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Das Ich und die anderen Suche nach Wahrheit, Sucht des Schreibens: Die privaten Aufzeichnungen des
distanzierten Autors analysieren die Psyche seiner Generation.
Von Günter Dammann
Im Oktober 1964 findet die Jahrestagung der Darmstädter Akademie
statt, auf der Ingeborg Bachmann der Büchner-Preis überreicht werden soll. Nossack, drei
Jahre vorher Empfänger des Preises und seit kurzem in Darmstadt ansässig, sagt seine
Teilnahme unter dem Vorwand ab, er sei nach Hamburg verreist, und dies, obwohl er seinen
alten Förderer Hermann Kasack gern begrüßt hätte, Günter Blöcker (den
"Nazi"), von dem er sich mit Verwunderung letzthin positiv rezensiert sieht, in
Augenschein nehmen und selbst Bachmann (das "unechte Gelispel") hätte ertragen
wollen. Nun müssen die Gardinen der Wohnung drei ganze Tage geschlossen bleiben, auf
Klingeln an der Haustür darf nicht reagiert und das wild läutende Telefon ebensowenig
abgenommen werden. Warum das alles? Antwort: "Da ich zufällig in Darmstadt wohne,
ekelt es mich, an spezifisch Darmstädter Angelegenheiten teilzunehmen, und ich halte es
auch nicht für opportun, auf die Weise von den Darmstädter Lokalgrößen als
ihresgleichen sozusagen auf die Schulter geklopft zu werden."
"Das klingt hochmütig", merkt der Tagebuchschreiber selber an. Doch das ist
gerade auch die Haltung, für die Nossack in den fünfziger Jahren als eine Art Kultautor
bekannt geworden ist. Sich der Nestwärme entziehen, die Familie verlassen, sich dem Staat
verweigern, das war ein spezifischer Nonkonformismus, den dieser Autor, das wußte man,
durch seine Biographie beglaubigt hatte.
Erfahrungen des Nichts
Der 1901 geborene Sohn eines wohlhabenden Hamburger
Kaffee-Importeurs setzte sich in den zwanziger Jahren aus dem Elternhaus ab, der
Korpsstudent wurde Kommunist mit literarischen Aspirationen, die bald darauf der
Machtantritt des Nationalsozialismus für zwölf Jahre begrub.
Den Durchbruch verdankt Nossack erst einem Bericht über die Bombardierung Hamburgs im
Sommer 1943. "Der Untergang", 1948 in "Interview mit dem Tode"
erschienen, eines der bekanntesten der eher dünn gesäten literarischen Dokumente über
die Auswirkungen des Luftkrieges der Alliierten, markiert die Koordinaten, denen in den
fünfziger Jahren die Romane "Spätestens im November", "Spirale" und
"Der jüngere Bruder" folgten: Erfahrungen des Nichts, Neuschöpfung des Selbst
gegen die äußere Biographie, Transzendenz der Realität zur einsam-ortlosen
Märchenwirklichkeit.
Aus dem späteren, zunehmend umstrittenen Oeuvre gelten vielen heute noch die schmaleren
Werke wie "Das Testament des Lucius Eurinus" (1965) oder der Roman "Dem
unbekannten Sieger" (1969) als Meisterleistungen.
Die pünktlich zum 20. Todestag erschienenen "Tagebücher 1943-1977", die der
ausführliche Kommentar von Gabriele Söhling
vorzüglich erschließt, geben nun erstmals den Blick auf die Hintergründe frei, denen
das Werk entstammt. Was das Journal offenbart: Das ich, das sich hier neu erschaffen will,
hat nicht etwa die Welt völlig in sich, sondern ist geradezu leer von aller Substanz. In
der Reflexion über diese Voraussetzung zeigt sich die vielleicht faszinierendste, die
verletzlichste Erkenntnis dieser Aufzeichnungen.
Ein "Geheimnis" solle verhüllt werden und liege doch offen zutage, so gesteht
der Diarist, nämlich: der "völlige Mangel an einmaligem Charakter und an nicht zu
verändernder individualistischer Substanz", das Gefühl, "auswechselbar zu
sein", die "Ahnung innerer Leere". Alles sei nur Pose und Fassade.
"Wann bin ich jemals ich gewesen?" Das hört sich an wie ganz persönliche,
zudem psychologische Selbstanalyse, ja wie vernichtend bilanzierende Selbstkritik des
mittlerweile Sechzigjährigen: "Immer wieder überraschend und ein klein wenig
beschämend für mich: daß ich in Gegenwart anderer ihre Meinung für die richtige halte
und als meine Meinung akzeptiere. Nicht einmal aus Indolenz, sondern im Augenblick
scheinen sie mir tatsächlich recht zu haben."
Noch schmerzhafter: "Ich nehme jedesmal die Farbe dessen an, mit dem ich
spreche."
Elitäre Haltung also als Überkompensation von Unsicherheit und Ich-Schwäche? Möglich
und sogar wahrscheinlich. Was wichtiger ist: Nossack diagnostiziert diese Psychologie als
die Psychologie seiner Generation, der Generation derjenigen, welche die Schrekken des
20.Jahrhunderts verursacht und erlitten, vor allem aber eben verursacht haben. Und er
erkennt nun in diesem Mangel eine, seine Poetik des Romans. In den "Hohlraum"
des Ichs stürzen Möglichkeiten, die sich wieder nach außen wenden als die hemmungslos
redenden Erzähler und Figuren seiner Bücher. Sie alle sind Möglichkeiten eines Selbst,
dem die Substanz, in die es sich hier zerlegt, wiederum nur von außen zugekommen ist.
Wahrheit oder Geltung wird damit nicht ausgeschlossen, aber sie ist verzeitlicht:
"Wenn ich darüber nachdenke, wann ich nicht gelogen habe und nicht lüge, so möchte
mir scheinen, allenfalls dann, wenn ich eine meiner Figuren ihren Part sprechen lasse,
denn an diesen ihren Anteil Wahrheit, nach dem sie ganz naiv handeln, glaube ich im
Moment, wo ich sie sprechen lasse, selber, und sogar sehr intensiv und naiv. Vielleicht
ist das auch der Grund, weshalb es mich immer wieder zum Schreiben treibt wie einen
Süchtigen."
Mit diesem Hintergrund ist einiges noch unabgegolten in der Diskussion über Nossack.
Niemand sonst hat in der deutschen Literatur der Nachkriegszeit den Typus des
unzuverlässigen Erzählers so konsequent erprobt. Womöglich bedeutsamer noch: das
Vorübergehende der Geltung, die Verlaufsform des Schreibens, ja die Kontingenz der
Wahrheit in ihrer Abhängigkeit vom Augenblick und vom Zufall der Fixierung. Sein Stil
erwecke, so der Tagebuchschreiber, "nicht den Eindruck, daß es sich um notwendige
Äußerungen handelt und daß ich das, was ich hingeschrieben habe, auch wirklich so
dachte und empfand". Vielleicht lasse sich darum das ganze Journal, wolle das Ich
sich identisch darin wiederfinden, auf zwei Seiten zusammenfassen.
Totenstadt Hamburg
Das sind wichtige, immer noch aktuelle Reflexionen. Hüten
sollte man sich gleichwohl davor, alles, was gelegentlich an verqueren, auch wohl
peinlichen Urteilen in Nossacks Journal zu finden ist, mit solchem Passepartout für nicht
zurechenbar zu halten. Manches über Frauen wäre da leider einschlägig, ferner die eine
oder andere Entgleisung über die Opfer des Exils. Ohne Verbiesterungen ist dieser
bedeutende Mann der Nachkriegsliteratur gewiß nicht zu haben.
Einen weiten Weg durchlaufen diese Tagebücher. Sie beginnen in der Zeit von Krieg und
Nachkrieg in Hamburg, zeigen einen verkrampfen schon fast Fünfzigjährigen, dessen
literarische Aspirationen der Nationalsozialismus vernichtet hat und der Hamburgs Leiden
unter den Bomben beschrieben hat, doch der nichts aus der Holocaust- und
Trümmer-Wirklichkeit in sein ehrgeiziges Gedankenjournal hineinläßt, und sie enden in
den Siebzigern wieder in Hamburg mit bloß noch registrierenden Notaten des Alltags.
Für den Erfolgreichen, jetzt mehr denn je mit Ehrungen
überhäuften, aber sich schon überholt Wähnenden ist Hamburg zur permanenten
"Totenstadt" geworden. Der Subtext zu diesem Wort und zu den akribisch,
gelegentlich ironisch verzeichneten Schmerzen sagt, daß Nossack sich langsam an Krebs
sterben läßt, ohne auch nur an Gegenwehr zu denken.
Der Parcours der "Tagebücher 1943-1977": das widerborstige, fesselnde, aber
auch quälende Dokument einer Literaturepoche, die vergangen ist. Thomas Bernhard, nicht
der einzige, den Nossack als Kollegen emphatisch begrüßt hat ("Fleisch von meinem
Fleisch", aber "zeitgemäßer"), ist nun auch schon fast zehn Jahre tot.
Rheinischer Merkur, 30. 1. 1998 |