| Nachmittägliche Zwischenbemerkung Sollte es wirklich keine unmittelbarere
Art des Ausdrucks geben als die Kunst? Dies ist eine nachmittägliche Frage. Die Stunden
zwischen 14 und 17 Uhr muß der Teufel erfunden haben. Sie sind eine wahre Prüfung für
unsereinen. Wenn man jung ist, meint man, es läge am Mittagessen, und man streicht diese
schädliche Gewohnheit flugs vom Programm. Aber die Erfahrung lehrt, daß es nichts damit
zu tun hat. Vielleicht hängt es mit dem Umkippen der Sonnenbahn zusammen; das
müßte noch untersucht werden. Geist und Körper sind in gleicher Weise ermüdet, das ist
das Fatale. Während man sich sonst auf die eine oder andere Position zurückziehen kann,
um von dort aus weiterzuleben, befindet man sich in diesen Nachmittagsstunden einfach im
Nirgends. Man ist so sehr Nichts, daß man nicht einmal mehr nihilistische Gedanken zu
fassen vermag. Kurz, man ist sogar zu lahm, um zu verzweifeln und von den Abwehrkräften,
die die Verzweiflung weckt, zu profitieren.
Also sollte es wirklich keine unmittelbarere Art des Ausdrucks geben als die Kunst? Wie
viele Gestalten muß ein Künstler ausprobieren auf der Suche nach sich! Wie viele
allgemeine Worte muß er mit seinem Sinn erfüllen, um sich verständlich zu machen!
Bleibt nicht das treffendste Gleichnis immer nur ein Gleichnis, allen Mißdeutungen
ausgesetzt? Ist es nicht eine Art Tarnung, ein Dunstkreis, in dem sich die Linien
verwischen? Oder wie der Staub, den ein Hund aufkratzt, um seinen Kot zu verheimlichen?
Welch eine Vorsicht! Oder, wenn man will, Unaufrichtigkeit! Und welcher Unzahl neuer
Halbheiten mache ich mich schuldig dadurch, daß ich meine Gedanken andern vorzudenken
versuche. Warum denke ich sie nicht für mich? O daß es mir ein einziges Mal vergönnt
wäre, meine Stimme zu hören, so wie sie ist! Ohne mühsam aus der Bewegung, die sie auf
den Gesichtszügen eines Gegenübers bewirkt, auf sie schließen zu müssen. Ohne Licht
oder Schatten, die sie über eine Landschaft wirft.
Vor Jahren traf es mich einmal, daß ich dem Aufheulen einer Frau ausgesetzt war. Es
läßt sich nicht anders sagen. Den Anlaß weiß ich nicht mehr; er muß so
geringfügig gewesen sein, daß er als Ursache gar nicht in Betracht kam. Auch ich war
nicht der Anlaß. Einem solchen Aufheulen gegenüber wäre es vermessen, das anzunehmen.
Wahrscheinlich war es auch gar nicht die Frau, die aufheulte, sondern sie wurde nur als
Instrument benutzt. Es fing ganz plötzlich an. Sie war allein im Nebenzimmer. Sobald das
Aufheulen aus ihr herausgekommen war, schien es sich an der Luft zu materialisieren. Es
muß schwerer als unsere Luft gewesen sein. Es quoll auf den Fußboden herab, floß
überall hin, drängte sich ohne Aufenthalt unter der Ritze der geschlossenen Tür
hindurch und dehnte sich draußen wieder aus. Und auf dem gleichen Wege wurde es wieder
zurückgeschluchzt. Ich, der draußen stand, merkte das Drängen und Saugen um meine
Füße herum. Ich geriet ein wenig ins Wanken. Ich weiß nicht, wie lange das Hin und Her
dauerte. Es läßt sich nichts dagegen tun. Allmählich ebbt es ab. Noch ein paar
verspätete Wellen, dann hört es ganz auf. Und wenn es vorbei ist, dann ist es beinah wie
vorher. Das ist das Schlimmste daran.
Sollten diese Laute die ganz echte, durch kein Wirken oder Verstandenwerdenwollen
verfälschte, weibliche Ausdrucksform sein? Ich wage das nicht zu bejahen, denn es wäre
gar zu erschütternd. Und vielleicht haben die Frauen auch noch andere
Ausdrucksmöglichkeiten, für die mein Ohr bislang mit Voreingenommenheiten verstopft
gewesen ist. Wie dem aber sei, es entsteht jedenfalls die Frage nach der komplementären
Ausdrucksweise des Mannes. Und indem ich darüber nachsinnen bleibt mir als Antwort immer
nur: das Schweigen. In der Tat, so scheint es zu sein: Wir reden, dichten, malen,
musizieren und beten, um unserem Schweigen Ausdruck zu verleihen. Oder um es zu
verwirklichen.
Sogleich aber erhebt sich eine andere, sehr beschämende Frage: Habe ich nicht bisher
immer nur geredet, gedichtet, gemalt, musiziert und gebetet, um dem Schweigen zu
entfliehen? Ließ ich mich nicht von Gefühlen leiten, die vielleicht in den letzten
zweitausend Jahren Gültigkeit hatten und hohen Erinnerungswert besitzen, jedoch
überhaupt nicht mehr im Einklang mit dem gegenwärtigen Stand meiner Entwicklung sind?
Sozusagen von paläozoischen Gefühlen, die über rudimentäre, paläozoische Organe in
mir virulent wurden. Fand ich mich nicht immer wieder unfähig, meinen Erinnerungen eine
Heimstatt zu gewähren, ohne zu ihnen heimkehren zu wollen? Ja, ich spreche von dieser
schillernden Sehnsucht, die mich jahrzehntelang nach etwas außerhalb meiner suchen ließ,
dem ich mich hingeben könnte. Nach etwas, von dem ich nur auf Grund meiner
historisierenden Erziehung Kenntnis hatte, ohne es je selbst erlebt zu haben. Ohne es
selbst erleben zu können, es sei denn durch einen katastrophalen Rückfall. Ja, ich
spreche von diesem verfluchten Nach-Rückwärts-Vergleichen, über das man aus seiner
Richtung kommt und zur Beute wird, weil die Wachsamkeit sich spaltet.
Wir, die wir uns etwas darauf zugute tun, solchen vernichtenden Momenten nicht durch Kino,
Kartenspielen, Schnaps oder Flucht in die Aktivität auszuweichen, dürfen uns nicht
einbilden, gegen Täuschungen gefeit zu sein. Auch wenn kein Spiegel da ist, in dem wir
uns kontrollieren zu können vermeinen, bricht sich das Licht doch tausendfältig in den
Eiskristallen der arktischen Wüste. Und da sind Sterne. Und Nordlichter. Und Winde. Und
dann die Lustgefühle der Einsamkeit.
Ist nicht schon die Tatsache, daß wir Selbstgespräche führen wie dies, ein Beweis
dafür, daß wir es nicht fertigbringen, ohne ein auch nur gedachtes Gegenüber
auszukommen? Ein niederdrückendes Eingeständnis! Es bringt uns das männliche Versagen
zum Bewußtsein, dies Versagen, das zwangsläufig zur Folge hat, daß die Welt nach kurzer
Hoffnung immer wieder in weibliche Hände zurücksinkt. Ein Versagen, das zu einem
bestimmten Zeitpunkt immer wieder das Aufheulen über die Vergeblichkeit aller Mühen des
Gebärens auslösen wird. Denn zweifellos, wenn wir die Anlage und Richtung des Mannes zu
Ende denken, so ist sie nicht auf Geschwätz, nicht auf Betriebsamkeit und nicht auf die
gepriesene Erhaltung des Daseins hin gewollt, sondern auf ein Wachsen ins Schweigen. Aber
...
Doch genug. Ich glaube, es schlägt gleich siebzehn Uhr. Der Abend kommt, und dann die
Nacht. Und es gibt wichtigere Dinge zu tun, als solche Fragen zu stellen.
zuerst u.d.T. Die Antwort ist Schweigen.
Nachmittägliche Zwischenbemerkung in: Die Welt, 28. Januar 1951 |