In memoriam Peter Suhrkamp
Peter Suhrkamp hat vom
ersten Tage unserer Bekanntschaft einen korrigierenden Einfluß auf mich gehabt, allein
durch seine Existenz, möchte ich sagen, da ich verhältnismäßig selten mit ihm
zusammengewesen bin und sicher weniger mit ihm korrespondiert habe als mancher andere.
Jedesmal, wenn ich ihn in den letzten Jahren, nach einem allzu einsamen Winter etwas aus
den Fugen geraten, in Bad Königstein besuchte, fühlte ich mich durch ihn sozusagen zur
Ordnung gerufen und wieder auf mich selbst hingewiesen, und zwar ohne daß wir über
besonders wichtige oder gar intime Dinge geredet hätten. Seine Persönlichkeit wirkte so
stark, daß sich alle nur eingebildeten Unzufriededenheiten und müden Zweifel in Nichts
auflösten; man schämte sich in seiner Gegenwart, ihnen überhaupt verfallen zu sein. Mit
der Zeit genügte es für mich, nur an ihn zu denken, um alles mir nicht Gemäße oder nur
Affektierte abzuschütteln. Eines seiner letzten Worte zu mir war übrigens: >Werden
Sie bloß nicht fromm.< Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam; wir hatten, glaube ich,
über Bernanos gesprochen. Aber der wahre Grund für die Äußerung, bei der Suhrkamp
mahnend die Augenbrauen hochzog, so daß ich lachen mußte, war wohl ein anderer. Es
schien ihm bedenklich, daß ich als Großstädter aufs Land übergesiedelt war. Der Rat
sollte eigentlich heißen, und so verstand ich ihn auch: >Bilden Sie sich um
Gotteswillen nicht ein, daß Ihnen Frommwerden auch nur so viel nützen kann<. Mit dem
Akzent auf dem >Ihnen<.
Ich überlege mir, wovon ich ausgehen würde, wenn ich die Gestalt Suhrkamps sinnenhaft
wahrnehmbar zu erschaffen gedächte, für einen Schriftsteller die einzige legitime Form,
sich einem Verstorbenen gegenüber anhänglich zu erweisen, und vielleicht die einzige
Möglichkeit, über den Verlust hinwegzukommen. Das Schildern der äußeren Erscheinung
führt zu nichts und alles Anekdotische, was einem zufällig zu Ohren gekommen ist, dient
höchstens nachträglich zur Illustrierung des Bildes. Auch das, was unbedingt in einen
regulären Nachruf gehört, der die Verdienste einer Persönlichkeit in ihrer Zeit zu
würdigen unternimmt, zeigt sich nach dem Tode als bereits nur historisches Beiwerk für
den nicht brauchbar, dem es auf die lebendige Figur ankommt, die weiterwinken soll. Man
muß versuchen, zu dem rein menschlichen, ja, kreatürlichen Kern des Wesens vorzudringen,
das man ins Leben zurüclzrufen will.
Das ist bei Suhrkamp alles andere als leicht, denn noch im Tode zeigt er sich als ein Meister
in der Kunst des Ausweichens, wie André Gide es genannt haben würde. Suhrkamp
faszinierte und wollte faszinieren, aber wehe dem armen Sterblichen, der für Wärme
hielt, was wie Wärme aussah und für Wärme gehalten werden sollte - ihm wären die
Fingerspitzen erfroren. Das hinreißende, leicht irisierende Blau der Augen war bei
Suhrkamp kaum mehr als der Strahlungsreflex einer schützenden, allerdings einzigartig
spiegelfähigen Oberfläche, nicht wirklicher und nicht greifbarer als die Farbenpracht
des Nordlichts in einer einsamen Polarnacht, die dem staunenden Betrachter sowohl die
eigene Verlassenheit zum Bewußtsein bringt als auch die erbarmungslose Vereinzelung
dessen, der die Faszination ausübt.
Der reale und schon fast unpersönliche Kern Suhrkamps hat sich mir stets in etwas
Akustischem offenbart und tut es auch in der Erinnerung. Und zwar in dem Nebengeräusch,
das seine erkrankten Atmungsorgane in den letzten Jahren verursachten. Dies Geräusch
brachte ihn mir immer ganz nahe. Vernahm man es zum ersten Mal, bestürzte es durch die
unerwartete Intimität, und die Unterhaltung drohte ins Stocken zu geraten, doch sobald
man sich daran gewöhnt hatte, dachte man nicht mehr daran, daß es mit körperlichem
Leiden zusammenhing, sondern nahm es als ein für den Typus Suhrkamp charakteristisches
Hm! Hm! Es paßte nämlich so haargenau zu ihm, daß ich mir einbilde, dies Hm! Hm! schon
1941 gehört zu
haben, als er noch gesund war und ich ihm zuerst im Berliner Verlagshaus gegenübersaß.
Er lehnte sich damals im Schreibtischstuhl zurück, anscheinend nur auf mich konzentriert,
und forderte mich auf: >Nun erzählen Sie mir mal, wie Sie es sich denken.< Ein
solches Verhalten und dazu das Hm! Hm! gibt Sicherheit und macht zugleich unsicher; sich
durch Schwindelei aus der Affäre zu ziehen, ist nicht möglich, man muß sich schon zu
sich selbst bekennen, wenn man bestehen will. Im vergangenen Sommer besuchte mich
Suhrkamp. Welch eine Ehre für mich! Und welch ein außerordentlicher Glückszufall! Denn
die kulturelle Einöde, in der ich hause, ist mir durch seine kurze Anwesenheit mit
einem Schlage vertraut und beinahe heimatlich geworden. Ich brauche mich nur auf
die Bank vor dem Haus zu setzen, auf der er neben mir saß und schwieg. Ach, und wie er zu
schweigen verstand und wie man mit ihm gemeinsam schweigen konnte! Eine ganz selten
gewordene Gabe. Er blickte über das Tal auf die schwarzen Wälder, aus denen die Mutter
Bertolt Brechts den armen B. B. in die Städte trug, und ab und zu erklang das Hm!
Hm! Es gehörte zur Landschaft; es bestätigte und beruhigte, es entwertete jede nur
klimatische Aufgeregtheit. Es war das Hm! Hm! des Oldenburger Bauern, der abends über die
natürliche, und des Weisen, der über die geistige Landschaft blickt. Auch von
einem alleinstehenden Baum, dessen Zähigkeit ihn den Stürmen seiner Jugend standhalten
ließ und der nun mit überlegener Gleichgültigkeit den Zugvögeln im Frühjahr und
Herbst als kurzer Rastplatz dient, hört man zuweilen dies Hm! Hm!
Und doch bin ich nie mit ihm intim geworden, wie man es nennt. Das hat nicht daran
gelegen, weil er älter und mein Verleger war, auch nicht daran, daß wir beide
Norddeutsche sind, sondern, von meiner Seite wenigstens, verbot es mir die instinktive
Scheu, einen Nihilisten durch einen unzeitigen Anruf zu stören und zu gefährden. Man
stoße sich nicht daran, daß ich Suhrkamp einen Nihilisten nenne; man vergesse den
Mißbrauch, der von den Klageweibern um die verlorene Mitte mit der Bezeichnung getrieben
wird. Ein Nihilist ist ein Mann, der bewußt seine Herkunft verlassen und die Peripherie
konsequent überschritten hat, um jenseits, im sogenannten Nichts, Neuland zu gewinnen.
Einem solchen Mann kann man nicht helfen, er erwartet auch keine Hilfe; man kann ihm nur
nachfolgen. Ein solcher Mann war Suhrkamp. Ich habe mich von Anfang an mit freiwilliger
Selbstverständlichkeit ihm nachgeordnet gefühlt; ich habe mir seltsamerweise nie den
Kopf darüber zerbrochen, was er von mir hielt. Ich sah und sehe ihn etwa hundert Meter
vor mir jenseits der Grenze im Niemandsland stehen, mir den Rücken zuwendend, eine
einsame Figur im Leeren mit dem Blick ins Leere, nur scheinbar lässig und herrenhaft,
doch von der ungeheuerlich wachsamen Gespanntheit umwittert, die jemand ausstrahlt, der
auf die gewohnten Sicherheiten verzichtet. Ein Mal, nach dem man sich richten kann. Und
daß mir und manchem von uns das Mal jetzt fehlt, daß wir keinen mehr vor uns sehen,
sondern nur noch andere neben uns auf der gleichen Linie wissen, das ist der große
Verlust.
Ein solcher Mann ist nicht nur gefährdet, er ist auch gefährlich. Die Kunst des
Ausweichens war keineswegs nur eine Maßnahme, um sich vor täppischen Berührungen zu
schützen, sondern galt vor allem der Verhinderung unkontrollierbarer Explosionen, die in
einem weniger wachsamen Moment durch die Berührung eines bloßliegenden Nervs
hervorgerufen werden konnte. Wir können die Gefährlichkeit der jederzeit möglichen
Explosionen, die durch ritterliche Selbstzucht und Askese vermieden wurden, nur ahnen. Es
dürfte kaum zu viel gesagt sein, daß sie sowohl Selbstvernichtung als auch Vernichtung
der töricht Nahebei-Stehenden bedeutet haben würden. Man lese daraufhin die kleine
Suhrkamp'sche Erzählung >Der Besuch< noch einmal und man wird erschrecken. Die
unterschwellige Spannung dieses Versuchs der Heimkehr, die jedem Nihilisten von
vorneherein versagt ist, liegt darin, daß es nur eines einzigen falschen Wortes, einer
winzigen unbewachten Geste bedarf, um eine zerstörerische Explosion auszulösen. Aber das
Wort wird nicht gesagt, die Geste nicht getan; der Heimkehrer geht fort und es heißt:
>Nur mich erkannte niemand. Die Jahre hatten jede Spur von mir verweht. Bevor ich auf
der Dorfstraße zum Dorfplatz kam, sah ich noch einmal zurück. Es stand niemand mehr auf
unserm Hofe.< Die Gefahr ist durch Fortgehen gebannt, durch Auslöschen wird das andere
Dasein erhalten.
Das ist der ganze Suhrkamp. Oder sehe nur ich ihn so? Doch vielleicht kommt es gerade
darauf an, daß jeder ihn so schildert, wie er ihn sieht. Ich glaube, ich habe ihn
geliebt; Worte wie Verehrung und Hochachtung reichen nämlich mit ihrer großspurigen
Abstraktheit nicht aus. Und um es noch präziser zu bekennen: ich habe ihn auf eine mehr
weibliche Art geliebt, mit einer zärtlichen, aber ein wenig ratlosen Besorgtheit. Das
klingt peinlich, und nur, da ich vermute, daß es vielen von uns so ergangen ist, sei es
hier ausgesprochen. Wie kann man einen Mann, der immer im Fortgehen ist, auch anders
lieben? Zweifellos hat Suhrkamp es gewußt. Er nahm es als selbstverständlichen, für ihn
nicht unbedingt wichtigen Tribut hin.
Die Nachricht von seinem Tode traf mich über die Maßen schwer. Ich hatte gedacht, über
derartige Erschütterungen hinaus zu sein. Schließlich hatten wir ja auch seit Jahr und
Tag mit dem Ereignis gerechnet. Ich ging in den Garten, grub ein Beet um und säte es
unter Seufzen an. Ich strich die Erde darüber mit der Hand glatt und konnte mir kaum
Genüge tun. Die Grünfinken und die gerade heimgekehrten Rotschwänzchen, die den
Besucher des letzten Sommers wohl noch miterlebt hatten, sahen mir beunruhigt zu. Das Beet
ist auch gut aufgegangen, aber natürlich hatte ich nicht den rechten Samen zur Hand. Es
sind eine Art kleiner Sonnenblumen, sie eignen sich nicht für Suhrkamp. Gelb ist nicht
die richtige Farbe für ihn. Im nächsten Jahr soll dort Rittersporn stehen. Nicht allein
des Blau's wegen, auch der Name Rittersporn trifft genau das, was ich meine.
Frankfurter Allgemeine Zeitung,
26.9.1959 |