| Berthold Möncken: Hans
Erich Nossack
Persönlich lernte ich
Hans Erich Nossack erst im Herbst I954 in St. Germanshof kennen. Er arbeitete dort an
einem Theaterstück, aus dem dann der Roman Spätestens im November wurde. Doch
selbstverständlich war mir Nossack seit dem Roman Nekyia und dem Interview
mit dem Tode als Autor kein Unbekannter. Außerdem hatte ich für meine Zeitung an
den Uraufführungen seiner Stücke Die Rotte Kain und Die Hauptprobe in
Wiesbaden teilgenommen. Die Hauptprobe verursachte einen Theaterskandal; in der Presse
fiel man aus allen Winkeln über Nossack her.
St. Germanshof ist ein kleiner Grenzübergang in der Pfalz. Die Aufgabe der Zollbeamten
bestand damals darin, junge Deutsche abzufangen, die die Grenze illegal überschreiten
wollten, um in die Fremdenlegion einzutreten. »Wieso?«, sagte Nossack, »das kann doch
nicht schwer sein. Man braucht nur einen kleinen Bach zu durchwaten. Man bekommt nasse
Füße, aber was macht das schon aus. Natürlich muß man die Gegend kennen, denn die
engen Täler sehen sich alle so ähnlich, daß man sich leicht verläuft.«
In allen Büchern Nossacks geht es um das Problem der Grenzüberschreitung. In der
Erzählung Der Neugierige ist es ein Fisch, der ein Landtier werden will, da ihm
seine Welt zu eng wird; in dem Roman Spirale übt ein Knabe sich im Schwimmen, da
er sich nach dem anderen Ufer sehnt, das als »verboten« gilt; in dem Kapitel Unmögliche
Beweisaufnahme ist von einem Leben im Nicht-Versicherbaren die Rede. Das bedeutet
eine Absage an das funktionalisierte Herkömmliche. Oft kommt es zum gewaltsamen
Losreißen von der Vergangenheit, die von Nossack nicht ohne schmerzlichen Jubel als
verloren bezeichnet wird, seit ihm 1943 bei der Zerstörung Hamburgs sämtliche
Manuskripte und Tagebücher verbrannten. Immer wieder stoßen wir auf das
Klytämnestra-Motiv. Irgendwo heißt es. »Es gibt nur eine Sicherheit der Richtung, alles
andere ist Verwesung«, und in der Erzählung Das Mal sagt jemand: »Für
unsereinen ist die Herkunft nicht wichtig.« Wichtig sei nur, »das Mal weiter
hinauszuschieben«.
Im Zusammenhang wirken diese Zitate eher wie beiläufige Gesten, als ob der Dichter sich
schäme, etwas so Selbstverständliches überhaupt zu erwähnen. Nossack rühmt sich, der
bestgetarnte Schriftsteller zu sein. Ich hatte ihn mir klein, zart und träumerisch
vorgestellt; sein Motto »Was sich nicht träumen läßt, hat keine Wirklichkeit«, hatte
mich irregeführt. Statt dessen traf ich einen hochgewachsenen Mann von starkem
Knochenbau, eher kantig als weich und von einer nervösen und nervösmachenden
Wachsamkeit. Dauernd wechselt sein Gesichtsausdruck, dauernd lenkt er von sich ab und
versucht sich mit einer wegwerfenden Handbewegung auszulöschen. Das irritiert sehr. Dies
Verhalten und solche Äußerungen wie: »Wenn etwas von mir Erfolg hat, ist meine erste
Frage: Was habe ich falsch gemacht?« haben ihm den Vorwurf des Hochmuts eingetragen.
Es gelang mir nicht, ihn auf ein Gespräch über Literatur zu bringen. Und doch erzählt
in Spätestens im November ein Student, der abends auf der Brücke in Heidelberg
steht und in den Neckar blickt, wie ihn jäh die Erkenntnis überkommt, daß ihm alles,
was man ihm beigebracht hat, verkehrt herum beigebracht wurde. »Ich war viel zu jung für
den Gedanken, ich wollte ihn nicht wahrhaben, deshalb lief ich wie ein dummes Kind zu
Mädchen und Weibern, weil ich den Halt nicht verlieren wollte.« Und dann folgt das
Bekenntnis: »Nur das Schreiben hat mich gerettet.« Ich glaube, es war Hans Henny Jahnn,
der Nossack einen Asketen genannt hat. Wenn es erlaubt ist, das Urteil aus so berufenem
Munde zu korrigieren, möchte ich sagen: ein scheinbarer Asket, da ihm alles, was es an
Glück und Ausschweifung gibt, nicht entfernt die Möglichkeit der Selbstvernichtung und
Selbstverwirklichung bietet wie das Schreiben. Vorläufig! würde Nossack wohl
hinzufügen, denn es findet sich auch der Stoßseufzer bei ihm: »Ich habe es satt, die
Wirklichkeit immer nur in Dichtung zu übersetzen.« Selbst wenn man Nossack als Menschen
und Autor ablehnt, eines wird man nicht leugnen können: daß er sich in jedem Satz, den
er schreibt, mit jenem sinnenhaften Einsatz preisgibt, den er selber in seinem Essay Über
den Einsatz vom Künstler fordert. Diese Echtheit ist es denn auch, die den Leser
oder Hörer fast wider Willen in Bann schlägt. Über die extreme Schmucklosigkeit von
Nossacks Prosa ist oft geredet worden. Er behauptet, diesen Stil von Stendhal gelernt zu
haben, was mir ebensowenig glaubhaft erscheint wie die Behauptung Stendhals, er habe jeden
Morgen im Bürgerlichen Gesetzbuch gelesen, um sich die Phrasen abzugewöhnen. Wie dem
auch sei, nach wenigen Sätzen vermag man sich dem, was diese lässige und oft monotone
Prosa zu verschweigen weiß, nicht mehr zu entziehen; man glaubt in einen kahlen Raum zu
treten und fühlt sich einer Atmosphäre ausgesetzt, die bis zum Zerreißen gespannt ist
und zur passiven Teilnahme wie beim Träumen zwingt.
»Weitab ihrem Glücke / steh ich und höre sie nicht mehr«, heißt es in dem Gedicht Der
Abtrünnige. Damit setzt sich Nossack der Gefahr aus, daß auch »sie« ihn nicht
mehr hören. Jenseits der Grenze unserer Fassadenrealität kann man sich ebenso leicht
verlaufen, wie die angehenden Fremdenlegionäre in den Tälern bei St. Germanshof. Man
kann in eine Einöde geraten, »ganz ohne Landschaft, ohne Hintergrund« und ganz ohne
Gegenüber. Reicht die eigene Wärme dafür aus oder kommt es zum Erfrieren? Zweifellos
ist Nossack sich dieser Gefahr bewußt. Sie scheint mir sogar das eigentliche Motiv seines
Dichtens zu sein, ein sehr heutiges Motiv übrigens. Eines seiner Gedichte schließt
nämlich mit den Worten: »Ich singe manchmal, um mich selbst zu hören.«
in: Das Einhorn. Jb. d. Freien
Akademie der Künste Hamburg 1957, S.131-134. |