| Das Märchenbuch Es geschieht auch jetzt noch manchmal, daß ich bei der Arbeit oder im
Gespräche wie selbstverständlich nach einem Buche greife, das gar nicht mehr da ist;
denn meine Bücher sind schon vor einigen Jahren mit allem übrigen verbrannt. Es ist
nicht mehr so schlimm wie zuerst, wo die Gefahr bestand, daß man in einen Abgrund
stürzte, wenn man nach einem gewohnten Gegenstand suchte. Man mußte sich dann mit einem
schmerzlichen Ruck am Weitergehen hindern. Doch es bleibt immer ein unangenehmes Gefühl,
ins Leere zu greifen.
Ich sagte mir damals, und zu Anfang sicher recht laut und oft, um auch selber daran zu
glauben: Gut, es muß auch ohne Bücher gehen. Vielleicht haben wir uns zu sehr auf sie
verlassen. Es wird sich nun erweisen, was wirklich unser Eigentum ist und was Bestand hat.
Schließlich möchte man auch hin und wieder jüngeren Menschen, die überhaupt noch nicht
zum Lesen gekommen sind, ein Buch in die Hand geben. Nicht um sie abzulenken, sondern nur
um ihnen zu zeigen, daß es auch früher schon Zeiten bitterer Not gab und sich trotzdem
immer Menschen fanden, die darüber weder verzweifelten noch zu Pfuschern wurden.
Wenn man mich nun fragte, welche Bücher ich unbedingt wieder haben möchte, so muß ich
zu meiner eigenen Verwunderung gestehen, daß es nicht die großen Namen derer sind, die
mir vor dem Unglück notwendige Vorbilder waren. Dagegen denke ich mit wahrer Sehnsucht an
eine Reihe von Märchen aller Länder und Zeiten. Es müssen ungefähr dreißig Bände
gewesen sein. Ich weiß noch genau, wo sie stehen oder wo sie standen. Und eigentlich
genügte mir davon jener eine Band, der die Indianermärchen Südamerikas enthielt. In dem
Bande war die Fotografie eines Mädchens wiedergegeben. Sie hockte in der Steppe und
fütterte ein Rehkitz. In der Ferne sah man ein seltsames Tafelgebirge. Über diesem Bilde
habe ich viele Stunden verträumt. Doch erst jetzt wird mir bewußt, daß sich dies
Mädchen mit einem der Märchen in Verbindung bringen läßt.
Da waren einmal acht Schwestern. Sie wurden von irgendeinem großen Unheil verfolgt. Ich
weiß nicht mehr, ob es eine Gottheit war oder ein wildes Tier oder ein feindlicher Mann.
Sie flohen bis an den Rand der Steppe, und sieben der Schwestern sprangen vor Angst in den
Himmel. Da sind sie noch und weinen nun. Aber die achte sagte. »Warum soll ich
weglaufen?« und versteckte sich in der Erde.
Ich habe vergessen, was mit ihr geschah. Auch ihr Name ist mir entfallen, sonst würde ich
sie rufen. Doch während ich vergebens allerlei Namen ausprobiere, fällt mir statt dessen
ein anderes Märchen ein.
Da wurde ein Dorf von den Feinden überfallen und alle Menschen erschlagen, bis auf einen.
Der legte sich drei Tage lang neben seinen toten Kameraden und hoffte, daß die Adler
kommen würden, um ihm das Herz aus der Brust zu nehmen und in ihr Reich zu tragen. Aber
es kamen nur Ratten und Fliegen. Da stand dieser letzte auf, setzte sich traurig an den
Strand des Meeres und rief: »Was soll ich nun machen? Soll ich Orion werden?«
Wie schön wäre es doch, wenn dieser Mann und dieses Mädchen sich fänden. Sie würden
gut zueinander passen, und der Welt wäre geholfen. Ja, und während ich nun darüber
nachdenke, wie ich die beiden wohl zusammenbringen könnte, muß ich mir plötzlich die
Frage stellen: Wie kommen wir eigentlich dazu, solche Geschichten Märchen zu nennen, als
wäre so etwas nicht mehr möglich und könnte uns heute nicht passieren? Ich möchte im
Gegenteil denjenigen von uns für eine Märchenfigur halten, der ohne Prahlerei von sich
behaupten darf, er habe niemals weglaufen wollen oder niemals irgendwann in den letzten
Jahren einen ähnlichen Seufzer ausgestoßen.
Und wenn ich das recht erwäge, muß ich sagen, daß mir nicht einmal dies eine
Märchenbuch so unbedingt notwendig ist. Ich brauche ja nur um mich zu sehen und es zu
erleben.
geschrieben 1946; zuerst in: Siebengestirn,
Beilage zum Weser-Kurier, Bremen 1946 |