhältnis zueinander, bestenfalls in einem, das auf gegenseitiger Duldung beruht. Aber in krankhaft sektiererischen Epochen wird Geistfeindlichkeit zu einer machtpolitischen Tendenz. So war es unter den Nazis. Man denke nur an den Satz von Goebbels, daß er jedesmal nach dem Revolver greife, wenn er das Wort Kultur höre. Mit dem Slogan konnte er des frenetischen Beifalls des halbgebildeten Kleinbürgertums gewiß sein. Es ist immer wieder erschreckend, mit welchem abgründigen Instinkt eine nur biologische Intelligenz der Masse alle geistigen Resterscheinungen auswittert und verfolgt, wenn wir hier unter Geist der Einfachheit halber die Gabe selbständiger Entscheidung des menschlichen Individuums verstehen. Der Zivilisationshaß, der als Reaktion gegen die Technisierung des Daseins seit der Jahrhundertwende im Biologismus, Folklorismus und einem »Zurück zur Natürlichkeit« unter der Oberfläche am Werke war, schlug bei den Nazis in die krasse Barbarei eines Herdentums um, das als gesundes Volksempfinden propagiert wurde. Plötzlich hieß es: Die deutsche Frau raucht nicht. Die deutsche Frau färbt sich nicht die Lippen. Und dergleichen mehr, was heute harmlos und komisch anmutet. Es ging aber gar nicht um Rauchen und Lippenstift, sondern um Uniformierung und darum, daß die deutsche Frau sich in dieser Uniform für auserwählt vor allen andern Frauen der Welt halten sollte.
Und von dem Gefühl des Auserwähltseins ist es nur ein winziger Schritt zur Ausrottung aller, die nicht auserwählt sind. Da liegt das gefährliche Phänomen, vor dem gewarnt werden muß, denn dieser sektiererische Bazillus kann jederzeit und überall virulent werden, wo Machthaber sich der ameisenhaften Instinkte für nationalistische und ideologische Ziele bedienen, die selber wieder nur ein Vorwand für rein wirtschaftliche Zwecke sind. In Amerika genauso wie in Europa hört man von biederen Zeitgenossen, denen eine Kritik an den Verhältnissen unbequem ist, sofort den Ruf: Ach, ein Linksintellektueller! Welche Vokabel in marxistischen Ländern augenblicklich für solche Abweicher in Mode ist, wüßte ich nicht zu sagen.
Als ich in den dreißiger Jahren, aber noch vor den systematischen Vernichtungsaktionen, hörte, daß Juden im Gefängnis die Nahrungsaufnahme verweigerten, da die Speisen nach ihrem Ritus unrein waren, hielt ich das für falsch. Ich argumentierte, daß es doch darauf ankomme, sich körperlich stark zu erhalten, wenn man überstehen wolle. Inzwischen habe ich längst eingesehen, daß ich unrecht hatte. Nicht auf physische Widerstandskraft kam es an, sondern allein auf geistige. Nur durch Rückbesinnung auf uralte menschliche Normen vermochte der wehrlose Einzelne die Selbstachtung zu bewahren und damit den Punkt zu gewinnen, von dem aus es nur ein absolutes Nein zur Unmenschlichkeit gibt.
Der nationalsozialistische Alltag begann nach meinen Erfahrungen im Sommer 1934, das heißt nach der Röhm-Affäre. Und um es vorwegzunehmen: Er endete im Sommer 1943, als mit der Zerstörung Hamburgs als der ersten Großstadt das System einer pseudobürgerlichen Ordnung in die Brüche ging. Die ersten anderthalb Jahre der Nazizeit könnte man noch eine heroische Zeit nennen. Gewiß, wir, die als Gegner bekannt waren, hatten mit Haussuchungen, Verhaftungen, Verfolgungen und spontanen Racheakten zu rechnen; aber das alles ging noch ohne klare Linie, undogmatisch und unbürokratisch vor sich. Es war ein Zustand der Umwälzung, das System war noch nicht Institution geworden, und der Machtapparat hatte sich noch nicht etabliert. So gab es für Gegner und Verfolgte auch noch Hoffnung auf Widerstand und darauf, daß die Partei selber auseinanderfiel. Mehr oder weniger hielt die ganze Welt die Ereignisse für eine Krisenerscheinung und war des Glaubens, daß über kurz oder lang alles wieder einer gewissen Normalität Platz machen würde. Erst im Sommer 1934, als Hitler sich gegen die SA und die ihr innewohnenden revolutionären Elemente entschied und damit für die Wehrmacht, für Aufrüstung, für totale Militarisierung und für den Aggressionskrieg, begann der nationalsozialistische Alltag, der als Zustand fortschreitender Lähmung bis zur völligen Hoffnungslosigkeit charakterisiert werden kann.
Es ist kaum zu sagen, wie sehr dies Abwarten auf Grund einer falschen Beurteilung der Lage den Nazis genutzt hat. Wir kennen heute die Voraussetzungen, die zu diesem Fehlurteil geführt haben. Wir kennen das zum mindesten duldende Interesse des Auslandes am Hochkommen Hitlers. Wir kennen die industriellen Geldgeber, die die Bewegung aus kapitalistischen Motiven förderten. Wir kennen die raffinierte Ausnutzung einer sogenannten Legalität, und wir kennen vor allem die Schwäche und das Versagen der Gegner, die sich untereinander mehr haßten als den gemeinsamen Feind. Doch wir müssen die Dinge aus der damaligen Sicht zu sehen versuchen, als alles noch in Fluß war und man von den Hintergründen nichts wissen konnte.
Ich erwähnte schon, daß ich den 30. Januar 1933 nicht für möglich gehalten hatte. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Es handelte sich weniger um die Gefahr, in der meine Frau und ich zweifellos schwebten, als um das unbestimmte Gefühl: Nun ist alles aus. In den Jahren davor hatte es dauernd Unruhen, Straßenschlachten und Tote gegeben. Alle paar Monate gab es neue Wahlen. Die Zahlen änderten sich zwar, doch im großen ganzen nahm die radikale Linke zu. Ich wohnte damals in einer ausgesprochen kommunistischen Gegend, die Hakenkreuzfahne sah man dort kaum. Noch am 1. Mal 1933 legten die Frauen, statt zu flaggen, die roten Inlette der Betten zum Lüften ins Fenster. Meine Freunde und Kameraden bestanden nur aus Angehörigen der Linken. Möglich, daß die politische Kleinarbeit während mehrerer Jahre und der fast ausschließliche Umgang mit Arbeitslosen meinen Blick verengt hatten. Außerdem war ich jung und voller Zorn und alles andere als ein gewitzter politischer Taktiker mit dem Ehrgeiz auf einen Ministerposten. Ich hatte mit Bürgerkrieg gerechnet und einseitig darauf hingearbeitet. Ich hatte dabei einen politischen Faktor völlig überschen, mit dem gerade die Nazis operierten: den im tiefsten Sinne des Wortes reaktionären Instinkt des Kleinbürgertums, besonders des deutschen Kleinbürgertums, das jede noch so verlogene Ordnung einer revolutionären Unruhe vorzieht. So war es in Hamburg, aber man kann getrost annehmen, daß es überall so war, höchstens daß Neid und kleinliche Gehässigkeiten in der Provinz mehr zur Geltung kamen als in einer Großstadt. Für März 1933 war ein Aufstand geplant, der nicht mehr stattfand. Es fehlte nicht nur an Waffen, sondern auch an Organisation. Obendrein blühte der Weizen für Denunzianten, übelwollende Nachbarn und kleine Karrieremacher. Man konnte seinem Nebenmann nicht mehr trauen.
An sich klappte der übergang in die Illegalität erstaunlich gut. Von heute auf morgen kannten sich ehemalige Genossen und Freunde auf der Straße nicht mehr. Meine Frau kam eines Tages empört nach Haus, weil jemand auf ihren Gruß nicht geantwortet hatte. Bis der Freund ihr erklärte: »Von uns Arbeitern weiß man, was wir sind, doch für euch ist es gefährlich.« Trotzdem kam man heimlich zusammen und tauschte Erfahrungen aus. Alles belastende Material wurde vernichtet. Es war in den ersten Monaten noch möglich, die Gestapo, die damals ZBV genannt wurde, zu überspielen. Dabei kam es zu komischen Szenen. Mitten in der Nacht waren einmal die Leute fünf Mann hoch in unsere Wohnung gekommen und wühlten alles durch. Meine Frau rettete uns vor der Verhaftung, indem sie ihnen einen solchen Unsinn erzählte, daß ich, der das mit anhörte, dachte: Das können sie doch unmöglich glauben. Aber sie wurden davon konfus und eilten in den Keller, um unter den Kohlen nach Waffen und Propagandamaterial zu suchen. Ein anderes Mal setzte sich ein biederer Polizist an meinen Schreibtisch, holte umständlich seine Brille aus der Tasche und versuchte, meine Manuskripte zu lesen. »Was ist das?«, fragte er mit strengem Blick, und ich kam mir wie ein Schüler vor, der bei irgendwelchem Unsinn ertappt war. Wieder bei einer andern Haussuchung sehe ich, wie mir einer, den ich gleich als ehemaligen Kommunisten erkannt hatte, zuzwinkert und mit dem Fuß verdächtiges Material beiseite schiebt, daß nur er als solches erkennen konnte. Die andern begingen unterdessen den Fehler, mir eine Menge Bücher zu beschlagnahmen, die sie für unerwünscht hielten, darunter sämtliche Autoren russischen Namens, sogar Dostojewskij. Daraufhin reichte ich eine seitenlange blödsinnige Beschwerde ein, in der ich erklärte, daß ich ein Buch über die Freiheit schriebe und dafür die Bücher brauchte. Tatsächlich wurde ich ins Hauptquartier der Gestapo zitiert und bekam alles wieder, sogar das Kapital von Marx. Das sind läppische Anekdoten, kaum der Erwähnung wert. In Wirklichkeit ging das alles natürlich sehr auf die Nerven. Nur eben, daß die ausfahrenden Organe noch nicht einheitlich gedrillt waren, so daß man durch die Maschen schlüpfen konnte, wenn man Glück hatte.
Um es zu wiederholen, der nationalsozialistische Alltag begann nach der Röhm-Affäre im Sommer 1934. Das Teuflische war, daß dies Ereignis zu jenem Zeitpunkt auf die Masse derer, die weder politisch interessiert waren noch andere Wünsche hatten als ein ruhiges Auskommen, wie das Ende einer Umwälzung und die Rückkehr zu staatlichen Rechtsverhältnissen wirkte. Das weibliche Element der Bevölkerung darf dabei nicht vergessen werden. Zur Ehre der Frauen sei angenommen, daß sie auf die prahlerischen Phrasen der Partei nicht viel gaben, aber sie waren des jahrelangen Elends der Arbeitslosigkeit müde und bejahten deshalb, was sie für eine neue Sicherheit halten mußten. So wurde vieles als vorübergehende Notmaßnahme in Kauf genommen. Die grobe Täuschung bestand darin, daß es sich nicht um Recht handelte, sondern um Vorschriften eines riesigen Gefangenenlagers, eine Ordnung, die durch Lautsprecher als Freiheit ausgegeben wurde, während außerhalb des Lagers angeblich alle Menschen unfrei waren und im Elend lebten. Wie sollte der Durchschnittsmensch nach all den Jahren politischer und wirtschaftlicher Ungewißheit erkennen, daß die ihm gewährte Arbeit nur die eines Gefangenen war?
Auch das Ausland begrüßte das Regime, das steht fest, und sei es auch nur aus purer Angst vor dem Kommunismus. Ein alter schwedischer Geschäftsfreund meines Vaters wies in seinen Briefen immer wieder auf einen seiner Könige hin, der auf irgendeinem Marktplatz mit dem Bronzefinger nach Osten zeigte. Ganz naiv deutete der alte Herr damit an, daß es Aufgabe der Deutschen wäre, Schweden vor Rußland zu beschützen. Auch die übrige Welt befand sich seit Jahren in einer Wirtschaftskrise und ließ sich daher durch die zur Schau getragenen Erfolge der Nazis blenden. Man beneidete die Deutschen um die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, die Stabilisierung der Währung, die herrschende Ordnung und so weiter. Daß die scheinbaren Erfolge durch unmenschliche Methoden und rücksichtslose Militarisierung erreicht wurden, ließ man mehr oder weniger bewußt unbeachtet. Auch da, wo Flüchtlinge und Emigranten von den tatsächlichen Vorgängen hinter der Fassade berichteten, nahm man offiziell kaum oder nur mit Skepsis davon Kenntnis. Das Verhalten der Fremdenpolizei anderer Länder ist ein trauriges Kapitel für sich; man hielt die Flüchtlinge im Grunde für Kriminelle. Doch seien wir realistisch: Die Hilfsbereitschaft des Menschen ist sehr begrenzt. Wird ein Zeitgenosse, dessen Land sich selber in einer Krise befindet, einseitig über die Erfolge des Nachbarlandes informiert, dann wird er mißtrauisch gegen Emigranten; ja, schließlich kommt es so weit, daß er ihnen die Schuld an ihrem Schicksal gibt und sie sogar als Belastung empfindet.
Das sind Tatsachen, die auf den nationalsozialistischen Alltag zurückwirkten; denn der kasernierte Deutsche wurde wieder umgekehrt einseitig über die positive Stimmung des Auslandes orientiert. 1936, zur Zeit der Berliner Olympiade, konnte er sich selbst von der Bewunderung der Besucher überzeugen. Sollte er etwa den Gästen erklären, was an der bewunderten Ordnung falsch war? Daß es gleich dahinter Kasernen und Konzentrationslager gab? Er wäre dabei nur auf seinen Instinkt und auf Gerüchte angewiesen gewesen, die der glanzvollen Fassade gegenüber keine Beweiskraft hatten.
Dazu kamen die Auslandsdeutschen, die sich überall nach einem Jahrzehnt der Zweitklassigkeit wieder geachtet sahen und mit ihrem sogenannten Vaterland prahlen konnten. Wir waren seit Jahren mit einem österreichischen Ehepaar befreundet, herzliche, liebe Menschen. Der Mann war Opernsänger. 1937 trafen wir ihn in Berchtesgaden. Er war von Salzburg herübergekommen; denn wir hatten keine Genehmigung, die Grenze zu überschreiten. Er schwärmte ganz naiv vom nationalsozialistischen Deutschland, wie er es aus österreichischer Sicht sah, und äußerte: Elsa - seine Frau - würde am liebsten auf den Knien den Obersalzberg hinaufrutschen. Wir stießen ihn in die Rippen und sagten: »Das wird ihr rasch vergehen.« Und in der Tat gab es schon ein Vierteljahr nach dem Anschluß Österreichs keinen empörteren, gleichwohl naiven Antinazi als unsern Freund, aber da war es zu spät. - Und um die damalige Atmosphäre begreiflich zu machen, muß ich leider von meiner Mutter reden. Sie stand eines Tages zufällig daneben, als Hitler aus dem Wagen stieg; vielleicht wurde ihr auch die Hand geschüttelt. Hinterher erzählte sie, daß er genauso schöne Augen hätte wie mein verstorbener Bruder.
Das sind nur drei beschämende Fälle aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis, aber der Alltag war von solchen Naivitäten gefärbt, und Menschen, die an sich nicht böse waren, stärkten damit das Regime. Die Frage ist, wie soll man sich heute solchen Leuten gegenüber verhalten. Es wäre unrealistisch, von ihnen zu verlangen, daß sie in Sack und Asche gehen; es wäre auch peinlich und unglaubhaft. Ein Mann wie Robert Neumann darf sicher sagen: Gib auch dem Vater eine Chance. Es ist richtig, der Haß führt zu nichts. Doch unsereinem wird es schwer, dem Vater eine Chance zu geben, wenn man auf Schritt und Tritt bemerken muß, daß dieselben kleinbürgerlichen Unzufriedenheiten jederzeit wieder zu einem politischen Mordinstrument umgeschmiedet werden können. Man ist oft geneigt, dem Haß das Wort zu reden.
Für die großen Untaten gibt es einwandfreie Dokumentationen und Bestandsaufnahmen. Auch über die Henkerpsychologie eines wildgewordenen Kleinbürgertums sind maßgebende Bücher geschrieben worden. Ebenso dürfte es genügend Abhandlungen geben, die sich mit dem Versagen einzelner Berufsgruppen befassen, mit dem der Wissenschaft, der Juristen, der Lehrer, der Kaufleute und des Militärs. Wie kommt es, daß diese historisch unbedingt notwendigen Dokumentationen jemanden, der die Zeit mitgemacht hat, unbefriedigt lassen, ja, daß er das Gefühl hat, als machten sich die, die sich mit der Anklage geschehener Unmenschlichkeiten zufriedengeben, die Sache zu einfach und redeten sogar an dem erschreckendsten Phänomen vorbei?
Angesichts des bürokratischen Mordes an Millionen klingt das zynisch. Ein junger Mensch, der seine Herkunft als geschändet empfindet und mit Recht darunter leidet, wird fragen, was es denn noch Erschreckenderes geben könne. Um gleich darauf zu antworten: Das Erschreckendste ist ein geschichtsloses Phänomen, das sich deshalb auch nicht geschichtlich abtun und für die Zukunft verhindern läßt, der Alltag und die allmähliche Korrumpierung durch ihn. Denn die historisch feststellbaren Schrecknisse werden Geschichtsereignis, grausiger Unterhaltungsstoff und Sensation; ja, vielfach ist es Mode geworden, über gestrige Untaten zu schimpfen, eine recht billige Mode; denn Unmenschlichkeiten unmenschlich zu nennen ist keine positive Tat und oft kaum mehr als ein Alibi für nihilistischen Selbsthaß. Aber wie will heute jemand von sich behaupten, er sei gegen eine behördlich angeordnete Verfälschung primitivster Wahrheiten gefeit? Vermag er zu beurteilen, wie er durch seine Umgebung korrumpiert wird? Wie er als Gegner durch die träge Subalternität der Masse gelähmt wird? Durch die schöne Redensart etwa. »Wie kann ich vom Biertisch aus die Weltlage ändern?« Als ob es sich um die Weltlage handelte! Kürzlich fragte ich einen Schweizer: »Wie steht es bei Ihnen mit dem Antisemitismus?« Er antwortete stolz: »Kein Problem bei uns! Wir haben zuwenig Juden.« Welch eine Antwort! Doch die Frage ist falsch gestellt. Es handelt sich nicht um Antisemitismus, nicht um Faschismus, nicht um Gaskammern. Es handelt sich nicht um die Weltlage, es handelt sich um den Menschen, den einzelnen Menschen, der durch konformistische Gedankenträgheit erstickt wird.
Über den nationalsozialistischen Alltag ist meines Wissens nichts Gültiges berichtet worden. Das hat seine guten Gründe. Zunächst einmal den ganz banalen Grund, daß jeder, der darüber spricht, damit rechnen muß, Beifall von der falschen Seite zu erhalten. All die Millionen mit ihren winzigen Fehltritten werden rufen: Ja, so war es; wir konnten ja nicht anders. Es stimmt: Sie konnten nicht anders. Wie darf ich es einem kleinen Beamten, der Frau und Kinder hatte und um seine Stellung bangte, zum Vorwurf machen, daß er sich gleichschalten ließ, ein Parteiabzeichen an den Rockaufschlag steckte, mit »Heil Hitler!« grüßte, weil es so angeordnet war, und am befohlenen Gemeinschaftsempfang anläßlich einer Führerrede teilnahm? Wie darf ich von einem Durchschnittsmenschen Heroismus verlangen? Oder den Mut zu einer persönlichen Gesinnung, durch die er die Existenz seiner Familie in Frage stellt? Ich wäre ein Utopist und, was schlimmer ist, ein selbstgerechter Moralist. Es tut mir leid, aber das muß einmal gesagt werden, nicht so sehr im Hinblick auf die böse Vergangenheit, sondern aus Sorge um die Zukunft. Gewiß, das unschuldige Versagen des Einzelnen mit Millionen multipliziert machte es erst den Nazis möglich, ihre Untaten zu begehen, das bedarf keiner Erwähnung, aber wer dem kleinen Mann, dem es immer nur um private Existenzfragen geht, deshalb die Schuld an allem zuschiebt, macht es sich gar zu billig. Diesen nur in seinen Alltagssorgen befangenen kleinen Mann wird es immer geben, ganz gleich, ob wir das schön finden oder nicht. Jedes politische System und jeder wirtschaftliche Apparat muß mit ihm rechnen. Man läßt daher aktivistische Schreihälse und gerissene Werbefachleute auf ihn los, um ihn fügsam zu machen. Statt sich darin zu gefallen, den kleinen Mann von 1933 anzuklagen, überlege man lieber, wieviel faschistische Verachtung des Menschen als rücksichtslos verbrauchbares Material in unsern heutigen Werbemethoden liegt. Über den geschichtslosen Alltag zu schreiben, ist immer schwer. Es deprimiert, nur über die einfachen Tatsachen des Daseins zu berichten, als da sind: Schlafen, Essen, Fortpflanzung, Brotberuf, gesellschaftlicher Erfolg und dergleichen mehr. Das Erzählen von privaten Geschehnissen mutet wie ein Wichtignehmen von Dingen an, die jeder erlebt. Doch wo ist die Grenze zwischen Geschichte und Geschichtslosigkeit? Wer wagt zu entscheiden, wieweit ein häusliches Ärgernis die Entschlüsse beeinflußt, die ein Mann am nächsten Morgen in seinem Amt zu treffen hat? Anekdoten und Klatschgeschichten verraten oft mehr darüber, wie es in der Vergangenheit wirklich zuging, als ein historisches Werk, das mit exakten Dokumenten aufwerten kann. Die Gedichtzeile von Andreas Gryphius: »Ich habe meine Zeit in heißer Angst verbracht« bringt mir die Leiden des Dreißigjährigen Krieges näher als eine Statistik der dabei umgekommenen Menschen oder die Aufzählung von Schlachten und zerstörten Dörfern. Zahlen sind abstrakt, aber ein menschlicher Seufzer bleibt lebendig. Und wenn Gryphius dann fortfährt: »Dies lebenlose Leben«, so haben wir ein Motto für den nationalsozialistischen Alltag, wie es treffender nicht zu denken ist.
Nur daß damals die wenigsten wußten, daß sie ein lebenloses Leben führten und ihre Zeit in heißer Angst verbrachten. Man hatte sich an die Angst gewöhnt wie an eine Epidemie, gegen die sich nichts tun ließ, als ein paar sinnlose prophylaktische Maßnahmen zu beobachten. Es war die Gewöhnung um so leichter möglich, als die, die mittels der Angst herrschten, nicht mehr zu verlangen schienen als Gehorsam und Maulhalten in der Öffentlichkeit; im übrigen ließ man die Leute in dem Glauben, daß sie ihr kleines privates Leben weiterführten. Hinter seinen vier Wänden durfte der Gefangene aufbegehren und Witze reißen, wenn ihn das befriedigte und über seine Unfreiheit täuschte. Die Gefangenenwärter lachten selber mit, denn auch die Wärter waren die Gefangenen des Systems, und das System konnte durch einen faulen Witz keinen Schaden erleiden.
Die furchtbare Täuschung beruht darin, daß es unter einem totalitären Regime kein Privatleben, kein individuelles Dasein und keinen wirklich selbständigen Gedanken gibt. Alles ist von dem Bazillus der Epidemie infiziert, selbst der Gegner, der sich immun zu machen glaubt, steht schon unter ihrem Gesetz. Wie eine Dunstglocke lagert die Ideologie der Machthaber über allem und nimmt allen menschlichen Handlungen die Wirklichkeit. Schallplatten aus jener Zeit wirken wie im Schlaf oder in einem Alptraum gesprochen. Sämtliche Fotos scheinen unterbelichtet oder nicht reproduzierbare Negative zu sein. Mit Mühe versucht man, sich und die Seinigen darauf zu erkennen. Das soll ich gewesen sein? fragt man sich ungläubig. Allerdings, die standesamtlichen Fakten stimmen, aber das Standesamt registriert nur das lebenlose Leben.
Hier dürfte der wahre Grund liegen, weshalb sich der nationalsozialistische Alltag der Darstellung entzieht. Es handelt sich nicht darum, daß jemand ein Vergehen oder Versagen vergessen will, also nicht um unbewältigte Vergangenheit; damit ließe sich moralisch, psychologisch und strafrechtlich fertig werden. Es handelt sich um eine Vergangenheitslosigkeit, um eine Lücke im Dasein des Einzelnen wie bei einer Ohnmacht. Man erinnert sich der letzten Worte des Chirurgen und der Operationsschwestern vor der Betäubung und nachher der Mühe, die es kostet, ins Bewußtsein zurückzukehren. Aber was war dazwischen? Die Zeit ist weitergelaufen, das läßt sich an der Uhr kontrollieren, aber wo war ich unterdessen?
Ich glaube nicht, daß ich präzisere Aussagen machen könnte, wenn mir meine Tagebücher und Briefe aus jenen Jahren nicht bei einem Luftangriff verbrannt wären. Vermutlich würden mir die Mittel, mit denen ich meine Selbstachtung zu bewahren suchte, kindisch und schattenhaft vorkommen. Daß wir nicht ein einziges Mal flaggten, wenn es angeordnet war, daß wir nicht ein einziges Mal mit »Heil Hitler!« grüßten, daß wir keinen Pfennig für die Winterhilfe und sonstige Sammlungen gaben, daß wir in einen Hausflur oder in eine Nebengasse verschwanden, wenn wir in einen Umzug mit Standarten und Musik gerieten - das alles sind lächerliche Nadelstiche eines wehrlosen Opponenten. Übrigens wurden solche Unterlassungen in der Kartothek des Blockwarts vermerkt; vielleicht berichtete er, um sich wichtig zu machen, an eine vorgesetzte Stelle weiter und diese wiederum weiter nach oben. Der Geheimdienst konnte sich so ein Bild über die Stimmung der Bevölkerung machen und die Propaganda entsprechend ausrichten. Man wird solche Nadelstiche nicht besonders ernst genommen haben. Es kam dem Regime gar nicht auf das Geld an, das gesammelt wurde, und ebenso lag ihm an ein paar Fahnen mehr oder weniger nichts. Das Geld hätte sich viel einfacher drucken lassen. Das alles hatte nur den Zweck, die Masse der Gefangenen dauernd zu beschäftigen und in Atem zu halten, um sie über ihren Zustand hinwegzutäuschen und von ihrem Schicksal abzulenken. Und in der Tat, auch der kleine Renitente wurde in Atem gehalten. Ausländer haben nach dem Krieg gefragt: »Warum habt ihr euch das gefallen lassen und keinen Aufstand gemacht?« Wer so fragt, hat nie auf dem Operationstisch gelegen oder unter den Bedingungen einer Epidemie gelebt. Attentate und Einzelaktionen wären jederzeit möglich gewesen. Unsere Schullesebücher sähen heute um vieles besser aus, wenn wir auf eine größere Zahl von Gefängnisrevolten hinweisen könnten. Praktisch waren solche Einzelaktionen zum Scheitern verurteilt und hätten am Ablauf der Geschichte nichts geändert. Die Lähmung war zu groß, als daß die Tat Einzelner Nachfolge gefunden hätte, und das Scheitern solcher Handlungen wurde sofort propagandistisch ausgenutzt, um die Lähmung zu vergrößern. Dies Wissen um die Vergeblichkeit nahm jedem Widerstand die Stoßkraft. Bis zur Röhm-Affäre, wie gesagt, war ein aktiver Widerstand möglich und dann erst wieder vom Sommer 1943 ab, als das System durch die Zerstörung der Großstädte Risse zu zeigen anfing.
Damit sind wir bei dem Vorwurf der Feigheit. Kein Zweifel, die Deutschen neigen wegen ihrer Subalternität, die als Ordnungsliebe und Tüchtigkeit ausgegeben wird, mehr zu einer lakaienhaften Bequemlichkeit als andere Völker. Darüber ist oft genug philosophiert worden. Ich verabscheue den Begriff »innere Emigration«, weil damit vielfach nur ein feiges Ausweichen frisiert worden ist. Trotzdem halte ich es für unrealistisch, der Masse Feigheit vorzuwerfen. Mit der biologischen Trägheit der Masse wird man immer rechnen müssen. Feigheit ist nur denen vorzuwerfen, die es als Intellektuelle oder auf Grund ihrer Stellung hätten besser wissen müssen.
Rückschauend möchte ich sagen, daß für mich die Gefahr zu verzweifeln weit größer war als die, bei einer aussichtslosen Aktion verhaftet und erschossen zu werden. Welche Kraft ermöglichte es uns, zehn oder zwölf Jahre lang einen Zustand völliger Hoffnungslosigkeit zu ertragen? Es gibt keine Antwort darauf. Die Frage kann nur weitergegeben werden.
Es war keine literarische Marotte, wenn dieser hoffnungslose Zustand nach 1945 als Aufenthalt im Totenreich zu schildern versucht wurde, denn jede realistische Darstellung eines unrealistischen Zustands wäre den Tatsachen nicht gerecht geworden. Man bildete sich noch ein zu leben und machte dieselben Gesten wie Lebende, aber alles war nur Schein. Das Schattenhafte eines solchen Zustands ließ sich darum nur metaphorisch andeuten. Das gültigste Gleichnis dafür hat wohl Albert Camus mit seinem Roman Die Pest gefunden. Erst sind es ein paar Ratten, die krepiert im Hausflur oder Rinnstein liegen. Dann gibt es ein paar Todesfälle, die von den Ärzten jedoch nicht als Pest erkannt werden, da die Pest in unserem zivilisierten Jahrhundert als unmöglich gilt. Und als die Krankheit erkannt wird, versucht man, sie zunächst geheimzuhalten, um eine Panik zu verhindern. Dann wird der Ausnahmezustand erklärt, die Stadt wird zerniert, es werden Vorsichtsmaßregeln angeordnet, die Bevölkerung wird zu ihrem eigenen Besten der Freiheit beraubt und muß sich einschränken. Famillenangehörige von Pestkranken werden in Quarantänelagern gefangengehalten. Alles das ganz allmählich. Letzte Woche dreihundert Tote, diese Woche fünfhundert, nächste Woche achthundert und so weiter. Man gewöhnt sich daran, weil sich nichts dagegen tun läßt. Man stumpft ab gegen das Sterben und ist damit schon ein Opfer der Pest. Man bildet sich ein, noch sein gewohntes bürgerliches Dasein zu führen, man schimpft ein wenig, man kauft schwarz, und man geht sogar in die Oper. Da die Stadt abgeschlossen ist, gibt es keine echten Vergleichsmöglichkeiten mehr, es gibt nur noch Erinnerungen, die von Tag zu Tag blutleerer werden.
Niemals waren die Konzertsäle so überfüllt wie zur Nazizeit. Niemals, möchte ich behaupten, wurde Barock- und klassische Musik so präzise und akribisch gespielt wie in den Jahren der Diktatur, sogar auf alten Museumsinstrumenten, um den höchsten Grad der Werktreue zu erreichen. Da haben wir das Phänomen der Flucht in den Historismus. Laßt uns ein Concerto grosso von Händel hören; denn Musik kann man nicht ideologisch verfälschen. Wahrscheinlich hätte ich nie so viel über Musik gelernt, wenn es damals nicht dies Ablenkungsmittel gegeben hätte; doch zugleich stammt daher mein tiefes Mißtrauen gegen Musik.
Denn ins Kino konnte man nicht gehen. Die Filme propagierten entweder die gewünschte Ideologie, so daß einem noch übler davon wurde, oder, wo es sich um harmlose Unterhaltungsstoffe handelte, waren sie ganz einfach verlogen. Zum Beispiel hing doch in jedem Raum einer Behörde ein Führerbild, und der Beamte grüßte mit »Heil Hitler!«. Nicht aber so in den Filmen, denn dann wären sie ungeeignet für den Export gewesen. Im Film schüttelte dir der Beamte die Hand, und alles war gut und angenehm komisch.
Die tägliche Wirklichkeit war ganz anders. Du gehst morgens ins Milchgeschäft und sagst zu der Milchfrau: »Guten Morgen.« Manche sagten auch »Grüß Gott!«, obwohl das für Hamburg ganz ungewöhnlich war. Die Milchfrau sagt ebenfalls: »Guten Morgen.« Herein kommt eine Frau und ruft provozierend: »Heil Hitler!« Diesen üblen Typ gab es leider. Für den Bruchteil einer Sekunde gibt es ein Stutzen im Milchladen, ein kaum hörbares Klicken. Die Milchfrau ist mit dem Einfüllen der Milch beschäftigt und antwortet mehr nebenbei: »Heil Hitler!« Dann schiebt sie dir die Flasche über den Tisch. »Zwanzig Pfennig bitte. Auf Wiedersehen.« Wie soll man das Schweigen, das dazwischen lag, nach zwanzig oder dreißig Jahren wiedergeben? Das ist unmöglich.
In der Times las ich etwa 1937, irgendwo, ich glaube in Frankfurt, habe ein Gauleiter verkündet, Zitronen wären schädlich für die nordische Rasse, dagegen enthielte Rhabarber das richtige Vitamin. Natürlich ging es bei diesem Blödsinn um Devisenersparnis. Die Times kommentierte, daß dann ja auch das Mignonlied abgeändert werden müsse in: »Kennst du das Land, wo der Rhabarber blüht.« Das klingt wie ein fauler Witz, aber keine Dummheit ist so groß, daß sie nicht geglaubt wird. Warum nicht Rhabarber, wo doch selbst Wissenschaftler die Überlegenheit der nordischen Rasse bestätigten?
Ob man sich verliebte, heiratete, eine Wohnung einrichtete oder was sonst auch immer, alles wurde zur politischen Handlung umgefälscht. Man bekam nicht ein Kind, weil man den natürlichen Wunsch hatte, Kinder zu haben, sondern um sich als wertvoller Volksgenosse zu beweisen. Eine kinderlose Ehe galt als Verbrechen an der Nation, an der Rasse und vor allem an der Wehrtüchtigkeit. Vielleicht dachte der Einzelne: Na, laß die Kerle reden, das berührt mein Familienleben nicht. Welch ein Irrtum, denn er war längst der Ameisenpolitik unterworfen.
Es hat auch Kinder gegeben, die ihren Eltern mit Denunziation drohten. Ein Junge will natürlich der langweiligen Hausordnung entrinnen und sich in seiner Organisation wichtig machen. Man hat dem dummen Bengel eingeredet, daß die Zukunft Deutschlands auf ihm beruhe. Also zeigt er den Vater an, der einen ausländischen Sender gehört hat. Wie soll der Junge wissen, daß er damit eine ihm vielleicht mögliche Freiheit gegen die absolute Unfreiheit des militärischen Kollektivs eintauscht, wenn ihm Befehle ausfahren als Prinzip der Freiheit erklärt wird?
Doch es gab auch Fälle, wo es Eltern gelang, ihre Kinder vor der Verfälschung zu bewahren. Nicht daß sie die Kinder zu einer bewußten Opposition veranlaßten, das wäre kaum zu verantworten gewesen, aber durch ihr eigenes Verhalten weckten sie Kritik in ihnen. Doch im allgemeinen war der Einfluß der Jugendorganisationen stärker, die den Kindern viel Kurzweil und Abenteuer boten. Der Zersetzungsprozeß der Familie wurde bewußt gefördert. Man konnte von Eltern, die selber um ihre Stellung bangten und um das Fortkommen ihrer Kinder besorgt waren, kaum verlangen, daß sie ihnen verboten, in die Hitlerjugend einzutreten, zumal Schulzeugnis, Examen, Stipendium und so weiter von der Mitgliedschaft abhängig waren. Das Regime arbeitete bestecherisch. Für den Vater lag die Frage darin, ob er seinem Kind die Zukunft erschweren dürfte, weil ihm selber das System zuwider war. Akademisch ist die Frage sehr leicht zu beantworten.
Hier ein Beispiel. Ein siebenjähriges Mädchen macht sich auf den Schulweg. Unterwegs - es war in der Eilenriede in Hannover - fängt es in einem Tümpel noch rasch ein paar Kaulquappen, um sie der Lehrerin in einem Marmeladenglas mitzubringen. Dann steigt das Mädchen in die Straßenbahn, trifft dort wie jeden Morgen eine Klassenkameradin und begrüßt sie. Diesmal antwortet die Freundin nicht und wendet sich sogar ab. Das Kind versucht es noch einmal und bietet dem andern Mädchen an, das Glas mit den geliebten Kaulquappen zu tragen. Welch ein Opfer! Aber vergeblich, die Freundin dreht dem Kind den Rücken zu und schweigt. Später erzählt das Kind der Mutter: »Denk dir, sie hat mir nicht guten Morgen gesagt.« Was war über Nacht geschehen? Das andere Mädchen war ein Judenkind und trug zum ersten Male den gelben Stern auf dem Mantel. Man knirscht noch heute mit den Zähnen, wenn man daran denkt, mit welcher Niedertracht selbst die natürlichen Gefühle von Kindern verfälscht wurden. Aber was sollte die Mutter sagen? Bisher hatten die Kinder keine Unterscheidung zwischen Juden und Nicht-Juden gemacht, für sie galt nur Freundin oder Nicht-Freundin. Die Mutter also erklärt ihrer Tochter, daß sie dem andern Mädchen am meisten dadurch helfe, wenn sie es vorläufig allein ließe und nicht beachtete. Welch eine feige Lüge, höre ich jemand sagen. Nein, das ist abstrakt geurteilt. Durfte die Mutter ihr Kind Konflikten aussetzen, denen es noch nicht gewachsen war? Wer wagt da mit einem klaren Ja oder Nein zu antworten? Bei dem hier erzählten Fall kommt noch hinzu, daß der Vater des Mädchens schon eine Zeitlang im Konzentrationslager gewesen war, wo ihm sozusagen das Rückgrat gebrochen worden war.
Und wie steht es mit jener fanatischen Nationalsozialistin, einer höchst gefährlichen Person, die ihr geistesschwaches Kind versteckte und verheimlichte, als solche armen Wesen unter dem Vorwand der Volksgesundheit umgebracht wurden? Da haben wir einen krassen Fall, wo totalitäre Lüge und kreatürliche Realität zusammenstießen. Glaube nur keiner, daß er heute nicht dieser Pseudo-Rationalisierung natürlicher Gegebenheiten ausgesetzt wäre.
Wand an Wand neben uns wohnte ein Kantor der Synagoge mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern. Dann kam im Herbst 1938 die sogenannte Kristallnacht. Während der schlimmsten Tage übernahm meine Frau Geld und Wertsachen der Nachbarn. Der Mann konnte sich verbergen, und es gelang ihm dann, ins Ausland zu entkommen. Die Frau erhielt als geborene Schweizerin die Genehmigung, zu emigrieren und sogar ihre Möbel mitzunehmen. Als die Kisten endlich gepackt, vom Zoll versiegelt und dann abtransportiert waren, kam die Nacht der Abreise. Die Taxe war vorgefahren. Meine Frau und ich trugen jeder eines der verschlafenen Kinder die vier Treppen hinunter. Nichts regte sich im Treppenhaus, die jahrelangen Mitbewohner zeigten sich nicht. Möglicherweise standen sie hinter den Wohnungstüren und horchten. Unten an der Haustür umarmte meine Frau die weinende Mutter und sagte: »Trösten Sie sich doch. Denken Sie immer daran, die nächsten, die an die Reihe kommen, sind wir.« Ein prophetisches Wort, doch nicht deswegen wird die Szene hier erzählt. Als wir nach Abfahrt der Taxe ins Haus zurückkehrten, hörten wir hinter dem Holzverschlag, der zur Kellertreppe führte, ein Geräusch. Im Dunkeln stand dort die kleine alte Hauswartsfrau, eine gefürchtete Person mit zänkischer Stimme, und schluchzte hemmungslos. Die Tränen sollen hier nicht sentimentallsiert werden, und doch scheint mir die Szene ein furchtbares Symbol für den nationalsozialistischen Alltag zu sein. Die Kreatur wagte nur noch im dunklen Keller aufzuseufzen.
Die am meisten lähmende Wirkung auf das gesamte Dasein übte die Herrschaft der Zweitklassigen aus. Es gehört wohl zum Prinzip eines solchen Systems, nicht denen die Kontrolle über ein bestimmtes Berufsgebiet anzuvertrauen, die etwas davon verstehen; denn bei ihnen muß mit einer sachlichen Opposition gerechnet werden, sondern umgekehrt denen, die wegen ihrer Unfähigkeit beruflich gescheitert sind. Solche Leute sind von Haß gegen die Begabten erfüllt und erklären ihr eigenes Versagen mit unehrlichen Machenschaften irgendwelcher Cliquen. Auf diese subalterne Mentalität kann man sich unbedingt verlassen. Man statte den kleinen Unzufriedenen, der sich für betrogen hält, mit einer winzigen Machtposition aus, der Mann wird sich für unentbehrlich halten und dem System, das ihn hochgebracht hat, die Treue wahren. Hitler selber ist geradezu der Prototyp für dies sektiererische Ressentiment. Auf die Weise kommt es zu einer Kontrolle von unten nach oben, nicht etwa nur soziologisch, sondern vor allem psychologisch. Das Dasein wird aus der Perspektive eines verbitterten Hauswarts reguliert, der sich die Mieter durch Schikane hörig macht. Man möchte von einer absoluten Herrschaft der Unteroffiziere reden.
Hauptgegner für diesen Typ war - und ist immer - Geist und eigenes Urteil. In der Literatur wurden von heute auf morgen Namen als Genies gepriesen, von denen noch nie jemand etwas gehört hatte oder die allenfalls in Familienblättern erschienen waren. Die Malerei geriet sofort in die Hände von Dekorationsmalern. Leute, deren Thema wehr- oder bevölkerungspolitisch brauchbar war, wurden in den Himmel gelobt; alles andere war Formalismus, Schund und Schmutz oder entartete Kunst und war obendrein noch schuld am verlorenen Krieg, an der Inflation, an der Arbeitslosigkeit und überhaupt an allem. Man schimpfte auf die Plutokratie und bereicherte sich auf schäbige Art selber. Derselbe Obskurantismus griff auch auf die Universitäten über. Gelehrte von Rang wurden kaltgestellt, wenn sie sich weigerten, die Forschung politischen Tendenzen zu unterwerfen. An ihre Stelle traten bereitwillig Leute, die wissenschaftliche Methoden nach ideologischen Parolen ausrichteten. Es gab Philosophen, die sich nicht schämten, in SA-Uniform aufs Katheder zu treten und den Führer als »geschichtliche Notwendigkeit« zu preisen. Es gab Biologen und Genetiker, die die Naturwissenschaft an billige Romantizismen verrieten. Es gab Journalisten, die mit soziologischen Gesten von der Endlösung der Judenfrage faselten. Es gab Filme, die auf raffinierte Weise die Vernichtung angeblich wertlosen Lebens als edle Tat propagierten. Zieht man die landläufige Wissenschaftsgläubigkeit und die Hochachtung vor allem Gedruckten in Betracht, so gibt es überhaupt keine Entschuldigung für solche opportunistischen Verräter, die durch pseudowissenschaftliche Argumente die Unmenschlichkeiten rechtfertigten. Nicht nur, daß der kleine Nicht-Intellektuelle sich dadurch beruhigt fühlte, wenn sogenannte Fachleute ihm als Notwendigkeit erklärten, was ihm vielleicht nicht gefiel und er beruhigte sich um so eher, da er bis 1942/1943
keine Ahnung von dem Ausmaß der Untaten hatte -, sondern diese Geistverräter verschafften dem primitiven SS-Mann auch das gute Gewissen für alle Grausamkeiten. Daß sich die Parteiprominenz aus den Goldplomben der Opfer für den Notfall Auslandskonten schuf, während offiziell jedes Devisenvergehen mit Todesstrafe bedroht wurde: auch dafür wird sich sicher eine wissenschaftliche Deutung gefunden haben.
Doch um noch ein Beispiel für die Korrumpierung durch den Alltag zu bringen, und zwar aus einem nicht-intellektuellen Beruf: Da ich seit 1933 nicht veröffentlichen durfte, wurde ich Kaufmann. Kaufmann zu sein gilt als ein freier Beruf, besonders in Hamburg, wo man vom königlichen Kaufmann zu sprechen pflegte, womit selbständige Unternehmungslust und Übernahme von Risiko gemeint war. Wie sah es nun mit dem königlichen Kaufmann während der Nazizeit aus? Die Auslandsfirmen bekamen Devisenkontingente, die nach den Umsätzen der Jahre vor 1933 errechnet waren. In der Höhe des Kontingentes durfte die einzelne Firma Waren importieren. Das ließe sich noch als finanzielle Maßnahme eines verarmten Landes deuten, doch es kam zu völlig unkaufmännischen Folgen; denn nun wurde gekauft, wenn man Devisen übrig hatte, und nicht dann, wenn der Markt günstig war. Aber nicht genug damit, es war auch eine Gewinnspanne vorgeschrieben, die bei Strafe nicht überschritten werden durfte. Und nicht nur das, da auch die verarbeitende Industrie und der Fachhandel kontingentlert waren und nur mit Einkaufsgenehmigungen kaufen durften, gab es keine freie Kundenwahl mehr. Alle Beteiligten erhielten einen ausreichenden Verdienst und brauchten sich über Marktrisiko, Finanzierung und Kreditgabe nicht mehr den Kopf zu zerbrechen. Was blieb da noch von dem sogenannten freien Kaufmann übrig? Die Bürokratie leistete sich aus Fassadengründen den Luxus, ihn durch eine Art Pension am Leben zu erhalten. In der Tat nannte man damals solche Firmen »Sofafirmen«, da die Geschäfte mühe- und risikolos vom Sofa aus gemacht werden konnten. Und wiederum konnte nur derjenige einen Vorteil innerhalb des Systems ergattern, der über gute Parteibeziehungen verfügte und dadurch ein zusätzliches Kontingent erhielt. Für einen königlichen Kaufmann eine recht unkönigliche Handlung.
Nochmals: Der erzieherische Wert historischer Fakten kann leider nicht gering genug eingeschätzt werden. Konzentrationslager, in denen Hunderttausende zugrunde gingen, hat es schon im Burenkrieg gegeben, und sicher hat der kuponschneidende Kleinbürger in England damals beide Augen zugedrückt. Das entschuldigt die Nazigeneration nicht, aber mit anklagender Dokumentation ist es nicht getan. Auch wer die Frage stellt, ob systematische Massenvernichtungen, wie die Nazis sie organisierten, jemals wieder möglich sind, weicht dem eigentlichen Problem aus. In dieser Form werden solche Dinge vermutlich nicht wieder vorkommen. Aber man beachte bitte: in dieser Form nicht.
Die Frage muß sinnvoll lauten: Ist heute im Zeitalter totalitärer Apparatur, mag sie ideologisch aufgeputzt sein, wie sie will, die Möglichkeit gegeben, den geschichtslosen Alltag der Masse durch Propaganda, falsche Informierung und Angst so zu verfälschen, daß alle natürlichen und menschlichen Instinkte gelähmt und Unmenschlichkeiten fatalistisch hingenommen werden? Die Frage muß ohne jedes Moralisieren gestellt werden.
Alle, die den nationalsozialistischen Alltag bewußt erlebt haben und sich bemühten, ihn mehr oder weniger zu bestehen, werden die Frage mit einem unbedingten Ja beantworten. Aber sind wir, die das Unglück nicht zu verhindern vermochten, die richtigen Leute, einer Generation, die nach der Epidemie aufgewachsen ist, Ratschläge für ihre Zukunft zu geben? Wir zweifeln oft genug daran. Für diesen Zweifel hat man das Modewort »Frustration der Intellektuellen« gefunden, das wie alle Modeworte das wirkliche Problem mit einer journalistischen Handbewegung abtut. Wir Älteren haben, um es deutlich auszudrücken, einen Knacks. Man führt nicht ungestraft zehn oder zwölf Jahre lang ein Schattendasein in einem perfekten Totenreich. Der Schrecken über die Erkrankung der menschlichen Substanz sitzt uns in den Knochen. Doch an einem zweifeln wir trotz allem Scheitern nicht: daß in allen äußersten Situationen nur die Entscheidung gültig bleibt, die das menschliche Gewissen trifft.
Da diesem Versuch das Wort von Gryphius »Dies lebenlose Leben« vorangesetzt ist, dürfte es erlaubt sein, mit einem Gedicht zu schließen. Nicht des Gedichtes wegen, das nicht mehr Gewicht hat als die Tränen, die die Hauswartsfrau auf der Kellertreppe weinte, sondern weil zufällig der Anlaß seiner Entstehung im Gedächtnis geblieben ist, was sehr selten vorkommt. Darum scheint es mir die furchtbare Atmosphäre des nationalsozialistischen Alltags besser wiederzugeben als noch so einwandfreie Dokumentationen.
Im Sommer 1934 hörte ich abends bei Bekannten, daß wieder etliche der Unsrigen, ich glaube, es war in Wilhelmshaven, verhaftet wären. Die Nachricht machte mich schlaflos. Ich lag auf meinem Bett und hörte, wie Kabelleger zwei Straßen weiter sich gegenseitig über das Abrollen des Kabels durch klagende Zurufe informierten. Da stand ich auf und schrieb:

Zur Nacht, weil alle Menschen schliefen,
Rief da ein Mann? O wie er rief!
Zweimal! Zwei Rufe, die mich riefen.
O Trägheit, daß ich weiterschlief.

Vom Flusse her ein wildes Klingen,
Zweimal, und dann war wieder Nacht.
Und ich verschlief das Hilfebringen
Zweimal und bin nicht aufgewacht.

Bin nicht vom Lager aufgesprungen
Zur Tür, und fragen, was es sei.
Ich schlief. Ich schlief, bis es verklungen.
O der du nach mir riefst, verzeih!

Heut morgen kommen sie und fragen:
Wer rief und hat die Nacht gestört?
Rief man nach Gott? Und ich muß sagen:
Ich schlief und habe nichts gehört.

Es war nicht Gott, dem es gegolten;
Ich war es, den ein andrer rief.
Zwei Rufe, die zum Bruder wollten,
Vom Bruder, und der Bruder schlief.

Es rief, damit es mich erwecke
Zur Nacht, zweimal, vom Flusse her:
O Mensch, wie liebst du deine Decke,
Dein Bett und deinen Schlaf so sehr!

Wie dumpf und stumpf ist dein Gewissen,
Wie satt und matt du im Erhören!
Ach, daß erst Schüsse fallen müssen,
Aus deinem Schlaf dich aufzustören.

Ja, ich bin träg und taub geschaffen
Und ließ dich letzte Nacht allein.
Heut nacht werd ich gewiß nicht schlafen,
Denn heute muß ich selber schrein.

zuerst in Merkur Jg. 21 (1967) H. 2, S. 134-149.

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer