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Keine Begegnung im Innenraum

Klage um die verlorene Vergangenheit, Suche nach dem erlösenden Satz: Hans Erich Nossacks bewegende Tagebücher atmen den Geist der Nachkreigszeit

Von Steffen Martus

Kurz vor seinem Tod notiert Hans Erich Nossack resümierend: "Da hat man nun einen Haufen Bücher geschrieben, und kann nicht davon leben, sondern ist weiter auf die Güte von K. B. angewiesen." Bis ans Ende seines Schriftstellerdaseins bleibt der vielfach ausgezeichnete Preisträger, das Mitglied diverser Akademien und des Ordens "Pour le mérite", abhängig von fremder Unterstützung. Nossack gehört zu den unbekanntesten unter den bekannten Dichtern, und das nicht ohne Grund, denn sein literarisches Werk stellt ein über mehr als 30 Jahre fortgesetztes Selbstgespräch dar. Das Themenreservoir und die Experimentierstube für die Dramen, die Romane und Erzählungen liegt jetzt in einer meistergültigen Edition vor: die Tagebücher aus den Jahren 1943 bis 1977. Am 30.1. 1959, seinem 58. Geburtstag, vermerkt er darin: "Und immer wieder, wie seit meinem fünfzehnten Jahr, nur die einzige Möglichkeit, das Unhaltbare meiner Tage durch ein Werk für mich selbst vorübergehend weniger spürbar zu machen."
Nossack fährt eine Existenz im Zeichen des Überlebens. Aus dem Inferno der Bombennächte von 1943, in denen er seine persönliche und literarische "Stunde Null" erfährt, geht er als Schriftsteller hervor. Bekannt wird er nach dem Krieg mit "Der Untergang", einem kargen Bericht vom Fortbestehen und von der Zerstörung Hamburgs, bei der Nossacks Biographie in Gestalt seiner Tagebücher in Flammen aufgeht. Von diesem katastrophischen Befund nimmt das neue Leben seinen Ausgang:"Wir haben keine Vergangenheit mehr."
Der Verlust der Vergangenheit bedeutet für Nossack zunächst den Gewinn der Gegenwart. Noch am Tag des Bombardements beginnt er ein neues Tagebuch und setzt nun literarisch eben jene Selbsterfindung fort, die er vor dem Krieg politisch begonnen und die das Naziregime vorläufig beendet hatte. Bereits sein politisches Engagement in den zwanziger und dreißiger Jahren hat dabei vor allem einen Sinn: die Ablösung von aller "Herkunft", in erster Linie vom Elternhaus. Sein erstes Leben datiert er von 1922 ab, als ihn die Ermordung Rathenaus zum pathetisch inszenierten Austritt aus dem Studentencorps "Thuringia" bewegt. Im Laufe wechselvoller Jahre, die er in Armut und am Rande der Legalität verbringt, wird er wiederholt zum Parteiaktivisten der KPD, freilich weniger aus ideologischer Überzeugung, denn aus Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. Nach der Machtergreifung drangsalieren die Nazis Nossack mit Hausdurchsuchungen und lassen ihn dann als inneren Emigranten im Handelshaus, seiner Eltern in Ruhe.

Gegen Franz Josef Strauß

Auch später nimmt er eine klare politische Haltung ein. Daß Gottftied Benn keinen angemessenen Satz für sein kurzes politisches Mitläufertum während des Dritten Reichs findet, hält Nossack, darin Celan zustimmend, für skandalös, und als Franz Josef Strauß seine politische Karriere in die Höhe zu schrauben beginnt, sieht Nossack erneut wie 1933 das "sattgefressene Kleinbürgertum" und die "Reaktion" am Werk. 1968 sympathisiert er immerhin kurzzeitig mit der Studentenrevolte und wendet sich dann von ihr ab, weil sie anstelle von "Illegalität" die "Publizität" wählt - zum "deutschen Herbst' finden sich keine Notate. Seinen Kollegen jedenfalls rät er anstelle von Unterschriftensammlungen gegen den Vietnamkrieg zum Eintritt in den Vietcong.
Derart konkrete politische Polemik verschweigen seine literarischen Werke, und das nicht nur, weil die radikale Aburteilung von Inhumanität gleich welcher Form für Nossack selbstverständlich und eben deswegen literarisch uninteressant ist. Die eigentlich politische Haltung besteht für ihn vielmehr in der Gegnerschaft zu jeglicher Partei. Letztlich interessiert Nossack gerade das, was sich jenseits der Geschichte findet. Sein Schreiben spart das Selbstverständliche aus. Reduktion ist das poetische Prinzip der bis ins Märchenhafte reichenden Erzählkunst. Daneben ist Nossack allerdings auch ein exakter Beobachter, der die Nachkriegsgesellschaft in satirischen Porträts einfängt. Die "Begegnung im Vorraum", so bedeutungsvoll der Titel der Erzählung auch klingt, findet nun einmal in aller Wörtlichkeit auf dem Weg zur Toilette im Vorraum einer Kellerkneipe statt.
Die Erfahrung, sich selbst verfehlt zu haben, beschäftigt Nossack in seinem Werk und auch in seinen Tagebüchern. Alles Äußerliche, zumal die Vergangenheit, lenkt ihn von der eigenen Persönlichkeit ab - daher das besondere Verhältnis zum "Untergang" Hamburgs, denn nie wurden alle Zeichen der Vergangenheit für Nossack gründlicher ausradiert. Von Anfang an und mit steigendem Zweifel sticht der Tagebuchschreiber in seinen Einträgen nach nur einem Satz: "Das, was mir eigentlich zu leisten aufgegeben war, habe ich, glaube ich, bisher nicht geleistet: einen einzigen Satz sprechen oder schreiben, der ganz rein nur zu mir gesprochen ist, also ohne Ahnung eines Gegenüber."

Dieser Wille zur poetischen Selbsterschaffung bildet eine Art existentialistischer Grundlinie, die die Tagebücher am engsten mit den fünfziger Jahren verbindet. Nicht umsonst ist Nossack ein glühender Bewunderer von Camus; Sartre, der Nossacks Werk in Frankreich bekannt macht, wird zwar vorsichtig, aber achtungsvoll erwähnt. Wenn man sieht, wie scharf die literaturkritischen Urteile ausfallen, im Guten, besonders aber in abfälligen Bemerkungen über das"unechte Gelispel der Bachmann" etwa, über Goethe und Nietzsche als "exzessive Karikaturen der Deutschen, die sich dafür eigneten, dem Kleinbürger als Heiligenbilder vorangetragen zu werden", oder immer wieder über Thomas Mann und Ernst Jünger, deren Selbstdarstellung Nossack für verlogen hält, wenn man also dies alles mithört, bedeutet sein Verhalten gegenüber Sartre nicht wenig. Motive wie die "Tat", der "Ekel", die Gedanken an den "Selbstmord" und über das "Nichts" - all das gehört zum Zeitfundus und ist wenig originell. Nossack weiß das. Überhaupt kennt er sich ziemlich gut. Man kann kaum unnachgiebiger und kritischer mit ihm umgehen, als er selbst es getan hat. Daß er viel Banales sagt, daß seine philosophischen Überlegungen gelegentlich wenig gedankliche Substanz haben, daß die Tagebucheinträge in manchem unter dem Niveau seiner Bücher bleiben, dessen ist sich der Tagebuchschreiber selbst nur allzu deutlich bewußt.
Darin aber besteht für Nossack nicht das eigentliche Problem der Einträge. Woran er hingegen vor sich selbst scheitert, ist die Einsicht, daß er den geradezu schicksalshaften Auftrag zum Neubeginn nicht erfüllen kann. Nossack gelingt keine voraussetzungslose Tagebuchführung, die Erfahrung einer "Stunde Null" stellt sich als Illusion heraus. Immer wieder schweifen seine Gedanken von sich selbst weg zu einem möglichen Leser, und vor der ersten Aufzeichnung in der Bombennacht findet sich ein kleiner, undatierter Übertrag aus der Zeit vor dem Luftangriff auf Hamburg. Nossack kann seine Vergangenheit nicht abstreifen.
Die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft führt er verdeckt vor allem in den intellektuellen Tiefpunkten der Tagebücher, in seinen Reflexionen über das Weibliche. Vom Haß gegen die Herkunft als Haß gegen seine Mutter, der sich bis zur Mordphantasie verdichtet, bleiben hier oft nicht einmal mehr komische Skurrilitäten. Eine kleine Episode aus dem Jahr 1969 läßt sein Unverständnis für dieses Thema in freundlichem Licht erscheinen. Auf einem Werbeplakat liest Nossack den Slogan "Frauen aller Welt, bedient euch eurer stärksten Waffen!" Er erinnert sich, im Jahre 1933 für die KPD ein Schema ausgearbeitet zu haben, "wie man bei den Frauen Propaganda machen sollte". Aber die Zeiten haben sich geändert - er tritt näher, "und da zeigt es sich, daß es sich nur um Reklame für einen Hüftgürtel handelt".
An mehreren Stellen bezieht Nossack sich auf das von den Tagebüchern Ausgesparte. Die Notate widmet er, insbesondere zu Beginn, beinahe ausschließlich seiner "geistigen" Existenz. Die andere Hälfte seines Doppellebens, beispielsweise die Erwerbstätigkeit im väterlichen Betrieb, läßt er weitgehend aus. An keiner Stelle tönen dabei die Leerstellen im Tagebuch so laut wie in dem beinahe umgeschriebenen Tagebuch des Jahres 1953. Vorangegangen war die mit wenigen Strichen großartig skizzierte Episode einer Liebe, die mit aller Leidenschaftlichkeit die ohnehin einsturzgefährdete Fassade der Sachlichkeit niedergerissen hatte. Hier erlebte Nossack, was es bedeuten würde, eine Entscheidung gegen sein bisheriges Leben zu treffen, und er erkennt, daß er zu "feige für das Glück" ist.

Wenn der Tod nicht kommt

Im Alter gelangt Nossack erneut in die Situation des Überlebenden. Der Tod verschont ihn gewissermaßen ein zweites Mal. Für den Schriftsteller bedeutet das jetzt nicht mehr den Beginn eines neuen Lebenslaufs, sondern vielmehr dessen ermüdende Dauer. Nossack überlebt die wenigen Geister - Hans Henny Jahnn etwa, Camus, Celan oder Adorno -, denen er sich verbunden fühlt. Die Suche nach dem einen Satz wird zur Tortur. 1972 notiert er: "Wenn man Biographien liest, fällt auf, daß die anständigen Künstler mit 65 sterben, ausnahmsweise bringen sie es bis 68, das ist das höchste. Ich lebe also schon vier Jahre zuviel und ohne Recht. Aus Strafe? Aber wofür? Oder ich bin eben kein anständiger Künstler. Oder ich bin gestorben und habe es nur nicht bemerkt, das wäre das schlimmste." Nossack arbeitet sich ein einem Grundproblem des modernen Schreibens ab: der Sehnsucht nach poetischer Authentizität und der Einsicht, daß die Sprache dem Dichter nie ganz gehört, Traditionen und Gesellschaft sie ihm immer schon gegeben haben und er sich letztendlich nur in einen bereits geschriebenen Text einträgt und diesen fortschreibt, es sei denn, er verstummte. Die Sehnsucht nach dem Tod und die Hoffnung, der ersehnte Satz möge sich noch vor dem Tod finden, gehören zusammen.
Nossacks Tagebücher verwandeln sich im Laufe der Jahre, vom Autor immer kritischer reflektiert, vom "Skizzenbuch für Gedanken" zur Registratur des Alltäglichen. Immer aber kreisen sie wie die Romane und Erzählungen monomanisch um den Begriff der "Echtheit" und den Selbstentwurf der Persönlichkeit. Sie sind zweifellos Teil eines der bedeutendsten und kompromißlosesten Werke der jüngeren Literaturgeschichte. Ihre Edition wird von Gabriele Söhlings Kommentar begleitet, in den auch das andere Tagebuch Nossacks, seine Briefe, einbezogen werden. Norbert Miller führt feinsinnig in Leben und Werk ein. Die Ausgabe kommt gerade noch zur rechten Zeit, denn Nossack ist ein Autor, der nun fast unbemerkt aus einem literarischen Gedächtnis schwindet, dem er sich nie wirklich tief einprägen konnte. Jahr für Jahr verzeichnet der lieferbare Bestand weniger seiner Bücher. Vielleicht helfen die Tagebücher, Nossacks Hoffnung auf kommende Leser seines unzeitgemäßen Werks zu erfüllen.

Berliner Zeitung, 31. Januar / 1. Februar 1998

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer