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Nachwort

von Norbert Miller

I

Das zweite Leben Hans Erich Nossacks beginnt mit den beiden einzigen Tagebuch-Eintragungen des Jahres 1943. Sie stehen diesseits und jenseits des Abgrunds, der in der ersten der drei Hamburger Bombennächte aufgerissen war. Im fahlen, zukunftslosen Licht des vom Tod beherrschten Zwischenreichs gewinnen die Bemerkungen über das Einverständnis mit dem Schicksal und über das Endgültige, das jede Äußerung eines Schriftstellers auszeichnen muß, einen sonderbaren Zug ins Prophetische. In der nach allen Seiten versperrten Alltäglichkeit seiner letzten Jahre in Hamburg mochte der Appell an sich selbst: »Man sollte immer nur so schreiben, daß es von anderen nicht noch einmal geschrieben zu werden braucht«, eine aus Verzweiflung aufgestellte Regel markieren, warum nichts von dem bisher Geschriebenen die äußerste Probe vor der Nachwelt bestehen konnte. Auch daß er sich ärgerlich von Nietzsches Prahlerei mit der Schicksalsergebenheit abwandte, war darüberhinaus ein Versuch, die Position des Schriftstellers gegenüber der Zeit und der Nachwelt ex negativo festzustecken. Wie anders wirken die gleichen Sätze, Monate oder vielleicht nur Wochen später gelesen! Als sich Nossack am 25. September 1943 in einem langen Aufsatz Rechenschaft über seine veränderte Situation und über das unbegreifliche Geschehen dieser Menschheitsdämmerung zu geben versucht, hatten sich alle Voraussetzungen ins Gegenteil verkehrt. Die geplante Vernichtung einer Großstadt, die an die Statistik abgegebene Bilanz der Opfer, der strategische, jede Individualität aufhebende Charakter einer solchen Operation in einem von Deutschland erklärten totalen Krieg, die vorhersehbare Wiederholung und Weiterung des Entsetzens - was hatte das alles mit einem antiken Schicksals-Begriff zu tun, der klassischen Tragödie entlehnt und in Anmaßung auf das eigene Ausnahme-Ich übertragen. Vor der Auslöschung, deren Anfang nur der Untergang Hamburgs signallsieren konnte, vor dem Ende, das mit der Welt auch die Nachwelt verschlang - was hatte da noch die Endgültigkeit des eigenen Standpunkts, des unwiderruflichen Worts, der gültigen Botschaft für einen Sinn?

Im Beobachten erstarrt, hatte der Schriftsteller den Brand der Stadt als Strafgericht über Sodom und Gomorrha so erlebt, wie es die zynische Selbstgerechtigkeit des englischen Generalstabs, an Gottes Stelle tretend, vorausbestimmt hatte. Bis dahin hatte Nossack in einem schwer begreiflichen, auch ihn beunruhigenden Vertrauen auf seine nicht näher bestimmte Mission an seine Unverletzlichkeit geglaubt. Auch die Erlebnisse ängstlicher Todesnähe hatten an diesem Glauben nichts geändert. Amor fati? War das nicht auch, vielleicht jenseits der Prahlerei, ein geheimnisvolles Einverständnis mit dem Fatum? Eine Sonderstellung, die nach außen als Prahlerei erscheinen mußte? Aus dem Nachdenken verstärkte sich dieser Eindruck noch; denn der sonderbarste Zufall hatte ihn, nach fünf langen, freiwillig an den Schreibtisch gebannten Jahren, im kritischen Augenblick aus Hamburg weggeführt, so als wäre er zum Zeugen des Untergangs bestimmt. Wenn Nossack daran geht, aus den Traumwirren der ersten Wochen nach der Katastrophe die Summe zu ziehen, dann findet er in den beiden isolierten Sätzen seines kaum begonnenen Tagebuchs für 1943 den Ausgangspunkt für seine Rückbesinnung als Schriftsteller. Die Bemerkungen waren undatiert. So können sie jetzt als Zitate aus der Erinnerung gelten, aber auch als ein Doppel-Motto über dem neuen, dem zweiten Leben des Außenseiters aus Überzeugung, des kritischen Selbst- und Zeitbeobachters, des unbeirrbar-genauen Erzählers einer symbolisch aufgefaßten Wahrnehmung.

»Gedanklich werden die Bücher wohl der Ausdruck stärksten Nihilismus gewesen sein«, faßt er seine Erinnerung an die zerstörten früheren Tagebücher zusammen, so als suchte er sich eines lange verlorenen Zustands neu zu bemächtigen: »Ja, ich ließ wohl nichts unzerbohrt, bis ich vor dem Nichts stand und bis das Nichts am 24. Juli über uns kam.« Die Redensart nimmt metaphysische Bedeutung an und kann so zum Korrektiv des intellektuellen Spiels von ehedem werden. Die Erfahrung des Nichts überwindet den Nihilismus der Spekulation. Nossack geht in Gedanken seine »Tage- oder Merkbücher« noch einmal durch, angeregt durch den prophetischen Charakter der durch die Ereignisse aufgehobenen Aufzeichnungen aus einer anderen Zeitrechnung. Er rekapituliert einzelne Eintragungen oder längere Untersuchungen, die er aus der früheren Denkbewegung heraus nachzuzeichnen und weiterzuführen bemüht ist, so die Ausführungen über die biologischen Auswirkungen von Licht und Schatten oder die Andeutungen über das Schauen als Erleiden, denen er jetzt auch eine prophetische, unfreiwillig die Gegenwart vorwegnehmende Rolle zumessen wollte. Zugleich sind diese tastenden Versuche einer Wiederanknüpfung, obwohl hinter ihm die Spur durch die Katastrophe völlig verwischt schien, Etüden für einen schriftstellerischen Neubeginn. Mehr noch, der Schriftsteller sieht in diesen Etüden, in der einst nur hingenommenen Prozessualität des Schreibens, die einzig denkbare Chance, Erfahrungen und Visionen der Endzeit vorläufig in Worte zu fassen. Die Unzulänglichkeit des früheren Verfahrens kann so zur Methode eines neuen werden: in »Der Untergang«, dem im Spätherbst ausgearbeiteten Bericht über das Ende Hamburgs, kommt Nossack auf die im Eintrag vom 25. September gegebene Beschreibung seiner verbrannten Tagebücher zurück und charakterisiert sie so: »Die Tagebücher? Ja, jetzt fällt mir ein, daß sie gar nicht mehr da sind. Seit fünfundzwanzig Jahren wurden sie geführt. Tagebücher ist eigentlich nicht der rechte Ausdruck dafür, denn es wurden kaum Ereignisse darin aufgezeichnet, sondern nur die Gedanken, die durch die Ereignisse ausgelöst wurden. Nein, auch nicht Gedanken, sondern der Weg zu ihnen. ja, es war der Prozess des Denkens, den ich aufzeichnete.« Ja, Nein, Ja - der emphatische Wechsel der Geste unterstreicht, an ein schwer zu fassendes Gegenüber gerichtet, den Zweifel an, aber auch die Notwendigkeit der Aufhebung der Ereignisse im Prozess des Denkens, der durch sie ausgelöst wird. Der Bericht selbst ist ein Beispiel für das Verfahren, das Nossack, wie seine Briefe und Aufzeichnungen zeigen, ohne merkliche Veränderungen in seine neue Existenz übernommen hat. Auch in dem Text, der ihn nach dem Krieg zuerst berühmt gemacht hat, löst sich nach der Dichte der Vergegenwärtigung wie nach der Zeitfolge die Kette der Beobachtungen von außen, die Anordnung der späteren Feststellungen und Zeugenberichte in den aus zergrübelten Visionen, erschreckten Denkvorstellungen und wie zufällig zum Ziel geführten Reflexionen einzigartig verwobenen Zusammenhang auf, der bei Nossack an die Stelle des konventionelleren Erzählkontexts tritt.

Vergleicht man diese berühmte Stelle mit der zurückhaltenderen Formulierung der Eintragung im Tagebuch, so wird erst sichtbar, wie wichtig und wie angemessen diese Form der Weltaneignung durch Aufzeichnungen aus dem Augenblick für den Schriftsteller war. Die Formulierungen des gleichen Sachverhalts, die sich immer wieder in Frage stellen, die immer wieder den erreichten Erkenntnisstand im Nachfassen überprüfen, sind zugleich das vollkommenste Beispiel für diese Prosa, die einer zerfallenden Realität und einer ungesicherten Sprache vor dem mit Sicherheit drohenden Nichts abgewonnen ist. Hans Erich Nossack hat in dieser seiner ersten Formulierung zwei Facetten des Schreibens angedeutet, die von da an für seine Erzählkunst konstitutiv werden sollten: das Ungenügen an den Worten - »Es war mehr ein schriftliches Denken über die Erlebnisse, die sich aber wohl aus den Worten nicht rekonstruieren ließen. Gewiß, der Versuch einer Abstrahierung, aber ebenso gewiß ein mißlungener Versuch« - und die Suche nach einem Gegenüber, in dessen Präsenz der Grundtrieb, »sich durch Aussprechen zu klären«, zu einer verläßlichen Mitteilung über die Dinge führen könnte. Wenn die Aufzeichnung dem Prozeß des Denkens folgt, wird aus diesem Vorgang das Ereignis, das den Anlaß gegeben hatte, unweigerlich verwandelt hervorgehen. Die ständig sich verschiebende Wirklichkeit der Worte breitet sich über den Anlässen aus, die mit dem Augenblick ins Vergangene weggleiten. Um sich einem anderen Ich oder Leser rückhaltlos hingeben zu können, mit den Worten der ersten Tagebuchnotiz zu reden, mußte ein neuer Weg gefunden werden. Durch einfache, an der Konversation ausgerichtete Sprache und durch gestischen Tonfall ließe sich der Versuch machen, »ob ein anderer Leser durch diese äußerliche Unechtheit« (wie sie in den verbrannten Tagebüchern seiner Meinung nach noch herrschte) »das was ich wirklich war«, hindurchfühlen könnte. Die Einschränkungen des Tagebuchs sagen mehr über Nossacks Entschlossenheit, eine neue Spur zu legen, als der aufs Prinzip zurückgeführte Hinweis in »Der Untergang«. Dort wollte der zum Schauen bestimmte Chronist zwar die Verbindung zum Tagebuch herstellen, dessen Metamorphosen aus dem Erlebnis in die Reflexion auch der Endzeit-Künder nicht entfliehen konnte, aber um von seinem Standpunkt und für seine Welt entgültig zu sprechen, bedurfte es einer anderen, pathetischeren Anstrengung. In »Der Untergang« strebte Nossack, wie in einigen der an den griechischen Mythos angelehnten Erzählungen, über die Tagebuch-Position hinaus.

Umgekehrt stellt sich der Verweisungs-Zusammenhang zwischen erzählerischem Bericht und Tagebuch zwingend her: der Schluß des Eintrags enthält die Skizze, aus der Nossack in zeitlich unmittelbarem Anschluß an die gegebenen Stichworte seine Schilderung des Entsetzlichen entwickelt hat. Alle Elemente sind in diese eine Seite zusammengedrängt, aus der Erschütterung niedergeschrieben, ohne Zwang zum Verstehen, zur symbolischen Überhöhung, zum ausgeführten Bild. Die Vernichtung der gesamten Habe, der frühe Zeitpunkt der Zerstörung, die sich aus den unbewohnten Räumen der eigenen Wohnung in jähem Brand über das Haus verbreitet, das Wunder oder Verhängnis der Abwesenheit, das unheimliche Band, das die Katastrophe der vielen Hunderttausend an das Überleben des Augenzeugen bindet, das Gefühl, so leicht wie durch den Tod nicht davonzukommen, die Haltung des Visionärs in den vier Nächten auf dem freien Hügel vor Hamburg und selbst das gespenstische Märchenbild der zwei Kiefern, die wie zwei springende Wölfe nach der Mondsichel bissen - das alles ist in knappen, betroffenen, gar nicht erst um Fassung ringenden Worten niedergeschrieben. Das alles ist von einer unbedingten Glaubwürdigkeit, die der vielbewunderte und bewundernswerte Totengesang auf das ausgelöschte Hamburg in der reicheren Verknüpfung der Motive, in der genau durchgespielten Spiegelung von Banalität und Grauen, von Sonderstatus und Sturz in das Nichts, von Innen und Außen nur an wenigen Stellen erringen kann. jedenfalls für den Leser, der sich aus zeitlichem Abstand dem Text wieder annähert. Vielleicht weil die Gestalt des Unglück-Sehers in zu starken Umrissen hervortritt, vielleicht weil das zeitgenössische Repertoire des Erhabenen, fragwürdig schon im Spätexpressionismus und zerstört durch alles, was nachkam, auch auf die Diktion des Widerständigsten unter den Schriftstellern einwirken mußte. Das Tagebuch bereitet bei Nossack dem Werk nicht einfach die Bahn. Es ist auch nicht eine eigene Form oder Gattung, die selbständig oder erklärend neben die anderen tritt. Nossacks Tagebücher erproben und geben die Erfahrungs- und die Denkvorgänge hinter seiner Neuaneignung einer Welt, die in ihren Anfängen als gestundete Zeit vor einem ins Unabsehbare sich hinziehenden Untergang erscheinen mußte. Unregelmäßig geführt, manchmal auf Monate, dazwischen einmal auf Jahre unterbrochen, sind die »Merkbücher« (wie auch ein Teil der bis heute ungedruckten Korrespondenz mit den überlebenden Freunden) in den ersten Jahren des Neubeginns so etwas wie der Code zu den eng verschlungenen Entwürfen von Dramen, Traumdichtungen, Erzählungen und Roman-Utopien.

 

II

»Ich will nicht verhehlen«, heißt es in einem Brief an Hermann Kasack vom 8. Dezember 1943, »daß ich mit der üblichen vermessenen Verantwortlichkeit auch an Spätere gedacht habe, die einen solchen Bericht von uns, die dabei waren, erwarten werden. Ohne so etwas geht es ja bei mir nicht, mag auch der Verstand darüber spotten. Ich habe auch nach Vorbildern für einen solchen Bericht gesucht. Da ich keine Bücher habe, fiel mir nur der Bericht Boccaccios über die Pest in Florenz ein; aber darin, soweit ich mich entsinne, wurde doch mehr der Eindruck der Auflösung gegeben, nicht ein Untergang.« (Zit. nach »Dieser Andere. Ein Lesebuch mit Briefen, Gedichten, Prosa«, hrsg. von Christof Schmid, Frankfurt am Main, S. 9 f.) Im Tagebuch tritt neben den Dichter des »Decamerone«, der die edlen Damen und Herren der Florentiner Gesellschaft ihre hundert Geschichten von der Herrlichkeit des Lebens in ängstlich beschützter Ländlichkeit erzählen läßt und vor der Folie der Pest von 1348, der ältere Plinius, der auf die Nachricht vom Ausbruch des Vesuvs hin mit der Flotte von Misenum nach Pompeji aufbricht, als Organisator der Rettung, als beobachtender Naturwissenschaftler der Katastrophe. Drei Jahre lang zerfraß die Pest Europa, und der Schwarze Tod blieb für ein halbes Jahrhundert die Apokalypsis, die Botschaft vom bevorstehenden Weltende. Aber nicht die Auflösung schreckte Nossack in eine neue Existenzstufe - der Verlauf des Krieges, den er richtig und kritisch einzuschätzen wußte, hätte da Anlaß genug geboten -, sondern das Menetekel, das kosmische Zeichen des Zorns, der Untergang. Da bot der alternde Stoiker, der vor einem Vulkanausbruch nie geglaubter Zerstörungsmacht statt zu fliehen, an seiner Pflicht zur Erkenntnis und Zeugenschaft bis in den eigenen Tod festhält, das Vorbild für die eigene geschichtliche Rolle; der Abstand des Betrachters, gebannt und bedroht, aber nicht in den Kampf ums Überleben verstrickt, ist die unerläßliche Voraussetzung, um den Späteren aufzubewahren, wie es eigentlich gewesen war. Der ältere Plinius wurde in den Tod der Vesuvstädte mit hineingerissen und erstickte auf seinem Schiff. Die Aufgabe, die letzten Tage von Pompeji als Wahrzeichen vor der Geschichte im Bericht festzuhalten, ging auf den jüngeren Plinius über. Auch Nossack hatte sich nächtlich der Gefahr ausgesetzt und alle Schauer des Weltgerichts für sich nachvollzogen. Aber er ging in seinem Rollenverständnis weiter als die von ihm bemühten Kronzeugen aus der Geschichte. Gegen den Spott der Vernunft hielt er daran fest, daß ihm eine besondere Aufgabe und Verantwortung übertragen sei. Dafür gab es Indizien, unwiderleglich zumindest für ihn. Hatte er nicht im März 1942 eine aus Alpträumen und Angstvorstellungen seiner Kindheit gespeiste Erzählung angefangen, die in einer völlig ausgestorbenen, von allen Bewohnern verlassenen Stadt spielte? Hatte er nicht im alten Luftschutzgepäck eine Reihe verkohlter Manuskript-Durchschläge gefunden, bei denen das Seidenpapier der Vernichtung widerstanden hatte, darunter eben den Anfang dieser prophetischen Geschichte?

Wie die Schriftrollen aus Pompeji drohten auch diese Durchschläge zu zerfallen, sobald man sie einmal umgedreht hatte. Mußte nicht das Entziffern der durch ein Wunder aufbewahrten Prophezeiung, gegen alle Einwände des hanseatischen Rationalismus, als Aufforderung, wenn nicht als Berufung erscheinen, das Zeitenende für den Beginn einer neuen Ära festzuhalten. »Nekyia«, im September 1946 abgeschlossen und zuerst mit dem bezeichnenden Untertitel: »Bericht eines Überlebenden« erschienen, trägt bis heute die Spuren der doppelten Entstehung: die beklemmende Leere und raumlose Unendlichkeit der Architektur-Vision, vertraut aus vielen Angstträumen der Kinderzeit, wird überlagert von den Eindrücken von Tod und Vernichtung, die in sonderbaren Kontrast geraten zu der gespenstischen Unversehrtheit der Straßenzüge und Plätze. Noch während sich Nossack um die Restitution und Vollendung seiner Gedichte und Dramen mühte, breitet sich unter seinen Händen das Gespinst seiner halb phantastischen, halb unheimlichen Berichte und Erzählungen aus, alle ins Leben gerufen durch die gleiche Metamorphose und durch die gleiche Haltung oder Rolle des Autors. Sie entstehen wie von selbst, aufgezeichnet von einem aus der Bahn Geworfenen oder in eine neue Bahn Berufenen. Mit genauer Einschätzung der Impulse hinter seinem Schreiben konnte sich Nossack früh schon gegenüber Kasack abgrenzen, dessen thematisch so nahe verwandte »Stadt hinter dem Strom« er als »eine zwar sehr interessante und lesenswerte, aber doch letzten Endes intellektuelle Konstruktion« empfand. Ein dichterischer Text muß seine Legitimation aus der Vision, jedes einzelne Motiv und jedes Symbol aus einem Zustand der Vorbewußtheit gewinnen, wenn beides nicht durch die in Kunstdingen unvermeidliche Beherrschung des Metiers unwahr werden soll. Das Tagebuch ist durchzogen von selbstkritischen Ausführungen, wie sehr jede Zusammenstellung von Worten und Gedanken zur Illusion tendiert, wie sehr jede Geste, schon im Augenblick der Niederschrift, schauspielerhaft zu wirken droht. Der Zustand der Vision ist weder sicher auszumachen, noch im Vorgang des Schreibens sicher zu bewahren. Seine Wiedergewinnung bleibt Utopie, aber diese bildet die Richtschnur für jede literarische Äußerung. Nossack hat in den ersten Jahren unregelmäßig an seinem Tagebuch geschrieben, unregelmäßiger als an seiner Korrespondenz mit den Freunden. Das nie wirklich abgeschlossene Buch über Aporée, die terra incognita im nördlichen Meer, und der größte Teil der Erzählungen entstehen in diesen Leidens- und Hungerjahren zwischen dem Ende des Kriegs und dem Beginn des Wirtschaftswunders. Eine sinnverwirrende Fülle hinter der spröden Genauigkeit der Formullerungen, alle Texte aber der gleichen Sorgfalt des Schreibprozesses unterworfen wie das Tagebuch, das sie in unterschiedlichen, aber eng verwandten Erzählformen weiterfahren. Über Sinn und Nutzen des Tagebuch-Schreibens hat Hans Erich Nossack zeitlebens nachgedacht. Die klare Trennung von den verlorenen Jahrgängen, die den Anfang der Notizen kennzeichnet, weicht dazwischen immer wieder dem Bedauern, mit den früheren Manuskripten, auch wenn selten darin geblättert wurde, einen wesentlichen Bestand des Werks unrettbar, unersetzbar verloren zu haben. Schon der erste Eintrag des Jahres 1946 äußert sich skeptisch, ob der Neuansatz des Tagebuchs nicht ein bloß unzureichender Ersatz für das Verlorene, ob er nicht eigentlich überflüssig sei: »Ich habe in diesen Jahren viel darüber nachgedacht, warum es mir seit der Katastrophe 1943 nicht mehr gelingen wollte, Tagebuch zu führen wie zwanzig Jahre lang. Denn das, was in diesem Buche steht, ist nur ein unechter Nachhall des Verlorenen, ein unglücklicher Versuch, die verlorene Vergangenheit fortzusetzen. Es hat sich von selbst erwiesen, daß es nicht geht.« Der Fund einer alten Manuskriptseite kann so zum Stimulans der Auseinandersetzung mit sich selbst werden. Wie auch nicht? Hans Erich Nossack war zweiundvierzig, als er seine zweite Laufbahn als Autor begann. Die erzwungenen Jahre des Schweigens hatten ihn auf ein strenges, nicht zu verwirklichendes Ideal des Denkens und Schreibens festgelegt, vor dem auch das frisch Geschriebene, vom Ausdruckswillen Hervorgetriebene nicht in jedem Augenblick standhalten konnte. Aber im Grundsatz bleiben sich die Themen wie die Prinzipien des Tagebuchs im Verhältnis zu den gleichzeitigen Erzähltexten über die Jahre hin treu. Erst als Nossack Ende 1958 die Arbeit an seinen Tagebüchern wieder aufnimmt, die zwischenzeitlich ohne erkennbare Ursache in den Jahren nach 1954 verebbt war, ändert sich mit dem Charakter der Niederschriften auch deren Begründung. Nicht daß Nossack je die Devise, nur als Merkbuch sei ein Tagebuch für den Schriftsteller zu rechtfertigen, aufgegeben hätte! Aber für den jetzt arrivierten Schriftsteller, dessen Kalender sich bedenklich mit gesellschaftlichen Verpflichtungen, mit Reiseterminen und literarischen Veranstaltungen füllte, mußten die täglichen Aufzeichnungen einen anderen Zuschnitt bekommen. Die äußere Welt verlangt und bekommt ihr Recht. Das Jahr wird noch ohne die Reduzierung der Notizen auf Stichworte für die spätere Erinnerung - mit großer Gewissenhaftigkeit in seinem Verlauf festgehalten: die Begegnungen, die Gespräche und Interviews, das tägliche Arbeitspensum, die Malaisen mit den Verlagen und Rundfunkanstalten, die erzwungene Konzentration auf die vom Literaturbetrieb abgedrungenen Themen von Vorträgen und Vorlesungen. Aber auch in stärkerem Maß als früher das private Urteil über Autoren und Bücher, die Stellungnahme des engagierten Autors zur politischen Entwicklung in der Bundesrepublik und in den beiden Machtblöcken. Um wie ehedem den Gedankengang zu klären oder Traumerfahrungen festzuhalten, war eine gedrängtere Fassung des Schreibprozesses geboten.

Das Tagebuch ist nach wie vor der Ort, mit dem Gedanken oder der Tonlage zu experimentieren, Rollen zu erproben oder die Übergänge von der Außenwahrnehmung in die Fiktion vorzubereiten. Aber in höherem Maße haben diese Etüden den Platz zu teilen mit der immer schwierigeren Abgrenzung des eigenen, des Außenseiter-Ichs gegenüber der Umwelt. Nicht regelmäßig, doch in einigermaßen kurzen Abständen hat Nossack seine Weise, das Tagebuch zu führen, überprüft und kommentiert. An manchen Zeitpunkten häufen sich diese Bemerkungen, vor allem in den Jahrgängen 1962 und 1964. Da tauchen andere Denkmuster und Begründungen auf, die den regelmäßig eingetragenen Lebensspuren eine Art Kohärenz sichern sollen. Man könnte sich ein Tagebuch vorstellen, das nur die alltäglichsten Verrichtungen und Beobachtungen festhält und könnte doch aus den Aussparungen zwischen den Dingen, aus der unerwarteten Lücke, auf die Person des Schreibenden zurückschließen, wenn sie es wert ist! Oder man könnte ein Tagebuch versuchen, das ein Geheimnis noch tiefer verhüllt, vor den anderen, vor allem aber vor dem Autor selbst. Oder das Tagebuch wird in der Hoffnung lebendig gehalten, daß dieses Leben viel später auf einen anderen, einen wahlverwandten Leser überspringt. Der Zwischenreich-Status der Menschheitsdämmerung, aus dem heraus der Prophet ins Ungewisse spricht, kann für die geänderten Aufgaben des Schriftsteller-Tagebuchs nicht mehr unmodifiziert gelten. Nossacks Aufmerksamkeit greift weiter aus. Er mißt sich an anderen Tagebuch-Autoren. Nicht in erster Linie freilich an älteren, so sehr das bei seiner ungewöhnlichen Lese-Erfahrung nahezuliegen scheint. Für die Kurt-Bösch-Presse hatte er 1962 eine Auswahl von Gedankensplittern aus den »Sudelbüchern« Georg Christoph Lichtenbergs zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen. »Und wie modern ist er!«, schrieb er im März des Jahres an einen Freund: »Nicht nur als experimenteller Wissenschaftler, sondern auch als nüchterner Kopf, der sich sowohl gegen das abgelebte Hergebrachte als auch gegen moderne Modekrankheiten wie Geniekult, Wertherei usw. wandte. Da lassen sich leicht Parallelen zu unserer Zeit finden.« Auch über Friedrich Hebbels Tagebücher, die er zeitlebens bewunderte und gelegentlich zitierte, hat er spät noch (im Jahr 1974) einen kleinen Beitrag verfaßt, der die erste Begegnung mit diesen Texten als Erlebnis festhält.

Da Nossack aber überzeugt war, wer während dieses Krieges oder danach zum Schreiben gekommen sei, habe gegenüber früheren Schriftsteller-Generationen einen von Grund auf veränderten, nüchtern-skeptischeren Umgang mit der brüchigen Realität, sah er wenig Anlaß, die eigentlichen Klassiker des Tagebuchs für sich heranzuziehen: die französischen Moralisten, den Rousseau der Promenades oder Benjamin Constant. Er bewunderte das Zugleich von Unbedingtheit und Zurückhaltung in den autobiographischen Aufzeichnungen und journalen Stendhals und staunte über die Detail-Sicherheit Dostojewskis. Doch kommt es ihm so wenig in den Sinn, das Verhältnis seiner Eintragungen zu deren Notizen zu überprüfen, wie ihn Strindberg, jenseits des psychologischen Interesses, als Techniker der autobiographischen Innensicht fesseln konnte. Gewiß, er kannte unter den Autoren der Zeit zwischen den Kriegen die Journale André Gides und wohl auch Paul Valérys, wozu später sich die Tagebücher Montherlants und Julien Greens gesellten. Tieferen Eindruck hinterließen aber nur einige häufiger wiederkehrende Sätze Gides, die ganz auf sein eigenes Temperament paßten. Um geschichtlichen Rang und Geltung unbekümmert, wollte Nossack in den fremden Tagebüchern das Geheimnis der Lebendigkeit finden. Die Sachlichkeit der ungewöhnlichen Beobachtung, den Sinn für zeichenhafte Erscheinung, das moderne Mißtrauen gegen die Zeitverblendung und gegen das Antiquierte zugleich. Da war es eben der Blick zu den Gleichaltrigen, der das Verhältnis zum eigenen Tagebuch klären half: ein Gespräch mit Karl Krolow im Treppenhaus, ein Vortrag der Marie Luise Kaschnitz, ein zufälliges Treffen mit Max Frisch im Verlag gaben Anlaß, die eigene an der fremden Position zu überprüfen. Das Antiquierte! Kurz nach der Wiederaufnahme der Arbeit an seinem Tagebuch, am 25. August 1959, hatte Nossack die Tagebücher Oskar Loerkes zum erstenmal wiedergelesen. Bemüht, frühere Vorurteile gegen den Lyriker und Essayisten zu beseitigen, sucht er nach Gründen für den nach wie vor mißbehaglichen Eindruck dieser Aufzeichnungen. Als Lektor habe der kenntnisreiche Mann, von Peter Suhrkamp vorausschauend in diese Position geholt, eine vorbildliche Wirkung ausgeübt. Aber an seinen Tagebüchern springe die Diskrepanz zwischen Person und Anspruch sofort in die Augen und bereite Unbehagen. Aus dieser Spannung läßt sich ein Kriterium für die Bewertung, wie für das Verfassen von Tagebüchern ableiten: »Wenn einer das ist, was er ist, und mag es noch so klein sein, dann ist er eine Persönlichkeit; niemand dürfte ihm Provinzialismus vorwerfen.«

Auf diese Faustregel kam Nossack wenig später wieder zurück. Im Fall Loerke war die halbwegs behutsam geführte Nachprüfung tödlich. Als Nossack fünf Jahre später noch einmal auf das Thema zurückkam, ist mit dem Tagebuchschreiben auch der Dichter Loerke abgetan. Aber er stützt das barsche Urteil auf ein zweites, ein neues Argument: »Menschlich sind sie«, heißt es jetzt über die Tagebücher, »ganz zweitrangig. Das liegt vor allem an seiner Person, die man nur als subaltern bezeichnen kann. Er will etwas sein, was er nicht ist, und das, was er sein will, ist noch obendrein antiquiert. Diese Vorstellung von Dichter gehört ins Jahr 1880, aber schon nicht mehr in die Zeit von 1900-1933 ... Auch in der Prosa des Tagebuchs läßt sich dies antiquiert bürgerliche Gebildetsein nachweisen.« Das war am 14. Dezember 1964. Die Überfrachtung der privaten Aufzeichnungen mit Lesefrüchten, mit gebildeten Zitaten oder gebildeteren Anmerkungen zum Gelesenen, die Angleichung der eigenen Sprache an den so souverän wie eitel überblickten Bildungsschatz, schließlich die Vielstimmigkeit des Denkens, das sich an so vieles anbequemt und so vieles an sich heranzieht, muß nach Nossacks Auffassung das Unverwechselbare der schreibenden Person ganz auflösen. Der Autor petrifiziert sich, obwohl er doch so beweglich scheint. Das trifft nicht auf Oskar Loerke allein zu. Nach Nossacks Richtschnur, jeder sollte von seinem Standpunkt aus und für seine Welt endgültig schreiben, auch in der Privatheit des Tagebuchs, mußte ein großer Teil gerade der französischen Tagebuch-Literatur verworfen werden.

Ein anderes kam hinzu, irritierend, bedruckend, immer neu eine Entscheidung fordernd. Das Tagebuch bleibt nur glaubwürdig, wenn jeder Eintrag von der subjektiven Wahrheit des Schreibenden getragen ist. Schon das muß eine utopische Forderung bleiben, da im Hinschreiben die Worte eine eigene Macht zur Fiktion gewinnen. Auch wenn der Prozess des Schreibens festgehalten wird, treten im Ringen um den richtigen Ausdruck und im stilistischen Bemühen des Schriftstellers, in der Anwendung des Metiers also, Verfälschungen der Wahrnehmungen und des Gedankens ein, die unvermeidlich sind. Das ausformulierte Tagebuch ist, auch in der deklarierten Absichtslosigkeit des Schreibens, ein Stück Literatur. Wie weit aber darf das journal intime zur literarischen Gattung sich entwickeln? Darf es gar vom Autor ganz oder teilweise veröffentlicht werden? Eine Form unverantwortlicher Essayistik oder eine peinliche Selbstdarstellung? Mon coeur mis à nu, die Geste der Entblößung nach Rousseaus Vorbild märtyrerhaft dem lesenden Publikum dargeboten? Als Nossack das 1963 erschienene Werk: »Das europäische Tagebuch« von Gustav René Hocke liest, reagiert er scheinbar gelassen: »Der Gedanke, daß man aus den Tagebüchern die Seelengeschichte Europas ablesen kann, ist gut. Auch der Versuch einer Katalogisierung ist verdienstvoll. Trotzdem, der allzu elegante Katholizismus Hockes scheint ein wenig durch und macht das Ganze unbefriedigend.« Das ist aber nur die eine Hälfte der Angelegenheit, wobei sich fragen läßt, ob die Rekonstruktion einer Mentalitätsgeschichte oder gar die Aufhebung jeder Individualität in der Katalogisierung des Allzuvielen einen Autor wie Nossack befriedigen konnte. Der Einwand gegen die wiederum antiquierte Eleganz und den römischen Tonfall Hockes erfährt in der gleichen Notiz vom 2. Dezember 1964 eine Ausweitung: »Auch daß er einen Mann wie Max Frisch darin aufgenommen hat, ist ein grober Fehler, der nur darauf zurückzuführen ist, daß beide in Rom wohnen. Das sogenannte Tagebuch von Frisch ist ein unechtes Tagebuch, d. h. für Veröffentlichung bestimmt, also mehr oder weniger Feuilleton.« Das ist die andere Seite. Eine Reihe längerer oder kürzerer Essays oder Gedankensplitter, die in der Gestalt eines Tagebuchs, vielleicht sogar in der Abfolge ihrer Entstehung, für die Öffentlichkeit bestimmt ist, hat in Nossacks Augen mit einem wirklichen Tagebuch keine größere Ähnlichkeit als ein Briefroman mit wirklichen, aus dem Augenblick geschriebenen Briefen. Wenn Hocke auch unechte Tagebücher in seinen Katalog aufnimmt, wenn er zu Lebzeiten und auf den Kauf geschriebene Journale mit den im Nachlaß aufgefundenen Merk- und Sudelbüchern gleichsetzt, wenn Pascals Aufzeichnungen keine andere Textverfassung zuerkannt wird als den geistreichen Aphorismen und Bravourstücken in Prosa, die im Frankreich der Zwanziger Jahre als eigene Spezies der Literatur in Mode waren, dann muß auch jede daraus gewonnene Seelengeschichte fragwürdig sein. Dann aber ist die Zahl der zusammengestellten Texte schon Frevel. So kann Nossack zwei Wochen später aufatmend notieren: »Das Konzept des Vortrags der Kaschnitz über das Tagebuch. Vermutlich mit mehr lebendiger Wahrheit als die tausend Seiten Hocke.« Es ist übrigens der gleiche Tagebucheintrag, der auch die endgültige Abrechnung mit Oskar Loerke enthält.

Von Marie Luise Kaschnitz wußte er, daß sie Tage- und Merkbücher führte wie er, bestehend aus weit ausgeführten Skizzen zu Erzählungen, Landschaftsschilderungen und autobiographisehen Essays, aus der mehr oder weniger gewissenhaften Rechenlegung über die Wechselfälle und Ereignisse des Jahres und aus Randnotizen zum Handwerk. Wie seine Tagebücher waren auch diese nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Und wenn die Kaschnitz Tagebuch-Texte für ihre Prosa-Bücher verwendete, dann war sie sich des Unterschieds der Gattung völlig bewußt und verfuhr in der Bearbeitung der Einzelstücke danach. Ihr Vortrag: »Das Tagebuch des Schriftstellers« war in seinen knapp entworfenen Grundgedanken dem Stand seiner Überlegungen verwandt, traf aber die ihn zeitlebens umtreibende Frage nach der Wahrheit gerade der persönlichsten Aufzeichnungen nicht. Journaux intimes zu schreiben, wäre nun freilich auch Nossack nie in den Sinn gekommen. Die Zurückhaltung im Bekenntnis reicht da, buchstäblich vom ersten uns erhaltenen Eintrag an, bis ins Pathologische. Nur die quälende Beharrlichkeit, mit der Nossack die männliche Rolle vom Machtstreben des Weiblichen in seinen Alltags-Urteilen abhebt, der Gestus der Selbstverständlichkeit, mit dem er Bachofens wunderliche Phantasien als selbstverständlichen Erkenntnisstand der Gegenwart ausgibt und die nicht immer erträgliche Rhethorik des Wesentlichen hinter den spröde um Haltung bemühten Sätzen lassen die Spannungen in jenem innersten Bereich ahnen. Den Leser gehe das nichts an, dekretiert Nossack mehrfach in seinen Aufzeichnungs-Heften mit Blick auf die Nachfahren Rousseaus. Aber diesen Leser, diesen einen Leser, der nach Jahrzehnten ihn, den Autor, aus allen Zeugnissen und Aussparungen wieder zum Leben erstehen lassen wird, ist niemand anderes als eine Personifikation des Tagebuchschreibers Nossack. Auch ihn geht, als Schriftsteller, nichts an, was jenseits des Denk- und Schreibprozesses liegt. Was aber kann in diesem Prozess die ungesuchte Wahrheit, was die Utopie der Wahrheit sein?

Eine erste Antwort gibt die Skizze vom 18. August 1962: »Es könnte z. B. jemand ein Tagebuch fuhren über die kleinen alltäglichen Ereignisse, über das Wetter, über seine Arbeit, über Handwerker und andere Störungen, Telefonanrufe, Post etc. ... ganz ohne von sich selbst zu reden, ohne Reflexionen und ohne Literatur. Trotzdem würde er sich selber zeichnen, und zwar durch zweierlei Dinge: einmal durch die Auswahl des Alltäglichen, das er berichtet, und zweitens durch das Warum, dessentwegen er es für notwendig hält, Dinge aufzuzeichnen, die langweilig sind und jedem passieren könnten. - Es könnte z. B. ein Versuch sein, sich auszulöschen, und jeder Leser wird sich sofort fragen: Warum will dieser Mann sich auslöschen? - Erschreckend deutlich aber wird diese Zeichnung durch Aussparen oder Verschweigen, wenn dieser Mann durch andere Leistungen bekannt ist.« Nur ein Leser wird sich sofort fragen, warum dieser durch andere Leistungen bekannte Mann sich auslöschen will: das andere Ich des Tagebuchschreibers, das sich der Mann, der seine Spuren tilgen will, als Spurenleser vorstellt. Aber das Prinzip hält, mindestens in Nossacks Augen, der Nachprüfung stand. Der Träger der Wahrheit im Tagebuch ist das Ich, das in den angenommenen Rollen sich bewußt bleibt zu sein, was es ist. Das gibt jeder Bemerkung innerhalb der regula falsi, nach der einzigen, in immer neuen Annäherungen zur Wahrheit strebenden Methode der Erkenntnis, den Fehlerrahmen vor. Jede Anmaßung, jeder falsche Anspruch und jedes brillante Überfliegen der Erkenntnis muß diesen gültigen Rahmen sofort zerstören. Innerhalb des von der Persönlichkeit garantierten Zusammenhangs trägt dagegen jede, auch die vorläufigste Bemerkung zur Wahrheit des Tagebuchs und damit zur Wahrheit des Schriftstellers bei.

Ausgelöst war diese Skizze, wie Nossack sofort im Anschluß eingestellt, durch ein Gespräch mit Karl Krolow über dessen Artikel: »Der Einzelne und sein Tagebuch«, erschienen im Berliner »Tagesspiegel« vom 28. Oktober 1962. Dort stand der Satz: »Der mit sich Eingekerkerte, der im Gefängnis seiner Individualität und Sensitivität Festgehaltene greift zur Tagebuch-Äußerung. Er tut es in der primitivsten Weise, indem er an der Wand seines Zimmers die Tage durch Kreidestriche markiert.« Man muß dieses Gleichnis nicht mögen, das selbstgefällig die behagliche Einsamkeit des Schriftstellers in die Kerkerzelle hineinspiegelt. Aber es ist sofort einsichtig, was Nossack an der Gleichsetzung zwischen den Graffiti an der Wand und den unsicheren Markierungen und Spuren im Tagebuch fasziniert: das Zugleich aus dem notwendigen Bedürfnis, sich in der Zeit und am fremden Ort festzumachen, und der bis zur Hoffnungslosigkeit gehenden Dürftigkeit des Zeichens: »Es wäre oberflächlich, in den Kritzeleien nur Beschäftigung zu sehen, also sie mit Langerweile zu erklären, der Gefangene befindet sich in einer Zeitlosigkeit. Um sie zu bestehen, muß er Male und Maße in sich selber finden und sichtbar oder nachprüfbar machen. Wir kommen dabei auf die Frage, ob nicht durch Zeitlosigkeit das Existenzgefühl in Gefahr ist, verlorenzugehen. Nicht nur die sichtbaren Kritzeleien, sondern das Kritzeln vor allem hebt das Existenzgefühl. - Eine andere Frage ist, ob der Gefangene sich nicht doch an seinen Zellennachfolger mitteilen will und auch dies nicht sein Existenzgefühl stärkt. Das wäre doch wieder Literatur.« (Eintrag vom 19. August 1962) Hier konnte Nossack mit seiner Frage neu einsetzen; denn daß das in seinen Widersprüchen balancierte Ich die Voraussetzung für die Wahrheit ist, konnte zur Erklärung des literarischen Tagebuchs und seines Erkenntnis-Anspruchs nicht ausreichen. Aber die Gefängnis-Metapher mochte da weiterhelfen. Unter der Voraussetzung einer prinzipiellen Unerklärbarkeit der Welt konnten die Graffiti, sie seien Kassiber an die Nachwelt oder nicht, das für sie selbst nicht lösbare Geheimnis in sich bergen. Muß entsprechend nicht der Erkenntniswillen des Tagebuchschreibers von der Unauflösbarkeit des Geheimnisses ausgehen, wenn er zu dessen Erhellung etwas beitragen will? »Die Frage ist«, setzt Nossack am 26. November 1964 wieder ein, »soll in diesem und durch dieses Tagebuch ein Geheimnis verhüllt werden? Und zwar nicht nur vor anderen, sondern zunächst vor dem Autor selbst. Vielleicht auch weniger verhüllt, als um davon abzulenken. Und liegt dies Geheimnis nicht gerade wegen dieser Bemühung offen zutage? Ich vermute, ja. Natürlich wäre die Frage nur eindeutig zu beantworten, wenn die vorherigen Tagebücher noch existierten, die 1943 verbrannten. Es ließe sich dann genau sagen, was von Anfang an als Anlage angesehen werden kann und was nur Ergebnis der furchtbaren Mühle ist, durch die meine Generation von 1933 bis 1949 gedreht wurde. Dennoch: ich vermute, das, was ängstlich geheimgehalten werden soll, ist die absolute Unmöglichkeit, überzeugt und glaubhaft behaupten zu können: das bin ich, dieser völlige Mangel an einmaligem Charakter und an nicht zu verändernder individualistischer Substanz. Das Gefühl, sich auf nichts Eigenes berufen zu können und deshalb auswechselbar zu sein. Die Ahnung innerer Leere und infolge davon abgründiger Unzuverlässigkeit. Wann bin ich jemals ich gewesen? Wann wirklich? Wann habe ich so gehandelt, wie nur ich handeln mußte? Ist mein Handeln nicht immer ein ausweichendes Reagieren gewesen, damit die eigene Substanzlosigkeit durch äußere Anlässe nicht offenbar wurde?« Wenn das Tagebuch der Verschlüsselung vor dem Verfasser dient, wenn damit jede Bemerkung in das Zeichen des Geheimnisses gestellt wird, dann ist bei aller Fragwürdigkeit des Schriftsteller-Metiers ein Gelingen jenseits des Ich denkbar. Die Utopie kann in ihre Rechte treten. Kein Zufall, daß Nossack an dieser Stelle die verlorenen Tagebücher vor der Katastrophe wieder ins Spiel bringt. Im Untergang war die Trennung von der früheren Existenz selbstverständlich, da eine Zukunft kaum vorstellbar war. Nun aber mußte, im Weitergehen des Lebens, die Vernichtung von zwanzig Jahren der im Tagebuch aufgehobenen Biographie wie das Auslöschen eines Teils der an die Wand geschriebenen Graffiti erscheinen. Ohnehin bleiben die Zusammenhänge im Dunkeln. Was aber, wenn die Indizien und Spuren der Hieroglyphenschrift verwischt sind oder, wie in Nossacks Fall, nach der Zäsur durch willkürliche Chiffren ersetzt sind? Nossacks wachsender Unmut über schriftstellerische Willkürakte hängt mit dieser Selbstbeobachtung zusammen. Er erträgt die aufgesetzten Symbole in Hemingways Erzählungen nicht, weil er inzwischen den prophetischen Gesten und den Zeichen-Handlungen in seinen ersten Nachkriegsbüchern mißtraut.

 

III

Zwei der großen Tagebuchschreiber, die erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ins Bewußtsein traten, haben für Nossacks Orientierung keine Rolle gespielt. Von Kafka stellte er spät und mit Bedauern fest, es habe sich ein engeres Verhältnis nicht herstellen wollen. Und beim Lesen der Liebesgeschichte: »Unmögliche Beweisaufnahme«, die Anfang 1951 nach Abschluß der Lektüre von Kafkas »Prozeß« skizziert und 1956 in »Spirale. Roman einer schlaflosen Nacht« erschienen ist, versteht der Leser, welche Kluft die ergrübelte, von Spökenkieker-Wachträumen getragenen Phantasie-Welt Nossacks von der drängenden und unerbittlichen Macht der Gesichte trennt, die sich in Kafkas Tagebüchern und Erzählungen Bahn bricht. Aus uralten Quellen steigen diese Parabeln, tropisch wie die morgenländischen Erzählungen wie von selbst auf. Das Grauen der nächtlichen Stadterfahrung, der Blick nach innen und die absichtslose Folge der Worte und Bilder in den Traumpassagen werden mit einer der Stummfilm-Komik vergleichbaren Eindringlichkeit nachgezeichnet. Erkenntnis und Empfinden gehen mit einer traumwandlerischen Selbstverständlichkeit aus dieser Welt der Zeichen und Gesten hervor: Kafka braucht keine Mahnung, die Symbole aus der Schilderung der Alltagswirklichkeit ohne Forcierung hervorgehen zu lassen. Die Verirrung im Dunkeln, die offene Tür, die Botschaften ferner Instanzen, die Verwandlungen und der Prozess sind nicht Symbole für einen Sinnzusammenhang außerhalb ihrer, sie sind die Erfahrungswelt des Dichters Kafka. Nossack konnte das Gleichnis vom Prozess, der seine eigene Absurdität erweist, für seine Zwecke übernehmen und so eine seiner eindringlichsten Erzählungen schreiben, aber Kafkas »Prozess« ist keine übersetzbare, anwendbare Allegorie! Für ihn wäre die Frage nach dem unterschiedlichen Status von Tagebuch und Erzählwelt fast unbegreiflich gewesen. »Das Urteil« und die Vorstufen zu dem Roman lösen sich ganz selbstverständlich aus dem Kontext der Tagebuchaufzeichnungen ab, und eine Unterscheidung nach dem Maß der lebendigen Wirklichkeit ist, wo alles wirkliche Leben von gespenstischer Lebendigkeit ist, ganz sinnlos.

Mit Robert Musils Tagebüchern setzte sich Nossack im September 1963 auseinander. Zu einem Zeitpunkt also, da ihm das Nachdenken über diese Form der Selbstverständigung besonders wichtig war. Aus Gerechtigkeitsgründen will er den von Adolf Frisé herausgegebenen, sehr teuren Band gekauft haben. Mit dem »Mann ohne Eigenschaften« hatte er nichts anzufangen gewußt. Dieser habe zu lange theoretisiert und so dem Roman alle sinnenhafte Lebendigkeit genommen. »Überhaupt dürfte der Essayist in Musil, also der, der von außen um die Sache herumgeht und sie liebend betrachtet, stärker sein als das Kreative in ihm«, notiert er unter dem 11. Juli 1963, während das drückende Wetter in Frankfurt seine Nervosität und seine Unlust am Gegenüber steigerte: »Interessant diese Mischung von ratio und Sinnlichkeit, vermutlich sehr österreichisch, denn sie ist mir auch an Tumler aufgefallen. Diese Sinnlichkeit ist nicht eigentlich männlich, nicht zugreifend oder explosiv. Sondern weichlich über das ganze Wesen verteilt, anschmiegsam, ankriechend und etwas lauernd. Die Frauen wissen sofort Bescheid, werden vorsichtig und unsicher. Auch das habe ich in Berlin nicht ohne Staunen bei Tumler beobachtet. Ich gebe zu, daß mir diese Sinnlichkeit physisch unangenehm ist, deshalb kann ich mich irren.« Nicht ohne Staunen nimmt der heutige Leser eine solche Einschätzung wahr, die tickhafte Unterscheidung von männlich und weiblich (samt unerquicklichen Konnotationen, die mit der Weiblichkeit verbunden werden), der Vorbehalt gegen das dem Hanseaten Fremde und Unangenehme des Österreichischen, das er lieber von vorneherein auf exotische Distanz rückt, die halbe Zurücknahme des eigenen Urteils, das dann, auf wenige Indizien gestützt, umso schärfer ausfallen kann. Nossack bewunderte einzelne Züge in Robert Musils Werk, den späteren, fast wissenschaftlichen Abstand zu sich selbst, das Ungenügen des Enzyklopädisten an der Breite seiner Bildung, die aristokratische Haltung des Essayisten als das Wissen um den eigenen Wert trotz aller zweifelnden Depressionen. Aber das sind eigene Züge, die er im Anderen wiedererkennt, nicht der Versuch, dessen Besonderheit, dessen inneres Gesetz so aufzufassen, wie er es vom Leser seiner Bücher immer voraussetzen würde. Vielleicht sind die ungewöhnlich langen Ausführungen im Tagebuch, die von der Musil-Lektüre angeregt sind, ein besonders extremes Beispiel. Aber sie sind ein Beispiel für viele, wie der Tagebuch-Autor Nossack, gemäß den von ihm aufgestellten und immer wieder überprüften Spielregeln, mit den Außenwahrnehmungen - und dazu gehören bei einem Schriftsteller vor allem Bücher - umzugehen hatte.

Die Härte, ja Ungerechtigkeit vieler Bemerkungen über Autoren, Werke, Situationen, Freunde sind notwendig getragen von dem Bemühen der Abgrenzung. Festzuhalten ist nur, was aus dem Augenblick und aus dem Prozess des Denkens heraus wichtig ist. Daran aber darf auch dann nichts fehlen, wenn in den intellektuellen Vorgang der Aneignung und Abstoßung Erinnerungen und halb unterbewußte Motive eingehen, die zum Verständnis der Reaktion erforderlich sind. Daher die unüberwindliche Neigung zur Wertung. Daher die ständigen, immer redlich gemeinten Zurücknahmen der Unbedingtheit im Urteil. Daher das Wiederaufnehmen einer Reihe von Marotten, die aus den innersten, im übrigen verschwiegenen Schichten des Ich herkommen und die leitmotivisch die Jahrgänge des Tagebuchs durchziehen. Das Verblüffendste am Umgang mit Musil ist jedoch, daß die Lektüre des Bandes Nossack immer sofort auf sich zurückweist. Kaum ein gelesenes Buch hat ihn so lange festgehalten - die Notate reichen vom 9. bis zum 14. September -, kaum eines hat in diesen Jahren zu so ausgedehnten, so intensiven, schriftstellerisch so angespannten Eintragungen geführt. Über Musil ergeben diese Seiten kaum mehr als das eben Zusammengefaßte. In der Ausweitung des Nachdenkens auf die eigene Rolle als Schriftsteller führen sie Nossack, jedesmal aufs neue, tief in den Brunnen seiner Vergangenheit zurück. Begegnungen mit dem Vater, das Verhältnis zur Mutter, die Problematik der angenommenen Rollen, der rechtfertigende Rückblick auf die Phase seines Arbeitens und Agitierens für die Hamburger KPD vor 1933, alles das ist auf rätselhafte Weise ausgelöst durch einen Autor, mit dem er nach dem Lesen der Tagebücher noch weniger anfangen konnte als vorher.

Die Episode, eine der glänzendsten in dem umfangreichen Tagebuchoeuvre Nossacks, kann als Schlüssel dienen, um die weit auseinanderstrebende Vielzahl der Aspekte und die sehr unterschiedliche Dichte der Eintragungen so einheitlich aufzufassen, wie das Nossack vorgeschwebt haben mag. Mit dreizehnhundert Druckseiten, von denen der größte Teil in das letzte Jahrzehnt seines Lebens gehört, treten diese »Merkbücher« als ein zweites Lebenswerk von gleichem Gewicht neben die erzählerischen und die essayistischen Texte, denen sie, jederzeit erkennbar, komplementär zugeordnet sind. Man kann sie als die mögliche Beweisaufnahme des Schriftstellers über seinen Entwicklungsgang in einer von ihm aus jähem Entschluß neu begründeten Existenz lesen oder als eine sehr subjektive Chronik der deutschen Nachkriegsliteratur von der Kahlschlagzeit nach dem Ende über die Hoffnungen auf ein demokratisches Politikwunder und den intellektuellen Widerstand gegen den drohenden Bankrott aller Errungenschaften, über das Wahnbild einer Intellektuellen-Revolution und die Zerschlagung des Prager Frühlings bis an den Rand unserer Gegenwart, geschrieben von einem in seiner Zurückhaltung niemals vor Entscheidungen scheuenden Schriftsteller, der sich zum politischen Engagement bekannte. Wie viele Ereignisse, wie viele wichtige und rasch wieder versinkende Namen von Autoren, Künstlern, Kulturpolitikern und öffentlichen Charakteren tauchen nicht in diesen Jahresringen einer Autobiographie aus dem Moment auf! Am flirrendsten und vielleicht auch am beunruhigsten in den Jahren seiner breiten Anerkennung durch die Kritik, als der Hamburger Kaufmannssohn nach der Auszeichnung mit dem »Georg-Büchner-Preis« und mit dem Orden Pour le mérite zu einer Institution des geistigen Lebens in Deutschland geworden war. Viele Seiten füllen sich an mit dem Festhalten von Anlässen und Begegnungen in Stichworten, mit kürzesten Annotationen zu diesem oder jenen seiner Gesprächspartner, diesem oder jenem von ihm gelesenen Buch. Alles das so präzis in der Aussparung, daß sich für den Dabeigewesenen vermutlich der Zustand und die Atmosphäre eines mehr oder minder zufälligen Ereignisses wie einer Dichterlesung in Mainz, eines abendlichen Gesprächs mit Franz Tumler in der »Vollen Pulle« oder der Auseinandersetzung um das Verlags-Statut im Hause Suhrkamp zurückgewinnen lassen.

Als Buch genommen, verändern die Journale über die Jahre hinweg mehr als einmal den Gestus, aber nie die Grundhaltung, alle Außenwahrnehmung im Hohlspiegel des Ich aufzufangen und dieses Auffangen in die schriftstellerische Äußerung umzuwandeln. So kann ein Epiteton, ein unwirscher Nebensatz, eine schwer auflösbare Gedankenverbindung zum Anlaß werden - wie in den Erzählungen auch -, um aus der unscheinbaren Äußerung in tiefste Schichten des noch formullerbaren Denkens vorzudringen. Nossacks Tagebücher waren nicht zur Veröffentlichung bestimmt, jedenfalls nicht als Nachlaß zu Lebzeiten, sonst hätten sie so nicht geschrieben werden können. Der selbstauferlegte Zwang zur Utopie der Wahrhaftigkeit mußte jeden Gedanken daran verbieten. Aber als Nachlaß! Die beiden Entwürfe denkbarer Tagebücher, das ausgesparte Ich hinter den unverwechselbaren Spuren seiner Alltäglichkeit einmal, das bewußte Schreiben in das selbst nicht auflösbare Geheimnis zum anderen, setzen einen späteren Entzifferungsprozeß voraus. Wo alles gediegenes Zeugnis der verlorenen Zeit ist, kann sie und das mit ihr verlorene Ich seine unzerstörbare Gegenwart wiedergewinnen. So hat in den beiden letzten Jahren seines Lebens, in denen er sich als Schriftsteller auf Abruf wußte und das Herannahen des Todes unruhig erwartete, Nossack noch einmal (und diesmal mit unverhohlener Kunstabsicht) die erste Existenz des Schriftstellers in die zweite zurückgeholt. Wie er bei seinem verspäteten Abschluß des Aporée-Romans »Ein glücklicher Mensch« von 1975, dessen Titel ironisch auf eine Charakterisierung seiner selbst in den Tagebüchern zurückgeht, einen alten Mann zu einem erfundenen jungen Gegenüber sprechen läßt, dem er Abend für Abend in Fragmenten die Geschichte von Aporée, dieser Fehlstelle im Weltmeer erzählt, so beschwört er in den vorausliegenden und gleichzeitigen Eintragungen einen ganz jungen Nossack, der dem alten Kerl oder alten Mann aus der Erinnerung begegnet, den er, nicht ohne Schwierigkeiten und mit ungewissem Ausgang, sich vergegenwärtigen will. Im Herbst 1973 vor allem, als ihm das Warten auf das Ende zuerst zwingender als die Arbeit des Schriftstellers vor Augen ist, öffnen sich die Tagebücher langen Erinnerungspassagen, die ihrerseits erzählerischen Charakter annehmen. Am Neujahrstag des Jahres 1964 sprach Hans Erich Nossack beim Frühstück mit Siegfried Unseld »über dies Tagebuch ... oder genauer gesagt über die literarische letztwillige Verfügung, die endlich aufgesetzt werden sollte. Wunsch, den literarischen Nachlaß völlig dem Zugriff etwaiger nicht-literarischer Erben zu entziehen«. Die Überlegungen zum Charakter des Tagebuchs aus eben diesen Jahren zeigen, daß Nossack damals bereits an eine Herausgabe dieses Fundus aus dem Nachlaß dachte. Nach langen Vorbereitungen und durch das Zusammenwirken vieler Institutionen und Personen liegt er nunmehr zum zwanzigsten Jahrestag seines Todes geschlossen der Öffentlichkeit vor.

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer