Zum hundertsten
Geburtstag eines berühmten Mannes sollte man besser den Mund halten, wenn man nur etwas
Negatives über ihn zu sagen weiß. Aber sei's drum.
Die Bücher von Thomas Mann habe ich immer nur mit größter Überwindung und nur aus
Bildungsgründen zu Ende lesen können, dann habe ich sie sofort verschenkt oder gegen mir
wichtigere Bücher eingetauscht. Noch heute, und das könnte man als kindisch bezeichnen,
befindet sich nicht ein einziges Buch von ihm in meiner Bibliothek; es würde mich
stören, es da stehen zu sehen. Doch woher dies beinahe körperliche Unbehagen gegen ihn?
Von Anfang an, das heißt, als ich noch sehr jung und kaum ein Anfänger war, ist mir der
Stil von Thomas Mann ein warnendes Beispiel dafür gewesen, wie man auf keinen Fall
schreiben darf. Sein Stil ist nämlich, und der Meinung bin ich auch jetzt noch, nicht der
Ausdruck einer Persönlichkeit, sondern eine großartig gekonnte Pose, durch die der
völlige Mangel an Originalität verborgen wird. Selbst seine vielgerühmte Ironie ist
keine echte Ironie, die auf Distanz zu sich selbst beruht, sondern auch nur ein Kostüm,
in dem sich ein Sentimentalist verkleidet.
So ist der Stil von Thomas Mann, leider muß es gesagt werden, für mich der Inbegriff der
Unehrlichkeit und der Feigheit, sich zu sich selbst zu bekennen. Von einem Stil verlange
ich, daß sich der Autor als Mensch durch ihn zu erkennen gibt, nur dann ist er und sein
Buch glaubhaft für mich, auch wenn er einen mir konträren Standpunkt einnimmt.
Nebenbei: Es fehlt immer noch an einer Doktorarbeit, über die zwei Arten Deutsch zu
schreiben, die es von jeher gibt. Die eine, und zwar die Thomas Manns, ist eine
prätentiöse humanistische Schriftsprache mit lateinischer Syntax, und die andere, etwa
die der Leute vom Sturm und Drang, von Büchner, Wedekind und anderen, ist eine
gesprochene Sprache. Man kann noch heute wie Büchner auf der Straße reden, und jeder
wird einen verstehen, aber man versuche einmal, in einem Laden oder in der U-Bahn wie
Thomas Mann zu sprechen, man würde für verrückt gehalten werden.
Bleibt noch zu fragen, wie es zu der Weltberühmtheit seiner Bücher kommen konnte. Da
darf man sich wohl auf Siegfried Kracauer berufen, der sich 1931 auf eine Rundfrage der Frankfurter
Zeitung über Erfolgsbücher dahingehend äußert, daß Erfolgsbücher kein
literarisches, sondern ein soziologisches Phänomen seien.
Thomas Mann posierte den gepflegten großbürgerlichen Schriftsteller, er verherrlichte
das Großbürgertum, und auch wo er dessen Verfallserscheinungen bespöttelte, tat es
nicht weh, da es keine wirkliche Ablehnung war. Und das gerade gefiel dem absterbenden
Großbürgertum der ganzen Welt, es konnte noch einmal befriedigt aufseufzen: Wie schön
und ordentlich war doch damals alles, niemand brauchte sich verloren zu fühlen.
Wir aber, die nachfolgende Generation, fühlen uns zuweilen in lebensgefährlicher Weise
verloren, da wir dem Zersetzungsprozeß des Großbürgertums entrinnen mußten. Darum
hatte Thomas Mann uns nichts zu sagen.Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 31.5.1975 |