Rede am Grabe
Lieber Hans Henny Jahnn, lieber einziger Freund!
Es betrübt mich sehr, daß ich es bin, der das Versprechen
einzulösen hat, das wir uns vor vielen Jahren gegeben haben, doch ich sehe ein, daß Du
mehr Berechtigung hast als ich, endlich in Deine Heimat zurückkehren zu dürfen. Und so
beginne ich diese letzte Unterhaltung mit Dir, um die Du mich gebeten hast, diese wenigen,
ganz persönlichen Abschiedsworte, die ich für alle, die Dich bis zum Stadttor begleitet
haben, so beginne ich damit, daß ich Dich um Verzeihung bitte, wenn ich Dich manchmal
enttäuscht haben sollte. Ich bitte um Verzeihung für alle, die sich eines ähnlichen
Versagens schmerzlich bewußt sind. Ich bitte um Verzeihung für diese Stadt, die uns
geboren hat und die Du oft schelten mußtest, weil Du sie so sehr liebtest. Und ich bitte
auch um Verzeihung für die, die Dich zu spät erkennen und dann viel Wesens von ihrer
Entdeckung machen werden. Wie sollten wir denn auch nicht vor Dir versagen? Jeder von uns
spürte den Engel hinter Dir, der den Berufenen beigegeben ist, doch der Anspruch des
Engels war zu groß für uns; aus Angst um unsere kleine Wirklichkeit machten wir uns
taub. Aber immer blieb uns die Besorgtheit im Gewissen um einen Fremdling, der mit uns zu
leben versuchte, denn unser Versagen hätte ihn zwingen können, sich zu prostituieren.
Doch Du hast nicht ein einziges Mal Verrat an Dir geübt. Wer darf so etwas von sich
sagen!
Und als zweites danke ich Dir, der Du Dich vor Sehnsucht nach Deiner Heimat verzehrtest,
daß Du so lange bei uns ausgeharrt hast. Ich danke Dir, daß Du uns durch Dein Werk das
Ohr für die dröhnende Stille geöffnet hast. Ich danke Dir im Namen aller jungen
Dichter, daß Du ihnen wieder die Kraft gegeben hast, vom Tisch des Herkömmlichen
aufzustehen, um die Pflicht der Dichter zu erfüllen. Aber weit mehr möchte ich Dir für
das danken, was nicht Geschichte werden wird: für die kleinen, entschuldigenden Gesten,
in denen Du uns Deine Wehrlosigkeit preisgabst. Gesten, die etwa ganz leise das sagen
wollten, was bei Dir die arme Seele des Menschen spricht: "Ich stehe immer noch auf
der Seite derer, denen keine Antwort geworden ist." Womit Du uns die Antwort gegeben
hast, auf welcher Seite wir zu stehen haben, wenn wir uns keiner Unwahrhaftigkeit schuldig
machen wollen, ausharren, bis wir selber Antwort werden wie Du.
Sei unbesorgt, viele junge Menschen berufen sich bereits auf Dich als ihr Vorbild. Sie
begreifen Dich noch nicht ganz. Sie verstehen Deine Empörung über die gedankenlose
Ungerechtigkeit und sie fühlen auch deinen Kummer über die Vergeblichkeit allen
Geschehens. Doch wozu ihnen noch der Mut fehlt, das ist das, was Deiner Einzigartigkeit
alles Bedrückende nahm, das, was noch Deinem lautesten Aufschrei eine sanfte Süße
verlieh: Dein Erbarmen. In der Stunde des Abschieds darf es wohl gesagt werden, ohne daß
Ärgernis und Unfrieden entsteht: ich habe nie einen religiöseren Menschen getroffen als
Dich. Denn ich wüßte nicht, was des Namens Religion würdig wäre, wenn nicht dieses
Dein Mitleiden mit aller Kreatur, mit jedem Wassertropfen, mit jeder lebendigen Zelle.
Wenn nicht die unstillbare Trauer, mit der Dich die kurze Seligkeit des Blühens und die
lange Qual des Verwesens erfüllte. Wenn nicht die zornige Güte, mit der Du noch im
Ekligen die Schönheit des winzigen Restes Leben zu erhalten trachtetest, auf den es
vielleicht eines Tages ankommen wird, wenn es um den Fortbestand der Welt geht. Aber auch
das Erbarmen werden sie noch lernen, die Jüngeren. Sie haben keine Kindheit gehabt. Wir
müssen geduldig sein.
Du aber kehrst nun in Deine Heimat zurück. Du hast uns oft von ihr zu verkünden
versucht. Es steht bei Dir geschrieben: ". . . und plötzlich schweigt die Erde - sie
schweigt, so daß die Stille dröhnt - dann spüre ich, daß ich mit allem einverstanden
bin -; weil ich die Wirklichkeit für ein Trugbild nehme, für den Schatten einer anderen
Welt, aus der ich gar nicht entfernt werden kann ... Denn das Phantom hinter den Dingen,
das Eigentliche, die sonderbaren Dimensionen aus Blei und Licht werden mir bleiben."
Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung.
Es kann nur gehört werden. Es ist Musik.
Lieber Hans Henny Jahnn! Wir, die noch da sind, wollen nicht um Dich trauern. Aber wir
wollen als Dein Vermächtnis die Traurigkeit hegen, die eigene. Das Heilig-Intime des
Todes sollte nicht durch abgenutzte Vokabeln entweiht werden, so war es vereinbart. Auf
daß sich Dein Engel nicht erbittert von uns abwende. Und so lasse ich nun Deine Frau die
ersten Hände Erde auf Deinen Leib werfen - wie es sich gehört.
In: Hans Henny Jahnn. Buch der Freunde. Im
Auftrag der Freien Akademie der Künste in Hamburg zusammengestellt von Rolf Italiaander.
Hamburg [1960], S. 74f. |