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Interview mit einer Nebenfigur

Nach der Hamburger Erstaufführung von Sartres Stück Der Teufel und der liebe Gott, das bekanntlich in Deutschland zur Zeit der Bauernkriege spielt, fragte unser Reporter Herrn Nossack, was es wohl zu bedeuten habe, daß ein Nossack in diesem Drama als Bedienter auf die Bühne käme.
Es habe zu bedeuten, antwortete Herr Nossack, ohne sein Beifallklatschen zu unterbrechen, daß auch ein Existentialist der Inspiration nicht entraten könne. Erfahrungsgemäß pflege nichts einem Autor größere Qualen zu bereiten als die Namenswahl für seine Gestalten. Zum Glück fiel Herrn Sartre der typisch deutsche Name »Nossack« ein, als es eine aufsässige Nebenfigur zu taufen galt, und so konnte das Drama seinen Fortgang nehmen.
Ob es sich bei dem einzigen, aber um so unvergeßlicheren Ausruf des Bedienten Nossack »Ich möchte dem Erzbischof mit diesem Humpen den Schädel zertrümmern!« um eine historische Tatsache handle?
Herr Sartre habe sich, gab der Befragte zu, als ein abgründiger Psychoanalytiker bewiesen. Denn nun erst sei ihm - Nossack - klargeworden, daß er diesen Kernsatz, der alle weiteren Redensarten überflüssig mache, schon jahrhundertelang in sich verdrängt habe. Nur das Wort »Schädel« sei aus Gründen des poetischen Anstandes gewählt worden; ursprünglich hätte es »Birne« geheißen.
Ob es nicht tunlicher wäre, fragte unser Reporter, den Humpen vorher auszutrinken, da man doch in Kriegszeiten keinerlei wertvollen Rohstoff vergeuden dürfe. »O wackerer deutscher Bedienter!", rief Herr Nossack. Der Theaterhumpen habe schätzungsweise 3 Liter gefaßt, das bedeute ein Mehrgewicht von 3 Kilo. Als Angehöriger einer militaristischen Nation wisse man vom Mutterleibe an, daß ein Angriff auf einen Schädel nur bei rücksichtslosem Einsatz Erfolg verspreche. Wen Herr Nossack denn mit dem »Erzbischof« meine, da Hamburg doch kein Erzbistum sei?
Das dürfe er noch nicht verraten, da die Presse es sonst je nach Zonenbedarf mit der PEN-Club-Spaltung in Verbindung bringen würde. Ob er sich Herrn Sartre gegenüber erkenntlich zu zeigen gedächte? Aber gewiß doch. »Ich habe mir gelobt«, sagte Herr Nossack, »falls mein nächstes Stück in Frankreich spielen und darin ein Dichter - selbstverständlich als Nebenfigur, wie es sich gehört - vorkommen sollte, ihm den typisch französischen Namen Jean Paul zu geben.«

in: Montsartre. Almanach auf das 28. Große Hamburger Künstlerfest hg. v. Erich Lüth. Hamburg 1952, S. 53f.

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer