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Der Bogart der deutschen Literatur

Auf der Höhe seiner Enttäuschungen leben - Hans Erich Nossacks Tagebücher

Von Hugo Dittberner

Schon seit einiger Zeit gehören Bemerkungen wie "Kein Problem", "Kein Thema" zu den Trümpfen der Kommunikation. Sprechstundenhilfen und Handwerker, mit denen wir Termine vereinbaren wollen, aber auch Freunde, von denen wir etwas erwarten zu können hoffen, sei es im Fernsehen oder im richtigen Leben, erfreuen uns mit solcher Auskunft und machen uns manchmal nachdenklich. Kein Wunder, sagen wir, daß die Problemliteratur an den Rand des Interesses geraten ist.
Vielleicht liegt es an diesem Zeitgeist, daß der Name Hans Erich Nossack weitgehend aus dem literarischen Gespräch verschwunden ist, vielleicht auch daran, daß die Bezugsgröße seiner Prosaformen, die aus Angeklagtenberichten und Gesprächssituationen, wie man sie aus dem Gericht kannte, weitergeschrieben wurden, ihren paradigmatischen Wert als Ort der Klärung und des Versuchs eines öffentlichen Gerechtwerdens verloren haben: Als habe es sich unter dem Titel Justiz ein Schacherklub mit Tätern gemütlich gemacht. Wer möchte da noch allen Ernstes Zeugnis ablegen! Und so wird dem raschen Hinsehen heute nicht wenig von Hans Erich Nossacks Werk antiquiert vorkommen. Denn gerade darum, um den Ernst des Zeugnisses aus problematischen Zusammenhängen, geht es Hans Erich Nossack. Er möchte den einzelnen von der Gesellschaft, ja vom Leben freisprechen.
Es gibt allerdings eine große Ausnahme. W. G. Sebald hat kürzlich darauf hingewiesen, daß es in der deutschen Nachkriegsliteratur fast so etwas wie ein Tabu gab (und er vermutet, daß dies auch ein Tabu der Bevölkerung war, das man aus Schuld, im Schock, vor Grauen auf sich nahm): die Bombardierung der deutschen Städte am Ende des Zweiten Weltkriegs, vielmehr deren Auslöschung. Obwohl doch wohl das eine oder andere Charakteristikum der Deutschen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts, ihre Unrast (genannt Reiselust), das sieche Schweigen neben dem Grölen, die Gebärde des Abwendens in dieser Katastrophe eine Erklärung finden könnte. Aber das wurde kein literarisches Thema - mit dieser einen Ausnahme von Hans Erich Nossacks Der Untergang, den Nossack 1948 in dem Prosaband Interview mit dem Tode veröffentlichte, den er aber schon im November 1943 geschrieben hatte.
Nossack war dem Inferno im Juli 1943 entkommen, weil er mit seiner Frau für ein paar Tage Urlaub in der Heide machte, knapp 20 Kilometer von Hamburg entfernt. Von da hörten und sahen sie das Aufbrausen des Feuers, sahen später die Tausende von Flüchtlingen (es sollen über 250 000 gewesen sein), die in verstörtem Schweigen wie eine schleichende Unruhe in die Dörfer sickerten ... Man muß das lesen. Es ist ein Text, der seine Spannkraft Satz für Satz auch bei der mehrfach wiederholten Lektüre bewahrt.
In dieser in ihren Ausmaßen und Sensationen unfaßbaren Katastrophe hatten auch die Nossacks ihre Wohnung und die Dinge ihrer Gewohnheit, Bilder und Bücher und Manuskripte verloren, darunter die vielen Seiten des Tagebuchs, das Nossack seit über 27 Jahren geführt hatte. Noch Jahre wird Nossack beim Hinwenden zu Gegenständen, die verschwunden sind und deren Verschwinden sich mit dem Verschwinden so vieler anderer Dinge, ja ganzer Häuserzeilen, Viertel, Kirchen verbindet, in den Abgrund stürzen. Sebald zitiert, daß die Hamburger nach dem Krieg in der S-Bahn einen Fremden daran erkannten, daß er sich den Fenstern und der Wüste dahinter zuwandte. Und doch führt Nossack bald darauf sein Tagebuch weiter, und zwar mit dem Satz: "Amor fati - welch eine Prahlerei liegt darin, wenn einer sich dessen rühmt."
Rühmen wird sich der Hamburger in diesem Tagebuch nicht, das er mit einer längeren Unterbrechung in den fünfziger Jahren bis kurz vor seinem Tod am 2. November 1977 schreibt, obwohl es genug äußere Anlässe zu vermelden gibt, den Büchner-Preis, den Orden Pour le mérite, das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern, die Mitgliedschaft in der Mainzer Akademie, in der Hamburger, in der Darmstädter, die Übersetzungen und die erfolgreichen Lesereisen in der Welt ...
Davon weiß der 42jährige Nossack 1943 nichts. Er ist der Hamburger Kaufmannssohn, der in seinem Jura- und Philosophiestudium gescheitert ist, sich als Hilfsbuchhalter und Angestellter durchgebracht hat und 1933 doch noch als Geschäftsführer in die väterliche Firma eintrat, nicht zuletzt, um seine politische Vergangenheit zu maskieren. In Jena war er in die Burschenschaft Thuringia aufgenommen worden und hatte sich dort die Schmisse geholt, die in der Nazizeit seine Maske perfekt machten. Aber er war auch eine Weile in der KPD - und im Freikorps gewesen. Seit 1923 in Hamburg zurück und seit 1925 mit Gabriele Knierer verheiratet, arbeitete er 1929-33, nach eigener Betonung, aktiv in der KPD mit, um Hitler und den Nationalsozialismus zu verhindern (seine Frau lernte sogar das Schießen), mußte er Hausdurchsuchungen und Verhöre überstehen, lebte dann aber als Firmenchef, der nachts und am Wochenende schrieb, ein Leben im Abseits.
Und nun, durch den Untergang Hamburgs nicht nur bedroht und in Frage gestellt, sondern auch befreit von allzu lastender Vergangenheit, schreibt er sein Tagebuch weiter, Anschlüsse suchend, das Unfaßbare berichtend, Lektüren, Ereignisse und eigene Werke bedenkend, das Erleben seiner Welt als Schriftsteller erschreibend, so daß diese Tagebücher im Zentrum tatsächlich so etwas werden wie ein "Skizzenbuch der Gedanken".
Wer die tausenddreihundert eng bedruckten Seiten des Tagebuchs liest, kommt nicht umhin, fixe Ideen, Borniertheiten und Ressentiments wahrzunehmen wie die Jagd auf einige Kollegen, darunter den offenbar nur flüchtig gelesenen Goethe. Norbert Miller hat die Schwächen in seinem ausgreifenden Nachwort, das Nossack, beginnend mit Plinius dem Älteren, der den Untergang Pompejis bezeugt, in den Kontext der europäischen Tagebuchliteratur stellt, diskret gekennzeichnet, und ein wenig erscheint dadurch dem Eingeweihten Hans Erich Nossack als ein armer Mann.
In der Tat ist Nossacks Schreibkunst neben der spielerischen Abgefeimtheit des Thomas Mannschen Tagebuchstils etwa (die seidenen Unterhosen und der Rest der Welt), neben dessen anspielungsreicher Verknappung der Diktion (gleichsam das moderne Gegen-Werk zum Elaborat des Satz-Baus der Romane, Essays und Erzählungen) eher schlicht; freilich beharrlich das Seine behauptend.
Nossack ist nicht auf Bildung aus, auf Vergangenheit, er denkt von der Zukunft, von seinem Tod her. Immer wieder bedauert er, nicht so früh wie seine Lieblinge Pavese und Camus, den er als seinen jüngeren Bruder empfindet, gestorben zu sein. Und zu dem Ergreifenden der Lektüre gehören die lakonischen Hinweise auf das Alter, nun doch 60 zu werden, und dann wohl auch 65 und 70 (und es sollte noch schlimmer kommen), die sich mit den Meldungen der Stürze (Nossack war seit einem Unfall in der Kindheit gehbehindert) und der von der Frau dringend gewünschten Umzüge zu immer bedrohlicheren Leitmotiven in dem ganz anderen des Tagebuchs entwickeln.
Aber was ist das Seine, wie sieht sein Skizzenbuch aus? Zuerst: es ist, was es schließlich ist, nicht immer. Denn natürlich bedient auch dies Tagebuch die einmal gewählte Konvention des Tagebuchs. Es ist zunächst, bei aller angestrebten Knappheit, weitschweifig und zerstreut, dann konzentriert, um mit dem äußeren Erfolg des Schriftstellers zum Gerede zu zerfallen (doch er selbst merkt es und spricht es aus), um schließlich ein echtes Gegenüber zu werden, das sich nicht auf ein Konzept verkürzen, nicht definieren und nicht verfehlen läßt. Es ist so etwas wie eine Prosa-Musik, die man weitermusiziert, eine Tonlage, die man akzeptiert hat.
Wir können es am besten einigen Kürzest-Eintragungen ablauschen, den Stellen, zu denen, trotz aller lakonischen Herabgestimmtheit, das Herz lacht, wie wir sagen: "Hamburg, 18. u. 19. 2. 1960 / Nichts. Kino. Kriminalromane.", "Hamburg, 23. 2. 1960 / Offenbar nichts.", "31. 8. 1960 / Da hilft kein Beten mehr, da hilft nur noch Kino." Nossack spricht einmal von dem rätselhaften Fis-Dur, auf das sein Geist antwortet. Man kann es nicht in eine Form, in eine Phraseologie fassen, aber in der Tendenz: "Die Sache ist ganz einfach: Man muß so schreiben - und die Gestalten, die man reden läßt, so sprechen lassen - wie von jeher Menschen gesprochen haben, die ganz allein sind. Das ist die einzige zeitlose Sprache, die immer möglich ist." Und Nossack fragt: "Sollte es Wirklichkeit nur in der Einsamkeit geben?"
Seine erträumte Lebensform als Gynmasiast wie als 42jähriger war, in einer Kleinstadt allein zu leben, in einem Zimmer mit dem Schreiben. In diesem Schreiben, dem Aufriß des Schreibens als Erfahrung und Projekt gleichsam, als Gegenwart des Aufzeichnens, erscheint das Erlebnis als Wirklichkeit. Dagegen, so sagt also auch Nossack, verblaßt alles andere - und braucht auch nicht durch Schilderung aufgeputzt zu werden. Für Nossack, der sich weder recht als Erzähler noch als Essayist fühlt, sondern als Situationsberichter, zählt allein die Spannung, die Spannung zum Nichts, die der pragmatische Nihilist (Atheist seit zwei Generationen, wie er betont) herzustellen und weiterzugehen hat als Literatur, die mehr ist als Literatur. (Versteht man das noch?)
Dabei nimmt Nossack das Maß der Moderne, die Intensität, durchaus auch für sein Schreiben in Anspruch. "Aber es kommt nicht auf die Intensität an, wie wir sie fälschlich fordern, sondern darauf, daß die Dinge aufgenommen und weitergegeben werden, also gleichsam ins Leben geführt werden, wn sich dort zu bewähren und sich dessen zu entledigen, was ihnen noch an Unbewußtem vom Mutterleib anhängt."
Der Mutterleib - das steht für den gewagtesten Affront in Nossacks Lebensbuch: für das der Welt der gebärenden Frauen (Nossack sagt auch: Weib) zugehörende Prinzip der schnöden Maternalität und Realität, das nur das Prinzip des Männlichen: der Geist zu transzendieren versteht. Das aufgeklärte Bewußtsein dieses Jahrhunderts will sich empören und hier (wie auch an einigen anderen Stellen) Infizierungen von sonst bekämpften Ideologien bei Nossack feststellen.
Und in der Tat klärt sich seine linke Position relativ spät in den Tagebüchern, auch wohl wegen der lange bedachten Vorstellung, nur Maske vor einem Hohlraum-Ich zu sein (Rilkes Philosopheme tönen nach, die in dem Diktum kulminieren: Was heißt hier siegen, überstehen ist alles).
Die persönliche Erfahrung Nossacks erklärt manches. Er hat seine Mutter als Inbegriff des bösen Menschen erfahren, als jemand, die es verstand, ihm immer schon ein schlechtes Gewissen einzuimpfen, als tauge er nichts und sei nur gar ein Nichts. Darüber hinaus zu gelangen, doch wer anders zu sein, war der Motor seines Schreibens. Und die Frauen, die werden zwar apostrophiert, aber sie sollen nicht auf der Strecke bleiben. M. (für Misi, wie sie im Untergang heißt, der Kosename seiner Frau) trägt er, als er noch stark genug ist, über die Heide. Aus dem Flugzeug, als es am höchsten ist, über 10 000 Meter hoch, ordert er Rosen für sie. Er ist der Bogart der deutschen Literatur, ganz zweifellos, ein im Kern sentimentaler Pathetiker des Mannes, der sich am Riemen reißen muß und für den die höchste Form der Liebe Mitleid ist.
Wie vielschichtig diese sonst in knappsten Nachrichten angedeutete Liebesgeschichte mit M. ist, lernt man aus zwei längeren Passagen über einen Seitensprung mit M. H. in Braunlage und über das Lehrjahr der Liebe mit einer jungen Polin. Doch so deutlich wird Nossack, wie gesagt, erst spät. Immerhin gehört die autobiographische Skizze, die der alte Nossack, auf einer Bank sitzend vor jenem im Untergang verschwundenen und nun anders entstandenen Viertel, dem unvorstellbaren jungen Nossack zuschreibt, zu den Höhepunkten der Tagebücher. Und ihr Erscheinen hier, in ihrer Umfänglichkeit, legt den Gedanken nahe, daß auch die gelungenen Stücke von Nossacks in den Tagebüchem als Pensum geführter und in ihren Formen als Roman geradezu verächtlich behandelter Produktion: neben dem Untergang, neben den Etüden und der Unmöglichen Beweisaufnahme, als integrale Teile dieses großen Aufzeichnungsbuches gedacht werden können.
M.s Unfähigkeit, in einer Wohnung zu bleiben, sorgt, das ist vielleicht die Ironie dieses Buchs, für neue und schmerzhafte, aber die existentielle Spannung aufrechterhaltende Anstöße. Nur als sie vom geliebten Frankfurt ins gruftige Hamburg zurückziehen will, läßt Nossack es, nach über vierzig Jahren Zusammenleben, zur Trennung kommen und lebt ein Jahr lang sein immer gewünschtes Alleinsein als Schriftsteller. Er ist inzwischen ein Endsechziger, genießt aber dies Leben und nutzt es zum Schreiben, zu Kontakten, ja zum Engagement.
In der 68er Revolte, die das Haus Suhrkamp erreicht, versucht er, Unseld "durch Anwesenheit zu helfen" und kann eine eigene Position anbieten ("Intoleranz ist im Grund reaktionär"). Man sieht ihn fast, der in seinem Tagebuch den Friseurbesuch, den Kauf von Anzügen und die Sektflaschen zu erwähnen pflegt, als jemand, der angesichts abenteuerlicher Aufgeregtheit in Fasson bleibt. Siegfried Unseld schickt ihm, so lesen wir, zum Dank für Treue sechs Flaschen Sekt in die einsame Behausung.
Freilich, dankbar würden wir sein, wenn der Dank des Verlegers nun den Respekt vor dem Manuskript, vor dem Geist des Manuskripts, eingeschlossen hätte. Die Herausgeberin Gabriele Söhling (und nicht der im Text vorgesehene Christof Schmid) schreibt: "Die von Nossack verwendeten, zusätzlich mit einem Trennstrich versehenen Leerzeilen zwischen den Absätzen (... ) sind im Druck aus Platzgründen durch einen Gedankenstrich am Anfang des folgenden Absatzes ersetzt." Hört sich harmlos an. Aber der Strich ist heute zur Kennzeichnung wörtlicher Rede üblich, und das zusammengestauchte Textbild achtet nicht die Pausen und das Schweigen ausgerechnet eines Autors, für den das Schweigen wichtiger Teil des Textes ist und der dem Leser nichts so sehr beibringt wie darauf zu achten, was er nicht sagt.
Viele Formulierungen, zu Jahnn und Frisch, zu Böll und Walser, zu Themen der Zeit und des Tages, die ich mir wegen ihrer Radikalität und der darin sprechenden Integrität ihres Autors notiert habe, müssen unzitiert bleiben. Nossacks Integrität ist es auch, die ein empörtes Reagieren auf seine immer scharfen und riskanten Urteile besänftigt. Bis zuletzt, als er M. tapfer in das vorhergesehene abschüssige Hamburger Lebensfinale gefolgt ist, nimmt er sich in dem Tagebuch, das sein lebenslanges Geheimbuch war, das er zuschlug, wenn M. das Zimmer betrat, die Opfer seiner harschen Urteile immer wieder vor und nähert so sein Urteil unserm vernünftigen an. Nur über Jünger urteilt er zwar ausführlicher, aber gleichbleibend kompromißlos mit nein. Und er hält sich etwas darauf zugute, dessen Zuwahl in die Friedensklasse des Pour le mérite (in der Kriegsklasse ist Jünger ja) verhindert zu haben. Goethe wird noch sein Briefwechsel mit Schiller angerechnet, weil ein junger Autor daraus lernen könne. Aber nicht mehr als aus diesem Buch der Einsamkeit.

Frankfurter Rundschau, 7.3.1998

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer