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Auf und ab gehen, vielleicht auf Strümpfen

Sollte es sich um eine allgemeine Katastrophe handeln, so gibt es nur eines: unbedingt mit der Möglichkeit rechnen, daß es einem auferlegt wird, der einzige Überlebende zu sein. Dazu gehört allerdings viel Mut.
Handelt es sich jedoch um mich allein, so gehört weniger Mut dazu als Geduld. Vierundzwanzig Stunden sind eine lange Zeit. Vor allem niemandem etwas davon sagen. Wozu andere vor der Zeit beunruhigen? Selbstverständlich würde meine Frau trotzdem irgend etwas merken. Sie würde vielleicht bei Tisch sagen: »Was ist eigentlich los? Du bist heute so komisch.« Aber das geschieht auch sonst zuweilen.
Ich würde nicht versuchen, noch rasch etwas 'Gutes' zu tun. Ebensowenig würde ich mich darum bemühen, das Leben noch einmal auszukosten. Beides wäre in meinem Fall Theater. Ich würde mich ausschließlich mit nüchternen Tatsachen beschäftigen, als da sind: Außenstände und Schulden, Verträge, Lebensversicherung und dergleichen mehr. Notfalls würde ich einen Anwalt konsultieren. Kurz, ich werde mein Haus bestellen, wie es früher hieß, denn meinetwegen soll kein Streit entstehen.
Meiner Schätzung nach dürfte das eine Ganztagsbeschäftigung sein. Immerhin, dann kommt die Nacht. Wird sie sich sehr viel von einer Unzahl anderer Nächte unterscheiden, die ich zu bestehen hatte? Wahrscheinlich wird alles nur um etliche Grade deutlicher und intensiver und insofern gefährlicher sein, aber davor darf ich mich als Künstler nicht drücken. Ich werde wohl nicht schlafen können und im Zimmer auf und ab gehen; vielleicht auf Strümpfen, um niemanden zu stören. Doch das ist auch sonst schon geschehen. ich werde mich wie sonst daranmachen, die Dinge zu Ende zu denken - das ist mein Beruf und ich kann nicht anders -, und es wird mir auch diesmal nicht ganz gelingen. Ich werde seufzen, und die Frage: Wozu? wird auftauchen, aber das wäre nicht das erste Mal. Vielleicht werde ich ein klein wenig Freude empfinden, daß alles das morgen für mich vorbei ist. Und zugleich wird sich ein zorniger Kummer melden über das, was mir nicht gelungen ist, obwohl es mir eigentlich hätte gelingen müssen. Ich werde mich daraufhin sofort an den Tisch setzen, um ein paar Notizen zu machen - das ist nun einmal meine Gewohnheit - und dann ... ja, aus Skepsis gegen sogenannte Letzte Worte werde ich diese Notizen dann nicht machen. Das wird der einzig merkliche Unterschied zu all den anderen Nächten sein.
Schließlich werde ich die erste Straßenbahn um die Ecke kreischen hören, und der Tag bricht an. Ich stelle meine Uhr. Ich habe dafür Sorge zu tragen, daß ich mich in der mir bestimmten Stunde nicht gerade auf der Straße befinde; das würde fremde Leute belästigen und unnötige Kosten verursachen. Ich werde wohl fünf Minuten vorher nach Haus gehen; denn wohin soll ich sonst gehen? Und ich werde zwei Minuten vorher zu meiner Frau sagen: »Komm mal her!« und mich für alles bei ihr bedanken. Und dann lege ich mich wohl am besten aufs Bett, damit alles seine Ordnung hat.
Ob es nur vierundzwanzig Stunden sind oder ebenso viele Jahre, das bleibt sich gleich.

zuerst in: Kristall Jg. 8 (1953), S. 580

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer