| So lebte er hin ... Rede
zum Georg Büchner-Preis
Die Ehrung, die mir hier zuteil
geworden ist, rührt mich in dreifacher Weise. Es ist das erstemal, daß mir ein
offizieller Preis zugesprochen wurde; ich bin also noch nicht abgestumpft. Zweitens, daß
ich ihn aus den Händen dessen empfange, der mich vor ziemlich genau zwanzig Jahren
entdeckt hat, als das Entdecken und Entdecktwerden etwas Vergebliches war, aus den Händen
von Hermann Kasack. Diese Vergeblichkeit und das damit verbundene Trotzdem hat beinahe
Symbolcharakter. Und drittens, weil der Preis den Namen Georg Büchners trägt.
Wie alle, die meiner Generation angehören, habe ich mich einmal sehr intensiv mit der
Büchnerzeit befaßt. Etwa 1935 schrieb ich ein Theaterstück Der Hessische Landbote.
Wie der Titel sagt, ging es nicht um die Person Büchners, sondern um die Auflehnung der
Jugend gegen Diktatur und Restauration. Aus der Entfernung heraus möchte ich, was mich
betrifft, das Schreiben des Stückes einen Akt der Résistance nennen. Die geschichtlichen
Parallelen boten und bieten sich wie von selber an; man ist versucht, von einem spezifisch
deutschen Schicksal zu sprechen. Denken wir nur an die Hauptpersonen: Büchner lehnt sich
aus humanistisch-fortschrittlichen und Rektor Weidig aus religiösen Gründen auf. Oder
denken wir an August Becker, den 'roten' Becker, den revolutionären Anarchisten,
vermutlich mit dem illegalen Blick, wie wir ihn alle kennen. Und von der Gegenseite
brauchen wir nur einen so reinen Gestapotyp wie Georgi zu erwähnen, den bürokratischen
Henker, der im deutschen Kleinbürger auf der Lauer zu liegen scheint. Die Namen lassen
sich unschwer mit Namen aus der jüngsten Vergangenheit auswechseln.
Das Manuskript ist mir mit meinen anderen Sachen verbrannt, und damit gut. Aber zwei
Sätze daraus sind mir so lebendig geblieben, daß sie mir auch heute noch zu schaffen
machen. Der eine Satz stammt von mir. Ich ließ ihn Büchner zu einem gießener Professor
sagen, der ihm seine bevorstehende Verhaftung mitteilt. Der Satz lautet: »Es fehlt uns
ganz an alten Leuten.« Er müßte mit einem sehr leisen, beschwörenden Unterton
gesprochen werden. Ich bilde mir auch jetzt noch ein, daß Büchner diesen Satz gesprochen
haben könnte oder ihn heute gesprochen hätte, wenn ihm das Wehgeschrei über
Jugendkriminalität und Halbstarkenkrawalle zu Ohren gekommen wäre.
Unserer Zeit scheint es nicht an alten Leuten zu fehlen; sie nimmt ja sogar die
Bezeichnung Gerontokratie für sich in Anspruch. Gemeint war jedoch in dem Stück nicht
Lebensalter, sondern das Vorbild. Für die Richtigkeit des Satzes bekam ich damals, im
Jahre 1935, auch sofort einen Beweis. Ich las das Stück in einem kleinen, vorsichtig
ausgesuchten Kreis vor. Unter den Zuhörern befand sich mein ehemaliger Klassenlehrer aus
dem Gymnasium, ein ausgezeichneter Literat übrigens, dem ich viel zu verdanken habe. Nach
der Lektüre bemerkte er zu mir: »Sie sollten endlich das Revolutionäre lassen.«
Möglicherweise war das als rein literarische Kritik gedacht, dann wäre nichts dagegen
einzuwenden. Aber in der gefährlichen Situation, in der wir uns alle befanden, machte das
Wort mich sehr betroffen.
Denn was ist das eigentlich, das Revolutionäre? Doch nicht die Sucht nach Umsturz und
Barrikaden. Nicht ein vager Freiheitsdrang junger Menschen. Davor muß im Gegenteil
gewarnt werden, da die Erfahrung lehrt, daß unbefriedigte Abenteuerlust von jeher von
Diktatoren aller Schattierungen für ihre Zwecke ausgenutzt wurde. Das eigentlich
Revolutionäre besteht doch wohl für alle Zeiten darin, daß der einzelne sich genau der
Grenze bewußt ist, wo das Unrecht beginnt, und an dieser Grenze halt macht und nein sagt.
Wenn junge Menschen sich auf dies positive Nein nicht mehr verlassen können, gerät die
Welt ins Taumeln.
Daß es in dieser Hinsicht in Büchners und in unseren dreißiger Jahren an alten Leuten
gefehlt hat, wissen wir; die Rechnung haben wir bezahlen müssen. Und heute? Vor kurzem
hörte ich einen Achtzehnjährigen mit Emphase verkünden: »Ich kann die Juden nicht
leiden.« Seinen Jahren nach hatte der Knabe noch nie etwas mit einem Juden zu tun gehabt,
um von seinem Urteilsvermögen ganz zu schweigen. Woher also diese gefährliche Dummheit?
Seine Eltern waren alles andere als böse Menschen, sondern braver, akademisch gebildeter
Durchschnitt. Doch wenn man das Mikroskop schärfer einstellte, kam es zutage. Sie waren
Mitläufer gewesen und hatten Bequemlichkeiten und unechtes Ansehen vom Mitlaufen gehabt.
Das ist nur eine winzige Anekdote. Dabei geht es nicht um Antisemitismus oder Nazismus, es
geht ums Mitläufertum, diesen feigen, gedankenlosen Schlendrian, der dem Unrecht erst zur
Macht verhilft, da er es als das kleinere Übel annimmt. Der Begriff Opportunismus ist
sogar noch viel zu schade dafür, da er ein gewisses Maß an egoistischer
Entscheidungsfähigkeit voraussetzt. Haben wir nämlich zwischen den Prädikaten
'schuldig', 'unschuldig' und 'schuldlos' zu wählen, so trifft keines für den Mitläufer
zu. Von ihm müßte es heißen: »unfähig zur Schuld«, das Verächtlichste, was sich von
einem Menschen sagen läßt. Verzeihen Sie, daß ich von solchen Dingen spreche, die
anscheinend nichts mit Büchner zu tun haben. Ich möchte, solange es von mir abhängt,
nicht zu den alten Leuten gehören, an denen es vielleicht fehlt.
Der zweite Satz stammt nicht von mir und ist sehr viel wichtiger. Das Stück begann in
nicht sehr bühnenwirksamer Weise damit, daß Büchner allein in seinem Zimmer in
Straßburg sitzt und schreibt: »Am folgenden Morgen traf Lenz in Straßburg ein. Er
schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten. Er tat alles, wie es die andern taten; es
war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein
Dasein war ihm eine notwendige Last. - So lebte er hin ... « In diesem Augenblick tritt
ein Kommilitone ins Zimmer mit der Nachricht vom Sturm auf die Frankfurter Hauptwache.
Ich wollte wohl mit der Szene motivieren, warum Büchner in die Aktion aufbrach und
zugleich, warum die Erzählung Lenz Fragment blieb. Aber das war falsch; der Lenz
ist nach dem Scheitern des Aufstandsversuches geschrieben, und außerdem ist er kein
Fragment. Der Satz »So lebte er hin« ist der endgültigste Abschluß, der sich denken
läßt.
Diese vor hundertdreißig Jahren gesprochenen Sätze kann man auch heute auf der Straße
gebrauchen, ohne altmodisch zu wirken. Das ist sehr selten in unserer Literatur. Die
Erklärung dafür ist, daß bei Büchner Situation und Mitteilung, Erlebnis und Wiedergabe
in eins zusammenfallen. Wir haben die nackte Situation selber, die jeder Metapher und
jedes deutenden Bildes entraten kann, ja, sogar dadurch verfälscht würde. Die höchste
Form der Prosa, die sich erreichen läßt. Eine Prosa, in der jedes kleine Wort, jedes
Komma, jeder Atemzug ein Faktum ist. Eine ahistorische Prosa und allein geeignet, die
Wahrheit zu sagen. Eine Prosa, um die wir uns bemühen sollten, ohne Rücksicht darauf,
daß sie sich von dem Sprachgebrauch, der in Politik, Wirtschaft und Presse üblich ist,
so weit entfernt, daß nicht einmal eine literarische Akademie mehr in der Lage sein wird,
ein Übersetzungslexikon herzustellen, das eine oberflächliche Verständigung
ermöglicht. Vokabeln und Satzform ließen sich allenfalls erlernen, aber da es ganz an
dem Erlebnis fehlt, für das sie gültig sind, klänge es so dürr und schmerzhaft, daß
man sich schleunigst nach einer rettenden Phrase umsehen müßte. Die nämlich, die nicht
ihr eigenes Leben leben, sondern das eines soziologischen Modells, werden sofort
einwenden: 'Wieso? Er scheint ganz vernünftig, er spricht mit den Leuten. Er tut alles,
wie es die andern tun. Er fühlt keine Angst mehr, kein Verlangen. Was will er denn mehr?
Das ist doch das Höchste, was sich erreichen läßt. Was soll das Gerede von der
entsetzlichen Leere? Und was diesen, euren Büchner betrifft: Er hat doch seinen Doktor
gemacht. Damit ist alles vergeben und vergessen. Der Typhus ist natürlich Pech. Heute
haben wir gottlob Mittel dagegen. Büchner hätte seine Mina heiraten können.' Und wenn
sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. So hin.
Man pflegt uns Intellektuelle, wenn wir nicht »so hin« leben wollen, Nihilisten
zu nennen. Auch Büchner gebührt dieser Ehrentitel. Der letzte Absatz des Lenz
ist die erschütterndste Anklage des Menschen gegen den Nihilismus als Endzustand, gegen
ein versicherbares So-hin-Leben, ohne Angst, ohne Verlange. Ich möchte Sie warnen, meine
Damen und Herren, die Büchnerschen Sätze vor dem Schlafengehen zu denken. Dann wäre es
aus mit dem Schlaf.
Lassen Sie uns überlegen, wie Büchner dazu kam, um herauszufinden, was uns daran so sehr
beunruhigt. Ähnliche Äußerungen hört man mehrfach bei ihm. So im Danton, und
da nicht einmal so deutlich in den reden gegen den Dogmatiker Robespierre, wie etwa in
solchen Nebenbemerkungen wie: »Das ist sehr langweilig, immer das Hemd zuerst und dann
die Hosen darüber zu ziehen und des Abends ins Bett und morgens wieder
herauszukriechen...; da ist kein Absehen, wie es anders werden soll... Und daß Millionen
es schon wieder so gemacht haben, und daß Millionen es wieder so machen werden... das ist
sehr traurig.« Oder wir hören Leonce, der dreihundertfünfundsechzigmal auf den
Stein spuckt, fragen: »Haben Sie das noch nicht probiert? Tun Sie es, es gewährt eine
ganz eigene Unterhaltung.« Auch gibt es zahlreiche Briefstellen dieser Art, obwohl zu
bedenken sein wird, daß in den Briefen manches zur Beruhigung der Eltern oder um die
Zensur irrezuführen, geschrieben sein mag. Man könnte also diese Gestimmtheit Büchners
mit 'ennui', der Jahrhundertkrankheit erklären oder auch von Byronismus oder romantischer
Anarchie reden. Aber dagegen steht, daß wir es mit einem Mann zu tun haben, der so
modern-statistisch zu argumentieren verstand, wie es der Hessische Landbote
zeigt, der so empirisch-exakt vorging, wie es die Abhandlung über die Schädelnerven der
Fische beweist, der so illusionslos-nüchtern über Politik und Revolution dachte, wie aus
seiner Geringschätzung des bürgerlichen Liberalismus als Kampfwert hervorgeht. Es sei
hier nur an die Briefstelle erinnert, in der es heißt: »Und die große Klasse? Für sie
gibt es nur zwei Hebel: materielles Elend und religiöser Fanatismus. Jede Partei, welche
diese Hebel anzusetzen versteht, wird siegen.« Eine Feststellung von absoluter Geltung,
will uns scheinen, die wir gebrannte Kinder sind, aber an Kaltschnäuzigkeit kaum zu
überbieten. Man meint geradezu, einen heutigen Werbefachmann oder Propagandisten denken
zu hören; denn laut darf man dergleichen nicht sagen, wenn man als demokratisch gelten
will.
Wie reimt sich eine so inhumane Distanziertheit auf Sätze wie: »Es war aber eine
entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein Dasein war
ihm eine notwendige Last?« Sätze, mit denen nicht etwa ein klinischer Fall von
Schizophrenie geschildert werden soll, denn dann wären sie höchstens interessant,
würden uns aber nicht mehr direkt erreichen.
Büchner lebte zur Zeit des beginnenden bürgerlichen Optimismus. Ausgerechnet sein Bruder
schrieb ein Jahrzehnt später das weit über die Grenzen hinaus vielgelesene Buch Kraft
und Stoff. In demselben bürgerlichen Bett wurden dann, ganz gleich ob legitim oder
illegitim, Das Kapital von Marx und noch ein paar Jahrzehnte später Die
Welträtsel von Haeckel gezeugt. Was wir technisch, sozial und wirtschaftlich
erreicht haben, ist diesem bürgerlichen Nützlichkeitsdenken zu verdanken, dessen naive
Kraft darin lag, daß ihm der Zweifel an sich selbst versagt war. Das hat zu zwei
Weltkriegen geführt, und man ist schon fleißig dabei, das Ergebnis eines dritten zu
errechnen. Der bürgerlichen Herkunft schämt man sich zwar und versucht, sie dialektisch
fortzuzaubern, aber das Erbgut läßt sich nicht verleugnen, denn gerade die Dialektik ist
eine bürgerliche Methode. Daher die Luftleere unseres Daseins, die grauenhafte
Antiquiertheit aller Dogmen und sogenannter Ideologien, nach denen wir leben sollen,
obwohl sie längst nicht mehr zu uns passen. Denn ein Rest von »Angst« und »Verlangen«
hat sich immer noch nicht ausrotten lassen und kann jederzeit wieder virulent werden.
Auch die historisch-materialistische Erklärungsweise ist rein bürgerlicher Provenienz;
Büchner gegenüber versagt sie völlig. Indem sie uns das oberflächlich Interessante
geschichtlicher Umstände deutet, mit erhobenem Zeigefinger, verstellt sie uns den Blick
auf das Menschliche. Man redet vom Sozialen, weil man das Tragische nicht wahrhaben will,
von der Gesellschaft, statt vom Leben; man vertauscht Mittel und Zweck. Und man bemerkt
dabei nicht, daß man sich damit des Verhaltens schuldig macht, das Büchner im Woyzeck
und musikalisch aufgelöst in Leonce und Lena persifliert und anprangert. Wäre Woyzeck
nichts als eine soziale Anklage, würde uns das Stück nicht mehr wehtun; es wäre nur
historisch oder literaturwissenschaftlich interessant wie etwa die Dramen von lbsen, deren
Problematik nicht mehr die unsere ist. Woyzeck ist aber eine höchst lästige
Anklage gegen das Nützlichkeitsdenken, gegen das Gesellschaftliche als Endziel, gegen die
Diktatur der Norm und des als praktisch propagierten Modells. Woyzeck ist die
Tragödie der Kreatur, die an der Abstraktion zugrunde geht, die Tragödie des Menschen,
dem es nicht gelingt, »alles zu tun, wie es die andern tun«.
Unsere Tragödie, meine Damen und Herren. Nur daß das Wort ein wenig hochgegriffen ist
und bescheidener von der Absurdität unseres Zustands gesprochen werden muß. Das
erschreckend Hellsichtige bei Büchner - so erschreckend, daß man sich über seinen
frühen Tod nicht wundert - ist, daß er den Zustand vorausahnte, der nach dem Sieg der
Sache eintreten würde, für die er wie jeder anständige Intellektuelle auf die
Barrikaden zu gehen bereit war: die Herrschaft des Funktionellen. Die beiden Hebel
»materielles Elend« und »religiöser Fanatismus« sind inzwischen sattsam angesetzt
worden. Das materielle Elend ist, zum mindesten bei uns im Westen, weitgehend beseitigt.
Des zweiten Hebels, wenn auch mit veränderten Vorzeichen, bedient man sich immer noch.
Man könnte zum Beispiel vom Fanatismus einer versicherbaren, verantwortungsfreien
Wohlfahrt reden. Schon das Wort Hebel sollte uns eigentlich stutzig machen und zur
Auflehnung veranlassen. Was liegt mir daran, brauchbar zu sein? Brauchbar für wen, bitte?
Für was? Wenn wir nämlich die Menschheit einmal ganz grob in Christen und Marxisten
einteilten, was natürlich nicht stimmt, ließe sich behaupten, daß eine Koexistenz kein
Problem sein dürfte. Leider jedoch gibt es weder Christen noch Marxisten, und wenn sich
noch welche finden sollten, wird man sie als Ketzer oder Neurotiker abtun. Statt dessen
gibt es nur nach dem jeweiligen Hebel funktionierende Funktionäre. Überzeugungen werden
stets einander achten, aber Klischees müssen sich gegenseitig totschlagen, aus
Konkurrenzgründen und um ihre Daseinsberechtigung zu beweisen.
Das Revolutionäre an Büchner liegt darin, daß gerade er über die soziale Revolution
hinausging und von der Revolution sprach, die durchzuführen die Aufgabe der nächsten
Jahrhunderte sein wird: die Auflehnung des Menschen gegen die Abstraktion. Ich bekenne
ganz offen, daß ich diese Revolution nicht für aussichtslos halte. Insofern bin ich
Optimist. Um mich paradoxerweise eines materialistischen Arguments zu bedienen: Ich
glaube, daß der Rückfall ins Ameisenhafte einem biologischen Gesetz widerspricht. Ich
glaube auch, daß die Revolution längst im Gange ist. Ihre Wirkung, soweit schon davon
die Rede sein kann, läßt sich freilich noch nicht feststellen, höchstens an einer
gewissen Ratlosigkeit der Nützlichkeitsdenker und den sich immer rascher überschlagenden
Systemänderungen, mit denen gewaltsam technisiert werden soll, was sich nicht
tyrannisieren läßt. Denn seien wir uns darüber klar: Es handelt sich um keine laute,
propagandistische Revolution, sondern um eine sehr leise und einsame. Man kann das
Funktionelle nicht durch Funktionelles bekämpfen. Man muß die Lautsprecher ins Leere
schreien lassen. Bedenken wir doch einmal folgendes: Sämtliche Parteidoktrinen,
Glaubenslehren, Soziologien, Handelskammern und Gesundheitsämter sind sich komischerweise
trotz aller Todfeindschaft von jeher in einem Punkte einig: daß es nichts
Verbietenswerteres gibt als das Alleinsein-Wollen. Welch eine revolutionierende Kraft muß
also darin liegen, wenn alle Welt sich bemüht, sie dem Menschen auszureden oder zu
verschweigen. Doch wir befinden uns hier in einer literarischen Akademie, und ich bin
Literat. Beschränken wir uns also auf Literatur. Das furchtbare Wort: »Er tat alles, wie
es die andern taten«, wird auf keinen Fall eine Aufforderung sein, es um jeden Preis
anders zu tun als alle. Das würde nur zu jenem gewollten Avantgardismus führen, von dem
es längst kein Geheimnis mehr ist, daß es sich nur um einen amüsanten Purzelbaum des
Konformismus handelt, um einen luxuriösen Zeitvertreib, den sich das Kollektiv nach
Feierabend leisten darf, eine kunstgewerbliche Vortäuschung von Auflehnung. Von allen
Machthabern wohlwollend geduldet und sogar gefördert, weil es dem So-hin-Leben der Masse
dient. Taktlose Grenzüberschreitungen lassen sich jederzeit leicht regulieren. Sollte
sich wirklich einmal eine Stimme vernehmen lassen, die zu sagen wagt: »In mir ist eine
entsetzliche Leere«, kann man sie durch mittelalterliche Maßnahmen zum Schweigen
bringen, zum Beispiel durch einen Gotteslästerungsprozeß. Doch beleidigen wir das
Mittelalter nicht. Was den Menschen damals selbstverständlich und Voraussetzung des
Lebens war, verlangen wir von sinnentleerten Vorschriften.
Die tiefe Verachtung, in der die Literatur heute steht, indem man sie entweder als
ungefährlichen Zeitvertreib betrachtet oder sie mit hohen Lobesworten bedenkt, wenn sie
sich für machtpolitische Zwecke mißbrauchen läßt, ist so kränkend, daß jeder Literat
sich fragen muß, ob das Schreiben überhaupt noch Sinn hat. Die Frage ist natürlich
falsch gestellt. Audi die Literatur ist einer dialektischen Begriffsvertauschung zum Opfer
gefallen. Was ich damit meine, hat Alfred Wolfenstein, ein Expressionist, schon 1915 am
besten ausgedrückt, als er schrieb: »Als Gespenster standen auf solcher Tribüne alle,
deren Technik in den Büchern glänzt; die heute so zahlreichen, die, von allen Kanälen
gespeist, mehr können, als sie sind.«
Das Können ist heute so groß, daß jede Kritik davor verstummen muß. Aber das Können
ist für den Künstler nie etwas anderes gewesen als Mittel und Voraussetzung der
Darstellung. Das Können als Zweck jedoch führt zur Perfektion, und Perfektion ist ein
Abstraktum und etwas völlig Inhumanes. Es gibt kein perfektionistisches Kunstwerk, das
wäre eine leblose Konstruktion. Ein Musikstück, das perfektionistisch wiedergegeben
wird, hört auf, Musik zu sein. Denn das Lebendige und Fortzeugende eines Kunstwerks
erreicht uns nur über die Interferenzen, über die mühsam beherrschten Abweichungen,
über die winzigen menschlichen Atempausen.
Trotzdem: Wir brauchen uns keinem Pessimismus hinzugeben. Meine Hoffnung gründet sich auf
den monologischen Charakter der heutigen Literatur. Ich sehe darin einen Versuch, das
gesprochene oder geschriebene Wort wieder zu vermenschlichen, indem es für den, der es
spricht, verbindlich wird, für ihn allein. In dem Verzicht auf Wahrheiten, die sich für
den Tagesbedarf verwenden lassen, sehe ich ein Bemühen um die eigene Wahrheit, mit der
sich nicht »so hin« leben läßt. Den Funktionalisten paßt das nicht, und sie nennen es
Kontaktarmut. Lassen wir uns nicht dadurch beirren. Denken wir realistisch. Die eigene
Wahrheit ist im heutigen Weltzustand die einzige Wirklichkeit. Sich zu ihr zu bekennen,
ist eine revolutionäre Tat. Was von der Literatur unserer Tage übrigbleiben wird, kann
nur Monolog sein. Weil der Monolog genau der Situation des im Dickicht abstrakter
Wahrheiten verlorenen Menschen entspricht. Aber ist das nicht immer so gewesen? Ist nicht
alles, was über die Zeiten hinweg lebendig an unser Ohr dringt, Monolog? Sollte die
Größe des Menschen in seiner Einsamkeit liegen?
Mögen das Berufenere entscheiden. Wir haben hier in der Akademie ein in Deutschland fast
einzigartiges Forum, wo man den Versuch wagen darf, die eigene Wahrheit preiszugeben, wo
man monologisieren darf. Dafür müssen wir dankbar sein. Ihnen aber, meine Damen und
Herren, danke ich, daß Sie meinem Monolog zugehört haben. Und der Stadt Darmstadt und
dem Lande Hessen habe ich dafür zu danken, daß sie mich in die Lage versetzen, weiter
nach meiner Wahrheit zu suchen.
gehalten 1961 vor der Deutschen Akademie für
Sprache und Dichtung in Darmstadt; zuerst in: Deutsche Zeitung (Köln), 21./22.
Oktober 1961 |