| Auszüge aus den Tagebüchern von Hans Erich Nossack Biographisches:
Anekdote 1921 - Rückblick auf die zwanziger Jahre - Die toten
Jahre der Diktatur - Nach dem "Untergang" - Die letzten Kriegswochen - Weihnachten 1959 -
Eine unglaubliche Geschichte - Der 75.
Geburtstag - Das Geheimnis des Tagebuchs - Über
die Ehe - Über das Schreiben - Über
den Entstehungsprozeß eines Werkes - Über die
"Gedichte"
Aus dem literarischen Leben:
Über die Mainzer Akademie
- Mit der Gruppe 47 in Hamburg - Besuch der Frankfurter Buchmesse 1968 - Tagung des Kulturkreises der Deutschen Industrie 1976 in
Duisburg
Über Freunde und Kollegen:
Begegnung mit Jean Genet in
Hamburg - Die Beerdigung von Hans Henny Jahnn - Erinnerungen an Heimito von Doderer - Über Thomas Bernhard - Erinnerungen
an Ernst Kreuder - Erinnerung an Ludwig Marcuse
Biographisches
Anekdote 1921
[Frankfurt] 21.6.1969
Ist denn diese Anekdote schon einmal aufgezeichnet worden,
die eigentlich in den "Unbekannten Sieger" gehörte?
So geschehen 1921 einen Tag nach dem Rathenau-Mord. Es war
unmittelbar nach dem Mittagessen. Die Arbeiterschaft machte einen Protestmarsch und zog
auch durch die Schillerstraße. Dabei sahen sie im Vordergarten des Korpshauses die Fahne
Schwarz-Rot-Weiß und hielten sie natürlich für Schwarz-Weiß-Rot. Ein junger Arbeiter
kletterte die Fahnenstange hinauf, um die Fahne herunterzuholen. Wir sahen das von der
Veranda und die Klugen sagten: Nichts unternehmen! Ich aber in einem Anfall von blödem
Heldenmut rannte mit einem dicken Ziegenhainer raus und wollte den Jungen von der
Fahnenstange herunterschlagen. Da packte mich ein riesiger Mann der stärkste Mann
von Jena, ich lernte ihn später, als ich bei Schott Söhne arbeitete, kennen, ein
gutmütiger Mensch und wollte mich in die Menge ziehen. Sicher ein
lebensgefährlicher Moment bei der allgemeinen Erregung. Und wie wurde ich gerettet? Im
letzten Augenblick stellte sich eine Frau dazwischen und sagte zu dem Mann: "Vergreif
dich doch nicht an Kindern."
Rückblick auf die zwanziger
Jahre
[Hamburg] 15.7.1973
Derselbe alte Mann sitzt zuweilen auf einer der weißen
Bänke vor den Hochhäusern am Grindelberg und blickt auf die Helene-Lange-Straße
gegenüber. Diese kleine Straße gehörte früher noch zur Hansastraße und hieß auch so.
Dort hat der alte Mann vor genau fünfzig Jahren gewohnt, und zwar in dem letzten Haus vor
dem Mädchengymnasium. Das alte Etagenhaus steht noch. Das möblierte Zimmer des alten
Mannes lag im zweiten Stock nach hinten hinaus. Der Waschtisch war gleich links neben dem
Fenster, natürlich ohne fließendes Wasser, dann kam ein schmales eisernes Bett. An der
andern Wand stand ein steifes Plüschsofa mit einem Tisch davor und sicher gab es auch
einen Kleiderschrank. Aber hatte der, der dort schlief, überhaupt Anzüge und Wäsche?
Die Zimmervermieterin hieß Rechnungsratwitwe Stamm. Wohl wegen des rätselhaften
"Rechnungsratwitwe" ist das dem alten Mann im Gedächtnis geblieben. Sie hatte
auch alle andern Zimmer vermietet und hauste selber in einer fensterlosen Kammer auf dem
langen Gang. Es waren damals schlechte Zeiten, noch Inflation. In das Zimmer zog der jetzt
alte Mann im Oktober 1923. Wie war er dazu gekommen? Durch eine Anzeige? Der jetzt alte
Mann war als völlig Gescheiterter gerade aus Jena zurückgekommen und war jetzt
Hilfsbuchhalter in der Bank L. Behrens Söhne. Also konnte er sich die Miete leisten, wenn
auch kein Mittagessen. Doch wie hat er ausgesehen? Das Zimmer brauchte er nur zum
Schlafen, Besuch hat er dort nie gehabt. Abends ging er ins Café Jalant Ecke
Hallerstraße und Grindelberg. Dort spielte eine Drei-Mann-Kapelle, und wenn man
sentimental gestimmt war, konnte man Puccini bei ihr bestellen. Also für eine Tasse
Kaffee reichte das Geld, wenn auch nicht für mehr. In diesem Zimmer also wohnte der alte
Mann damals etwa ein halbes Jahr, dann zog er um. Aber aus welchen Gründen? Er zog in den
Grindelhof und zwar in das erste Haus neben der Terrasse, die zur Heinrich-Barth-Straße
führt. Das Haus steht nicht mehr, jetzt ist da eine Tankstelle. Dort hatte er ein Zimmer
im ersten Stock nach vorne heraus, ein Zimmer mit weißen Möbeln. Da blieb der jetzt alte
Mann, bis er im November 1925 heiratete. In dem Zimmer begann er sogar wieder zu
schreiben.
Doch es [ist] dem alten Mann ganz unmöglich, sich diesen
damals farblosen jungen Mann vorzustellen. Fuhr er morgens mit der Straßenbahn in die
Stadt? Wurde er geweckt? Und bekam er Kaffee?
Gnosis: Die Rationalisierung und Pragmatisierung längst
nicht mehr geglaubter Offenbarungen ist weit schlimmer als absoluter Unglaube. Man kann
ein Märchen als Unsinn ablehnen, das schadet dem Märchen nichts, aber man bringt es um,
wenn man nur nach einer Bedeutung dahinter sucht, die sich vielleicht praktisch verwerten
läßt. Das ist Wahrheitsmord.
Der jetzt alte Mann auf seiner Bank am Grindelberg fragt
sich, warum es solche Cafés wie dies Jalant Ecke Hallerstraße nicht mehr gibt. Sie waren
doch vom Nachmittag bis in die späte Nacht voll besetzt und alte und junge Leute fühlten
sich da offenbar wohl und hatten ein Bedürfnis nach dieser Art des Zusammenseins. Und wie
gesagt, man konnte da für den Preis einer Tasse Kaffee doch stundenlang sitzen und
fühlte sich nicht einsam. Liegt es vielleicht daran, daß damals nur die Allerwenigsten
ein eigenes Auto besaßen, mit dem sie irgendwo anders hinfahren konnten, wenn sie es zu
Haus nicht aushielten? Und schließlich: durch wen ist der junge Kerl, der der alte Mann
damals war, in dies Café geraten? Von selber, weil sein Zimmer gar zu trostlos war? Zu
dem Café waren es ja nur ein paar Minuten, auch nachher von dem anderen Zimmer am
Grindelhof. Oder hatte Dünnebier ihn darauf gebracht? Da haben wir wieder einen Namen,
der wegen seiner Kuriosität im Gedächtnis geblieben ist. Dünnebier war Buchhalter in
derselben Bank, kaum älter als der junge Kerl, den wir vergeblich sichtbar zu machen
versuchen. Er war ein Prager Deutscher, angenehm, leichtfertig und gesellig. Mit ihm hat
der junge Kerl zweifellos Abend für Abend bei Jalant zusammengesessen. Aber was war mit
den Sonntagen?
16.7.1973
Letzte Nacht seit vielen Wochen der erste Regen. Das war
verdammt nötig. Anruf von Unseld, der aus den USA zurück ist. Das Manuskript geht
also so wie korrigiert in Satz.
Vergeblich bemüht sich der alte Mann, den jungen Kerl von
vor fünfzig Jahren vor Augen zu kriegen, etwa wie er morgens aus dem kleinen Stück
Hansastraße herauseilt, um rechtzeitig im Geschäft zu sein, oder wie er nachts nach
Hause kommt. Wie sah der Bursche aus? Und nochmals: wie war er angezogen? Wie wirkte er
auf andre Menschen? Er muß doch sehr mager gewesen sein. Und hier lacht der alte Mann auf
der weißen Bank in sich hinein, weil seine Frau ihm später erzählte, daß sie ihn für
einen Erzlebemann gehalten habe. Nichts da von Lebemann, der Bursche war einfach schlecht
ernährt. Zu Mittag aß er überhaupt in den zwei Jahren nicht, und auch vorher in Jena
wohl kaum, denn da hatte er ja nicht einmal das kleine Bankgehalt. Er lebte von Brot und
Schmalz, das war das Billigste, und wenn man jung ist, macht das nicht viel aus. Und
vielleicht machte er in der großen Firma, in der er nach der Entlassung aus der Bank
angestellt war, ein Lebemannsgesicht, um neugierige Frager abzuschrecken, das sähe ihm
ähnlich. Aber wie denn: Strich er sich morgens in seinem Zimmer ein paar Schmalzstullen
und nahm sie mit ins Geschäft? Mittags nämlich trank er eine Tasse Kaffee im Café Kaul;
das befand sich im ersten Stock des Hauses Ecke Herrmann- und Bergstraße, genau
gegenüber der Bank. Auch dies Café existiert schon längst nicht mehr, dabei war es
immer gerammelt voll. Sogar Literaten verkehrten dort, die der junge Mann von ferne
bestaunte. Da war es auch, wo Max Felgitsch ihn anredete, weil er ihn für homosexuell
hielt. Sah er demnach homosexuell aus? Nun, doch wohl nur jung und sogar kindlich. Und
obgleich er Maxl gleich merken ließ, daß er dafür nichts übrig habe, wurden sie gute
Freunde bis zu Maxls Tod in Salzburg um 1950 herum. Er war Baßbuffo in der Staatsoper
gewesen, und wirklich, das Männchen hatte ein erstaunliches Organ. Er und Elsa, seine
Frau, stammten aus Bruck a. d. Mur, sie hatten früher Kinder gehabt, die sie früh
verloren hatten. Sie besaßen hier ein kleines Haus in der Innocentiastraße, das zweite
oder dritte Haus von der Rothenbaumchaussee. Sie werden wohl etwas Vermögen gehabt haben.
Die Innocentiastraße war ja auch nicht weit von der Hansastraße, da wird also der junge
Kerl oft an den Sonntagen gewesen sein und sicher bekam er da auch etwas zu essen. Auch
andere junge Menschen traf er dort, z. B. einen Berni Silberberg. Was wird aus ihm
geworden sein? Ist er emigriert? Aber worüber wurde gesprochen? Über Literatur? Man kann
doch nicht immer über Literatur reden. Überhaupt, gab sich der junge Kerl, der nichts
vorzuweisen hatte, als angehender Schriftsteller aus? Was war es, was den anderen an ihm
gefallen hat? Irgendetwas muß es gewesen sein, da ja auch die Freundschaft mit Maxl auch
nach dessen Fortzug standhielt. Nach dem Kriege, etwa 1946, kam aus Salzburg ein Exemplar
der "Rotte Kain", denn der alte Mann besaß ja keines mehr, da ihm alles
verbrannt war. Das muß ihm der jetzt alte Mann um 1926 nach Salzburg geschickt haben, da
Maxl sich bemühen wollte, das Stück am Burgtheater anzubringen. Ja, es wurde 1926 in
kaum drei Wochen hingeschrieben, und zwar in Wandsbek, wo der alte Mann damals mit seiner
Frau in Pension lebte. Ein expressionistischer Nachklang wurde das Stück dann 1952, als
es auf die Bühne kam, von einem Kritiker genannt. Das stimmt, der alte Mann lacht wieder
in sich hinein. Aber nun ist Maxl schon lange tot und man kann ihn nicht mehr fragen, wie
dieser junge Kerl gewirkt hat. Denn mit seiner Kleidung kann nicht viel Staat zu machen
gewesen sein, wenn man die unmittelbare Vorgeschichte des jungen Menschen berücksichtigt.
Er war doch gerade erst in seinem letzten Anzug und mit einer Handvoll alter Wäsche aus
Jena zurückgekommen, alles andere hatte er längst verkauft, weil er davon leben und
Miete bezahlen mußte. Um das Geld für die Fahrkarte nach Hamburg hatten zwei Jenenser
Freunde die Eltern gebeten und sich verpflichtet, ihn in den Zug zu setzen. Die beiden
hatten Angst, daß der junge Kerl verkommen würde, wenn er länger in Jena bliebe, und
tatsächlich hatte er wohl auch schon die Grenze zum Kriminellen erreicht. Da haben wir
wieder das Phänomen, denkt der jetzt alte Mann, daß zwei junge Menschen, denen es selber
keineswegs gut ging, sich selbstlos für dies Bürschchen einsetzten, ohne ihn erst zu
fragen. Wie ist das zu erklären? So kam er denn völlig abgerissen ins patrizische
Elternhaus, wo kaum Zeit und Anlaß war, ihn neu auszustaffieren, denn nach acht Tagen
flog er wieder auf die Straße. Mit Recht, denn er hatte einige Silbersachen an sich
genommen, um sie zu Geld zu machen, und das hatte die Mutter entdeckt. Das war ein
gefährlicher Moment, denn er besaß keinen Pfennig, geschweige denn soviel, um sich eine
Fahrkarte nach Jena zu kaufen, was er wohl als Nächstliegendes getan hätte. Aber er ging
einfach weg, um sich das Gezeter nicht anhören zu müssen, an einem Vormittag war es,
ohne Ziel, und wieder hatte er ein rätselhaftes Glück. Ob sein gutmütiger Bruder, der
ihm nachlief, um ihn zu retten, [ihn] auf die Idee gebracht hatte oder was sonst, er
suchte den alten Carl Kirchhoff auf, den Vater eines verstorbenen Schulfreundes, der
wohnte im Curio-Haus, und er und seine englische Frau nahmen ihn ohne viele Redensarten
bei sich auf. Lange hat er da nicht gewohnt, höchstens vierzehn Tage, denn Kirchhoff
verschaffte ihm durch Rücksprache an der Börse schon sehr bald die kleine Stellung bei
L. Behrens Söhne, so konnte er sich das Zimmer bei der Rechnungsratwitwe Stamm mieten und
lernte wieder selbständig laufen. Doch immer bleibt die Frage: Fanden die, die ihm halfen
und keineswegs dazu verpflichtet waren, es sei schade um ihn? Der alte Mann auf seiner
Bank vermag das Rätsel nicht zu lösen, da ihm der junge Kerl von vor fünfzig Jahren
nicht zur Gestalt werden will. So nimmt sich denn der alte Mann vor, auch so zu handeln
und auf die Weise seinen ehemaligen Helfern zu danken. Doch um auf die Kleidung des jungen
Kerls zurückzukommen, damit kann nicht viel los gewesen sein. Es kann sich auf lange
hinaus immer nur um diesen einen Anzug gehandelt [haben], denn wovon sollte er sich einen
neuen kaufen? Daß dieser Anzug überhaupt ausreichte für die Stellung in der Bank! Zumal
er bald aus der Buchhaltung in die Kasse versetzt wurde, wo er Kunden empfangen mußte. An
sich hatte die Bank nicht viel Kassenbetrieb. Der Kassierer saß meistens an seinem
Schreibtisch und las ein Buch. Nur wenn eine hübsche junge Dame aufkreuzte, bewegte er
sich an die Theke, um sie abzufertigen, was den jungen Kerl sehr verdroß. Nachmittags
kamen dann die Tageseinnahmen vom Warenhaus Karstadt nebenan, Milliardenbeträge, die
gezählt sein wollten. Einmal fehlten wer weiß noch wieviel Zigtausende. Du lieber
Himmel, würde man nicht den jungen Kerl verdächtigen? Aber der wußte sich zu helfen. Er
rief einfach bei Karstadt an und sagte den Leuten, daß soundsoviel fehlte und bekam ohne
Zögern zur Antwort: "Ja, kann sein. Wir schicken es morgen nach." So wenig war
Geld damals wert. Aber Weihnachten 1923 bekam der junge Kerl eine kleine Gratifikation,
obwohl er doch erst zwei Monate in der Bank tätig war. Davon kaufte er sich eine
Rauchgarnitur aus Messing, billigstes Kunstgewerbe. Seltsam dieser erste Trieb, etwas
eigenes zu besitzen und das langweilige Zimmer zu verschönern. Und am gleichen
Weihnachtsabend passierte die berühmte Geschichte, daß seine Mutter ihn durch den
gutmütigen Bruder auffordern ließ, nachmittags mit den andern Geschwistern in die
Johanniskirche zur Christmette zu kommen. Nun warum nicht? Obwohl er sich nicht für die
Kirche interessierte, ging er hin und saß mit Mutter und den vier Geschwistern auf der
Bank und hörte sich den Zauber an. Dann aber, als es zuende war, drückte die Mutter ihm
vor der Kirchentür fünf Mark in die Hand und rauschte mit den andern Kindern ab. Das war
keine besonders weihnachtliche Handlung von ihr, um es milde auszudrücken, aber der junge
Kerl machte sich nicht das Geringste daraus, so abgestumpft war er. Er steckte die fünf
Mark in die Tasche, ging nach Hause und saß in seinem Zimmer herum. Man muß nicht
denken, daß er traurig war, da allein herumzusitzen, das war ihm gleichgültig.
Höchstens verärgert war er, weil das Café wegen Weihnachten geschlossen war. Aber einen
winzigen Zipfel haben wir von dem jungen Burschen doch erwischt, denkt der jetzt alte
Mann. Das Rauchservice deutet darauf hin, daß er schon damals rauchte. Das ist ein
Anlaß, sich eine Zigarette anzuzünden. Übrigens, die Stellung in der Bank wurde ihm zu
Ende März gekündigt; wegen Stabilisierung der Mark brauchte man keine Hilfskräfte mehr.
Doch der junge Kerl fand gleich eine andere Stellung bei Rudolf Meyerkort, eine große
Firma, die dem Mann seiner Patentante Alice gehörte. Wieder dies Glück! Vielleicht
verdiente er da sogar etwas mehr. Zuerst war er wieder in der Buchhaltung tätig. Doch
sehr bald kam er in die Reis-Abteilung. Eine große Firma, fünfzig Angestellte und dann
noch die Arbeiter der Reismühle. Da lernte er dann im Sommer 1925 auch seine Frau kennen,
bis dahin hatte er sie nicht weiter beachtet, da er anderweitig engagiert war, und sie
wohl auch. In der Stellung blieb er bis 1933, mit andern Worten, bis Hitler kam, dann
mußte er in die Firma seines Vaters verschwinden. Aber das war viel später und hat
nichts mit dem jungen Kerl zu tun, den wir dingfest machen wollen, ruft sich der alte Mann
zur Ordnung. Ist dieser Stellungswechsel im April 1924 der Grund für den Umzug von der
Hansastraße in den Grindelhof? Aber warum? Das läßt sich auf keine Weise mehr
erklären; denn günstiger lag die neue Wohnung auch nicht. Sie gehörte zwei Frauen, die
eine hatte kleine Kinder, die andre bekam man nie zu sehen; sie war Bardame, kam nachts
spät nach Haus und schlief tagsüber. Trotzdem, das neue Zimmer mit seiner weißen
Dienstmädcheneinrichtung gefiel ihm besser als die schäbige Bürgerlichkeit der
Rechnungsratwitwe. Der alte Mann kann sich nicht entsinnen, in dem alten Zimmer jemals ein
Buch gelesen zu haben. Woher sollte der junge Kerl auch Bücher haben? Doch das kann ein
Irrtum sein. Jedenfalls in dem neuen Zimmer las er, das steht fest. Er las nicht nur, er
kaufte sogar Bücher. Alle vierzehn Tage kam ins Büro ein Stadtreisender mit zwei Koffern
voller antiquarischer Bücher. Und was noch besser war, er gab Kredit. Da wurden dann vor
allem von dem jungen Burschen Strindberg und Stendhal gekauft und der Grundstock für die
Bibliothek gelegt, die dann 1943 abbrannte. Aber er las in dem Zimmer auch "Richard
III." von H. H. Jahnn. Dessen erinnert sich der jetzt alte Mann wegen des Flecks auf
dem gelben Umschlag der Broschüre. Hatte er den Fleck gemacht und genierte sich. Das Buch
war ihm nämlich von seinem intimsten Schulfreund Justus Ritter geliehen [worden]. Er muß
also auch mit ihm verkehrt haben. Hatte Ritter, der in Tübingen studierte, schon den
Referendar gemacht und lebte wieder im Haus seiner Eltern in der Brahmsallee? Das war ja
nicht weit, fast im selben Wohnblock. Auch eine vorsintflutliche Schreibmaschine hatte der
junge Kerl dann in dem Zimmer am Grindelhof und tippte darauf sein dreiaktiges Drama
"Judas". Das wird ein ziemlicher Schmachtfetzen gewesen sein, denn sicher kam
auch eine Magdalena darin vor. Judas verriet Jesus, um ihn zu zwingen, sich als Messias zu
offenbaren. Eine immerhin brauchbare Idee, aber wie kommt man auf so etwas? Interessant
ist daran nur, daß dieser Zweiundzwanzigjährige, der schon eine Menge untauglicher
Stücke geschrieben hatte, das Schreiben wieder aufgenommen hatte. Der jetzt alte Mann auf
der Bank lacht wieder in sich hinein. Wie oft hat man ihn deswegen interviewt. Soll nicht
Freud gesagt haben: Ein Schriftsteller ist ein Neurotiker, der seine eigene Therapie hat?
Das stimmt, aber es darf nur ein Schriftsteller sagen, kein Psychoanalytiker, der besser
seine eigene Neurose behandeln sollte. Obendrein war dem jungen Bürschchen inzwischen
eine sehr viel wirksamere Therapie zuteil geworden. Wieder so ein Glücksfall! Beinahe wie
im Märchen, wo so ein reiner Tor im letzten Augenblick immer durch ein völlig
unvoraussehbares Glück gerettet wird. Dafür solltest Du dankbar sein, ermahnt sich der
alte Mann. Da saß nämlich im Café Jalant an einem der kleinen Marmortische nicht weit
von der Musik eine Frau, fast immer allein, jedenfalls ohne angestammte männliche
Begleitung. Die war dem jungen Schlingel schon lange aufgefallen, ihr hochmütig
abweisender Mund hatte ihn wohl fasziniert. Welch ein für ihn unerreichbares Wesen! Sie
war sehr elegant gekleidet, weit eleganter, als die anderen Frauen da in dem Café. Sie
trug einen Hut, der weit über die Augen hinausreichte, das war damals Mode, man kann es
noch in alten Filmen sehen. Es gab den Frauen ein demimondänes Aussehen, das sollte auch
so sein. Doch welch ein Witz, diese Frau war eine echte Demimondäne, worunter natürlich
nichts im bürgerlichen Sinn des Wortes Abwertendes verstanden werden darf. Dem Himmel sei
Dank, daß es diesen Typus gibt, selten genug ist er leider. Diese Frau stammte aus Polen
oder wenigstens aus dem polnischen Teil Ostpreußens, sie konnte auch noch polnisch
sprechen. Dann war sie eine Zeitlang mit einem Griechen verheiratet gewesen, dessen Namen
sie auch noch trug. Der Grieche existierte jedoch nicht mehr, entweder war er gestorben
oder nach Griechenland zurückgekehrt. Jetzt nun wurde sie von einem alten Herrn mit
adligem Namen ausgehalten, der in Hannover lebte und sie alle vierzehn Tage besuchte. Wie
alt wird sie gewesen sein? Vielleicht Ende der Zwanziger, jedenfalls ein paar Jahre älter
als unser junger Schlingel. Sie war nicht groß, sah aber gut aus, und körperlich war sie
eine Schönheit, das darf man wohl sagen, mit den gerundeten Gliedmaßen, die wohl ein
slawisches Merkmal sind. Man sollte nun annehmen, daß nichts weniger zusammengepaßt
hätte als diese erfahrene Frau und der junge Gescheiterte aus Jena mit seinem bißchen
angelesenen Wissen und doch haben dann die beiden fast anderthalb Jahre zusammengelebt.
Wann er zuerst ein Auge auf sie geworfen hat, läßt sich nicht mehr sagen. Es war nicht
schwer, in dem Café ein Auge auf sie zu werfen, denn sie war eine auffallende
Erscheinung. Und wann dieser Bengel den Mut faßte, sie anzureden, ist auch nicht mehr
festzustellen. Es wird wohl in den ersten Monaten von 1924 gewesen sein. Eines Abends
jedenfalls raffte er sich auf, trat an ihren Tisch und sagte: "Ich möchte Sie gern
kennenlernen, gnädige Frau." Das hätte ich sehen mögen, ruft der jetzt alte Mann
laut aus, so daß ein Kind, das auf seinem Tretroller da herumspielt, erschrocken zu ihm
hinblickt und sich davonmacht. Der alte Mann weiß natürlich, daß dies Bürschchen, das
er vor fünfzig Jahren gewesen ist, alles andere als ein Held im Anreden von fremden Damen
war, trotz aller studentischen Großsprechereien und Zynismen. Ihm werden die Knie
geschlottert haben aus Angst vor der Abfuhr, denkt er. Aber die Sache klappte wider
Erwarten. Der junge Bengel durfte sich an den Tisch der Dame setzen, er durfte sie dann
auch nach Haus begleiten. Natürlich nahm sie ihn nicht gleich am ersten Abend mit in ihr
Zimmer hinauf, das denn doch nicht, aber sicher werden sie sich für den nächsten Abend
im Café verabredet haben. Der jetzt alte Mann blickt scharf auf den Grindelberg, ob er da
den jungen Mann von links kommen sieht, um in die Hansastraße einzubiegen, sicher voller
Stolz über seine Errungenschaft, aber er ist leider wieder nicht zu entdecken. Doch weit
interessanter wäre doch zu erfahren, was diese Frau veranlaßt hat, den unreifen
Jüngling, dem sie die Liebe erst beibringen mußte, diesen schlecht ernährten und billig
gekleideten Bengel ohne Geld zu akzeptieren. Wenn sie schon das Bedürfnis nach einem Mann
hatte, war sie doch nicht auf ein so klägliches Exemplar angewiesen. Hatte der Bengel nur
einen Moment der Einsamkeit und des Gelangweiltseins bei ihr erwischt. Welch ein
Glückspilz! Oder hatte auch sie ihn schon eine Zeitlang da im Café beobachtet. Das wird
nun nie jemand erfahren. Es bleibt nur die Tatsache, daß es klappte. Die Polin, um sie so
zu nennen, wohnte in der Bieberstraße im ersten Haus gleich links vom Grindelhof, also
auch im allernächsten Umkreis. Ein großbürgerliches Etagenhaus, sogar mit Fahrstuhl. Es
steht noch heute. Auch das Klingelbrett scheint noch dasselbe zu sein. Hatten sich nicht
die beiden einmal nachts, als sie sich zum Abschied umarmten, aus Versehen dagegen gelehnt
und sämtliche Klingeln des Hauses in Betrieb gesetzt. In allen Stockwerken wurde Licht
gemacht, und die beiden mußten sich schleunigst aus dem Staube machen. Die Polin hatte
ein kleines Zimmer im ersten Stock nach hinten hinaus, es war besser möbliert, als der
junge Kerl es die letzten Jahre gewohnt war. Auch die anderen Zimmer der Etage waren
sämtlich an alleinstehende Herren vermietet. Die Vermieterin sprach unangenehm süßlich
und sah wie eine schlampige Puffmutter aus; doch vielleicht tut man ihr Unrecht und sie
war krank und hatte Wasser in den Beinen. Außerdem, wen ging das etwas an, Hauptsache,
daß sie nicht störte. Dies kleine Zimmer war fast anderthalb Jahre für den jungen
Bengel, sagen wir nicht Heimat, das wäre ein zu sentimentales Wort, sondern der einzige
feste Punkt seines Daseins. Er war dort täglich, oder genauer, Nacht für Nacht; anders
konnte er [es] sich gar nicht denken. Selbstverständlich mußte er an den Tagen
verschwinden, wenn der alte Gönner aus Hannover herüberkam, aber es ist nie zu einem
unangenehmen Zusammentreffen gekommen. In dem Zimmer schlief er oft genug, da konnte er
auch baden, was sicher sehr nötig war, und sicher bekam er da auch etwas zu essen.
Natürlich ging schon bald das Gerücht um, er ließe sich von der Frau aushalten. Doch es
handelte sich um Schlafen und Essen, und wenn sie ihm hin und wieder einen Schlips
schenkte, damit er anständig aussah, und selbst wenn sie im Café bezahlte, da er nicht
Geld genug hatte, so kann man das nicht Aushalten nennen, das sind doch
Selbstverständlichkeiten. Sie trafen sich Abend für Abend bei Jalant, gingen von da zu
ihr, um sich zu lieben, wie es genannt wird. Davon konnte es nie genug geben, alles wurde
ausprobiert, und [mit] welcher Hingabe war sie bei der Sache, das spottet jeder
Beschreibung. Überhaupt, von so etwas zu reden, damit macht sich ein alter Kerl
lächerlich, ermahnt sich der jetzt alte Mann. Obendrein wird der sich in der Liebe
betätigende und hoffentlich bewährende Knabe dadurch um nichts sichtbarer. Im Gegenteil,
er entschwindet uns völlig in dem geheimnislosen schönen Leib dieser Frau. Was taten sie
denn, wenn sie sich nicht liebten? Worüber unterhielten sie sich? Davon ist nicht ein
einziges Wort haften geblieben. Sicher sprachen die beiden nur über Dinge, die für die
Polin als die Frau, die sie verkörperte, und für die Repräsentanz ihres für die Liebe
geschaffenen Daseins wichtig waren. Zu vielem Spazierengehen war sie mit ihren hohen
Stöckelschuhen kaum geschaffen, aber bestimmt gingen die beiden auch in andere Lokale und
vor allem zum Tanzen, denn das gehört zur Liebe, und außerdem will man doch gesehen
werden und zeigen, was man hat. Und vielleicht gingen sie auch manchmal ins Kino. Ein
einziges Mal gingen sie sogar ins Theater und sahen sich den "Weißen Heiland"
an, dies minderwertige Stück von Hauptmann, aber Moissi spielte die Hauptrolle, deshalb.
Übrigens gab es doch ein Geheimnis, oder hielt der junge Mann, so darf man ihn jetzt wohl
nennen, eine ganz naive weibliche Möglichkeit nur für ein Geheimnis, da er nichts davon
begriff. Wenn nämlich die Frau von der Liebe gesättigt in seinem Arm schlief, konnte er
sie ansprechen und sie reagierte, ohne aufzuwachen, ganz kindlich darauf, etwa durch ein
freudiges Zappeln mit den Beinen. Das war ihm unheimlich, darum ließ er davon ab. Aber
welch ein Glückspilz, dieser junge Mann, kann man nur wieder rufen. Hätte ihm wohl eine
bessere Therapie zuteil werden können als dieser Aufenthalt in [einer] rein weiblichen,
tellurischen Welt, die den gescheiterten Knaben von allen unausgegorenen Verstiegenheiten
und Romantizismen wirksamer heilte, als es bürgerliche Moralpredigten und die tägliche
Routine des Brotverdienens vermocht hätten. Dank sei auch dieser Frau und mit ihr allen
Frauen, die es auf sich nehmen, einen Knaben zum Mann zu schaffen, indem sie ihn
schonungslos in ihre Welt ziehen. Selbst wenn er uns dabei aus den Augen geschwunden und
sein Bild nicht mehr rekonstruierbar ist, wir brauchen es ja gar nicht, wir haben ja das
Ergebnis. Seit November 1925, als der junge Mann heiratete, wird auch sein Bild
profilierter, denn Verheiratetsein bedeutet vor allem, sich dauernd in einem Spiegel
verantwortlich zu kontrollieren. Ja, das Verhältnis mit der Polin ermüdete nach
anderthalb Jahren ganz von selber, so drückt man es wohl am besten aus. Denn ein
bestimmter Anlaß für das Ende lag nicht vor. Kein andrer Mann und keine andre Frau, auch
keine Geldschwierigkeiten oder was sonst eine Trennung zu verursachen pflegt. Oder lag es
daran, daß der junge Mann wieder zu schreiben begann? Doch was ist Ursache und Wirkung?
Vielleicht begann er zu schreiben, weil ihm ein rein körperliches Dasein doch nicht
ausreichte. Kurz, das Verhältnis ermüdete im April oder Mai 1925. Der junge Mann merkte,
daß er die Liebe gleichsam nur noch als Racheakt ausführte. Da gab er sich einen Ruck
und machte Schluß. Sicher war die Trennung deswegen nicht weniger schmerzhaft die
Frau sei um Verzeihung gebeten , weil sie notwendig war; denn körperliche
Gewohnheiten binden ebenso stark, wenn nicht stärker, als ein geistiges Zusammenleben.
Aber wozu seufzen, das ändert nichts an den Tatsachen, die sich nachträglich als richtig
erwiesen haben. So denkt der alte Mann, der von der weißen Bank aufgestanden ist und noch
einmal zu der Helene-Lange-Straße hinüberblickt, die früher, vor fünfzig Jahren,
Hansastraße hieß. Aber es ist nichts zu sehen außer dem Verkehr auf dem Grindelberg.
Darum sieht der alte Mann auf seine Uhr und ruft: "Mein Gott, höchste Zeit! Meine
Frau denkt womöglich, mir sei etwas passiert und hat schon die Unfallstation
angerufen."
Die toten Jahre der Diktatur
[Aystetten] 16.12.1960
Ein Beweis, wie unecht und tot die Nazizeit war, ist mir,
daß ich mich auf keine Weise entsinnen kann, wie ich die Jahre 1933 - 43 verbracht habe.
Bis 1933 könnte ich alles schildern und wahrnehmbar machen, aber dann ist da plötzlich
eine Pause ohne alle Sinnenhaftigkeit. Es wird doch auch in jenen Jahren angeregte Momente
gegeben haben, aber offenbar sind sie nicht erlebt, sondern nur gedämpft und geduckt
hingenommen, wie in einem Totenreich, wo man nicht laut zu sprechen wagt, um nicht
aufzufallen. Natürlich erinnere ich mich gewisser äußerlicher Fakten, z. B. daß
ich jeden Morgen um 9 h im Geschäft war und um 5 h wieder nach Haus fuhr. Auch die
Wohnungen ließen sich noch beschreiben, aber das alles hat keinerlei Wirklichkeit. Am
ehesten sehe ich mich noch am Fenster stehen und sonntagnachmittags auf die Brahmsallee
hinunterblicken mit einem Gefühl der Leere schon jenseits der Verzweiflung. Und sicher
habe ich zuweilen so dagestanden, aber doch nicht immer.
Diese Pause begann etwa Mitte 1933, nachdem die
Haussuchungen bei uns aufgehört hatten. Also vielleicht, wie man heute sagen könnte,
denn damals geschah es nicht bewußt, mit der instinktiven Wendung, die persönliche
Gefahr, die einem von den Nazis drohte, durch ein Ausweichen und Verschwinden ins
Schweigen zu bannen. Es war also von dem Moment alles, was man tat und sagte, verlogen und
nur Schein. Wenn ich mir das heute klar zu machen versuche damals ahnte ja niemand,
wie lange es dauern sollte , scheint mir dieser Zustand die weit größere Gefahr
gewesen zu sein. Unvorstellbar groß und so grauenhaft, daß man nicht daran
zurückzudenken wagt. Und sicher haben diese Jahre im Nichts uns auch gezeichnet und es
haftet uns noch etwas davon an, wodurch alles, was wir berühren, an Farbe verliert.
1943 mit der Zerstörung Hamburgs endete die Pause, von da
an entsinne ich mich wieder aller Dinge, ob sie gut oder schlecht waren, ganz gleich. Ich
glaube, ich habe das Gefühl des Aufwachens oder des Erlöstseins, das mich durch die
Vernichtung der Stadt überkam, im "Untergang" angedeutet. Sehr seltsam und
nicht gerade heroisch, daß die Befreiung nur möglich war, indem die Gefängnismauern von
außen her und durch andere Mächte zum Einsturz gebracht wurden. 1941/42 schrieb
ich 90 % der Gedichte. Sie befreiten mich nicht. Vielleicht waren sie eine Vorbereitung
auf die Befreiung oder auch nur ein Versuch aufzuwachen.
Das Furchtbare dieser Pause für den einzelnen wird einer
späteren Generation auf keine Art zu schildern sein. Vielleicht spürt man zwischen
unsern Zeilen einen tödlichen Abgrund und wundert sich, aber das ist alles.
Nach dem "Untergang"
[Hamburg] 25.9.1943
Unsere gesamte Habe ist vernichtet. Das Haus ist von
unserer Wohnung aus zerstört, in den ersten 5 Minuten des Angriffs begannen unsere Räume
zu brennen. Darin wäre nicht mehr als ein Zufall zu sehen und schließlich geht es vielen
Hunderttausenden so. Was aber zu beachten ist: Wir haben seit 1940 Angriffe. Wir haben nie
etwas zu unserem Schutze getan wie andere. Und zwar, weil ich dagegen war, und zwar
dagegen, weil ich sagte, uns würde nichts passieren, selbst wenn links und rechts von uns
die Häuser zusammenbrächen. Und es würde auch dem nichts passieren, der bei mir wäre.
Dies Gefühl war echt und sicher, es war so echt, daß ich mich scheute, es oft
auszusprechen: denn durch Worte wird alles Echte zweifelhaft. Und wenn man mich fragte,
wieso ich so sicher sein könnte, gab ein ebenso sicheres Gefühl die Antwort für mich:
weil es mir nicht so einfach gemacht wird, durch eine Bombe umzukommen. Und siehe da: Am
21. Juli verlasse ich zum ersten Male seit 5 Jahren die Wohnung, um 14 Tage Ferien in der
Heide mit meiner Frau zu verleben. Es ist nicht zu schildern, von welchen Zufällen diese
Ferien abhängig waren und noch wenige Stunden vor der Abreise zweifelhaft. Und vier Tage
später beginnt die Vernichtung Hamburgs. Vielleicht wird dies zu wichtig genommen.
Vielleicht ist daran wichtig nur das Gefühl: weil es mir nicht so leicht gemacht werden
soll.
Ich stand in den 4 Nächten auf einem Hügel in Maschen, 25
km von Hamburg entfernt und sah das Feuer auf die Stadt niederfallen. In der letzten Nacht
begann auch die Heide zu brennen, aber es kam ein Gewitter und löschte sie. Ich stand da
und seufzte vor Hilflosigkeit. Hinter mir standen zwei Kiefern, die wie zwei springende
Wölfe nach der Mondsichel bissen. Als [es] Tag wurde, kamen die Flüchtlinge. Später
wird man dies vielleicht schildern. Auch die Stadt zeigen, die [zu] 82 % zerstört wurde,
und dies in 5 1/2 Stunden alles zusammen.
Was sich nie schildern ließe, sind die beiden Monate, die
dazwischen liegen. Dies Verlorensein, dieser Schwebezustand, dies Nicht-wissen-Wohin. Und
immer dies durch die Wohnung-Gehen und der Gedanke: wenn wir nach Hause kommen . . . , und
dann plötzlich der Abgrund.
Wir haben seit 1937 in dieser vernichteten Wohnung gelebt.
Es war der Versuch eines Heimes, umgeben mit vielen wertvollen Gegenständen. Aber doch
nur der Versuch: wir haben immer ein wenig wie mit schlechtem Gewissen unter den Dingen
gelebt, als wenn sie nicht unser wären oder als ob wir nicht richtig nach unserer Art
lebten. Das ist schwer in Worte zu bringen. Vielleicht so: Es war der Versuch, durch eine
wertvolle Umgebung Stabilität in das Dasein zu bringen, eine Selbsttäuschung. Aber
vielleicht hingen wir deshalb umso inniger an den Dingen, die uns im Grunde nicht helfen
konnten, inniger als alle Menschen, für die der Fall damit erledigt ist, wenn sie sich
nur andere Sachen anschaffen können für die verlorenen. Während wir uns noch den Dingen
gegenüber schuldig fühlen, weil sie unserem mißglückten Versuch zum Opfer fielen.
Die letzten Kriegswochen
[Hamburg] 14.2.1945
Am 30.1. begannen wir, nach Leinpfad 26 umzuziehen. Mit
schottischer Karre in hohem Schnee. Vor ein paar Tagen erst sind wir damit fertig
geworden. Umzugsleute waren nicht zu bekommen. In der bisherigen Wohnung war es vor Kälte
nicht mehr auszuhalten. Räumlich sind wir jetzt noch beschränkter als vorher. An
Alleinsein und eigenen Raum ist nicht mehr zu denken. Ich bringe Holz aus dem Hafen mit,
auch sammeln wir auf der Straße einzelne Kohlen, die aus den Wagen oder beim Abladen
herunterfielen. Wir haben einen kleinen Ofen, auf dem man zur Not auch kochen kann.
Ich möchte wohl jeden Tag wieder ein paar Worte hier
hineinschreiben. Vielleicht ist es wichtig in dieser Zeit, auch diszipliniert es; man
setzt die quälenden Eindrücke in eine objektivierte Beobachtung um und verwindet sie so
leichter, ohne abzustumpfen und die Fähigkeit, sich beeindrucken zu lassen, zu verlieren.
Aber es wird nur Vorsatz bleiben. Die Übermüdung ist zu groß, schreibend fallen einem
die Augen zu oder es ist, als habe man Watte im Gehirn. Dies ist wohl mehr eine Folge
schlechter Ernährung als tatsächlicher Arbeit. Auch das Gedächtnis ist schlecht
geworden. Alte Leute sagen mir, das wäre Fettmangel und es wäre im letzten Kriege auch
so gewesen, das dauernde Angespanntsein durch Alarme und Angriffe, dies Lauschen auf die
Gefahr von außen und wie empfindlich ist das Ohr auf jedes Geräusch geworden
verschiebt die Wertbegriffe und macht interesselos gegen das Wirkliche.
Doch man sollte sich mit allen Kräften dagegen wehren und
es nicht zulassen. Man vegetiert sonst nur noch und der lebendige Trieb verkümmert ganz.
Hinzu kommt aber das Wissen um das baldige Ende und das
Warten darauf. Es ist leichter, wenn die Sintflut da ist, als sie von Tag zu Tag näher
kommen sehen. Wozu soll man noch etwas anfangen. Es ist leicht gesagt: man könnte sich
für morgen erhalten und rüsten. Man kann diesen Morgen erst beurteilen und Stellung dazu
nehmen, wenn es Mitternacht ist. Bald, ich vermute sehr bald, werden wir in der Talsohle
angelangt sein; dann läßt sich der Aufstieg beurteilen, aber nicht vorher.
Wieviel erlebte und gesehene Not sich in diesen wenigen
Wochen verbergen, läßt sich nicht sagen. Irgendetwas hindert mich, die Dinge
buchstäblich zu schildern, vielleicht um die Erlebnisse dadurch nicht zu verdoppeln.
Wieviel mal hatte inzwischen das Schicksal an dem Hause, in dessen Keller man sich
verbarg, gerüttelt, um es einzustürzen. Und ist die Gefahr vorbei, kriecht man heraus,
ein wenig nachzitternd wie nach einer verbotenen Orgie, ja, als wenn es ein Genuß gewesen
wäre.
Trotz allem, die Haltung des Plinius beim Ausbruch des
Vesuvs bleibt vorbildlich. Beobachten bis zuletzt, solange man nicht handeln kann oder
darf. Und unter Handeln verstehe ich Bekennen und Dichten.
Ich sehe mit Schrecken, daß sich meine Hände und mein
Gesicht verändert haben. Ich sehe aus wie ein Rauschgiftsüchtiger, dem man den Stoff
entzogen hat. Wenn ich morgens in den Spiegel sehe, wage ich mich nicht zu erkennen. Das
Wachsame und Lauschende fehlt. Vielleicht ist es dasselbe Gesicht, aber als ob man den
Geist herausgenommen hätte. "Doch alles ausgelöscht was sie entflammt!"
Ist es nur Müdigkeit?
Dies mag unwichtig sein in dem allgemeinen Untergang. Aber
ich bin ein Teil des Ganzen und dafür mitverantwortlich. Und es ist wichtig für mich.
Weihnachten 1959
[Aystetten] 24.12.1959
Morgens ein paar Geschenke mit M. zu den Leuten gebracht.
Dann großes Pech. Der elektrische Herd ging kaputt. Lohnt nicht, einen Pfennig Reparatur
hineinzustecken. Mußte schnell vor Ladenschluß in die Stadt, um einen neuen zu kaufen,
der nachmittags geschickt wurde, aber noch nicht angeschlossen ist. Fast 500.- Außerdem
Föhn.
Saßen abends eine Stunde beisammen. Hatten Kerzen zu
kaufen vergessen. Ganz gleich. Sowieso zu müde und gereizt. M. legte sich gegen 8 h hin,
ich in mein Zimmer und las du Prel.
Gegen Mitternacht fuhren wir nach Streitheim, ebenso
Familie Erben und Gerlach. Im Walde die Rehe. Hörten die Weihnachtsmesse von Pfarrer
Riedl. Streitheim ist seine Filialpfarre. Großes Hustenkonzert der Dorfkinder. Einer der
Adjunkte, anscheinend aus dem Priesterseminar, bewegte sich allzu sicher auf der Bühne
und wiegte sich in den Hüften. Nicht sehr feierlich das Ganze, aber anheimelnd. Eiskalt
in der Kirche, die auf dem Berg liegt. Die beleuchteten Fenster. Und nachher der Pfarrer
auf dem Platz davor, über ihm der Orion und genau über seinem Scheitel der Sirius.
Fuhren dann nach Aystetten zurück und noch zu Gerlachs und ein paar Schnäpse getrunken,
um warm zu werden. Um 1/2 3 h zu Haus.
Eine unglaubliche Geschichte
[Hamburg] 21.8.1965
Und dann passierte in der Nacht vom 17. auf den 18.
folgende Geschichte, die so unglaubhaft ist, daß sie möglichst genau erzählt werden
muß.
Ungefähr um 2 1/2 h nachts wachte ich von irgendeinem
Geräusch draußen auf dem vorgebauten Altan auf. Ich drehte mich auf die andere Seite,
horchte einen Augenblick und da ich nichts weiter hörte, versuchte ich wieder
einzuschlafen. Das Fenster stand wegen der Hitze offen, und Geräusche gibt es von der
Straße genug. Allerdings stand in dem Neubau nebenan ein Gerüst, auf dem man leicht von
der Straße zu uns im 6. Stock klettern konnte. Vielleicht war ich schon wieder im
Halbschlaf, doch ganz gleich, aus irgendeinem Grund mache ich die Augen wieder auf und
sehe vom Bett aus ins Arbeitszimmer und wie sich dort ein Schatten im offenen Fenster
bewegt. Mit einem Ruck reiße ich mich hoch, bringe die Beine auf den Boden und schreie:
"Gehen Sie sofort raus!" Im gleichen Moment springt die Figur ins Zimmer und
mich trifft der Strahl einer Taschenlampe. Der Mann sagt: "Kein Geschrei! Sonst
schieße ich." Und in der Tat, er hat einen Revolver in der rechten Hand, einen mit
ziemlich langem Lauf, ein altes Ding, dem Metall nach zu urteilen, ein Trommelrevolver.
Der Mann steht einen Meter vor mir, ich sitze auf dem Bett, die Hände nach hinten
gestützt. Der Mann sagt: "Nehmen Sie die Hände hoch." Und ich: "Nein, tue
ich nicht." Ich bin sehr schlechter Laune und verärgert, weil ich plötzlich geweckt
bin, weil ich das Fenster offen gelassen habe, obwohl M. mich gewarnt hatte, und weil ich
nicht will, daß M. von der Unterhaltung geweckt wird. Ich lasse also die Hände hinter
mir auf dem Bett, blicke auf den Revolver und bewege mich nicht. Der Mann besteht nicht
weiter darauf, daß ich die Hände hoch nehme. Er sagt: "Keine Panik!" Er
spricht dialektfreies Hochdeutsch, überhaupt, er macht einen gebildeten Eindruck. Er ist
hübsch und schlank und hat einen schwarzen Pullover an. Mehr kann ich von ihm nicht
sehen, da ich tief sitze und die Taschenlampe mich blendet. Er blickt zur Tür, die auf
den Korridor führt und sagt: "Stehen Sie auf und gehen Sie hinaus." Und ich
wieder: "Nein, tue ich nicht." Er zögert, dann tritt er ein paar Schritte
zurück und sagt: "Sie haben sich wohl sehr erschrocken?" Und ich: "Ja,
natürlich." Er geht rückwärts bis ins Arbeitszimmer, läßt die Taschenlampe
einmal über die Bücherwände gleiten und fragt: "Was sind Sie denn von Beruf?"
Und ich: "Schriftsteller." Und er: "Ich hab mir schon so etwas
gedacht." Er strahlt den Schreibtisch und die Schreibmaschine an; in der
Schreibtischublade liegt meine Brieftasche, auf dem Schreibtisch meine Armbanduhr. Aber er
rührt nichts an. Er bewegt sich zum Fenster und sagt: "Schreien Sie nicht, bis ich
fort bin. Und entschuldigen Sie." Damit klettert er hinaus. Ich warte eine Sekunde,
gehe langsam bis zum Fenster und sehe noch, wie er um das Trenngitter zwischen den
Häusern herumklettert und dann vom Nachbaraltan in den Neubau verschwindet. Ich mache das
Fenster leise zu und überlege. Ich bin alles andere als entschlossen: Soll ich mich
wieder hinlegen und die ganze Sache verschweigen, um M. nicht unnötig aufzuregen, oder
... denn die Geschichte hätte ja ebenso gut ein Traum sein können ... kurz, in dem
Moment kommt M. zur Zimmertür herein, macht Licht im Schlafzimmer, und hat den
dreiarmigen silbernen Leuchter mit dem schweren Marmorfuß in der Hand, um ihrem Mann zu
Hilfe zu kommen. Sie war auch von einem Geräusch aufgewacht, entweder von dem
Hineinspringen des Mannes oder von meinem ersten Ruf, der wohl ziemlich laut gewesen war.
Sie dachte zunächst, ich hätte im Traum geschrien, wie das zuweilen vorkommt, oder wäre
wieder einmal aus dem Bett gefallen. Aber dann hörte sie die gleichmäßige, ruhige
Unterhaltung, zog sich einen Morgenrock und Schuhe an und griff nach dem Leuchter. Sie
glaubte mir nicht, als ich sagte, daß eben einer mit einem Revolver dagewesen wäre. Erst
als sie fragte, ob sie die Polizei anrufen sollte und ich ja sagte, merkte sie, daß es
ernst war.
Die Polizei kam sehr schnell, in kaum zwei Minuten war ein
Radio-Wagen da. Ich mußte mit dem Fahrstuhl hinunterfahren, um die Leute hereinzulassen.
Einer kam mit herauf und kletterte sofort auf den Altan und zum Nachbarhaus. Der andere
holte über Radio Verstärkung. Schließlich waren sechs Leute auf den Dächern und unten,
sowohl auf der Goethe- als auch auf der Rothofstraße, waren andere, die die Häuser
anstrahlten. Ich sagte zu den Leuten: "Das muß doch ein Anfänger gewesen
sein". Doch sie sagten: "Da täuschen Sie sich." Und tatsächlich: auf der
Balustrade zum Nachbaraltan lag ein schwerer Hammer mit dem Stiel zu uns hin. In dem
Winkel zwischen Balustrade und der Wand des Nachbarhauses, des Neubaus, hatte der Mann
sich ausgeschissen. Und noch ein Haus weiter, auf dem Altan vom Modehaus Pfüller, war ein
Fenster eingeschlagen und der Mann war in die Kantine eingebrochen, ohne etwas zu finden
und ohne in die unteren Etagen kommen zu können. Die Sucherei dauerte bis 4 h und
natürlich war der Mann längst über alle Berge, kein Kunststück übrigens in dem
Neubau. Am nächsten Morgen kam dann noch die Kriminalpolizei, nahm Fingerabdrücke und
dergleichen Unsinn mehr. Einer sagte: "Sie haben aber Mut gehabt", und auch in
der Zeitung war von einem mutigen Einwohner die Rede. Das ist Quatsch. Ich habe überhaupt
nicht an Mut gedacht. Wie gesagt, zur Hauptsache war ich verärgert über die Störung,
und das ließ ich den Mann auch merken. Allerdings hatte ich auch keine Angst: ich
überlegte nur, wie bringen wir das so schnell wie möglich hinter uns, wie eine ganz
gewöhnliche unangenehme Sache. Daran ist also nichts zu rühmen, obwohl es zufällig das
richtige Verhalten war. Möglich auch, daß es den Gegner konfus macht, wenn man in einer
Gefahr, gegen die man machtlos ist, aufgibt und gleichgültig gegen alles Geschehen wird.
Und um auch das zu erwähnen: der junge Mann war mir nicht unsympathisch. Mehr wie ein
Gleichgestellter, der mich zur Unzeit besucht.
Das alles klingt unglaubhaft. Kino!
Um ehrlich zu sein: man schämt sich, die Polizei gerufen
zu haben. Schön, das mußte M.'s wegen getan werden, aber für einen Schriftsteller ist
es eine schäbige kleinbürgerliche Rache an einem jungen Mann, der einem nichts getan hat
und der sehr höflich war, soweit in einer solchen Situation von Höflichkeit die Rede
sein kann.
Der 75. Geburtstag
[Hamburg] 2.2.1976
Das wäre mit Ach und Krach überstanden. Am 30.1.
läutete die Türglocke vom frühen Morgen an wegen der Telegramme. Mittags kamen Unseld
und Frau, wir aßen alle im "Funkeck". Dann etwas auszuruhen versucht,
vergeblich wegen der Türglocke. Abends um 8 h dann ins Patriotische Gebäude, der Saal
war gerammelt voll. Erst hielt Siegfried Lenz die Festrede, sehr gut, dann las ich aus dem
"Glücklichen Menschen". Dann an die hundert Bücher signiert, anstrengend, aber
es freute mich für Saucke. Hinterher noch unten im Lokal zusammen, ein großer Kreis. M.
und ich gingen als erste, eiskalt draußen, minus 10 Grad. Fanden zum Glück ein Taxi am
Rathaus. Am nächsten Vormittag ich mit den beiden Unselds im Zug nach Frankfurt,
dort gegen 5 im Hotel Plaza. Abends nach Neu-Isenburg und dort im "Haferkasten",
einer italienischen Kneipe gegessen. Am nächsten Vormittag ins Senckenberg-Museum,
wieder erstaunlich viele Leute. Zuerst sprach einer vom Hochstift, dann hielt ich die Rede
auf die Kaschnitz, dieselbe wie voriges Jahr in Bonn, dann las die junge Kiwus je zwei
Gedichte von sich, von der Kaschnitz und mir und danach las ich wieder aus dem
"Glücklichen Menschen". Offenbar gut gelungen. Traf viele alte Bekannte, vor
allem Schmid, der extra aus München hergeflogen war. Dann alle Beteiligten, darunter auch
Hirsch, den wiederzusehen mich freute, ins "Schweizer Stübli" und dort
gegessen. Unseld brachte mich gegen 3 h zur Bahn und so gegen 8 h wieder zu Haus.
Soweit wäre das überstanden, nun bleibt der Berg Post und Telegramme zu beantworten.
Das Geheimnis des Tagebuchs
[Darmstadt] 26.11.1964
Die Frage ist: soll in diesem und durch dieses Tagebuch ein
Geheimnis verhüllt werden? Und zwar nicht nur vor anderen, sondern zunächst vor dem
Autor selbst. Vielleicht auch weniger verhüllt, als um davon abzulenken. Und liegt dies
Geheimnis nicht gerade wegen dieser Bemühung offen zutage?
Ich vermute, ja. Natürlich wäre die Frage nur eindeutig
zu beantworten, wenn die vorherigen Tagebücher noch existierten, die 1943 verbrannten. Es
ließe sich dann genau sagen, was von Anfang an als Anlage angesehen werden kann und was
nur Ergebnis der furchtbaren Mühle ist, durch die meine Generation von 1933 bis 1949
gedreht wurde.
Dennoch: ich vermute, das, was ängstlich geheimgehalten
werden soll, ist die absolute Unmöglichkeit, überzeugt und glaubhaft behaupten zu
können: das bin ich, dieser völlige Mangel an einmaligem Charakter und an nicht zu
verändernder individualistischer Substanz. Das Gefühl, sich auf nichts Eigenes berufen
zu können und deshalb auswechselbar zu sein. Die Ahnung innerer Leere und infolge davon
abgründiger Unzuverlässigkeit. Wann bin ich jemals ich gewesen? Wann wirklich? Wann habe
ich so gehandelt, wie nur ich handeln mußte? Ist mein Handeln nicht immer ein
ausweichendes Reagieren gewesen, damit die eigene Substanzlosigkeit durch äußere
Anlässe nicht offenbar wurde?
Es wird dies nicht etwa aus billiger Selbsterniedrigung
gesagt, eher mit einer Art Staunen darüber, daß ein Mensch, der sich dessen bewußt ist,
überhaupt existieren kann. Da liegt allerdings ein zweites Geheimnis, das sich auch durch
Tagebücher nicht beantworten läßt. Ja, wie kann ein Mensch, der weiß, daß alles nur
Pose und Fassade ist, selbst das Tagebuchschreiben, noch weiterleben? Aus Gewohnheit? Aus
Feigheit? Aus Zähigkeit? Denn was da Pflichten genannt wird, das sind doch nur
nachträgliche Hilfsmittel, keine ursprünglichen Impulse.
Hier ist z. B. manchmal über Religion gesprochen worden.
Das ist kaum mehr als das Ausprobieren einer vielleicht auch möglichen Haltung, während
ich in Wirklichkeit weiß, daß da gar nichts vorhanden ist, was sich durch Religion
binden ließe. Oder es wird über Selbstmord geredet. Auch das ist nur Pose und noch dazu
eine altmodische, wie ich genau weiß, allerdings ebenso genau, daß man sich jederzeit in
die Pose verlieben kann, um sie dann zuende zu spielen, was ein unehrlicher Selbstmord
wäre. Und hierher gehört auch meine tiefe Gleichgültigkeit gegen Glück und Unglück.
Denn selbst in größtem Elend und tiefster Armut, woran es nicht gefehlt hat, bin ich nie
unglücklich gewesen, so wenig, daß man mich schon für einen glücklichen Menschen
gehalten hat. Aber wie soll mich etwas unglücklich machen, was nur die Fassade berührt?
Wie soll einer glücklich oder unglücklich sein, in dem es nichts gibt, das auf Glück
oder Unglück anspricht?
Bleibt noch die Frage, die ebenfalls nicht von mir zu
beantworten ist: ob ich vielleicht ein zeitgeschichtlicher Typ bin. Sollte das der Fall
sein, so gäbe das dem Tagebuch eine gewisse Berechtigung.
Über die Ehe
[Aystetten] Oktober 1956
Es wäre wohl ein Buch zu schreiben über den verderblichen
Einfluß der Ehe auf die Kunst. Selbstverständlich wäre es falsch und viel zu billig,
der Frau daran die Schuld zu geben, denn die Frau ist gar nicht fähig zur Schuld. Der
Grund dürfte allein in dem schlechten Gewissen des Geistigen dem Natürlichen gegenüber
liegen. Komisch, das Natürliche hat nie ein schlechtes Gewissen.
Je älter ich werde, umso mehr komme ich zu der
Überzeugung, daß nur die Ehe als Hölle bezeichnet werden kann. Wohlverstanden, die Ehe
als Institution. Es ist nicht gesagt, daß einer der Partner ein Teufel zu sein braucht.
Selbst zwei Engel würden beim Zusammenleben, ohne es zu wollen, eine Hölle daraus
machen.
Die Ehe als Aufzuchtsinstitution ist natürlich berechtigt.
Frauen eignen sich nicht für Kunst, nur zum Kunstgenuß
und vor allem zum Geschwätz über Kunst. Im Grunde verachten sie die Kunst, man soll mir
nichts erzählen.
[Frankfurt] 20.2.1969
Jeder Künstler ist ein geborener Junggeselle. Daran
ändert nichts, daß gerade Künstler sich mehr als andere nach einem Zusammenleben mit
einem anderen Wesen sehnen und daß sie gefährlicher darunter leiden, wenn ihnen das
nicht gelingt.
Machen wir uns also nichts vor: das Junggesellentum ist
aufrichtig und ebenso die Traurigkeit, die diese Form des Alleinseins weckt, ist
aufrichtig, obwohl beides sich widerspricht.
Was nun die Frauen betrifft, die mit Künstlern verheiratet
sind, so spielt die Eifersucht auf das Werk oder genauer gesagt die schöpferische
Tätigkeit eine zerstörende Rolle in solchen Ehen. Die Frauen sind völlig in ihrem
Recht: sie spüren da den Punkt, wo sie rücksichtslos geopfert werden können. Sie setzen
sich auf zwei Arten dagegen zu Wehr: entweder indem sie sich nach außen hin mit dem Werk
ihrer Mannes sozusagen schmücken und vorgeben, nur für dies Werk zu leben - oder indem
sie nach innen ihren Mann zu unterjochen versuchen, indem sie diesem angeblich weltfremden
Menschen alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen und ihn mit seinen Sachen spielen
lassen. Beide Rollen, die der Muse und die der Mutter, sind natürlich verlogen und nur
tragikomische Ersatzpositionen.
Über das Schreiben
[Hamburg] 15.3.1950
Was mich von allen Schriftstellern, die mir bekannt sind,
unterscheidet, daß es mir nicht auf das Werk ankommt, sondern auf das Schreiben oder auf
den Zustand des Schreibens. Vielleicht ist es bei anderen auch so, nur daß ich mich
darüber keinen Täuschungen hingebe.
Möglich aber, daß ich gar kein wirklicher Schriftsteller
bin und in der Tat lege [ich] im Innersten keinen großen Wert darauf. Ich schreibe, weil
es bisher die beste Praktik für mich ist, in den Genuß der größten Spannung zu kommen.
Es wären aber bessere Mittel denkbar, das weiß ich sehr wohl. Kein Wunder daß die
Schriftsteller mich nicht ganz für voll nehmen, während ich sie umgekehrt ein wenig
verächtlich betrachte.
Mir ist das ganze aufgeregte Getue über Wortwahl,
Metaphern etc. fremd. Nicht weil es mir leichter fällt, sondern weil es für mich nicht
den Kern der Sache trifft. Ich gebe zu, daß ich mich in dieser Hinsicht der
Undiszipliniertheit und der Unsauberkeit im Handwerklichen schuldig mache. Aber ohne aus
der Not eine Tugend machen zu wollen: es ist gar nicht meine Absicht oder mein Ehrgeiz,
ein guter Handwerker sein zu wollen. Ein gefährliches Wort, gewiß; ich würde mich
hüten, es einem Jüngeren zu sagen. Doch seien wir ehrlich: ist diese übertriebene
Handwerklichkeit nicht oft ein Zeichen von Mangel an Persönlichkeit. Oder an Mut sich
hinzugeben? (Weil nicht genug vorhanden ist, was hingegeben werden kann.)
Ohne eine Lehre daraus machen zu wollen: Nach meiner
Erfahrung kommt für mich immer mehr dabei heraus, wenn ich mich von einem Gedanken oder
einem Wort wählen und überraschen lasse, als wenn ich es wähle. In dieser Hinsicht ist
all mein Schreiben nur ein Arbeiten auf diesen Moment hin. Ein Vorstoß ins Unbekannte,
eine Art Expedition, und plötzlich begegnet man einer Sache, einer Landschaft, einem
Gedanken, der einen ergreift und in dem man verbrennen und aufleuchten kann. Ein seltenes
Glück, aber welch ein Glück!
Was mich des weiteren immer plagt und mir alles, was ich
geschrieben habe, und zwar schon unmittelbar, nachdem ich es geschrieben habe, eklig
macht, ist das Unehrliche, das den Werken anhaftet. Es ist da zu viel Einkleidung,
Romanhaftes, Stoff usw., und nie eine direkte, unmittelbare Aussage. Gewiß, es bedarf des
Instrumentes, um die Musik zum Klingen zu bringen, und der Materie, damit das Licht
scheint. Man versucht, das Instrument völlig zu beherrschen und die Materie völlig mit
sich zu durchleuchten. Aber ebenso sehr muß man sich nach Instrument und Materie richten;
es bleibt ein Kompromiß, der verfälscht und die ganz echte Aussage unmöglich macht.
Immer habe ich eine geheime Sehnsucht, ob nicht ein
Aufleuchten ohne diesen Verbrennungsprozeß fremder Materie möglich ist.
[Aystetten] 18.2.1961
Wie erschreckend langsam das geht. Da hat man drei oder
vier Stunden intensiv geschrieben, man glaubt eine Welt von Gefühlen und Gedanken
durchmessen zu haben und fühlt sich sogar einen Augenblick glücklich und wenn man
den Schaden besieht, sind es kaum drei Buchseiten.
Darmstadt] 31.12.1962
Absoluter Tiefpunkt. Erfahrungsgemäß der geeignetste
Moment, sich an eine neue Arbeit zu machen.
[Hamburg] 26.1.1974
Brauchbare Idee für eine Kurzgeschichte, wenn auch etwas
literarisch: der Autor verläßt sein Zimmer, um auf die Toilette zu gehen. Unterdessen
unterhalten sich die Figuren, an denen er gerade arbeitet, über ihn. Zum Schluß: Pst! Da
geht die Wasserspülung. Er wird sich noch die Hände waschen, das tut er immer.
Über den Entstehungsprozeß
eines Werkes
[Aystetten] 23.2.1961
Ein Buch konzipieren ist ein einzigartiges Glück, eine Art
unio. Man versucht den Moment zu verlängern, über Tage und Wochen, um den Genuß, die
Einheit und die Selbstverständlichkeit nicht zu verderben; alles ist so klar, daß es im
Grunde überflüssig erscheint, das Buch noch zu schreiben. Das ist die Gefahr: man kann
durchaus den richtigen Augenblick des Anfangs verpassen, und er wird nie wiederkommen. -
Das Buch dann schreiben ist auch noch eine hohe
Annehmlichkeit, wegen der Absorbiertheit und weil man sich für Monate notwendig fühlt,
außerdem kommt es dabei immer zu Überraschungen, die eine Art Abglanz des ersten
Glücksgefühls gewähren; doch kann gerade dies zweite Glück leicht an einem
Kreuzungspunkt in die falsche Richtung führen, in Gegenden, die nicht in das Buch
gehören, sondern in das nächste Buch, das sich immer schon meldet, wenn man eines
schreibt, oder auch in eine Sackgasse. Dann macht man sich an die zweite Fassung mit einer
erhöhten Wachsamkeit; das ist noch nicht geradezu eine Plage, sondern man ist mit
handwerklichem Eifer dabei; aber die Arbeit wirkt in Hinsicht auf die Umgebung etwas
verdummend, da man an nichts anderem wirklich teilzunehmen vermag. Alles wird in das Buch
gesogen.
Dann kommt die dritte Fassung oder Reinschrift. Das ist
schon fast nur eine Angelegenheit des Fleißes, eine, die sehr wenig das Buch und seinen
Entstehungsprozeß betrifft, sondern seine Verwendungsmöglichkeit. Da beginnt man zu
stöhnen über die lange Dauer und die vertrödelte Zeit.
Und dann kommt die Strafe für das Glück, das man einmal
empfunden hat: das ist das Korrekturlesen des Manuskriptes, und sei es auch nur auf
Schreibfehler hin. Es ist eine so unerhörte Strafe, weil nichts mehr zu stimmen und alles
überflüssig zu sein scheint, daß jedes Manuskript ernstlich in Gefahr ist, in den Ofen
geworfen zu werden.
Über die "Gedichte"
[Hamburg] 30.7.1950
Meine besten Gedichte schrieb ich 1941 im Kontor.
Nachmittags, wenn ich dort allein war, oder auch nachts, wenn ich Luftschutzdienst hatte,
während nebenan die Leute Karten spielten und sich besoffen, froh darüber, von zu Haus
weg zu sein.
Manchmal kam mir morgens die Idee und ich machte mir eine
Notiz. Gegen 1 Uhr kochte ich mir eine große Kanne Kaffee und trank sie ganz allein aus.
Wenn ich am Spätnachmittag nach Haus ging, sagte ich mir das fertige Gedicht wieder und
wieder auf. Auf der Straße und in der Bahn. Wenn mich zufällig ein Bekannter anredete,
erschrak ich sehr. Dabei stellten sich dann die etwaigen Fehler von selbst richtig. Und
obendrein entstand aus dem Fertigen von selbst die Idee für das Nächste. Ich hatte alle
Hände voll zu tun, um die Einfälle beisammen zu halten und zu ordnen. Vieles verlor sich
dabei unwiederbringlich. Wenn eine solche Periode vorbei ist, kommt einem alles dumm vor,
was man sich aufnotiert hat. Völlig unbrauchbares Zeug!
Ich schrieb diese Gedichte aus Angst, glaube ich. Aus Angst
vor meiner Wertlosigkeit oder wie man es nennen will. Dies ist ein bitteres Geständnis.
Aber für irgendeinen schlauen Literaturfuchs wird die negative Herkunft dieser Gedichte
sowieso kein Geheimnis sein. Ich konnte ganz einfach meine eigene Nichtigkeit nicht mehr
ertragen und begann zu schreien. Darin liegt das Schamlose der Gedichte. Das einzige, was
sie vielleicht retten kann, ist, daß sie dadurch zufällig ein ziemlich echtes
Zeitdokument geworden sind. Doch das ist schon nicht mehr mein Verdienst und spricht mich
jedenfalls von dem Vorwurf des Schreiens nicht frei.
Immerhin waren es für mich zwei oder drei
verhältnismäßig glückliche Monate. Wenn man unter Glück etwa den gleichen Zustand
versteht, in dem sich jemand befindet, der eine Zeitlang all seine anderen Zweifel durch
Schlafen mit einer Frau zum Schweigen bringen kann. |