| Nachwort zu Georg
Christoph Lichtenberg: Gedanken zur Zeit
Im Vorstehenden ist der Versuch
gemacht, eine kleine Auswahl von Gedanken, die vor rund sechs Generationen von einem
eigenwilligen Kopf gedacht wurden, unter Begriffe zu ordnen, die uns geläufig sind.
Dadurch wird das geistige Porträt lebendiger, und vielleicht wird der heutige Leser mit
Staunen feststellen müssen, wie sehr diese Gedanken gerade auf unsern politischen,
gesellschaftlichen und kulturellen Zustand gemünzt sind. Kaum, daß es hier und da nötig
sein wird, eine historisch gewordene Vokabel in die jetzige Sprache zu übersetzen.
Das hat seinen Grund nicht allein darin, daß alles, was ein Mann
jemals mit schonungsloser Aufrichtigkeit gegen sich selbst zu Ende zu denken sich
bemühte, nicht nur für seine Tage, sondern überhaupt für jede Zeit Gültigkeit hat. In
dem besonderen Falle Lichtenbergs dürfte wohl noch ins Gewicht fallen, daß die
geschichtliche Situation, der er sich ausgesetzt fand, der unsrigen sehr ähnlich
war. Mit dem kleinen Unterschied allerdings, wenn das zu sagen erlaubt ist: Lichtenberg
war sich der Situation bewußt, während wir noch den Kopf in den Sand stecken.
In der Geistesgeschichte pflegt man die Epoche zwischen dem
Untergang des Feudalismus und dem Sieg des Bürgertums das Zeitalter der Aufklärung zu
nennen. Wie man unser Jahrhundert einmal nennen wird, können wir noch nicht wissen; für
die Lebenden ist die Bezeichnung auch ganz unwichtig.
Lassen wir daher das Wort Aufklärung beiseite, zumal da Lichtenberg selber sich darüber
lustig machte, und sprechen stattdessen genauer von Übergangszeitalter.
Darunter ist eine Periode zu verstehen, in der Brauch und
Wahrheit in gefährlicher Weise auseinanderklaffen. Oder anders ausgedruckt: wo die
Zeitgenossen, ob sie wollen oder nicht, gezwungen sind, ihr Dasein bereits und ihre
gesellschaftlichen Verhältnisse nach einem neuen Lebensstil auszurichten, aus Angst aber
und innerer Unsicherheit in gestrigen Denkformen Halt suchen und sich betont altmodisch
kostümieren. In solchen Perioden bedarf es unabhängiger Geister, die an allen Positionen
Kritik üben, ohne sich selbst von der Revision auszunehmen. Das Schöpferische und
eigentlich Positive von Übergangszeitaltern macht sich nicht im Bestätigen oder
Prophezeien kund, sondern fast ausschließlich in kritischer Wachsamkeit.
Und zwar muß die Wachsamkeit, wenn sie irgendeinen
fördernden Wert haben soll, nach zwei Seiten zugleich gerichtet sein, nach rückwärts
und vorwärts. Es gilt, das kollektiv Phrasenhafte der Zeit zu entlarven, ohne weder das
Herkömmliche in kindischer Art nur deshalb zu verwerfen, weil es von einer gestrigen
Generation stammt, noch ohne das von Schwärmem oder Theoretikern als modern und
avantgardistisch Gepriesene ungeprüft zu akzeptieren und sich den Kopf davon verwirren zu
lassen. Es scheint beinahe überflüssig zu erwähnen, wie sehr gerade wir solche Kritik
nötig haben, die wir uns in Politik und an der Börse des Alltags mit verallgemeinernden
Thesen beruhigen, welche uns von der Presse freihaus geliefert werden, damit wir des
selbständigen Nachdenkens enthoben sind.
Nüchterne Vernunft ist bei uns, im Gegensatz zu Frankreich
und auch zu England, nicht beliebt; wir schätzen die idealistische oder romantische
Verzuckerung der Pille höher, als den oft bitteren Wahrheitsgehalt, der eigene
Verantwortlichkeit von uns verlangt. Männer wie Lichtenberg, die den unerhörten Mut
haben, ganz auf sich selbst gestellt und ohne alle dogmatischen Absicherungen, den
gesunden Menschenverstand als einzigen Maßstab zu nehmen, sind niemals beliebt. Sie
werden von Konservativen und Revolutionären in seltener Einmütigkeit abgelehint und mit
Haß verfolgt, eben da sie sich nicht als Parteigänger brauchen lassen und dadurch die
angemaßte absolute Geltung von Parteien und Parteizugehörigkeit in Frage stellen. Man
wirft ihnen vor, keinen Glauben und keine Weltanschauung zu haben. Man nennt sie Skeptiker
und tut sie als negativ ab. Das Wort Nihilist war damals noch nicht erfunden.
Wie sehr derartige Bezeichnungen auch nur Phrasen eines
konformistischen Verhaltens sind, beweist gerade das Beispiel Lichtenbergs. Gewiß, er hat
den Zweifel, oder wie er es genauer nennt, den Untersuchungsgeist zu seinem Prinzip gemacht, aber wer die vorstehende Auswahl seiner
Überlegungen unvoreingenommen liest, wird sofort erkennen, daß Lichtenberg mit einer
Inbrunst zweifelte, die geradezu religiös genannt werden muß. Bei allem Humor, bei aller
witzigen Selbstbespöttelung geht er auf der Suche nach Wahrheit - und sei es auch nur
seine Wahrheit - bis an den Rand der Verzweiflung, ja, er hat sich dem Zweifel zum Opfer
gebracht. In den unter dem Titel »Nächtlicher Monolog« vereinigten Aphorismen kommt es
zu erschütternden Aufschreien, von denen die Welt, die ihn nur als berühmten Gelehrten
kannte und sehen wollte, nichts hören durfte.
GEORG CHRISTOPH LICHTENBERG
I742 - I799, war nämlich seinen Zeitgenossen nicht so sehr als Zeitkritiker oder
Aphoristiker bekannt, als den wir ihn heute schätzen, wie als Experimentalphysiker. Es
ist vielleicht bezeichnend für ihn, daß er seine Vorlesungen als sehr junger Dozent mit
Wahrscheinlichkeitsberechnungen über das Spiel begann. Er bekam sehr bald den Auftrag,
die astronomischen Orte für einige Städte zu errechnen; der Mathematik als einer
Disziplin, die keine schönen Täuschungsmöglichkeiten zuläßt, galt seine Vorliebe bis
zum Lebensende. Berühmt aber und im wahrsten Sinne des Wortes für das aufsteigende
Jahrhundert modern, wurde er durch seine physikalischen Experimente.
Als erster in Deutschland, und noch dazu auf eigene und für ihn recht bedeutende Kosten,
schaffte er Elektrisiermaschinen für den Hörsaal an; zum Staunen abergläubischer
Kleinstädter versah er sein Haus mit einem Blitzableiter; er ließ an Drähten Ballons
und Drachen aufsteigen, um die Schwere der Luftarten und ihre Elektrizität zu messen; er
hatte ein brennendes Interesse für das Problem des Fliegens. Er war eine Leuchte der
Universität Göttingen, die Studenten drängten sich in seine Kollegs. Mit allen
international bedeutenden Persönlichkeiten der Zeit stand er im Briefwechsel; Männer von
gesellschaftlichem und wissenschaftlichem Rang rechneten es sich zur Ehre an, ihren Weg
über Göttingen zu nehmen, um Lichtenberg zu besuchen. Der englische König lud ihn nach
England ein, um ihm seine private Sternwarte zu zeigen, trank im Familienkreis mit ihm Tee
und machte ihn zum Hofrat. Auch die wirtschaftliche Lage besserte sich allmählich, wenn
auch die zahlreichen Kinder eine Quelle nächtlicher Sorgen des Vaters blieben.
Das war die für damalige Verhältnisse glänzende
Außenseite eines Gelehrten und berühmten Mannes. Aber es gab eine Kehrseite, und sie ist
es, die uns Heutige sehr nahe angeht; die meisten von uns haben ja auch eine öffentliche
Rolle zu spielen, mit der uns die Welt unbedenklich identifiziert. Es gab da den zarten,
von Krankheiten geplagten, leichtzerstörbaren und ganz einsamen Menschen, dem es nicht
ausreichte, ein anerkannter Professor zu sein, und der in seiner
Stube Nacht für Nacht um ein klein wenig eigene Wirklichkeit rang.
Es ist nämlich zu bedenken, daß fast sämtliche in dieser Auswahl
gebrachten Gedanken nicht für die Veröffentlichung bestimmt waren. Sie stammen aus
Briefen, Entwürfen, Fragmenten und vor allem aus geheimen Tagebüchern, die Lichtenberg
seine Sudelhefte nannte; im Druck erschien das alles erst lange nach seinem Tode. Insofern
darf mit Recht behauptet werden, daß es sich um echte Aphorismen handelt, in Deutschland
eine Seltenheit. Denn das meiste, was bei uns unter dieser Kategorie läuft, sind mehr
oder weniger apodiktische Lehrsätze, mit denen jemand wirken will und sich spreizt; man
spürt darin den erhobenen deutschen Zeigefinger allzudeutlich. Während dem echten
Aphorismus stets etwas Fragendes, ein souveränes Vielleicht und eine kaum merkliche
entschuldigende Geste eigen ist, wie um hinzuzufügen: Das ist nur eine persönliche
Meinung, die ich für mich als brauchbar gefunden habe. Aber bitte, ich lege keinen Wert
darauf, daß man sie für richtig hält.
Dieser andere, der Welt nicht sichtbare Lichtenberg ist als
achtzehntes Kind eines Pfarrers in Darmstadt geboren. Die meisten seiner Geschwister
starben schon früh, und er selber kam mit einer rachitischen Verkrümmung des Rückgrats
zur Welt. Als er neun Jahre alt war, wurde der Familie der Ernährer genommen. Ein gebrechliches Menschenkind war somit von Anfang an
ganz auf sich selbst gestellt; es war allein auf seinen Scharfsinn und seine
Begabung angewiesen, wenn es sich einer Welt gegenüber erhalten wollte, von der man kein
Mitleid erwarten und in der man sich nicht bemitleiden darf, wenn man bestehen möchte.
Wenn wir Lichtenberg sehr viel später, ja, nur ein paar
Jahre vor seinem Tode, an Freund Sömmering, den Mainzer Anatom, der sich mit
Heiratsgedanken trägt, schreiben sehen: »Oh, da tun Sie recht! Heiraten, heiraten is the
thing! Ich möchte fast sagen, wer nicht heiratet, soll auch nicht essen. Es ist der
Himmel selbst«, so klingt das zunächst etwas komisch. Ziehen wir aber in Betracht, daß
der Ausruf von einem Manne stammt, der aus Zartgefühl von vorneherein jeder Hoffnung auf
Ehe entsagt hatte und dem dann noch Familienglück zuteil wurde, dann vergeht uns das
Lachen.
Und an diesem Punkte sei es gestattet, nochmals auf die
Zeitnähe der Lichtenbergischen Gedankengänge hinzuweisen. Oder ist es zu kühn, einer
Figur wie der seinen geradezu Symbolcharakter für uns Heutige zuzusprechen? Geht es nicht
auch uns so, deren Kräfte von der mehr oder weniger wichtigen Funktion, die wir in der
sozialen Welt zu erfüllen haben, ganz in Anspruch genommen werden, daß wir abends
zuweilen, wenn wir müde nach Haus kommen oder auch beim Zubettgehen, von einem Moment des Alleinseins heimgesucht werden? Daß wir dann das Menschliche in
uns mit einem ratlosen Erschrecken als verkümmert empfinden und der schmerzlichen
Erkenntnis nur darum nicht weiter nachhängen, da sie uns für das funktionelle Dasein des
nächsten Tages unbrauchbar machen könnte?
Seien wir einem Manne dankbar, der es auf sich genommen hat, unsern
geheimen Monolog für uns zu führen. Darin allein schon mag vielleicht die Notwendigkeit
liegen, heutigen Weltleuten die Lektüre der vorstehenden Aphorismen zu empfehlen.

Georg Christoph Lichtenberg: Gedanken zur Zeit. Ausgewählt
und mit einem Nachwort versehen von Hans Erich Nossack, S. 38-45. |