| Orpheus und ... Eurydike, möchten wir fortfahren, weil wir es so gewohnt sind. Doch wie ich
erst jetzt erfahren mußte, ist diese Geschichte niemals ganz richtig erzählt worden.
Als nämlich Orpheus seinen Bittgang vor der Königin der Unterwelt beendet hatte, vor
Persephoneia, die von den Menschen die Grausige genannt wird, da sie bleich und ungerührt
neben dem König Aides über das Reich der Toten herrscht, - doch was wissen wir Menschen
von Königinnen? Diese hieß einst die Liebliche und wurde wie der Frühling verehrt. Wir
haben das nur vergessen und auch, was ihre Verwandten, die überirdischen Götter, der
Mutter zur Antwort gaben, als sie darüber Klage führte, daß Aides ihre Tochter geraubt
habe. Es ist besser so, sagten sie zu ihr, denn unser Bruder würde sonst zornig die Toten
heraufführen und die Erde verwüsten. - Als also der Dichter geendet hatte, wartete
Persephoneia erst geraume Zeit, ob nicht der König ein Wort sprechen würde. Aber der
König schwieg.
Da wandte sie sich ihm zu und bat: »Gib ihm Eurydike zurück, o Aides. Sie ist ihm zu
früh genommen worden. Sie waren nur drei Wochen lang glücklich.« Aber der König
schwieg weiter.
»Du willst sagen«, fuhr Persephoneia fort, »es sei gegen das Gesetz, daß eine Tote zu
den Lebenden zurückkehre. Ist es nicht auch gegen das Gesetz, daß dieser Lebende zu uns
kam, um seine Geliebte zurückzufordern? Ist es nicht gegen das Gesetz, daß unsere
Wächter vor dem Herabschreitenden zurückwichen, daß die Büßer ihre Strafe nicht mehr
empfinden, während sie lauschen, und daß der Trank des Vergessens in all unseren
Untertanen unwirksam werden will? Ist nicht die Gewalt der Worte dieses Mannes gegen jedes
Gesetz? Ich möchte nicht, daß der Heimgekehrte uns droben grausam und unerbittlich
nennt.« Dabei rannen ihr zwei Tränen über die bleichen Wangen, und auch dies war gegen
das Gesetz. Doch der König schwieg dazu.
»Oder willst du sagen, daß es nicht zu ihrem Glück wäre, wenn wir ihm Eurydike
zurückgäben? Denn schon bald vielleicht würde sie rufen: O wäre ich dort unten
geblieben! O Aides, ich, die einst unter Blumen und Farben leben durfte, sage dir. Man
darf nicht auf diese Klage der Frauen hören. Tu es um meinetwillen.«
Da gab der König Eurydike frei. Aber er stellte die Bedingung, daß Orpheus sich auf dem
Heimwege zur Oberwelt nicht einmal nach ihr, die ihm folgen würde, umblickte.
Es wird nun immer erzählt, Orpheus habe sich deshalb umgeblickt, weil er keinen Schritt
hinter sich hörte und daran zweifelte, ob ihm Eurydike auch folgte. Das ist nicht der
wahre Grund; was wissen wir von einem Dichter? »Ich habe das Totenreich besiegt«, sprach
er zu sich und schritt freudig aus, von seinem Gesange, der in ihm nachklang, beschwingt.
Erst auf der zweiten Hälfte des Weges, schon näher dem Ausgang zum Lichte, wurden seine
Schritte zögernder. Es war, als habe er etwas zurückgelassen, das hielt ihn fest, und
schließlich zwang es ihn, stillzustehn. Dreimal versuchte er sich loszureißen mit
unnennbarer Qual, um die Schwelle zu überschreiten, dreimal vergeblich. Da stöhnte er
auf: »Ach, nie wieder werde ich so singen wie heute«, und wandte sich um. Und die er zu
erblicken meinte, das war nicht Eurydike, für die er zu den Toten hinabgestiegen war,
sondern die Königin, vor der er gesungen hatte, das Antlitz vom Hereindringen des rosigen
Tages lieblich beschienen. Dann wurde es ewige Nacht um ihn.
Nicht daß es uns zu glauben erlaubt sei, die Königin wäre ihm wirklich gefolgt. Und
dennoch müßte die Geschichte von einem gewissen Zeitpunkte an Orpheus und Persephoneia
heißen. Das würde auch besser erklären, warum der blinde Dichter später von
thrakischen Weibern zerrissen wurde. Denn sie merkten es wohl, daß er nicht mehr für
eine irdische Frau sang, sondern für die Todesgöttin.
geschrieben 1945; zuerst u. d. T. "War
es Eurydice?" in: Sie, Berlin, 3. März 1946. |