| Gedichte (1947)
Der Dichter
Im Hafen lichten jubelnd sie die Anker.
Ein Schiff wohin? Von Hoffnung ist es schwer
nach heimatlicher Insel überm Meer.
Abseits am Ufer steh ich wie ein Kranker.
Krank, weil ich warte und mich nicht verschwende;
gefesselt, daß ich mir nicht selbst entflieh
noch mich dem Werk des Wirklichseins entzieh.
Ja, ich war krank, damit ich mich vollende.
Denn immer Einer sei bereit und rage
als rettend Mal im Raum, wenn vor der Frage
die grelle Zeit erblaßt: Was soll ich tun?
Fragt ich es auch? Vielleicht schrie ich im Traum.
Nur Echo wars. Der Wind fuhr durch den Baum.
Du darfst getrost in meinem Schatten ruhn.
Der Abfall
Sie saßen bei Tisch. Da ging ich heimlich fort.
Nur meinen Namen ließ ich ihnen dort.
Der saß auf meinem gewohnten Platz und sollte
antworten; jedem, was er hören wollte.
Denn das genügte wohl, und es wäre
nie aufgekommen, wenn er nicht vergaß
zu lachen. Als sie wieder lachten, fraß
ihr Lachen dort sich, wo er nicht mehr saß,
ins Leere.
Was sie mit meinem Namen machten,
als sie es merkten, und was sonst geschah?
Sie saßen bei Tisch und sitzen jetzt noch da.
Vielleicht daß sie nur etwas lauter lachten.
Wie ich sie kenne, dachte keiner durch die Lücke
seiner Unsterblichkeit hinter mir her
ins Namenlose. - Weitab ihrem Glücke
steh ich und höre sie nicht mehr.
Rief da ein Mann?
Zur Nacht, weil alle Menschen schliefen,
rief da ein Mann? O wie er rief!
Zweimal! Zwei Rufe, die mich riefen.
O Trägheit, daß ich weiter schlief.
Vom Flusse her ein wildes Klingen
zweimal, und dann war wieder Nacht.
Und ich verschlief das Hilfebringen
zweimal und bin nicht aufgewacht.
Bin nicht vom Lager aufgesprungen
zur Tür und fragen, was es sei.
Ich schlief, ich schlief, bis es verklungen.
O der du nach mir riefst, verzeih.
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Heut morgen kommen sie und fragen:
Wer rief und hat die Nacht gestört?
Rief man nach Gott? Und ich muß sagen:
Ich schlief und habe nichts gehört.
Es war nicht Gott, dem es gegolten,
ich war es, den ein Bruder rief.
Zwei Rufe, die zum Bruder wollten
vom Bruder, und der Bruder schlief.
Es rief, damit es mich erwecke,
zur Nacht zweimal vom Flusse her:
O Mensch, wie liebst du deine Decke,
dein Bett und deinen Schlaf so sehr.
Wie dumpf und stumpf ist dein Gewissen,
wie satt und matt du im Erhörn!
Ach, daß erst Schüsse fallen müssen,
aus Deinem Schlaf dich aufzustörn.
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Ja, ich bin träg und taub geschaffen
und ließ dich letzte Nacht allein.
Heut Nacht werd ich gewiß nicht schlafen;
heut, Bruder, muß ich selber schrein.
[In Nossacks Handexemplar sind zwei
handschriftliche Korrekturen eingetragen. In der zweiten Zeile der fünften Strophe ist
das Wort "Bruder" durchgestrichen und durch "Andrer" ersetzt. In der
letzten Zeile stehen für "heut, Bruder," die Worte "denn heute".
Nossack teilte dieses Gedicht mit diesen Korrekturen in dem autobiographischen Text Dies leblose Leben nochmals mit.].
Der Anfang
Eh es begann, war nichts als eine Frau,
die weinte wie in einem leeren Zimmer.
Kein Anfang sonst. Das ist doch schon seit immer;
nur daß ich weinen muß, weiß ich genau.
Kein Ende je. Es rann, es rinnt die Not
in ihrem Schoß und geht uns nicht verloren.
Da, Mutter Kummer, wurden wir geboren,
und es begann: Die Liebe und der Tod.
Wollt ihr verlassen, was euch heimlich hielt,
und ewig werden, ohne drum zu weinen?
Was denn begann? Ach, meine beiden Kleinen,
man wird euch Götter nennen. Geht und spielt!
Ist das der Mensch?
Ich weiß, daß man mich eines Tages braucht.
Soll ich dann sagen, wenn sie suchend kommen -:
"Was war es noch, was uns die Flut genommen?"
Auch ich bin in Vergessenheit getaucht?
Schlimm ist die Welt versandet und verschlammt.
Seht auf den Straßen die Gesichter doch;
die alten süßen Formen sind es noch,
nur alles ausgelöscht, was sie entflammt.
Man geht umher wie auf dem Meeresgrunde
von Flut betäubt, bleibt stehen um zu lauschen:
Ist das das Leben? Wirklich? Ach, wir Armen!
Und dämmert weiter. Niemand weiß die Kunde.
Was war es noch? Man hört die Not nur rauschen.
Ist das der Mensch? Haben wir doch Erbarmen. |