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Jahrgang 1901

Während ich diese Zwischenbilanz zu machen versuche und gewissenhaft überlege, wofür man das Jahr 1901 belasten darf, hause ich noch in Darmstadt, wenn auch bereits auf dem Absprung. Mein Blick fällt auf die Mathildenhöhe und den sogenannten Hochzeitsturm, der in kaum 200 Meter Entfernung mit seinen jugendstilisierten fünf Fingern prätentiös in die Luft ragt. Auswärtige Besucher, die den Turm zum ersten Mal von meinem Fenster aus sahen, habe ich erschrocken ausrufen hören: O mein Gott, was soll denn das Ding da! Der Jugendstil galt um die Jahrhundertwende als modern. Er erschreckt nicht so sehr durch seine Häßlichkeit - das wäre schließlich eine Geschmacksfrage -, als vielmehr als Ausdruck unechter Gefühle, unecht zur Zeit seiner Entstehung. Und wie alles Unechte hat sich auch dieser Turm den Bomben und sonstigen Vernichtungsmitteln gegenüber als dauerhafter erwiesen als das Echte. Ein beunruhigendes Phänomen! Alles in mir sträubt sich, den Turm als Wahrzeichen für mein Geburtsjahr anzuerkennen und damit für das Gesetz, nach dem ich angetreten sein soll.
Angewidert lasse ich mein Auge über die Bücherwand gleiten, doch auch das gewährt keine Zufriedenheit. Es sind nicht die Bücher, die zusammen mit mir aufgewachsen sind, denn sie verbrannten 1943. Es sind Bücher, die sich seitdem wieder angesammelt haben. Es lassen sich keine Jahresringe aus ihnen ablesen, darum sind sie mehr oder weniger lästiger Besitz, aber kein Eigentum.
Wie gesagt: wieder einmal auf dem Absprung. Wenn diese Überlegungen im Druck erscheinen, werde ich längst in einer anderen Stadt wohnen. Meine Frau hat unter Seufzen nachgerechnet, daß es der 18. Umzug sein wird, seitdem wir verheiratet sind. Nur ein kleiner Teil der vielen Wohnungs- und Wohnortswechsel hat berufliche Gründe oder läßt sich mit politischen Ereignissen, mit Krieg und Ausbombung erklären. Gehört es zum Jahrgang 1901, immer auf dem Absprung zu leben? Die Frage muß zum mindesten gestellt werden. Oder handelt es sich um privates Schicksal?
Was das betrifft, so haben wir die Nomadisiererei von Herzen satt; sie macht uns sogar etwas traurig, da sie unsere Kräfte zu übersteigen beginnt. Es ist keineswegs so, daß wir den dauernden Wohnungswechsel für ein wünschenswertes Lebensprinzip halten. Im Gegenteil, wir haben noch jede neue Wohnung mit der kindlichen Hoffnung und dem festen Willen bezogen, eine endgültige Bleibe daraus zu machen. Da wir auf bürgerlichen Komfort keinen Wert legten, gelang es ohne Mühe, tatsächliche Mängel in Kauf zu nehmen, oft länger, als es vernünftig und der Gesundheit zuträglich war.
Ich denke da z.B. an unsere erste eigene Wohnung in der Feldbrunnenstraße in Hamburg; denn vorher hatten wir in Pensionen gewohnt. Das muß um 1927 herum gewesen sein. Wir waren damals sehr arm, obwohl wir beide berufstätig waren; für heutige Begriffe unvorstellbar arm. Ich besaß nur einen einzigen Anzug, und als ich mir ein Loch in die Hose gerissen hatte, mußte ich mir von einem Freunde einen Anzug leihen, der eine Nummer zu klein war; sonst hätte ich nicht ins Geschäft gehen können. Wir sind manchmal sehr arm gewesen, aber wir wußten nichts davon. Es war uns so selbstverständlich, daß andere unsern Lebensstil für eine Marotte hielten. Rückschauend möchte ich die Vermutung aussprechen, daß wir stets ärmer waren als die, die über ihren Geldmangel Geschrei erhoben und uns beneideten.
Diese erste eigene Wohnung bestand aus drei winzigen, eiskalten Dachkämmerchen, in denen man früher in hochherrschaftlichen Haushalten die Dienstboten unterzubringen pflegte. Ohne Toilette und Bad. Für solche Zwecke mußte man sich auf einer Innentreppe ins Stockwerk darunter begeben. Aber wie stolz waren wir auf unsere Wohnung. Die allernotwendigsten Möbel hatten wir beim Trödler zusammengesucht. Eines Nachmittags besuchte uns die ältere Schwester meiner Frau, eine wohlsituierte Dame. Sie kam gerade in der günstigen halben Stunde, in der die Sonne in das eine Zimmer schien. Wir hatten uns angewöhnt, die Kakteen in die Dachluke zu tragen, damit sie von der halben Stunde profitierten. Zu unserm höchsten Erstaunen fing die Schwester an zu weinen. Das war uns ganz unbegreiflich. Sie beleidigte uns sogar ein wenig, weil sie gleich danach in ein Delikatessengeschäft ging und uns irgendwelche Lebensmittel schicken ließ. Als ob wir uns nicht selber ernähren konnten!
Mir fehlt jedes Gefühl für das, was man Heimat nennt. Ob der häufige Wohnungswechsel Ursache oder Folge dieses Mangels ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Immerhin bilde ich mir ein, beweisen zu können, daß es sich bei dem Begriff um einen lebensgefährlichen Romantizismus handelt, der sich auf Prospekten von Reisebüros und im Kino ganz hübsch ausnimmt, aber der Realität unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Daseins in keiner Weise mehr entspricht. Lebensgefährlich, weil Politiker Mißbrauch mit dem alten guten gefühlsgeladenen Wort treiben. Frage ich mich, wann und wo ich mich wohl gefühlt habe oder meinetwegen glücklich gewesen bin, dann dürfte es immer eine geographisch und zeitlich kaum festzulegende, unwiederholbare Sekunde gewesen sein, in der ich mich über eine Handlung oder einen Gedanken selber vergessen durfte. Dazu bedarf es keiner Heimat und keines sogenannten Geburtsortes. Das Glück kann einem in einem kahlen Hotelzimmer oder an irgendeinem Boulevard zuteil werden. Auch in einer Landschaft. Die Auvergne z. B. mutet mich verwandtschaftlich an. Und obwohl ich niemals in Bolivien oder Peru gewesen bin, will es mir nach dem, was ich von Bildern und vor allem aus Indianermärchen darüber weiß, scheinen, daß ich dorthin gehöre und nur zufällig woanders geboren bin.
Doch ich lege keinen Wert darauf, recht zu haben, und möchte die Gefühle anderer Menschen nicht verletzen. Nur so viel dürfte klar sein: daß es jemandem, dem das Gefühl für Heimat fremd ist und den sein Instinkt vor jeder Umkehr warnt - ja, für den Heimkehr identisch mit Altersheim ist -, auch an Sinn für Geschichte fehlen muß, sowohl für Zeitgeschichte als auch für seine private Lebensgeschichte. Geschichtliche Ereignisse, denen er sich ausgesetzt sah, waren nichts als Hemmnisse, die ihn von seiner Richtung abbringen wollten, und seine Privatgeschichte ist kaum mehr als Widerstand gegen das, was dann hinterher Geschichte genannt wird. Die Frage bleibt, ob eine solche Einstellung als typisch für den Jahrgang 1901 bezeichnet werden darf. Lange Zeit habe ich das geglaubt; es war so bequem, auf die Art gewisse Eigenschaften zu erklären, die mir im praktischen Dasein immer wieder Schwierigkeiten bereiteten. So wie ja auch manche Leute sich mit ihrem Sternkreiszeichen entschuldigen, wenn sie ihr Verhalten rechtfertigen wollen.
Das Jahr 1901 schien mir eine Zeitlang bezeichnend, wenn ich mich mit meinem Bruder verglich, der 1899 geboren und nicht einmal anderthalb Jahre älter war als ich. Einen größeren Unterschied in Charakter und Reaktionsweise konnte es nicht geben. Während ich sozusagen schon mit dem Willen zur Auflehnung aus dem Mutterleib kroch und bei dem geringsten Anlaß einer Bindung nach rückwärts explodierte, bemühte mein Bruder sich, grundsätzlich alles für richtig zu halten und zu befolgen, was die Eltern sagten und verlangten. Genaugenommen vergewaltigte er sich damit, denn er war nicht dumm und von einer übertriebenen Rechtlichkeit. Durch diese Zwiespältigkeit wirkte er ungeschickt, pedantisch und machte sich oft lächerlich. Im Gymnasium war er weit besser als ich, da er fleißig und gewissenhaft war, während mir alles viel zu leicht wurde, als daß ich es für nötig hielt, mich noch anzustrengen. Sicher hat mein Bruder mich mehr geliebt als ich ihn, sei es auch nur deshalb, weil er es für seine Pflicht hielt, mich zu lieben. Für mich darf ich höchstens buchen, daß ich auf dem Schulhof oft genug über ältere Jungens herfiel, die ihn zu verspotten wagten, was nicht hinderte, daß ich dann auf dem Schulweg über meinen Bruder herfiel, weil es mich empörte, daß er sich lächerlich machte. Er war ein sehr unglücklicher Mensch; da er lange tot ist, darf ich das sagen. Bei seiner verkrampft konservativen Einstellung wäre er unter Umständen den nationalsozialistischen Phrasen auf den Leim gegangen, und das hätte ihn als grundanständigen Menschen in Konflikte gebracht, denen er kaum gewachsen gewesen wäre.
Wie gesagt, ich hielt diesen Unterschied zwischen zwei Brüdern für bezeichnend für den Geschichtsbruch um die Jahrhundertwende. Ich prahlte vor mir selber mit meinem Geburtsjahr als dem Beginn einer neuen Richtung und dem Anbruch des Exils. Ich war der Magie einer Jahreszahl verfallen, ähnlich wie ja die Leute rührenderweise in der Silvesternacht zu glauben pflegen, daß im neuen Jahr alles anders und besser werden wird, obwohl sich meistens nichts ändert, geschweige denn, daß etwas besser wird. Ein nur ganz oberflächliches Nachdenken hätte mir die Haltlosigkeit meines Arguments verraten müssen. Wir brauchen nur, um in meinem Beruf zu bleiben, an die Expressionisten zu denken, eine Generation, die um 1885 herum geboren ist. Sie wären niemals meine ersten geistigen Anreger geworden, wenn sie konservativ gewesen wären und wenn ich ihre Sprache als ganz junger Mensch nicht als die mir gemäße Ausdrucksform begriffen hätte; denn sie alle lehnten sich ja gegen ihre Herkunft auf und gingen dafür ins Exil. Und umgekehrt: wenn wir die Mehrzahl der mir Gleichaltrigen betrachten, stellt sich heraus, daß sie sich 1933 getrost gleichschalten ließen und ein Parteiabzeichen an den Rockaufschlag steckten, ohne deshalb besonders böse Menschen zu sein. Es ist völlig falsch und nichts als eine erzreaktionäre Phrase, von uns zu behaupten, die sich schon in unserer Jugend überstürzenden politischen Ereignisse hätten uns aus der Bahn geworfen. Aus welcher Bahn, bitte? Wer hat darüber zu bestimmen? Und warum haben, im Gegensatz zu uns, die meisten diese sogenannte Bahn gehorsam eingehalten, wenn auch unter noch so vielen Kompromissen? Mit andern Worten, es ist irreführend, eine rein individuelle Anlage als ein geschichtliches Phänomen auszugeben.
Ein solches ist es nur dann, wenn man Geschichte nicht als pragmatischen Ablauf, sondern als Geistesgeschichte versteht, als Geschichte des geistigen Verhaltens oder ganz schlicht als Geschichte des Menschen. Man könnte sie eine ahistorische Geschichte nennen. Wenn ein paar Zeilen vorher der Ausdruck Exil gebraucht wurde, so war damit zunächst nicht das geographische und politische Exil gemeint, das sich dann zwangsläufig für viele aus den Umständen ergab. Das Exil, das gemeint ist, hatten die meisten schon lange vorher angetreten. Wir waren Abtrünnige, ehe wir es selber wußten. Unter Exil soll hier das Heraustreten des Intellektuellen aus seiner ihm angeborenen, kleinen geschichtlichen Zeit in eine geistige Zeit verstanden sein. Das ist kein bewußt revolutionärer Akt, sondern geschieht dem jungen Menschen im Grunde gegen seinen Willen. Wäre er sich des ersten Schrittes bewußt, würde er ihn vermutlich nicht vollziehen können; er würde an Selbstvorwürfen zugrunde gehen und so lange vor dem Risiko zurückschrecken, bis ihn nichts anderes als Selbstmord aus dem Dilemma befreien könnte. Das passiert beinahe tagtäglich. Die tragische Geschichte der gebrochenen Flügel ist noch nicht geschrieben worden. Eines Tages jedoch merkt man, daß man schon nicht mehr dazu gehört und bereits außerhalb der angestammten Umgebung steht. Nichts scheint mehr zu stimmen, was einem beigebracht wurde und den andern als Lebensregel gilt. Wehe dem, der sich zu lange umblickt. Man steht ohne Halt da und hat den sich als absolut sicher gebärdenden Institutionen nichts entgegenzusetzen als das Gefühl, in ihnen nicht mehr atmen zu können. Man kann sich nur auf eine Negation berufen, und das reicht als Kraftquelle nicht aus. Man schaut sich nach Vorbildern um, und die, die man irgendwo in der Ferne sieht, gelten als Gescheiterte und sind längst gestorben. Man hat noch nicht den Mut, sich zu ihnen zu bekennen. Man muß schon einiges Glück haben und eine gewisse Zähigkeit im Standhalten besitzen, um den ersten Moment des Bewußtwerdens ohne allzu große Fehler zu bestehen. Erst sehr viel später, vielleicht erst nach der Erfahrung eines ganzen Lebens kommt man dazu, den Standpunkt außerhalb des vegetativen Kreises, der sich für alleingültig hält, als eine Chance und Bevorzugung zu akzeptieren.
Wie sehr sich dann auch die Lebensläufe der um die Jahrhundertwende geborenen Intellektuellen in äußerlichen Einzelheiten unterscheiden mögen, im Grundschema, im Ausgangspunkt und in der zentrifugalen Richtung wird man eine auffallende Ähnlichkeit finden. Mir scheint, als ob das Ausbrechen in ein noch unerforschtes Exil in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts häufiger stattfand und notwendiger war als zu anderen Zeiten, aber natürlich bin ich voreingenommen. Die nachfolgenden Ereignisse haben uns allerdings recht gegeben, denn alles, ja, wirklich alles, was uns als Ewigkeitswerte und absolute Wahrheiten angepriesen wurde, hat dann im Ernstfall kläglich versagt und sich als das gezeigt, was wir mehr instinktiv vermuteten: als überlebte Fassade. Doch das mag die Generation um 1789 auch von sich gesagt haben. Es hat immer Menschen gegeben, die aus ihrer Zeit herausgeboren wurden und außerhalb des anonymen Stromes der Geschichte zu existieren versuchten. Und es gibt sie auch heute, wie mir die Briefe junger Menschen verraten. Ich stehe ganz auf ihrer Seite, ohne ihnen zu meiner Beschämung einen nützlichen Rat geben zu können. Denn was helfen schon große Worte wie: »Bleib deiner Richtung treu!« Das Problem ist sogar weit schwieriger geworden, da die Welt inzwischen weit mehr durchfunktionalisiert und daher die Verlassenheit des einzelnen weit größer ist. Eine Revolution im historischen Sinne des Wortes ist nicht mehr möglich, wie noch zu unserer Zeit, und das empfinde ich als zusätzliche Tragik. Wie ich die Dinge sehe, dürfte es im Augenblick nur den freiwilligen Rückzug ins Partisanendasein geben; denn der Kampf geht nicht mehr um ein Prinzip, sondern um die Existenz des Menschen. Die Grundfrage bleibt immer die gleiche: ist Geschichte nur ein Fortschreiten von Ameisenhaufen zu Ameisenhaufen mit einigen klimabedingten Systemwechseln? Oder werden wir uns eines geschichtlichen Ablaufs überhaupt erst durch einzelne bewußt, die als menschliche Malzeichen außerhalb der Geschichte weiterleben? Sei es auch nur als Erinnerung daran, daß unsere Möglichkeiten sich nicht damit erschöpfen, als biologische Wesen dazusein, sondern trotz unserer biologischen Gebundenheit zu bestehen.
Man preist es neuerdings als ein Zeichen von Bescheidenheit, sich selbst historisch-materialistisch zu deuten, d. h. als Produkt der Zeit und Umgebung. Ein Intellektueller meiner Generation vermag darin keine Bescheidenheit zu sehen, für ihn bedeutet es eine Bankrotterklärung, die Verantwortung einem zeitgeschichtlichen System zu überlassen. Die Betrachtungsweise verrät uns auch nicht, warum der Mensch als Mensch trotz allem durchgehalten hat, denn die Zeiten waren meistens alles andere als erfreulich. Ist es nicht vielmehr eine bequeme Ausflucht und sogar Anmaßung, privates Schicksal und persönliche Versäumnisse mit Zeitgeschichte erklären oder entschuldigen zu wollen? Nun gut, man hat dafür den Begriff Pflicht gefunden, um einen Orientierungspunkt zu haben und die uns selber unbegreifliche Tendenz nach vorne zu lenken. Das ist sicher sehr notwendig, doch vergessen wir nicht, daß solche Projektionen nach außen von uns abhängen und mit uns leben und sterben. Ich habe daher schon vorgeschlagen, es statt mit dem Wort »religio« einmal mit »proligio« zu versuchen, ohne mich damit auf pseudometaphysische Spekulationen einzulassen, wie es die Marxisten tun; nur deshalb, weil die Silbe »re« uns zwingen will, uns ausschließlich nach rückwärts zu orientieren. Der Generation, der ich angehöre, kann die Bindung nach rückwärts nur als unzeitgemäß und unrealistisch gelten; wir wären dauernd gestolpert, wenn wir uns hätten umschauen müssen. Meine Herkunft ist für mich alles andere als maßgebend für meinen nächsten Schritt. Nicht einmal in der eigenen kleinen Privatgeschichte gibt es Punkte, auf die ich mich mit gutem Gewissen festzulegen wage.
Auf was kann sich unsereiner, der eines Tages fortgegangen ist, schon berufen? Etwa auf die Bücher, die er geschrieben hat? Will er auf seinem Totenbett auf irgendeine Arbeit hinweisen, die zufällig Erfolg gehabt hat, und dann zufrieden die Augen schließen? Dies sagenumwobene Sterben ist doch nur eine andere Art des Fortgehens, und das haben wir hundertmal erlebt, jedesmal beim Schreiben eines Buches. Erfolg ist keine Bestätigung der eigenen Existenz, ich glaube, das kann als absolute Wahrheit ausgesprochen werden. Peter Suhrkamp ermahnte mich einmal: »Machen Sie nie Ihre Sachen schlecht. Es geht die Leute nichts an, wie Sie darüber denken, und außerdem halten sie es für Ziererei.« Als Verleger hat er zweifellos recht, doch es geht gar nicht darum, die Bücher schlechtzumachen - das ist Aufgabe der Literaturkritik -, sondern darum, daß sie für den Autor nichts sind als gestrige Stationen, bei denen er unmöglich stehenbleiben kann.
Die Strindbergsche These »Durchstreichen und weitergehen!« habe ich immer für sehr brauchbar gehalten, obwohl sie bei Strindberg ein wenig nach einer Notmaßnahme gegen unangenehme Erlebnisse klingt. Selbstverständlich schreit alle Welt, die sich durchgestrichen fühlt, über Herz- und Traditionslosigkeit, und der Weitergehende wird müde Momente haben, in denen er sich selbst den Vorwurf eiskalter Härte und Grausamkeit macht, weil er seiner Richtung gehorcht, statt dem, was in Schulbüchern und von Moralisten als Tradition gepredigt wird. Was die Herzlosigkeit betrifft, so zählt die, über die die Herde jammert, nicht gegen die Herzlosigkeit, mit der der Fortgehende sich behandelt, indem er sich dem Risiko des Erfrierens aussetzt. Auch der Begriff Tradition bedarf einer neuen Definierung. So wie er heute noch mit viel Pathos gebraucht wird, ist er nichts als der Wunsch, sich an ein Nest anzuklammern, das schon längst keine Heimat mehr ist.
Insofern ist jedes Buch, das jemand schreibt, ein Durchstreichen, und wenn das Buch lebendig und nach vorne offen ist, wird man in seinem letzten Achtel einen Satz finden, der bereits ein Weitergehen bedeutet und das Buch für den Autor zu einer gestrigen Fußspur macht. Es ergäbe eine interessante Doktorarbeit, solche Sätze aus berühmten Werken herauszusuchen.
Mit größter Befriedigung pflege ich stets alle Notizen, Entwürfe und frühen Fassungen zu vernichten, wenn eine Arbeit im Druck erschienen ist. Es ist mir peinlich, wenn ich höre, daß jemand seine Gedichte auf Büttenpapier ins reine schreibt und in Maroquin binden läßt. Wie kann jemand sich selbst als Museumsobjekt sehen? Das Schreiben eines Buches ist doch eine Aktion, die nicht wiederholbar ist. Als Aktion geht die Öffentlichkeit das Buch etwas an, doch alle Vorarbeiten gehören, genauso wie Liebesaffären und Geldkalamitäten, ins Nur-Private.
Ist es Hochmut, so zu denken? Nach meinen Erfahrungen handelt es sich eher um Selbstschutz. Jeder Künstler weiß, wie leicht er über dem Privaten zu Fall gebracht werden kann. Das Publikum wittert seine Verwundbarkeit und liegt Tag und Nacht auf der Lauer; es wartet auf einen Schmerzensschrei. Es bedarf einer wirksamen Tarnung und unerhörter Wachsamkeit, wenn man eine unzeitige Berührung vermeiden will. Ach, wie habe ich mich mit dem Panzer der Kaltschnäuzigkeit umgeben und den starken Mann gemimt, den nichts erschüttern kann! Wieviel plötzliche Stellungswechsel habe ich wegen dieser Verwundbarkeit machen müssen! Das alles jedoch gehört ins Private. Was allein staunenswert bleibt, ist die Zähigkeit im Durchhalten. Man kann sie nur als Tatsache hinnehmen, denn eine logische Erklärung gibt es nicht dafür.
Wie für die meisten Intellektuellen meiner Generation standen alle Chancen gegen mich, das darf wohl ohne Übertreibung gesagt werden. Wie z. B. habe ich die Jahre 1935 bis 1939 überleben können? Es schaudert mich, an die Zeit zurückzudenken, weil es da eine Lücke gibt, eine traumlose Ohnmacht, in der ich mich selbst nicht wiederfinde. Ich weiß zwar, wo ich gewohnt habe und wie ich mein Brot verdiente. Sicher gibt es auch noch ein paar Fotos, auf denen antike Möbel und schöne Gegenstände zu sehen sind, aber es ist mir ganz unvorstellbar, wie ich darin existiert haben soll. Ich sehe mich stundenlang unbeweglich am Fenster stehen und auf die Straße hinabblicken. Die Straße heißt Brahmsallee und liegt in Hamburg, aber sie könnte irgendwo liegen. Es gehen Menschen in ihrem Sonntagsstaat und mit Kinderwagen auf ihr hin und her. Ich stehe da und warte. Ich weiß nicht, auf was ich warte, und weiß nicht einmal, ob sich das Warten noch lohnt. Es gibt nichts Trostloseres. Solche Stunden, Tage und Jahre während der Nazizeit lassen sich nicht schildern. Vermutlich habe ich mich damals totgestellt, da mir keine andere Wahl blieb, aber daß einer sich so lange totstellen kann, ohne an dem absoluten Nichts zugrunde zu gehen, das ist, wie gesagt, erstaunlich. Später, d. h. ab 1939, wurden die rein biologischen Defensivkräfte durch Krieg und Bomben so aktiviert, daß es daran wieder genaue Erinnerungen gibt.
Wenn endlich die Nacht kam, schrieb ich. Unter anderem schrieb ich eine längere Abhandlung Der Fall Nietzsche. Ich wollte mir darüber klarwerden, warum Nietzsche mich von jeher abstieß. Ich glaube, es liegt daran, daß er sich dauernd überschreit, und das ist mir zuwider. Wer seiner Sache sicher ist, braucht nicht zu kreischen. Ja, ich nannte Nietzsche einen überhitzten Sachsen. Zu meiner Entschuldigung möge dienen, daß ich mich damit gegen das Geschrei der Nazis wehrte. Ich formulierte damals auch: »Wagner, der erste Nationalsozialist - Hitler, der letzte Wagnerianer« und hielt mich für sehr witzig. Das alles ist 1943 verbrannt, auch meine Tagebücher, die ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr führte. Wenn man so will, war das ein symbolischer Hinweis, daß ich mich endlich zum völligen Verlust der Vergangenheit zu bekennen hätte.
Ich werde niemals Lebenserinnerungen schreiben. Was in dieser Arbeit an Biographischem erwähnt wird, zählt nur insoweit, wie es als typisch für meinen Jahrgang gelten kann. Ich sehe keine Logik in meinem Lebenslauf, ich sehe nur Situationen. Alles ist für mich noch genauso ungewiß, wie es das vor dreißig oder vierzig Jahren war. Das ist ein beschämendes Geständnis für einen Mann meines Alters, doch es muß einmal gesagt werden. Meine Generation läßt sich nicht als Vorbild auf ein Piedestal heben, es fehlt uns an Statik.
Sicher gibt es in meinem Leben eine Unmenge interessanter, komischer und rührender Anekdoten, aber es sind nur Anekdoten, nicht mehr. Ich finde mein äußerliches Dagewesensein entsetzlich langweilig und eintönig. Wenn ich bei Männern, deren sonstige Leistungen meine Bewunderung haben, Kindheitserinnerungen lese, kommt mir das wie eine senile Verliebtheit in die eigene Kindheit vor. Was bekommen wir denn zu hören? Die üblichen Konflikte im Elternhaus und in der Schule, ein paar pubertäre Erlebnisse mit Mädchen und dergleichen mehr. Wozu das, was jedem passiert, mit großem Pomp zum hundertsten und tausendsten Male erzählen? Was sollen die vergilbten Fotos von einer Frau in altmodischer Kleidung und mit einem Baby auf dem Arm? Oder von einer Schulklasse mit lauter stumpfsinnig in die Kamera blickenden Jungen? Oder von einem Halbwüchsigen in Uniform und mit einem viel zu großen Stahlhelm auf dem Kopf? Ich verabscheue Fotos, sie dienen nicht einmal als Erinnerungsstütze. Im Gegenteil, sie verfälschen eine noch lebendige Erinnerung, indem sie sie irreal machen. Es gibt im Gehirn einen sehr viel feineren Apparat, der die Spannung eines Erlebnisses registriert und auf einer Art Mikrofilm unverlierbar aufbewahrt. Die Spannung allein ist jederzeit reproduzierbar, während Fotos und Lebenserinnerungen das Transitorische eines Erlebnisses auf einen zufälligen Moment fixieren.
Nicht etwa, daß meine Kindheit bemerkenswert unglücklich gewesen wäre, so wie etwa die von Gorki, der eine unvergängliche Dichtung aus dem Elend seiner ersten Jahre schuf. In diesem Sinne war meine Kindheit nicht unglücklich; sie war aber, was ich für weit schlimmer halte, ganz unwirklich. Um in der Literatur zu bleiben, ließe sie sich allenfalls, nicht was die Tatsachen, sondern was das Atmosphärische anlangt, mit Louis Lambert von Balzac vergleichen, einer Erzählung, die das völlige Verlorensein des Kindes im Gehege bürgerlicher Ordnung darstellt. Die Erwachsenen geben vor, zu wissen, was Glück sei, und das Kind weiß bereits, daß ihr Glück nicht stimmt und daß sie sich etwas vormachen.
Man mag das aus der Entfernung als tragisch entschuldigen, doch das ändert nichts an der Irrealität unserer Herkunft. Ganz unabhängig von privaten und individuellen Einzelheiten, bleibt die Frage, was aus unserm Jahrgang geworden wäre, wenn es für uns nicht von Jugend auf all diese Kriege, Inflationen und Hungersnöte gegeben hätte. Die Frage ist vielleicht akademisch. Selbstverständlich würde mein Lebenslauf äußerlich anders aussehen, wenn die Katastrophen nicht eingetreten wären, aber mein Gefühl sagt mir, daß ich trotzdem nicht anders geworden wäre, und zwar darum nicht, weil wir von vorneherein in Katastrophen hineingeboren wurden und sie deshalb als etwas Natürliches hinnahmen.
Kürzlich fragte ich Karl Grebe, den Hamburger Musikkritiker, Cembalisten und Schriftsteller, der auch 1901 geboren ist, was er für typisch für unsern Jahrgang hielte. Er antwortete mir prompt: »Entweder zu spät oder zu früh geboren.« Das leuchtete mir sofort ein. Vielleicht wäre es sogar richtig, die Formulierung noch schärfer zu fassen und statt des Entweder-Oder ein Sowohl-Als-auch zu setzen. Das würde unsere Neigung, ja, den Zwang erklären, unsern Standpunkt immer im Zentrum des Spannungsfeldes zu suchen, auf der Wasserlinie zwischen Links und Rechts, zwischen Ja und Nein, zwischen Rationalem und Irrationalem oder wie man die beiden Seiten sonst benennen will. Auch zwischen Lachen und Weinen. Dafür sind wir oft genug getadelt worden; man hat uns den Vorwurf gemacht, es fehle uns an Mut zu einer eindeutigen Entscheidung, und uns deshalb schlankweg Nihilisten genannt. Aber die, die mit so großen Worten von eindeutiger Entscheidung sprechen, wollen ja nicht die Wahrheit, nicht einmal die eigene Wahrheit, sondern immer nur die Partei und das Kollektiv. Sie pflegen Wir zu sagen statt Ich. Ich zu sagen, ist jedoch weit bescheidener als Wir. Im Wir steckt ein Machtanspruch, gegen den der Intellektuelle instinktiv aufbegehrt. Die von uns, die um die Jahrhundertwende geboren sind, halten im Gegenteil die sogenannten eindeutigen Entscheidungen für unrealistisch, wenn nicht sogar für nihilistisch. Für uns gibt es keine gebrauchsfertige Antwort, die nicht im nächsten Moment schon eine Lüge wäre. Die Grenzsituation ist für uns alles andere als existentialistische Pose.
Nur aus der Perspektive des Ersten Weltkrieges und der nachfolgenden Inflation läßt sich wahrscheinlich etwas Allgemeingültlges über den Jahrgang 1909 aussagen. Wir waren, so witzig das klingen mag, zu spät geboren, um noch aktiv als Soldaten am Krieg teilnehmen zu müssen, aber früh genug, um in den umstürzenden Ereignissen eine erste Bestätigung zu finden - oder, wie ein Reaktionär es nennen würde, durch sie verdorben zu werden. Und viele waren zu früh dafür geboren, wie sich nachher zeigte.
Ich weiß nicht, ob in den Geschichtsbüchern deutlich genug hervorgehoben wird, daß der eigentliche Geschichtsbruch auf 1914 zu datieren ist. Stefan Zweig hat es in seinem Buch Die Welt von gestern in vorbildlicher Weise getan, und er hat, da er ohne dies Gestern nicht leben konnte, die Konsequenzen für sich gezogen. Aber unsere Großeltern und Eltern waren keine Stefan Zweigs. Sie hielten das alles für eine bedauernswerte Krise, wie sie zuweilen vorzukommen pflegt, und nach deren Überwindung man wieder weitermachen könne. So gesehen ist alles, was nach 1918 passierte, restauratives Flickwerk und ressentimentgeladenes Nachklappen, und gerade darum so unmenschlich, weil es ein Nachklappen war. Faschismus und Zweiter Weltkrieg sind nicht denkbar ohne Dolchstoßlegende. Wehleidige Rückerinnerung an hundert Jahre bürgerlichen Fortschritts spielt auch heute noch eine Rolle; im Marxismus sind die kleinbürgerlich positivistischen Elemente aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts nur zu spürbar. Wir lassen uns Hamlet im Frack oder Die Räuber in Trainingsanzügen vorspielen und kommen uns überaus modern vor.
Ich war dreizehn, als der Krieg ausbrach, also in einem Alter, in dem man die Ereignisse mit eigenen Augen zu betrachten beginnt, und was die Augen sahen, war das Gegenteil dessen, was man uns als Kindern beigebracht hatte. Die Mobilmachung fiel mit dem Ende der großen Ferien zusammen. Mein Bruder und ich mußten von Oberbayern nach Hamburg zurückfahren. Die Eisenbahnfahrt dauerte damals normalerweise etwa zwanzig Stunden. Diesmal benötigten wir dafür drei Tage und drei Nächte, da das Eisenbahnnetz von Truppentransporten verstopft war. Wir reisten in winzigen Etappen und auf Umwegen mit Kleinbahnen. Alle paar Kilometer mußten wir wieder aussteigen und auf Bahnhöfen unbekannter Kleinstädte auf einen andern Zug warten. Auf den Bahnsteigen standen Tische und dahinter Damen in Rote-Kreuz-Tracht, die uns mit Broten versorgten, die dick mit Speck belegt waren. Das alles war ein willkommenes Abenteuer, es war etwas Neues und bisher Unerlaubtes und Undenkbares. Besonders die Art, wie die Menschen miteinander verkehrten, war neu. Da gab es plötzlich keine Schranken mehr zwischen den Klassen oder zwischen Erwachsenen und Kindern. Alle redeten so, als ob sie sich längst kannten.
Wenn ich die Dinge nach so langer Zeit nicht falsch sehe, glaube ich, daß die Erwachsenen sich in den ersten Kriegstagen weit jungenhafter benahmen als wir Jungen. Sie benahmen sich wie Kinder, die eben dem Schulzwang entronnen waren. Die Züge waren überfüllt mit Zivilisten, die sich zu ihren Truppenteilen begaben. Natürlich gaben sie sich alle sehr patriotisch, und es wurden vaterländische Lieder gesungen. Im Grunde aber ging es nicht um Politik und Kriegsbegeisterung, es war ein allgemeiner Freiheitsrausch, der die Leute erfaßt hatte. Sie bejubelten die Erlösung von einer langweiligen, ausweglosen Ordnung. Welch ein tragischer Irrtum! Das Phänomen hat sich seitdem oft wiederholt, und zwar in allen zivilisierten Ländern, und es kann sich jederzeit von neuem wiederholen. Faschisten und Kriegstreiber wissen diesen Überdruß gegen verkrustete Gesellschaftsordnungen nur zu geschickt auszunutzen.
Aber welch ein unauslöschliches Erlebnis war es für uns Jungen, die Erwachsenen ihre eigene vielgepriesene Ordnung verleugnen zu sehen. Die uns nur zu willkommene Unordnung zeigte sich dann selbst in der Schule. Die Lehrer waren als Reserveoffiziere eingezogen. Statt dessen setzten sich längst pensionierte Professoren aufs Katheder, und Pastoren mußten uns Latein und Griechisch beibringen. Der jahrhundertealte humanistische Lehrgang wurde noch dazu durch Kohlenferien, Schneeschippen, Erntehilfe und andere kriegsbedingte Arbeiten dauernd unterbrochen. Wie sollten wir Schüler die Schule da ernst nehmen! Der Krieg war wichtiger.
Wenn ich Essays von Leuten lese, die zehn oder fünfzehn Jahre älter sind als ich, komme ich mir oft erschreckend ungebildet vor; ich neige dann dazu, an mir selbst die allgemeine Niveausenkung zu demonstrieren. Vermutlich handelt es sich um eine Augentäuschung. Die Summe meiner Kenntnisse mag vielleicht um nichts geringer sein als das Wissen der Älteren. Was sich jedoch verändert hat, ist das Verhältnis zum eigenen Wissen. An den Älteren bewundere ich die Sicherheit und Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Wissen als absoluten Wert handhaben; das liegt ganz einfach daran, daß ihr Bildungsprozeß abgeschlossen war, als das Jahr 1914 alles in Frage stellte. Während Bildung und Wissen für uns Jüngere von vorneherein nur eine sehr relative Bedeutung haben. Das darf bei Beurteilung unseres Jahrgangs nicht außer acht gelassen werden.
Und damit sind wir schon bei der Inflation. In dem Augenblick, als wir zum ersten Mal selbständig mit Geld umgehen sollten, zeigte es sich, daß Geld nur einen hypothetischen Wert hatte, der nur so lange galt, wie die Hypothese für gültig gehalten wurde. Es war also dasselbe damit wie mit allem Heiligen, das man uns gelehrt hatte. Unsern Vorfahren waren Fleiß und Sparsamkeit Voraussetzung für den sozialen Aufstieg; an der Sicherheit von Währung und Vermögensanlagen gab es für sie ebensowenig einen Zweifel wie an der Notwendigkeit des sozialen Aufstiegs. Das Prinzip bewies sich plötzlich als verkehrt; Sparsamkeit war eine Dummheit und führte zum Ruin. Aus dieser jugendlichen Erfahrung muß man unser skeptisches, wenn nicht feindseliges Verhältnis zum Besitz verstehen. Man kann von Leuten, die sich zweimal um ihre Lebensversicherung betrogen sahen, nicht gut verlangen, daß sie Versicherungen irgendwelchen Art für zuverlässig halten. Das Gefühl sagt uns, daß Besitz uns besitzt und daß die Anstrengung, ihn durch unsern Glauben zu erhalten, uns die Bewegungsfreiheit nimmt.
Die monetäre Inflation war ja nur die Folge des Versagens aller gesellschaftlichen Institutionen seit 1914. Die Inflation der moralischen Werte hat uns weit tiefer beeinflußt als Geldentwertung und Hungersnot. Wonach sollten wir uns richten, wenn die Erwachsenen sich nicht nach dem richteten, was sie predigten? Unsere Eltern kauften »Schwarz«, obwohl es verboten war; sie taten recht daran, lieber ein Gesetz zu übertreten, statt die Kinder hungern zu lassen, aber sie schämten sich dessen. Und was soll man von einem mit großem nationalen Pathos verkündeten Gesetz halten, das den, der sein Geld ins Ausland schafft, mit Todesstrafe bedroht, wenn die Funktionäre des Gesetzes den eigenen Maßnahmen so wenig trauen, daß sie ihrerseits Geld ins Ausland schaffen, um im Falle des Zusammenbruchs einen Notgroschen zu haben? Gesetz und Todesstrafe gelten also nur für die, die man ausschalten möchte.
Ewigkeitswerte und Endzeiterwartungen kommen uns seitdem etwas komisch vor. Sofort regt sich in uns der Verdacht, daß irgendein System damit ein Geschäft auf unsere Kosten machen will. Das uns angebotene Mißtrauen gegen institutionalisierte Wahrheiten mag es auch schon früher gegeben haben, aber wohl kaum als Allgemeinerscheinung wie in unserm Jahrhundert. Der Staat, um in diesem Begriff alles zusammenzufassen, wird durch eine solche Einstellung zum abstrakten Apparat, was keineswegs wünschenswert sein dürfte, doch aus Selbstschutz bleibt dem Einzelnen nichts andres übrig, als alles Menschliche völlig vom Institutionellen zu trennen. Meine Generation war in der Tat zu früh geboren, um das klar erkennen zu können. Sie taumelte sozusagen begeistert in die Unordnung hinein und verwechselte sie mit Freiheit. Nur so sind unsere vielen Irrtümer, wenn es Irrtümer waren, zu entschuldigen. Wir suchen seitdem nach einem Gesetz, das für den Menschen auch in Katastrophen gültig bleibt.
Eine Ordnung, die einmal negiert wurde, da die Umstände mächtiger waren, läßt sich nie wiederherstellen. Schon der Gedanke ist absurd, da er sich gegen die Zeit richtet; er ist letzten Endes verbrecherisch und führt auch zu Gewaltverbrechen. Nihilisten sind immer nur die, die stehengeblieben sind, die es als ihnen persönlich zugefügtes Unrecht empfinden, daß die Zeit über sie hinweggegangen ist, und die aus ihrem privaten Versagen eine politisch-moralische These machen. Es gibt nichts Grausameres als die Partei der Versager. Sie wollen nur Rache um jeden Preis und suchen nach dem Übeltäter. Nach 1918 fand man ihn in den Kommunisten und im Versailler Friedensvertrag.
Das habe ich als blutjunger Student in Jena erlebt. Die, die mit mir studierten, waren fast durchweg Kriegsteilnehmer, voller Ressentiment wegen der im Schützengraben verlorenen Jahre. Ihre persönliche Leistung und das Opfer ihrer besten Jahre ließ sie glauben, daß der Krieg eigentlich hätte gewonnen werden müssen, wenn nicht - ja, wenn nicht irgendwelche Verbrecher vor der Zeit Schluß gemacht hätten. Es galt nur den Schuldigen zu finden; das genügte, um sich für die verlorenen Jahre zu entschädigen und so schnell wie möglich das Leben wieder einzufahren, wie man es noch aus der Zeit vor dem Kriege und vom Elternhaus her kannte.
Für mich, der bei Kriegsende gerade erst siebzehn war und sein Abitur machte, gab es dergleichen Ressentiments nicht. Ich bedauerte höchstens, daß ich nicht mehr eingezogen wurde. Nicht etwa, weil ich heldisch oder patriotisch dachte, sondern weil mir das unbürgerliche Abenteuer des Soldatseins entging. Und doch trennen sich an diesem Punkt, also etwa zwischen 1918 und 1920, die Wege meines Jahrgangs deutlich. Die durch den Zusammenbruch verursachte Unruhe beherrschte uns alle im gleichen Maße, doch wie wir auf sie reagierten und mit ihr fertig zu werden versuchten, war völlig verschieden und machte uns zu Gegnern. Die einen von den Studierenden bürgerlicher Herkunft die überwiegende Mehrheit - bekannten sich zu dem, was vor dem Zusammenbruch war - die meisten aus Bequemlichkeit und Denkfaulheit, doch die Besten von ihnen wurden reaktionäre Revolutionäre. Man nannte sie damals Rechtsbolschewisten. Die anderen, ohne daß sie als Zwanzigjährige über besondere politische Einsichten verfügten, bejahten die Unruhe als das Neue und als das ihnen gemäße Lebenselement. Sie gerieten auf diese Weise, ob sie wollten oder nicht, unweigerlich nach links. Das, worin sich beide Gruppen glichen, war ihr Radikalismus.
Diese konträre Entwicklung der damaligen Jugend läßt sich nicht aus dem Jahrgang 1901 erklären. Die Gründe müssen individueller Art gewesen sein. Ich erwähnte bereits, daß ich keine Logik in meinem Lebenslauf entdecken kann, denn meiner Herkunft nach hätte ich logischerweise zur reaktionären Partei tendieren müssen. Tatsächlich versuchte ich es auch eine ganz kurze Zeit mit einer Art Freikorps, wohl nur deswegen, weil es mir als Bürgerlichem noch an allen linken Kontakten fehlte. Die, die uns im Freikorps zehn Wochen lang ausbildeten, und zwar spezialisiert für Straßenkampf, waren Landsknechte, die von ihrem Beruf nicht lassen konnten. Tatsächlich wurden sie von den politischen Parteien aller Schattierungen auch gebraucht und heimlich finanziert, um wenigstens oberflächlich eine zweifelhafte Ordnung aufrechtzuerhalten. Auf die Weise habe ich mit Maschinengewehren und Handgranaten umgehen gelernt. Jeder konnte uns haben, der uns eine kriegerische Aktion versprach. Als gerade einmal Ruhe herrschte, kamen türkische Werber und wollten uns mieten. Die Türken waren damals damit beschäftigt, die Griechen aus Kleinasien zu jagen oder sie auszurotten. Zum Glück blieb es uns erspart, an den Grausamkeiten teilzunehmen.
Ich hatte im Freikorps nichts zu suchen, aber das mußte ich erst selbst herausfinden. Tagsüber sang ich vorschriftsmäßig alte reaktionäre Marschlieder mit und abends las ich expressionistische und linksradikale Manifeste. Ich hatte dort ebensowenig etwas zu suchen wie ein Jahr später im studentischen Corps, dem ich auf Wunsch meines Vaters beitrat. Mein Vater meinte, es wäre für meine berufliche Zukunft - ich sollte Jurist werden - günstig, mir rechtzeitig Beziehungen zu schaffen. Das Argument hört man auch heute noch. Die Studentenverbindungen waren damals, d. h. um 1920, schon völlig überlebt, da die Standesordnung, für die sie geschaffen waren, nicht mehr existierte. Die Verbindungen verdankten ihr unzeitgemäßes Scheinleben nur den restaurativen Wünschen der Alt-Herrenschaft. Heute wirkt das noch weit makabrer. Wenn ich junge Leute, die ich für moderner halte als mich, in ihren Verbindungshäusern Kommersbuchlieder singen und Salamander reiben höre, erschrecke ich jedesmal über die Verlogenheit, der sie sich unbewußt überlassen. Ich habe das Recht, so zu reden, da ich diese Dinge aktiv mitgemacht habe und bereits 1921 die Folgerungen für mich daraus zog. Immerhin habe ich dem Corps ein paar lächerliche Schmisse zu verdanken, die sich viel später, zur Zeit der Illegalität, als höchst wirksame Tarnung erwiesen. Bei den Haussuchungen um 1933 stutzte die Gestapo jedesmal merklich, wenn sie mich zu Gesicht bekam. Ein Mann mit Mensurnarben konnte doch unmöglich ein Kommunist sein. Die Leute wurden um etliche Grade höflicher; sie suchten in ihrer Verwirrung oberflächlicher nach belastendem Material. Das war ein ganz großes Glück. Meine Frau und ich machten nämlich nach der dritten oder vierten Haussuchung selber bei uns Haussuchung und fanden zu unserm Entsetzen, ausgerechnet in einem Band der Briefe van Goghs, ein blaues Oktavheft mit Namen und Adressen. Es ist nicht auszudenken, was wir angerichtet hätten, wenn das Heft der Gestapo in die Hände gefallen wäre. Das alles erzählt sich jetzt ganz interessant. Aber daß wir monatelang aufschraken, wenn an der Wohnungstür geklingelt wurde, und daß wir hinter dem Fenstervorhang verborgen auf die Straße blickten, wenn wir die verfluchten eisernen Absätze der SA auf dem Pflaster hörten, steht auf einem andern Blatt.
Aus dem Corps trat ich aus, als es für mich soweit war. Es läßt sich nur so ausdrucken; ich entschloß mich nämlich von heute auf morgen dazu und sehr zu meiner eigenen Überraschung. Es war eben soweit. Meine Austrittserklärung muß ein sehr idealistisches Dokument gewesen sein. Ich nannte das Corps mit seiner Kneipenerziehung eine Entdeutschungsanstalt. Das war natürlich eine schwere Beleidigung. Meine gestrigen Kameraden waren konsterniert und überlegten, ob sie mir eine Säbelforderung schicken oder mich zum 1. Chargierten machen sollten, um das Corps zu reformieren. Welch ein komisches Dilemma auch für mich: ich hockte auf meiner Bude, selber konsterniert über meinen Schritt, und war mir keineswegs klar darüber, ob ich die Säbelforderung den anerzogenen Ehrbegriffen gemäß nicht doch annehmen müßte. Zum Glück begnügte man sich dann mit dem Verbot, mich zu grüßen. In einer kleinen Stadt wie Jena kam das einem Rufmord gleich.
Heute bekomme ich zuweilen Briefe ehemaliger Kommilitonen. Die Beleidigung ist vergessen, und ich habe ein wenig von mir reden gemacht. Um 1933 erwog ich sogar, aus taktischen Gründen dem Corps wieder beizutreten, um die Opposition gegen Hitler zu stärken. Doch statt mit Glanz und treu ihren alten Devisen zugrunde zu gehen, paktierten die Studentenverbindungen mit den Nazis und wurden geschluckt - ein nachträglicher Beweis für die Hohlheit solcher Institutionen und für die Richtigkeit meines jugendlichen Instinkts. Die Briefe, die ich bekomme, sind herzlich gemeint; sie sind von netten Menschen geschrieben, die sich in Amt und Würden befinden; ich werde sogar geduzt. Trotzdem erschrecken sie mich. Ihrem Tenor nach ist inzwischen überhaupt nichts passiert; das ist es, was mich erschreckt. Dies soll keine Wertung sein; es ist durchaus möglich, daß die andern mehr im Recht sind als ich. Es zeigt mir nur, wie weit ich mich entfernt habe, so weit, daß ich ihre Sprache nicht mehr verstehe.
Warum machte ich es nicht wie die anderen? Es wäre so viel leichter gewesen. Warum schrieb ich meinem Vater am Tage meiner Mündigkeit: »Ich brauche dein Geld nicht mehr!« Welch eine pubertäre Prahlerei! Ich möchte meinen Vater nachträglich um Verzeihung bitten. Es ging ihm gar nicht ums Geld oder darum, daß er mein Studium nicht länger finanzieren wollte. Mein Vater war ein gütiger, nüchterner Mann, der den häuslichen Frieden über alles liebte und Krisen verabscheute; mit meiner Überspanntheit wird er nichts anzufangen gewußt haben. Er schrieb denn auch nur: »Gut, das mußt du selber beurteilen.« Doch ich vermochte die Folgen nicht im geringsten zu beurteilen. Ich wurde Werkstudent, wie man es damals nannte; ich wurde Hilfsarbeiter in der Glasfabrik von Schott Söhne. Ich verdiente ganz gut, ich hatte mehr Geld als vorher, doch auf die Dauer ging es nicht. Ich mußte das Studium aufgeben.
Damit begann ein langer, schwerer Umweg, der zunächst scharf bergab führte. Das alles hätte sich ohne Schwierigkeit vermeiden lassen, soviel steht fest. Mein Vater hätte mich nie fallenlassen. Warum habe ich trotzdem, und obwohl er mir leid tat, niemals klein beigegeben und auch später alle Angebote ausgeschlagen? Warum war ich nicht ein klein wenig klüger? Ich habe mich das seither oft gefragt, ohne eine befriedigende Antwort zu finden. Es muß sich da für mich um eine Unmöglichkeit gehandelt haben, die auch durch Vernunftgründe nicht zu beheben war.
Damals, d. h. Anfang 1922, das glaube ich heute zu wissen, war es eine der vielen und nicht ganz ungefährlichen Krisen, denen ich mich zuweilen ausgesetzt sah, und die ich nur dadurch bestehen konnte, daß ich mich von allem lossagte und sozusagen die Armut auf mich nahm, so romantisch das auch klingen mag. In der Form hatte ich zweifellos Unrecht, und soweit das alles ins Autobiographische gehört, bedürfte es keiner Erwähnung. Aber mir liegt, wie gesagt, am Grundschema der Biographie meiner Generation, und darum sei eine Zwischenbemerkung erlaubt. Ich kann mir nicht helfen, ich halte nämlich meinen damaligen Instinkt trotz allem für richtig.
Ich erwähnte schon, daß mein Schritt sich nicht gegen meinen Vater richtete. Der übliche Vater-Sohn-Konflikt spielt in Hamburg keine allzu große Rolle. In solchen alten Stadtstaaten mit einer Familien-Oligarchie herrscht ein verborgenes, aber übermächtiges Matriarchat. Leo Frobenius hat 30 Jahre in Afrika nach Beweisen für seine matriarchalischen Theorien gesucht. Acht Tage in Hamburg hätten genügt, um ihm den untrüglichen Beweis zu bringen. Man hätte dort sofort gefragt: »Frobenius? Nie gehört. Was ist seine Frau für eine Geborene?« Sollte je eine Physiologie der Revolutionen oder eine Psychologie der Revolutionäre geschrieben werden, wird der Autor gut daran tun, genau zu unterscheiden zwischen Umstürzen, die einen Herrschaftswechsel vom Vater auf den Sohn zum Ziel haben, und Revolten, deren Motiv die Auflehnung gegen ein latentes Matriarchat ist. Systemänderungen mögen noch so blutig vor sich gehen, immer geht es um ein System, und wir wissen, daß sich die Menge der farblosen Bürokraten auch im neuen System verwenden läßt. Der Kampf gegen das Matriarchat geht unblutiger und weniger lärmend vor sich, wird aber weit heimtückischer, unerbittlicher und in absoluter Feindschaft geführt. Friedensschlüsse gibt es da nicht, da es um biologische Tabus geht, die auch dann biologisch bleiben, wenn sie sich religiös gebaren. Nach meinen Beobachtungen sind die, die das Matriarchat ablehnen, die geborenen Revolutionäre; es geht ihnen niemals um Macht. Zu Zeiten der Aktion sind sie für revolutionäre Systematiker unentbehrlich, doch wenn der Zweck erreicht ist, wird das neue System sich stets ihrer entledigen müssen. Kein System kann sich die Negierung des biologischen Kollektivs leisten.
In diesem Sinne sind wir eine Generation von Abtrünnigen. Der niemals endende Loslösungskampf hat sogar unsern körperlichen Habitus geprägt. Ich erkenne die, die gleich mir den rigorosen Schritt von der Familie weg getan haben, noch heute an ihrem illegalen Blick, der nichts anderes als unruhig Wachsamkeit bis in den letzten Schlaf hinein bedeutet. Und genauso erkenne ich voller Zorn und Kummer die, die dem schleichenden Gift biologischer Sentimentalitäten erlegen sind. Ihr Blut scheint sich zersetzt zu haben, ihre Gesichtszüge sind schlaff und ihr Körper setzt das ungesunde Fett der Resignation an.
Diese Abtrünnigen, um bei der Bezeichnung zu bleiben, stehen immer um etliche Schritte weiter links als die jeweils extremste politische Linke. Und damals, d. h. nach 1918, gab es noch eine echte politische Linke, nicht etwa wie heute, wo die Opposition kaum mehr ist als eine andere Methode, das Geschäft zu machen. Marxistische Dialektiker pflegen solche Leute als bürgerliche Anarchisten abzutun. Wie alle Dogmatiker reden sie mit einem handfesten Schlagwort an einer Sache vorbei, die nicht in ihr Dogma paßt. Es ist auch durchaus möglich, daß sie das Problem gar nicht zu sehen vermögen. Ich kann nur versichern, daß Leben und Gedankenwelt eines Abtrünnigen sehr viel weniger romantisch sind, als das bei einem positivistischen Ideologen der Fall ist. Und was das Bürgerliche betrifft, so ist das ein unausrottbarer, fruchtbarer Schwamm, der selbst das abstrakteste Gebäude von unter her anfrißt.
Die Intellektuellen meiner Generation empfinden die Institutionalisierung einer Idee als Verrat an der Idee. Wenn ich Generation sage und mir anmaße, eine Apologie meiner Generation zu liefern, so meine ich damit die, die ich als gleichaltrig ansehe; eine Generation läßt sich nicht einer Zahl zuliebe in ein Geburtsjahr pressen. Lese ich bei Ossip Mandelstam, der 1892 geboren ist: »Mein Gedächtnis ist Vergangenem nicht freundlich, sondern feindlich gesinnt und arbeitet nicht an der Reproduktion der Vergangenheit, sondern an ihrer Beseitigung«, so höre ich einen von denen, die im Gestern keine Möglichkeit des Menschlichen mehr sehen. Und wenn Max Beckmann, der ebenfalls etliche Jahre älter ist, sagt: »Ich suche nach der Brücke, die vom Sichtbaren ins Unsichtbare führt«, so spricht da einer von uns und meint dasselbe, was Camus, ein sehr viel jüngerer, mit den Worten ausdrückt: »Als Heilmittel gegen das Leben in der Gesellschaft: die Großstadt. Sie ist für alle Zukunft die einzige benutzbare Wüste.« Nochmals: ich stehe nicht an, die Intellektuellen meiner Generation Realisten zu nennen. Die Worte »Brücke« und »Wüste« wird man oft in ihrem Vokabular finden. Sie sind nie in den Fehler verfallen, Realismus mit Pragmatismus zu verwechseln; ihr Engagement an den Menschen als Einzelwesen ließ das nicht zu.
Um noch einmal auf das Matriarchat zurückzukommen. Mag man dazu stehen wie man will, eines darf mit Bestimmtheit über diese geheime Herrschaftsform gesagt werden: sie ist immer geistfeindlich. Was in ihr als Geist geduldet wird, ist nichts als Schmuckgegenstand, luxuriöse Spielerei und Freizeitunterhaltung. Und um gleich eine zweite Feststellung anzuschließen: Epochen, die sich kraftmeierisch und soldatisch geben, sind alles andere als männliche Zeiten, wie das meistens geglaubt wird, da die Schulbücher es uns so erzählen. Wann und wo auch immer die Welt sich von Uniform und Gleichschritt faszinieren läßt, kann man auf eine unterschwellige matriarchalische Tendenz schließen. Durch Uniformierung wird der Mann zum biologisch brauchbaren Männchen umgeformt.
Der Instinkt für diese verheimlichten Tatsachen muß uns angeboren gewesen sein. Anders ist es nicht zu erklären, warum eine Minderheit europäischer Intellektueller im Widerspruch zu ihrer Zeit und Umgebung unweigerlich nach links tendierten, und zwar zunächst ohne jede polltische Einsicht und ohne allen politischen Ehrgeiz, sondern nur weil sie die Linke als das Dynamische begriffen, das ihrer Natur entsprach. Was z. B. hat mich am 30. Januar 1933, der niederträchtigerweise auch mein Geburtstag war, zu meiner Mutter sagen lassen: »Hättest du mich nicht zehn Minuten zurückhalten können? Oder hättest du nicht etwas pressen können, daß ich zehn Minuten früher geboren wäre?« Denn dem Vernehmen nach soll ich kurz vor oder kurz nach Mitternacht geboren sein, so daß sich das Datum leicht auf einen Tag vorher oder nachher hätte verschieben lassen. Was jetzt wie ein gutmütiger Scherz anmutet, war damals todernst gemeint, mit kaum verhehlter Verzweiflung. Der 30. Januar 1933 bedeutete für mich das Scheitern und Ende alles dessen, was mir lebenswert erschien, ohne daß zu jenem Zeitpunkt auch nur einer von uns zu ahnen vermochte, was sich an Entsetzlichem ereignen sollte.
Immerhin verfügte ich damals schon über gewisse politische Erfahrungen und hatte sogar eine politische Vergangenheit. Genauer ist das Problem gestellt, wenn man fragt, wie es kommt, daß ich und andere niemals auch nur eine Sekunde auf den Faschismus hereingefallen sind, sondern ihn von seinen ersten Anfängen an als das uns Konträre empfunden haben. Daraus darf sich niemand ein persönliches Verdienst machen. Wer heute damit prahlt, der lügt entweder, weil er etwas zu verbergen hat, oder er weiß von den damaligen Zeitströmungen ebensowenig wie später die naiven Erfinder der komischen Fragebögen. Ich habe damals sogar Juden behaupten hören, daß Hitler ein Genie sei. Wie denn überhaupt einmal ausgesprochen werden muß, daß die Juden, was ihren Glauben an die deutsche Nation anlangt, weit bessere Deutsche waren als wir.
Ich meinerseits habe weder der Jugendbewegung angehört noch jemals für Rilke geschwärmt. Es wundert mich eigentlich, daß ich es nicht wenigstens eine Zeitlang mit dem Wandervogel oder den Pfadfindern versucht habe, sei es auch nur, um dem Elternhaus zu entrinnen. Die Reformbestrebungen um die Jahrhundertwende könnte man, im Gegensatz zu Rousseau, etwa unter der Devise zusammenfassen: »Zurück zur Natürlichkeit!« Sicher hat die Bewegung allerhand Gutes bewirkt, doch alles in allem war sie eben doch eine romantizistische Reform und als solche reaktionär. Die propagierte Natürlichkeit war alles andere als natürlich, sie war eine umständliche Theaterkostümierung, die in keiner Weise der von uns in einer Großstadtwüste verlangten Natürlichkeit entsprach. Und was Rilke betrifft, der mir von Gleichaltrigen, die ich für fortgeschrittener und literarisch gebildeter hielt als mich, empfohlen wurde, so habe ich ihn immer wieder ungelesen aus der Hand gelegt. Erst sehr viel später habe ich mich aus wissenschaftlichen Gründen mit ihm befaßt, aber stets ohne jede persönliche Teilnahme. Er war und ist mir ganz einfach zu luxuriös.
Ob ich Damen tiefsinnig über Rilke reden oder hartgesottene Geschäftsleute nach zwei Gläsern Wein mit Tränen in der Stimme Lieder aus dem »Zupfgeigenhansl« singen höre, ich weiß dann nie, was für ein Gesicht ich machen soll, so unsagbar peinlich ist es mir. Auch die Privatmythologie eines D. H. Lawrence wirkt auf mich wie eine peinliche Spielerei. Selbst bei Hans Henny Jahnn, dessen Mitleid mit der Kreatur weit echter war als seine sektiererischen Utopien, habe ich trotz aller Freundschaft immer vermieden, über diese Seite seines Wesens zu sprechen. All diese biologischen und vitalistischen Thesen, die noch dazu pseudowissenschaftlich untermauert werden, sind nichts als Flucht vor der Realität und als solche politisches Gift. So wie heute etwa die hemmungslose Sexualität, die wir uns in Filmen als gesund, natürlich und modern vorfuhren lassen, nur billiges Rokoko ist, ohne die frivole Eleganz und den ironischen Abstand wie zur Zeit der Galanterie. Mit welch komischem moralischem Ernst wird die Nacktheit zur Schau getragen und die Realität ihrer Magie entzaubert! Und wie rasch wird die komplizierte Maskerade müßiger Menschen langweilig, da sie kaum den völligen Mangel an Leidenschaft verbirgt. Man sollte glauben, daß nicht viel Tatsachensinn dazu gehört, um festzustellen, daß unser Dasein nicht aus einer Summierung von Bettszenen besteht.
Dieser Tatsachensinn mag es gewesen sein, der mich und andere allem, was nur Vorwand war, zu mißtrauen gebot und uns nie mit den Nazis paktieren ließ. Das Hakenkreuz hat es schon vor Hitler und dem Münchener Putsch gegeben. Es war ein romantisches Emblem, aus dem Museum hervorgesucht, durch das sich einige der Masse gegenüber zu adeln trachteten, ohne deshalb Antisemiten zu sein. Später malten sich dann unzufriedene Kriegsteilnehmer das Emblem mit Kreide an den Stahlhelm; auch in Jena trugen junge Studenten ein silbernes Hakenkreuz am Rockaufschlag. Sie wollten sich damit von den Sozialisten unterscheiden, denen ihre Väter die Schuld am verlorenen Kriege gaben. Wir wissen heute, wie solche naiven Gefühlchen von den Drahtziehern hinter den Kulissen ausgenutzt wurden.
Die Geschichte lehrt uns, daß eine »weiße« Reaktion stets um vieles grausamer zu sein pflegt als eine »rote« Revolution. Die Gründe dafür sind klar: die Revolution, als eine dynamische Kraft und im Fortschreiten begriffen, neigt dazu, die ihr widerstreitenden Elemente zu überrennen und zu übersehen, in der Hoffnung, sie später aufsaugen und sich angleichen zu können. Die Reaktion, in die Defensive gedrängt, kennt ihre Gegner und muß sie schonungslos vernichten, wenn die alte Ordnung wiederhergestellt werden soll. jede Reaktion endet unausbleiblich im krassesten Nihilismus. Hitler ist ein Beispiel dafür. Selbst ein zu kurz gekommener Kleinbürger, appellierte er an die negativen Kräfte des Kleinbürgertums, das jederzeit in eine ameisenhafte Wildheit ausbricht - zur Verteidigung der heiligsten Güter der Nation, wie es dann heißt -, wenn es in seiner stagnierenden Ruhe gestört wird.
Doch es war nicht das Programm, das uns abstieß; wir waren viel zu jung, und es fehlte uns an politischer Einsicht. Und über einzelne Punkte des Programms hätte sich gewiß auch vernünftig diskutieren lassen. Nein, es sind zwei ganz primitive Tatsachen, die uns den Nationalsozialismus von Anfang an verabscheuen ließen. Einmal waren es die Gleichaltrigen, die sich zu ihm bekannten und die Phrasen wie eine Offenbarung nachplapperten, ein dummer blonder, blauäugiger Typ, diese subalterne Herrenrasse von stupider Zuverlässigkeit. Und zweitens die Figur Hitler selber. Dieser halbgebildete Schmierenkomödiant, der sich mit Chargenspielern aus der Großen Oper umgab, war für uns ganz einfach indiskutabel. Ich brauchte nur seine Haltung oder seinen Gang zu sehen, dann wurde mir übel. Es wäre nie für mich in Frage gekommen, wie die Engländer zu sagen: give him a chance. Es ist gut, einmal mit allem Nachdruck auf den physiologischen Instinkt hinzuweisen, der uns Intellektuelle vor Hitler warnte; denn das geschichtliche Phänomen ist nicht Hitler. Schizophrene Gesundheitsapostel und halbgebildete Sektierer laufen täglich und stündlich zu Hunderten in jedem Land umher; man zuckt die Achseln über die ebenso komischen wie lästigen Zeitgenossen und ihre paar Anhänger und damit gut. Aber daß ein ganzes Volk sich zu einem Kretin bekannte und in ihm einen Erlöser sah und daß sich ein großer Teil der Welt von seinen unwirklichen Erfolgen faszinieren ließ, ist ein so erschreckendes Krankheitsphänomen, daß man nicht nur an den Deutschen verzweifeln möchte, sondern an den Möglichkeiten der Menschheit überhaupt. Es wäre ja nicht weiter schwierig gewesen, die Deutschen von der Landkarte verschwinden zu lassen, aber was wäre damit geholfen? Der kleinbürgerliche Pestbazillus ist nun einmal in der Welt und kann in Washington und Moskau jederzeit virulent werden. Nicht die atomare Vernichtung ist die Gefahr, sondern der abgründige Haß der Halbgebildeten gegen Geist und Vernunft. Politikern, die damit spielen, wird es gehen wie dem Zauberlehrling.
Doch zurück zu den Intellektuellen meiner Generation. Die Leute sagten und sagen es noch heute: »Ach, diese paar Schriftsteller. Und dazu vielleicht noch eine Handvoll Maler, Musiker und Gelehrte! Die zählen doch gar nicht.« Welch ein statistischer Nihilismus! Geschichte, wenn sie mehr sein will als ein biologisches Weiterexistieren, ist immer nur Geschichte des Geistes, was auch immer die Ökonomiker behaupten mögen, die doch selber auf seiten des Geistes stehen sollten. Und die Geschichte des Geistes läßt sich, wie schon gesagt, nur an wenigen Repräsentanten ablesen. Die expressionistische Anthologie Menschheitsdämmerung - Symphonie jüngster Dichtung, die Kurt Pinthus 1909 herausbrachte, ist 1954 neu aufgelegt worden, vermehrt um die Biographien der in ihr vertretenen 23 Dichter. In den letzten Jahren kommen manchmal junge Menschen zu mir und drücken ihr Erstaunen darüber aus, daß damals schon so gute Gedichte geschrieben wurden. Ich sage dann: Lassen wir einmal die Gedichte und ob sie gut sind oder nicht. Lest bitte zuerst die Biographien. In ihnen läßt sich nämlich auf zwei oder drei Buchseiten die tragische Geistesgeschichte Europas begreifen. Die als Linksintellektuelle, Nichtarier und Asphaltliteraten beschimpften, aus dem Land gejagten oder ermordeten Dreiundzwanzig haben mit ihrem Leben bar für ihre Gedichte bezahlt. Wahrlich, eine Generation, die zu früh geboren war und darum jung sterben mußte: Das ist echte Tragik, vielleicht zum letzten Mal in der Geschichte der Menschheit, und als echte Tragik positiv und Hoffnung erweckend.
Denn wenn ich nicht irre, unterscheidet der Drang zur Aktion - und auch das Gedicht wollte nur Aktion sein - die damaligen Intellektuellen von den heutigen. Wir waren damals nicht klug und sind es auch heute noch nicht. Jeder Primaner kann uns als knabenhaft belächeln, ohne daß wir seinen so viel praktischeren Argumenten etwas entgegenzusetzen haben. Doch das Aktionsbedürfnis verpufft heute auf Kongressen und im Theoretisieren. Oder es sucht sich eine Ablenkung in Experimenten und kurzlebigen Eskapaden, die von den Ordnungsmächten wohlwollend gelenkt werden. Das alles soll hier nicht kritisiert werden, vielleicht ist es notwendig so, es soll damit nur um Verständnis für eine Generation gebeten werden, die der Drang zur Aktion manches unternehmen ließ, was sich aus geschichtlicher Sicht als vermeidbarer Fehler bezeichnen läßt.
Fehler? War es ein Fehler, daß Hegel und Hölderlin und viele andere sich 1789 für die Französische Revolution begeisterten? Sie sind doch gar nicht zu denken ohne den befreienden Impuls dieses Erlebnisses, und die nachfolgende Geschichte, die selbst in ihren reaktionärsten Momenten dem einmal getanen Schritt Rechnung tragen mußte, hat ihnen recht gegeben. So und nicht anders war auch die Russische Revolution von 1917 eine Offenbarung für uns junge Menschen. Rußland war ein Mythos, unser Mythos. Es war unsere Sache, die dort siegreich durchgeführt wurde. Auch wenn uns vieles falsch berichtet wurde und wenn wir vieles so falsch verstanden, wie die Idealisten um 1789 den Begriff Menschenrechte, das Ereignis ist nicht aus der Welt zu schaffen, und unser Erlebnis war echt. Kommunismus war für uns eine selbstverständliche menschliche Hilfsbereitschaft gegen die Unterdrückung durch erstarrte Formen, die uns die Bewegungsfreiheit nahmen. Und seien wir ehrlich, wir, die wir in diesem unpolitischen Sinne einmal Kommunisten waren, bereit, dafür alles aufzugeben, denken noch heute so. Das ist es, was uns so unbrauchbar für den Marxismus macht. Daß die Dinge ganz anders liefen und daß wir heute klug geworden sind, ändert nichts an dem befreienden Erlebnis unserer Jugend. Auch die üble Erfahrung nicht, daß solche naiven Begeisterungen von den Taktikern stets ausgenutzt werden. In dieser Hinsicht wird meine Generation niemals alt und klug werden. Jahrelang mag man uns vielleicht für zuverlässig halten, aber über Nacht gehen wir plötzlich zum Angriff über, und immer gilt unser Angriff einer Systematisierung und ihren Ungerechtigkeiten.
Da haben wir den Grundriß, in dem sich die Lebensläufe der europäischen Intellektuellen während der ersten Jahrhunderthälfte auffallend gleichen. Ob der Einzelne proletarischer oder bürgerlicher Herkunft war, welche Nationalität und welche Schulbildung er hatte: das Schema ist fast überall dasselbe. Wir kehrten der Vergangenheit den Rücken. Wir erwachten zum Bewußtsein unserer selbst in der Morgenröte der Russischen Revolution. Es war natürlich, daß wir uns den Parteien anschlossen, die in unsern Ländern dieselben Ideale verkündeten, die wir aus Rußland hörten. Es war eine Selbstverständlichkeit, daß wir in die Illegalität gingen, als die Diktaturen in Europa begannen, und sicher wären wir auch in Rußland in die Illegalität gegangen und bei einer Säuberungsaktion liquidiert worden. Es war eine Selbstverständlichkeit, daß wir auf seiten der spanischen Republikaner gegen Franco standen und daß wir uns schließlich diszipliniert der offenen oder geheimen Strategie des Partisanendaseins unterwarfen. Und ebenso selbstverständlich war es nach 1945, daß wir uns früher oder später von einer Partei lossagten, die sich zu verabsolutieren begann. Dafür gibt es zahlreiche Dokumente. Die Absage von Vittorini im Jahre 1947, mit der er jede politisch-zweckgerichtete Bevormundung der Partei in geistigen Dingen als neuen Obskurantismus anprangert, ist für unsere ganze Generation geschrieben. Man hat das, je nach Einstellung, als Verrat beschimpft oder als Konversion gelobt. Beides stimmt nicht. So können nur Leute reden, denen eine Ideologie wichtiger ist als die Wahrheit.
Um den Grundriß, den ich in den Lebensläufen der Intellektuellen meiner Generation entdeckt zu haben glaube, durch ein paar Beispiele aus meiner Biographie zu demonstrieren: auch in mir drängte immer alles zur Aktion. Oder vielleicht genauer gesagt: ich war immer leicht zur Aktion verführbar. Das hat mich sicher manchen falschen Schritt tun lassen. In solchen Momenten erschien mir das Bücherschreiben als eine klägliche Ersatzhandlung. Es hat lange bis zu der Einsicht gedauert, daß das Schreiben ein Mittel ist, um mich zwischen den Aktionen im Zaum zu halten, wenn nicht sogar eine Vorbereitung auf die Aktion. Wenn ich mich nicht täusche, ist auch die Literatur uns Literaten niemals ein Ding an sich gewesen, als das sie zuweilen propagiert wird, um sie der Pragmatisierung zu entziehen. Mir scheint, wenn sich unser Verhältnis zur Literatur überhaupt definieren läßt, daß sie uns ein Verständigungsmittel mit denen ist, die wie wir irgendwo in der Welt ein Partisanendasein führen, eine Art Geheimsender, der die Welt hinter den offiziellen Kulissen nach dem Menschen abtastet.
Ich habe zweimal der Kommunistischen Partei angehört. Das erste Mal in Thüringen in den Jahren 1922/23. Es ist möglich, daß der Rathenau-Mord mich zu diesem Schritt bewog, doch ich habe wenig genaue Erinnerungen an die Zeit, obwohl ich nicht glaube, daß es da etwas Unbewältigtes zu verheimlichen gibt. Dauernd fanden Unruhen statt, und es drängte mich, daran teilzunehmen. Das Studium hatte ich, wie gesagt, aus Geldmangel aufgeben müssen, und auch als Fabrikarbeiter wurde ich bald wieder entlassen. Danach führte ich ganz einfach ein Hungerleben. Ich verkaufte nach und nach alles, was ich besaß, selbst Bücher und meinen Füllfederhalter. Einmal verbrachte ich drei Tage, ohne einen Bissen zu essen. Ich war nahe daran, die Schaufensterscheibe eines Brotladens einzuschlagen. Meiner alten Zimmerwirtin, die doch selbst eine Arbeiterfrau war, gefiel dieser Abstieg gar nicht. Sie sagte tadelnd zu mir: »Das schickt sich nicht für Sie.« Sie dachte standesbewußter als ich. Trotzdem stellte sie mir oft heimlich etwas zu essen hin, und auch die Arbeiter, die ich von der Fabrik her kannte, luden mich sonntags manchmal ein. Sicher versuchte ich damals auch zu schreiben, doch ich habe keine Erinnerung mehr daran, was es war. Als es in den Leuna-Werken eine Schießerei gab, bei der Arbeiter ums Leben kamen, malte ich in der Nacht Plakate. Vorne auf den Bildern lag ein toter Arbeiter, die eine Hand zur Anklage verkrampft erhoben, und im Hintergrund sah man einen Fabrikschornstein, aus dessen Rauch ich die Schrift bildete: >Brüder, wo bleibt ihr?< Ich malte das Plakat gleich drei- oder viermal. Am nächsten Tage fand eine aufgeregte Protestversammlung wegen der Vorgänge in Leuna statt. Ich saß auf der Empore des Saales. Meine Arbeiterfreunde fanden die Plakate sehr schön und reichten sie zum Vorstandstisch hinunter, an dem auch ein Universitätsprofessor saß. Ja, auch das gab es damals. Ich war sehr stolz auf meinen Beitrag zur Revolution, der natürlich keinerlei Folgen hatte.
Dann, im November 1923, geriet ich nach Hamburg zurück. Es gab da einen Aufstand in Barmbek, und ich wollte daran teilnehmen. Das Geld für die Fahrkarte mußte ich mir leihen. Doch als ich ankam, war der Aufstand bereits niedergeschlagen. Und damit lag ich nun buchstäblich auf der Straße. Ich wüßte nicht mehr zu sagen, wie ich die ersten Wochen verbracht habe. Es war ein dauerndes Absacken bis an die Grenzen des Kriminellen. Eine Zeitlang half mir eine Frau, die von einem anderen ausgehalten wurde - Dank sei ihr dafür -, und es hieß natürlich, daß ich mich aushalten ließe. Welch ein Unsinn! Gerettet hat mich aus dem Zustand der Vater eines frühverstorbenen Schulkameraden. Mit sachlichem jüdischen Verstand, der sich nie lange mit sentimentalen Vorurteilen aufhält, verschaffte er mir eine Aushilfsstellung bei einer Privatbank. Dort machte ich Überstunden. Ich zählte abends die Tageseinnahmen von Karstadt, Milliardenbeträge, die nach Bankschluß eingeliefert wurden. Damit also begannen meine zuweilen bestaunte kaufmännische Ausbildung und eine Reihe von Brotberufen. Ich konnte mir ein möbliertes Zimmer leisten und erhielt sogar eine Weihnachtsgratifikation, von der ich mir zur Begründung einer bürgerlichen Existenz einen häßlichen Messingaschbecher kaufte. Doch die Zeiten waren nicht glänzend. Ich lebte ein Jahr lang von Brot, Schmalz und Kaffee; für das, was ich auf diese Weise sparte, kaufte ich im Antiquariat Bücher. Ich brachte es so weit, daß ich kein warmes Essen mehr vertragen konnte, wenn ich dazu eingeladen wurde. Ich gewöhnte mich auch daran, mit fünf Stunden Schlaf auszukommen. Aber wozu davon reden. Auch andere haben schwere Jahre durchgemacht, man kann sich nicht damit wichtig tun.
Damals begann ich ernsthaft zu schreiben. Geschrieben hatte ich zwar schon, seitdem mir mit 14 Jahren Hebbels Tagebücher in die Hand gefallen waren und es mir erstrebenswert schien, ein Mann wie Hebbel zu werden, doch es wird sich dabei mehr oder weniger um Strindberg-Nachahmungen gehandelt haben oder auch solche von Ernst Toller, dessen Wandlung mich tief beeindruckt hatte. Erst jetzt fand ich zu einer Objektivierung. Um 1925 schrieb ich Ilnin, Szenen aus der russischen Revolution. Wenn ich nicht irre, war die Arbeit durch das Buch des amerikanischen Journalisten John Reed Zehn Tage, die die Weit erschütterten inspiriert worden. Welch ein prophetischer Buchtitel übrigens, denn die Welt blieb ja bis heute von diesen zehn Petersburger Tagen des Jahres 1917 erschüttert. Mein Stück schloß mit einer Art Apotheose und dem Lied Brüder, zur Freiheit, zur Sonne. Ich war sehr stolz, als ich auf dem Waschzettel des Theatervertriebes las, daß die Szenen an Wirkungskraft dem Panzerkreuzer Potemkin gleichkämen. Ich nahm das für bare Münze; ich wußte damals noch nicht, wie Waschzettel hergestellt werden. Dennoch vermute ich, daß es die erste Arbeit war, die einige Selbständigkeit zeigte. Ich entsinne mich allerdings nur eines einzigen Satzes, und zwar der Frage: »Wieso kann man verzweifeln?« Kein schlechter Satz, beinahe als Motto für meine Generation zu verwenden.
Aber das Stück kam zu spät. Zwei Jahre früher wäre es wahrscheinlich aufgeführt worden, doch inzwischen waren Revolution und Rußland beim Publikum aus der Mode gekommen. Seltsam, ich bin oft um Haaresbreite zu spät gekommen, ein Schicksal, das mich Geduld gelehrt hat. Ziemlich genau um 1933 wäre ich wohl über der literarischen Oberfläche aufgetaucht, statt dessen kam Hitler, und es gab für mich keine Möglichkeit der Veröffentlichung. Noch 1942, als Suhrkamp sich bemühte, einen kleinen Band von mir herauszubringen, hieß es beim Propaganda-Ministerium: »Sehr begabt, aber wir haben leider kein Papier.« Im damaligen Jargon bedeutete das: unerwünscht.
War das gut so? Hinterher neigt man dazu, das alles fatalistisch zu bejahen. Daß von dem, was ich vorher geschrieben hatte, nichts übriggeblieben ist, begrüße ich sogar, da ich es für folgerichtig halte. Ich verabscheue sogenannte Jugendwerke oder vielmehr, ich verabscheue die Wichtigkeit, die man ihnen beimißt. Soll sich die Philologie, bitte, an das Fertige halten. Doch bei uns läßt man sich von jeher mehr vom Versprechen röhren als von der Einlösung. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, daß die Zerstörung Hamburgs im Juli 1943 einen Wendepunkt in meinem Leben bedeutet. Sie war eine Bestätigung dessen, was ich bis dahin nicht eindeutig auszusprechen wagte, nämlich daß wir uns zu der unserer Generation gestellten Aufgabe zu bekennen hatten, zu einem Leben im Nichts ohne jede Rückendeckung. Und daß wir das sogenannte Nichts damit als die zeitgemäße Daseinsform beweisen sollten. Das klingt wie eine existentialistische Phrase, aber wir wußten nichts von Existentialismus; wir waren alles andere als Philosophen, wir erlebten das alles nur und, man verzeihe mir, erlitten es.
Zweifellos hat es meine Prosa geformt, daß ich mich plötzlich ohne eigene Vergangenheit sah. Jamben und schöne Adjektive wirken angesichts einer Trümmerwüste komisch. Die Wahrheit mußte sehr kahl, sehr leise und sehr nüchtern gesagt werden, mit einer entschuldigenden Handbewegung, damit jeder sie überhören kann, dem sie nicht zuträglich ist. Doch hinterher läßt sich sehr leicht davon reden. Erschreckend wegen ihrer Unbeantwortbarkeit bleibt immer die Frage, wie wir eine jahrzehntelange Lähmung überstanden haben, ohne an Ressentiments zu ersticken.
In den Jahren 1930 bis 1933 habe ich mich dann noch einmal der Kommunistischen Partei angeschlossen. Diesmal jedoch nicht aus jugendlich revolutionären Abenteuerlust, sondern mit innerer Distanz und nur aus taktischen Gründen. Die KPD war die einzige Partei, die den Nationalsozialismus hätte verhindern können, ihrer Stärke und ihrer Konsequenz nach. Daß sie es nicht getan hat, mögen uns die Historiker erklären. Wir, d. h. meine Frau und ich, unterwarfen uns der Parteidisziplin und leisteten aktive Kleinarbeit. Wenn ich heute mit großem Aufwand über den Begriff Engagement debattieren höre, muß ich lächeln über soviel abstraktes Theoretisieren. Wir gehörten einer Zelle an, wir nahmen an Versammlungen teil, wir liefen treppauf, treppab und verteilten Propagandamaterial, wir sammelten von Erwerbslosen Beiträge für die Nebenorganisationen und für Streiks, und dergleichen mehr. Ich arbeitete mehrere Exposés darüber aus, wie die Propaganda bei den Angestellten gehandhabt werden müsse, denn von der Mentalität der Stehkragen-Proletarier hatte die Partei keine Ahnung, darauf verstanden sich die Nazis besser. Doch meine Vorschläge blieben unbeachtet, da sie gegen das Dogma verstießen.
Mehr als alles aber interessierten mich die militärisch ausgebildeten Gruppen der Partei, der Rotfrontkämpferbund und die Kommunistische Jugend. Edgar André, der Leiter dieser Gruppen in Hamburg, war mit seinem riesigen gefürchteten Schäferhund, der ihm als Leibwache gegen nächtliche Mordversuche diente, oft bei uns in der Wohnung. Er war eine hinreißende Persönlichkeit, der man bedingungslos folgte, einer dieser Männer, aus denen dann plötzlich siegreiche Revolutionsgeneräle werden. Die Gestapo erschlug ihn denn auch bald nach 1933 aufs grausamste. Stammte von ihm der Plan, daß wir Schrotgewehre anschaffen sollten, um damit in die Sehschlitze der damaligen Panzerwagen zu schießen? Doch ich hatte auch Kontakte zu militärischen Gruppen, die noch rechts vom korrumpierten Stahlhelm standen und rein monarchistisch dachten. Ich predigte den einen: »Laßt ihr jetzt einmal euren Marx« und den andern: »Laßt ihr jetzt euren Kaiser; worauf es allein ankommt, ist Bürgerkrieg.« Die Idee war richtig. Solche Bündnisse zwischen Rechts und Links sind später, zur Zeit der Widerstandskämpfe, oft geschlossen worden.
War es 1933 zu früh dafür? Oder sind die Deutschen ungeeignet für Bürgerkrieg? Eins steht fest, daß damals schon alles mit Spitzeln durchsetzt war. Die radikalen Elemente fluteten zwischen den Parteien hin und her. Bei einer der Haussuchungen erkannte ich in einem der ZBV-Leute (Zwecks besonderer Verwendung) sofort einen ehemaligen Kommunisten. Wir zwinkerten uns zu, und er schob belastendes Material mit dem Fuß beiseite, so daß die anderen es nicht entdeckten.
Man hat mich oft gefragt, warum ich nicht emigriert bin. An sich wäre das für mich leichter gewesen als für die meisten andren. Ein Teil der Familie pflegte von jeher in Brasilien zu leben. Ich war 1929 bereits in Santos gewesen; man brauchte da dringend einen Mann meines Namens für die väterliche Firma und baute mir allerhand goldene Brücken. Zur Enttäuschung aller und sozusagen gegen alle Vernunft kehrte ich jedoch nach wenigen Monaten zurück. Es ist heute müßig, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ich dageblieben wäre, wenn ich gewußt hätte, was uns allen bevorstand. jedenfalls habe ich auch nach 1933 nie ernsthaft in Erwägung gezogen, zu emigrieren.
Es gibt zwei Antworten auf die Frage, eine positive und eine negative; die Wahrheit liegt vielleicht dort, wo sie sich berühren. Positiv z. B. wäre es, wenn ich behaupten wollte, in meinem Fall wäre Emigration Flucht gewesen. Das stimmt ein klein wenig, aber wie entsetzlich prahlerisch klingt das. Negativ müßte die Antwort lauten, daß ich, so paradox sich das anhört, zu feige war, um zu emigrieren. Ich suche weniger meiner Person wegen nach einer Antwort, als vielmehr weil sie meine Generation betrifft. Tatsächlich hatte ich eine instinktive Angst, in der Emigration sofort zugrunde zu gehen; das zwang mich, ein weit größeres Risiko einzugehen. Man denke aber nicht, daß es sich um eine bewußte Entscheidung handelte. Nehme ich beide Erklärungen und schüttle sie tüchtig durcheinander, so läßt sich vielleicht als Ergebnis daraus filtrieren, daß ich mich im Ernstfall immer für das Schreiben oder, sagen wir lieber, für die geistige Seite des Lebens entschied, wenn auch nur instinktiv. Und die Angst, die ich vor der Emigration hatte, würde dann bedeuten, daß ich ohne Europa als geistige Umwelt nicht weiterleben zu können glaubte. Aber das sind schon wieder allzu großartige Worte. So verschwand ich 1933, als die Haussuchungen zunahmen, in der Hamburger Firma meines Vaters und wurde »ehrbarer« Kaufmann, wie man das in meiner Heimatstadt nennt. Welch eine absurde Komödie! Alle, die geschäftlich mit mir zu tun hatten, hielten mich zum mindesten für den Sohn eines ehrbaren Kaufmanns. Sie nahmen es ernst, wenn ich über die New Yorker Terminbörse und andere Marktfragen gewichtig mit ihnen sprach. Niemand ahnte, daß mich höchstens die jedem Künstler eigene Spielernatur dazu befähigte, hier und da eine treffende Bemerkung zu machen und sogar richtige Prognosen zu stellen, obwohl es mir an jedem Interesse dafür und vor allem an jedem Erwerbssinn fehlte, der doch bei einem Kaufmann, selbst bei einem ehrbaren, den Ausschlag geben sollte. Ich spielte die Rolle so konsequent, daß ich mich noch nach 1945, als mein Name zuweilen im Radio genannt wurde und mir deswegen verlegene Fragen gestellt wurden, als meinen völlig aus der Art geschlagenen Vetter auszugeben pflegte, um die Leute zu beruhigen und meinen Kredit nicht zu schädigen. Aber kein Wunder, daß ich manchmal von Depressionen heimgesucht wurde, denn die Kluft zwischen Rolle und Person war allzu groß.
Doch genug der autobiographischen Glossen. Ein Doppelleben in irgendeiner Form haben wir in den letzten Jahrzehnten alle führen müssen. Glücklich die, deren Farblosigkeit es ihnen gestattete, die Farbe nach Belieben zu wechseln. Für den Intellektuellen war das nicht möglich; die bewußte Tarnung gehört zu dem, was hier als Partisanendasein bezeichnet wurde. Es handelt sich dabei nicht so sehr um Selbstschutz der Person, als den oberflächliche Beobachter den Rückzug ins Schweigen hinstellen möchten, sondern um schmerzliche Einsicht in die Vergeblichkeit. Geist und Wahrheit wären verloren gewesen, wenn sie sich dem matriarchalischen Ameisenhaufen offen zum Kampf gestellt hätten, und sind es noch heute dem allgemeinen Funktionalismus gegenüber. Es war uns auferlegt, die Wahrheit für den Gegner unsichtbar zu machen, so daß sein Haß und seine Energien ins Leere verpufften. Wir mußten lernen, den Geist in der Spannung zwischen zwei alltäglichen Sätzen zu verbergen. Ob das richtig war, steht hier nicht zur Debatte. Sicher hat dies Verhalten uns und die Literatur verändert, denn man lebt nicht ungestraft jahrelang in der Tarnung. Aber das mögen Philologen und Psychologen beurteilen. Hier geht es nur um die Unmöglichkeit, eine befriedigende Bilanz für die Generation europäischer Intellektueller zu ziehen, die um die Jahrhundertwende geboren sind. Es gibt da zu viele dubiose Posten, deren Aktivierung vom jeweiligen Standpunkt abhängt, den man einnimmt.
Mißt man uns nach den üblichen Glücksbegriffen, so ist unser Leben unsagbar unglücklich gewesen. Ich sage absichtlich »unsagbar«; denn selbst ein Schriftsteller, der sich die Aufgabe gestellt hat, aus dem schattenlosen Zwischenreich von Geist und Materie Bericht zu erstatten, vermag nicht über die Trauer zu sprechen, der er stunden-, tage- und jahrelang ausgesetzt war, ohne daß er sich in Gefahr bringt, nach rückwärts zu verzweifeln.
Beurteilt man uns nach politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten, so sind wir völlige Versager. Selbst unsere Erfolge waren nur Scheinerfolge, über die die Geschichte zur Tagesordnung überging. Vielleicht haben wir dem einen oder andern Menschen über einen schwachen Moment hinweggeholfen oder sogar einen Kameraden vor der Vernichtung gerettet. Das mag viel sein oder wenig, doch wir haben weder die Diktatur mit ihren Unmenschlichkeiten noch die Kriege, noch Hiroshima verhindern können. Die andern Mächte haben getan, was ihnen beliebte, und wenn wir in unsern Protesten an das Gewissen oder auch nur an die Vernunft appellierten, hat man uns an die Wand gestellt oder, wie es jetzt geschieht, lächelnd mit den Achseln gezuckt. Mit Recht, denn wie töricht ist es, zu einer Macht von Gewissen und Vernunft zu reden, die nur Macht hat, weil ihr das Gewissen fehlt und weil sie nur über eine passive, biologische Intelligenz verfügt. Als Angehöriger dieser Generation von Intellektuellen kann ich nicht anders, als für sie einstehen. Als ihr Verteidiger sehe ich mich genötigt, das Gericht als nicht zuständig für uns abzulehnen. Ich lehne es nicht deshalb ab, weil es als verantwortlicher Repräsentant für Recht, Ordnung, Moral und Religion und von der Allgemeinheit bevollmächtigt, für ein friedliches Auskommen der Menschheit zu sorgen, weder die Unmenschlichkeiten noch ein Absinken unter ein tierisches Niveau zu verhindern gewußt hat. Es wäre eine schäbige Verteidigung für den Einzelnen, sein Versagen mit dem der Menge entschuldigen zu wollen.
Ich lehne jedes Gericht, heute und morgen, ab, das uns nach Gesetzen beurteilt, die für unser Denken und Handeln niemals maßgebend waren. Wir haben andere nicht um ihr Glück beneidet, aber wir selber haben ihr Glück nie als Erfüllung betrachten können; und wenn wir im Sinne dieses Glückes unglücklich waren, so zählte das überhaupt nicht gegen das, was für uns Unglück war und ist. Wir haben nie nach Besitz gestrebt, da Besitz uns nicht die Sicherheit gewährte, die wir für unsere Existenz brauchten. Wir haben uns lieber betrügen lassen, als um ein kleines Recht zu streiten, das über den Tag hinaus nicht den Anspruch erheben durfte, Recht zu sein. Wir haben öffentlichen Erfolg niemals als Bestätigung empfunden, sondern jeder noch so gut gemeinten Ehrung als einem Versuch, uns zu korrumpieren, mißtraut. Wir haben vor allem nie den Ehrgeiz gespürt, Macht zu haben oder an ihr teilzunehmen, da Macht ohne System nicht denkbar ist und jede Systematisierung den Beginn eines Rückschritts bedeutet. Wir haben diejenigen bemitleidet, die eine Befriedigung darin fanden, am Schalthebel zu stehen, und haben uns stets ein wenig geschämt, daß es so viele gibt, die sich damit beruhigen, durch einen Apparat beherrscht zu werden.
Ich verlange für meine Generation nach einem Gericht und beuge mich seinem Urteilsspruch im voraus, das nicht nach dem Gesetz des Zwecks und der Verbrauchbarkeit Recht spricht, sondern nach dem Gesetz der Möglichkeiten des Menschen, ohne das es sich nicht lohnte, dies Dasein auch nur eine Sekunde länger zu ertragen. Nach einem Gesetz also, das sich gegen den Nihilismus einer totalen Bürokratisierung wendet. Das Gericht hätte zu fragen, ob wir, in eine Zeit hineingeboren, die so extrem geistfeindlich war wie selten in der Geschichte, und in der der Mensch zum sozialen Quotienten entwürdigt wurde, unsere letzten persönlichen Entscheidungen immer für den Geist und für den Menschen getroffen haben. Kann das Gericht die Frage bejahen, wird es uns auch mildernde Umstände zubilligen für unsere Schwächen, unser Versagen und all das, was hinterher als Fehler bezeichnet werden kann. Und da wir zum mindesten die Möglichkeit des Widerspruchs gegen die Abstraktionstendenz der Zeit bewiesen haben, wird das Gericht uns vielleicht sogar freisprechen.
Ja, es fragt sich, ob es nicht in diesem Augenblick, wo diese letzte Zelle geschrieben wird, feststellen würde, daß wir auch heute noch zu früh geboren sind.

in: Jahr und Jahrgang 1901. Joachim Karsten, Willi Keller, Egon Schramm (Hrsg,) Hamburg 1966, S. 50-92.

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer