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Ein exterritoriales Leben

Hans Erich Nossack in seinen Tagebüchern aus den Jahren 1943 bis 1977

Von Heinrich Vormweg.

Im Inferno der Zerstörung Hamburgs durch mehrere Angriffe britischer Bomberverbände Ende Juli 1943 hat der Kaufmann und Schriftsteller Hans Erich Nossack seine gesamte Habe und auch alle Bücher und Manuskripte verloren. Zufällig und ganz gegen seine Gewohnheiten hielt Nossack sich mit seiner Frau Misi zu kurzen Ferien in der Heide südlich von Hamburg auf, nah genug, um "das Feuer auf die Stadt niederfallen" zu sehen. In seinem unvergeßbaren Bericht Der Untergang, der nach seiner Publikation 1948 als Beleg für einen selbstbestimmten Neubeginn in der deutschen Literatur angesehen wurde, hat der Schriftsteller diese überwältigende Erfahrung dokumentiert. Nossack war 42 Jahre alt.
Mitverbrannt waren auch die Tagebücher, die zu schreiben er schon als ganz junger Mann begonnen hatte. Gerade ihr Verlust traf ihn unvermutet hart. Mit dem Gefühl, es sei "schwer und fremdartig, ohne Vergangenheit zu leben", und nichts anderes bedeutete es ihm, den Untergang seiner Stadt gleichsam nackt als Person überlebt zu haben - mit diesem Gefühl begann Nossack schon am 25. September 1943 das Tagebuchs eines zweiten Lebens.
Auf mehr als 1300 eng bedruckten Seiten in zwei
Bänden liegen Nossacks Tagebücher nun, zwanzig Jahre nach seinem Tod, vor, mit einem eigenen dritten, von Gabriele Söhling sorgfältig ausgearbeiteten, informationsreichen Kommentarband. Dieser enthält auch ein angemessenes Nachwort von Norbert Miller mit Überlegungen nicht zuletzt zu Nossacks keineswegs völlig eindeutigen Gedanken über Möglichkeiten und Wert des Tagebuchschreibens, das ihm unentbehrlich war. Die Edition ist vorbildlich. Und durch sie gewinnt nicht nur die Gestalt des Schriftstellers Hans Erich Nossack aufs neue Umriß und Gewicht, es wird auch erkennbar eine Strömung im - wie man es damals noch nannte -"geistigen Leben" der Nachkriegszeit in Deutschland und im ersten Vierteljahrhundert der alten Bundesrepublik, die vielleicht nicht repräsentativ war, doch jedenfalls eine große Anziehungskraft erlangte.

Die einzig mögliche Rettung

Zeile für Zeile und Seite um Seite habe ich dies vielgliedrige und komplexe, mit Unterbrechungen dem Ablauf der Zeit als dem einzigen Strukturmoment folgende Werk gelesen, mit ständig zunehmender Spannung. Das mag zu tun haben damit, daß ich gerade angefangen hatte, bewußt zu leben und zu lesen und die literarischen Vorgänge aufzunehmen, als für Nossack sein zweites Leben begann.
Es war dies ein Leben, in dem er, der sich schon in den zwanziger Jahren als kaufmännischer Angestellter den angestrebten Hauptberuf als Schriftsteller subventioniert hatte und vor den Nazis in die Firma seines Vaters geflohen war, Ende der 40er Jahre im literarischen Leben der Bundesrepublik zu einer öffentlichen Figur wurde. Er war kein Nazi gewesen. Es hing ihm auch nicht die Spur eines Verdachts an, mit den Nazis seinen Kompromiß geschlossen zu haben. Er hatte als Mitglied der KPD gegen Hitlers Machtübernahme anzukämpfen versucht und war dafür nachher mit Haussuchungen geplagt worden. Er hatte in den späten zwanziger Jahren einige Dramen verfaßt, doch noch nicht publiziert, und er erhielt 1933 Schreibverbot. Er lebte zurückgezogen als Kaufmann und schrieb, wenn er schrieb, ohne die Hoffnung auf Publikation.
Nach 1945, in seinem zweiten Leben, war Hans Erich Nossack ein ganz neuer Autor. Er hatte jedoch schon Kontakte zu Peter Suhrkamp, Hermann Kasack, Hans Henny Jahnn und bald zu vielen anderen. Ich habe Nossacks Tagebücher gewiß auch deshalb mit anhaltender Spannung gelesen, weil all die vielen Namen aus dem literarischen Leben der 50er und 60er Jahre, die in ihnen eine Rolle spielen, mir etwas sagen, weil ich Nossacks Erzählungen und Romane fast mit ihrer Veröffentlichung kennengelernt und bewundert und früh über sie geschrieben habe, und weil ich in seinen letzten Jahren Nossack selbst häufiger begegnet bin. Doch dies alles sind, meine ich, nur nebensächliche Gründe für die Herausforderung, ja Faszination, die für mich von diesen Tagebüchern ausgeht. Hauptsache ist, daß sich in ihnen die existentielle Möglichkeit dokumentiert, verloren und ausweglos, doch schreibend zu sich selbst zu kommen. Das war einmal ein großer, belebender Antrieb in der Nachkriegszeit. Bei Nossack war er "echt", ihm war Schreiben, war Literatur die einzig mögliche Rettung. Das ist mehr als nur eine Erinnerung wert.
Hans Erich Nossack hat exemplarisch den Untergang beschrieben, doch er hat sich in den Tagebüchem mit Nazizeit und Krieg, mit dem Holocaust, fast gar nicht und wenn, dann nur sehr allgemein befaßt. Dies hat jedoch spürbar einen anderen Hindergrund als die Stimmenthaltung bei anderen "geistigen Menschen" der inneren Emigration. Nossack wußte Bescheid, er hatte vergeblich versucht, sich den Nazis entgegenzustemmen, er hatte nie auch nur indirekt auf sie gesetzt. Gelegentlich erwähnt er, daß er keinen Sinn darin sehe, sich bei dem aufzuhalten, was jedermann wissen sollte. Schreibend wollte er Unbekanntes erkunden. Nossack spricht von der "geistigen Unterernährung, unter der wir seit 1933 leiden", er fühlt sich selbst geistig unterernährt. Er wertet die hinter uns liegenden 12 Jahre als eine Krankheit", eine "Todeskrankheit", aber er will auch die nicht hassen, die sie herbeigeführt haben. Davon schreibt er 1945 mit dem Gefühl, etwas verschließe ihm den Mund. Er denkt tastend nach über das "Echte" und das "Unechte", immer wieder, das ist ihm wichtig. Er umschreibt das "Gefühl der völligen Verlassenheit", sucht den "Wendepunkt".
Sozusagen in Schlangenlinien und manchmal kryptisch schreibt Nossack sich an das noch diffuse Wirkliche wieder heran, auf das es ihm ankommt. Erste Veröffentlichungen bringen Belebung. Im Oktober 1945 notiert er: "Für mich kommt jetzt alles darauf an, daß ich genau so rede, wie ich bin, d. h. ohne jede Rücksicht auf irgendeine Sitte oder überkommene Formen. Ich muß als Voraussetzung nehmen, daß ich mit 45 Jahren etwas Fertiges bin ..."

Nicht das Werk - das Schreiben

Gerade das will erarbeitet sein. Die Perspektive weitet sich langsam, die Wahrnehmung und Reflexionen werden vielfältiger. Nossack entdeckt: "Was mich von allen Schriftstellern, die mir bekannt sind, unterscheidet, daß es mir nicht auf das Werk ankommt, sondern auf das Schreiben oder auf den Zustand des Schreibens." Und Nossack konstatiert: "Es ist unmöglich, den Leuten begreiflich zu machen, daß die anti- und a-politische Haltung keine Flucht in den Elfenbeinturm ist, sondern die hochpolitische Haltung, die ein geistiger Mensch heute annehmen kann." Beide Zitate bezeichnen Positionen, die Nossack immer wieder umkreist, variiert und für sich bestätigt hat. Zugleich ist er sich drastisch seiner "Nichtigkeit" bewußt, doch mit "Hochmut", und er erkennt, daß "mir alles Schreiben nur wie ein Wettlauf mit dem Tode vorkommt".
In seinen "Zuständen der Verworrenheit" wird die Selbsttötung, der Selbstmord dem Gegner alles Christlichen mehr und mehr zur Herausforderung. Später beneidet Nossack heftig Albert Camus, den er bewunderte, um seinen frühen Unfalltod. Als Paul Celan Selbstmord begeht, notiert er: "Warum geht einem der Tod eines solchen Kollegen so nahe? Weil einem bewußt wird, daß das Schreiben eines Buches nur eine Ersatzhandlung für Selbstmord ist." Und Nossack bekennt: "Ich liebe nichts. Ich glaube an nichts. Ich bin nicht einmal ehrgeizig. Alles, was ich zur Aufrechterhaltung und Verbesserung meines Privatlebens tue, ist Selbstbetrug. Insofern ist mein Privatleben eine Tarnung dem Nichts gegenüber."
Zugleich aber hat Hans Erich Nossack sich auch immer wieder geöffnet. Bücher, die er liest, tragen dazu bei, und eine sich Jahr um Jahr verdichtende Vernetzung mit dem literarischen Leben. Bald ist er Mitglied mehrerer Akademien, er besucht die Frankfurter Buchmesse und die Autorentreffen des Suhrkamp Verlags. Große Lesereisen bis in die USA und Kanada führen den berühmten Schriftsteller um die halbe Welt, manchmal fast als inoffiziellen Botschafter der Bundesrepublik. Wenn auch klagend ob der Strapazen, genießt er den Andrang der Zuhörer, den Erfolg.
Die Kritik hielt Hans Erich Nossack für unproduktiv, doch in seinen Tagebüchern wird er zu einem äußerst unnachsichtigen Kritiker - vor allem Goethes, den er für einen Popanz der Kleinbürger hält, und auch Thomas Manns, Emst Jüngers, Ingeborg Bachmanns. Für Max Frisch und Martin Walser hat er so abschätzige Bemerkungen, daß er seine Urteile schließlich bewußt zu revidieren versucht, sie könnten ungerecht sein. Dafür ist Nossack ein kritischer Bewunderer Kafkas und Brechts, und er registriert mit Beifall zum Beispiel die Auftritte von Günter Grass, Uwe Johnson oder Thomas Bernhard. Laut seinem begründeten Selbstgefühl politisch hochmotiviert, erscheint ihm die Studentenbewegung ebenso wie das parteipolitische Engagement von Schriftstellern als eine äußerst fragwürdige Zeiterscheinung, und die Vereinigung des Schriftstellerverbandes mit der Gewerkschaft, bei der er einmal sogar auf dem Podium mitgeredet hat, ist ihm peinlich wegen des Jammerns der Autoren, das er, erfahren in jahrelanger Armut und im Elend, für indiskutabel hält.
Und so weiter, und so weiter. Die Menge und die Vielseitigkeit der Gedanken, Beobachtungen, Wahrnehmungen, Reflexionen, die sich in Hans Erich Nossacks Tagebüchern aus den Jahren 1943 bis 1977 darbietet, ist unabsehbar. Bis hin zum stereotypen Verzeichnen der Zahl von Seiten, die er am Tag geschrieben hat, fesseln all diese Aufzeichnungen durch ihre uneingeschränkte, skeptische und selbstkritische Sachlichkeit. Auch zwei Liebesgeschichten sind mitgeteilt. Die eine fällt in die Zeit vor der Ehe, Nossack erinnert sie als alter Mann: eine Geschichte aus der Jugend, die ganz von
Sexualität bestimmte Affäre mit einer Halbweltdame, eine Affäre, die dann wie von selbst ausläuft. Die andere passiert während eines Sanatoriumsaufenthalts 1952 und ist gleichsam mit heißer Nadel dem Tagebuch eingestichelt. Nossacks Frau hilft ihm freundschaftlich, sie erträglich zu Ende zu bringen. Auch diese Affäre hat Nossacks oft gequältes, doch unverbrüchliches Zusammenleben mit seiner Frau nicht berührt.
Vieles, was in diesen Tagebüchern anklingt, ist mit dem allen nicht einmal erwähnt. Zum Beispiel auch die bürgerliche, ja großbürgerliche Anbindung nicht, die diesen antibürgerlichen auf seiner "Exterritorialität" bestehenden, nur auf sich selbst setzenden Schriftsteller kennzeichnet. Das ist ein Thema für sich. Die Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Sachlichkeit seines Schreibens war für Nossack eine Brücke zwischen links und rechts, Vergangenheit und Gegenwart, in diesem Medium allein fühlte er Zukunft. Schreibend überstieg er das Elend seines Lebens, die Zerstörungen durch die Nazizeit, die Unfähigkeit, sich einbürgern zu lassen, die Einsamkeit, seinen Todeswunsch.

Zum Durchhalten ermutigend

Zur Veröffentlichung waren die fortgesetzten Aufzeichnungen nicht geschrieben, und Tagebücher der fürs Publikum produzierten Art hatten Nossacks ganzes Mißtrauen, da schien ihm eine verfälschende Pose schon im Ansatz geradezu programmiert. Zeitweilig war er sehr besorgt darum, die Hefte vor jedem anderen Auge zu hüten. Hier gab er sich preis, hier war er in immer anderen Anläufen auf der Suche nach seinem Selbst und der schwierigen Verständigung mit ihm. Hans Erich Nossack hat allerdings eine postume Publikation nicht ausgeschlossen, sondern als eine mögliche zukünftige Hilfe für Jüngere, "Mut zum Durchhalten" zu fassen, sogar gewünscht. Solche Hilfe hält dieses außerordentliche Werk vielleicht gerade heute bereit, da Schreiben mehr und mehr in eine Dimension abgedriftet ist, gegen die Nossack offen und drastisch polemisiert. Literatur als eine auf Wirkung und Erfolg bedachte gesellige Angelegenheit war Nossack suspekt, ja zuwider, war so etwas wie Verrat, insbesondere wenn sie Können und Kunst demonstrierte. Ihm war Schreiben das einzig gegebene Mittel existentieller Verständigung, der Individuation, nur so brachte es an die Wirklichkeit in ihren vielen Aspekten heran. Und wenn es dabei nur Verlorenheit bloßlegte, eine Verlorenheit, die Nossack sehr früh schon empfunden hat und die sich zum Ende seines Lebens mit Krankheit und Schmerzen zur Trostlosigkeit steigerte, so blieb Schreiben für ihn zugleich das einzige Gegenmittel.
Diese Tagebücher, die sich den großen Tagebuchwerken der Literaturgeschichte zuordnen, geben der Erinnerung an den Schriftsteller Hans Erich Nossack unerwartet ein neues Fundament. Sie sind von nun an ein Schwerpunkt seines Werkes.

SZ, 17. 1. 1998

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer