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Auszüge aus den Tagebüchern von Hans Erich Nossack (Teil 2)

Aus dem literarischen Leben:

Über die Mainzer Akademie - Mit der Gruppe 47 in Hamburg - Besuch der Frankfurter Buchmesse 1968 - Tagung des Kulturkreises der Deutschen Industrie 1976 in Duisburg

Über Freunde und Kollegen:

Begegnung mit Jean Genet in Hamburg - Die Beerdigung von Hans Henny Jahnn - Erinnerungen an Heimito von Doderer - Über Thomas Bernhard - Erinnerungen an Ernst Kreuder - Erinnerung an Ludwig Marcuse

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Aus dem literarischen Leben:

Über die Mainzer Akademie

[Darmstadt] 2.8.1964

Am 30.7. mittags nach Mainz wegen der Akademie-Sitzungen. Abends ein paar Stunden mit Eva Gripe, der schwedischen Germanistin, zusammen.

Am 31.7. unerträgliche Hitze und zu langer Vortrag vom alten Spatz. Wurde zum Vizepräsidenten gewählt. Ließ sich nicht vermeiden, war kein anderer da. Das bedeutet Mehrarbeit. Präsident wird nur, wer als Individualität erledigt ist.

[Frankfurt] 31.7.1965

Am 29. früh nach Mainz. Den ganzen Vormittag Präsidialsitzung. Nachmittags Sitzung mit den Leuten von Luchterhand wegen des 3. Bandes von "Literarische Revolution", der gottlob endgültig aufgegeben wurde. Dann Sitzung vom Geldverwendungsausschuß. Am 30. dann — die Literatur war zahlreich erschienen wie noch nie, auch die neuen Mitglieder Bender und Fritz erfreulich aktiv — kam [es] zu einem Skandal wegen der schikanösen Nicht-Wahl von Jens (11 Nein-Stimmen der Geisteswissenschaftler). Die Literatur erschien nicht im Plenarsaal, als Demonstration, und verlangte so eine Grundsatzdebatte. Gute Hilfestellung seitens der Naturwissenschaften, von denen einige ihrerseits drohten, nicht mehr zu kommen, wenn die Literatur ausschiede. Usw. Im großen Ganzen war es gut, einmal die Zähne gezeigt zu haben.

[Frankfurt] 13.7.1968

Vom 11. bis heute in Mainz. Es gelang endlich, das Amt des Vizepräsidenten an Bender abzugeben. Ein Kuriosum, das im Protokoll verschwiegen wird: der Wahlakt fand nachts in Eberbach im Autobus statt, da wir vorher nicht beschlußfähig waren.

[Hamburg] 14.2.1971

Vom 11.-13. in Mainz. Sehr guter Besuch der Literaten. So scheint denn das, woraufhin ich vier Jahre arbeitete, die Verjüngung der Klasse, gelungen zu sein. — Kreuder wird immer zänkischer, schwer zu ertragen. — Nachts langes Gespräch mit Blumenberg, ein guter Mann, aber überaus empfindlich. Gespräch über das Wirklichkeitsproblem, das von mir zur Behandlung durch die drei Klassen angeregt wurde. Von Blumenberg stammt der gute Vorschlag, daß die Literaten ihr Wirklichkeitsproblem von der negativen Seite aus anfassen sollten: Warum werfen Sie etwas in den Papierkorb? Woher nehmen Sie das Kriterium für Mißlungenes? — Von Vormweg oder Dieter Hoffmann hörte ich die Tagebuchnotiz Lichtenbergs: "Genug Stoff, um zu schweigen." Oder so ähnlich.

Mit der Gruppe 47 in Hamburg

[Hamburg] 6.5.1952

Abends Empfang in der Generaldirektion des NWDR für die "Gruppe 47". Lernte auf die Weise Hans Werner Richter, Günter Eich, Kolbenhoff, Böll und junge Österreicher wie Federmann, der mir von Hakel empfohlen war, und Ilse Aichinger, die ich schon einmal in Mainz gesehen hatte, kennen. Außerdem waren die meisten hiesigen Literaten, Kritiker und Verleger da.

Ich regte Schüddekopf zu einer Sendung junger österreichischer Dichter an. Sprach länger mit Eich, auch über Horst Lange, dessen Alkoholismus uns allen Sorge macht.

28.5.1952

Gestern abend bei Weisenborn zu einer Linsensuppe mit zehn Leuten von der "Gruppe 47". Nachher nach St. Pauli, wir waren im ganzen sechzehn. Alle sehr übermüdet. Zum Schluß in die Herbertstraße. Ließen uns von zwei Mädchen etwas "Französisches", wie sie es nannten, vorführen. Aber mein Gott, wie kleinbürgerlich und ordentlich war das alles. Gemein waren nicht die Mädchen und nicht die Männer, sondern die Schriftstellerin S.-L., wahrscheinlich eine ausgekochte Lesbierin. Mit welcher Gier sie darauf lauerte, daß die Mädchen sich entwürdigten, und wie schimpfte sie hinterher, weil es mehr durch die Zurückhaltung von uns Männern verhindert wurde.

Übrigens wie bei Kafka. Wir saßen in einem Raum, der Salon genannt wurde. Ein Tisch, ein paar billige Stühle, ein Grammophon und eine Chaiselongue. Im übrigen furchtbar geheizt. Plötzlich läutet das Telefon, das auf einer Art Kommode stand. Die dicke Aufwartefrau, die Bier und Schnaps gebracht hatte, nimmt den Hörer ab. Ich frage eines von den nackten Dingerchen neben mir, wer da denn anruft: "Der Chef", sagt sie. — "Und wer ist der Chef?" — "Ach, wir kennen ihn kaum. Er läßt sich höchstens dreimal im Jahr sehen." Das Telefongespräch endet mit der Auskunft: "Ja, wir haben Gäste im Salon", woraufhin dieser anonyme Chef auflegt. —

Heute, nachmittags, wieder Zusammenkunft der Gruppe 47 und des Weisenbornschen Dramatischen Kollegs. Diskussion: Epik oder Drama. Richter und die Gruppe für Roman, Hörspiel, Fernsehen und Massenwirkung, Weisenborn etc. pro Theater. Doch im Grunde waren sie gar keine Opponenten. Sie gehören beide mit ihrem Anhang zur Unkultur, zum Proletarischen, zum Substanzlosen, zum Kollektivistischen. Nicht ein einziges Mal fiel das Wort: Elite oder Aristokratie. Beide Parteien gebärdeten sich als mächtige Feinde der restaurativen Tendenzen des Zeitalters. Bis ihnen Rolf Schroers übers Maul fuhr und fragte: Was ist denn Restauration! Gerade die sind ihre Vertreter, die sich modern und avantgardistisch vorkommen, weil sie alte Inhalte für den Massenverbrauch über die neuen technischen Erfindungen zurechtstutzen. — Das war gut. Ich lud dann Schroers noch für eine Stunde zu uns ein. Ein scharfer Analytiker und Formulierer. Ein etwas gnomenhaftes Gesicht, aber wie besessen vom Intellekt.

Besuch der Frankfurter Buchmesse 1968

[Frankfurt] 19.9.1968

Gegen 2 h in die Buchmesse, durch die Stände gewandert und natürlich eine Unzahl von Bekannten getroffen, wobei man wie üblich trotz herzlicher Begrüßung nicht weiß, um wen es sich handelt. Aber z. B. Axel Eggebrecht, den ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, und überflüssigerweise von Wiese. Ledig gab mir die neue Taschenbuchausgabe von "Spätestens im Nov." — Dann gegen 4 h Fernsehinterview vor dem Suhrkamp-Stand, wo ich mitten im Getümmel ein paar Fragen beantworten mußte. — Später mit W. H. Fritz zum Kritikerempfang bei Unseld. Wieder eine Unmenge Bekannte, vor allem Eich, Johnson, Härtling, Augstein, Habermas usw., auch der nette Kritiker aus New York. Johnson las aus seinem neuen Roman. Später fragte er mich, ob ich was gegen ihn hätte, irgendein Klatsch muß ihm so etwas zugeflüstert haben. Na, ich konnte das mit gutem Gewissen verneinen, da ich ihn schon als gewissenhaften Arbeiter allein hochschätze. Das hat bis 1 h gedauert. Müde. Ich gehöre nicht dahin, das ist klar.

[Frankfurt] 21.9.1968

Anstrengender Tag. Morgens drei Stunden in dem Gedränge beim Suhrkamp-Empfang im Insel-Verlag herumgestanden, aber rein geschäftlich wird es sich wohl gelohnt haben. Natürlich mit unzähligen Menschen gesprochen. — Nachmittags am Hauptportal mit Reich-Ranicki und den Leuten vom Hamburger Rundfunk [zusammen]getroffen. Wir alle in die Anlagen am linken Main-Ufer und dort im Gehen kurzes Fernsehinterview über d'Arthez. Hinter uns der Main und vorbeifahrende Lastkähne, sicher ganz nett. — Abends oder nachts ins Theater am Turm, wo ein Suhrkamp-Abend mit Eich, Alsheimer und Walser stattfinden sollte. Aber gestört durch den SDS. Ganz gut, das einmal mitgemacht zu haben. Die Unfähigkeit der Jungen war beschämend, nur Anti und Krach. Das Wort Revolution steht ihnen nicht an, es ist klar, warum wir die Schlacht der beiden letzten Jahre verloren haben. Um es kurz zu machen: daß sie die Großväter von den Stühlen werfen wollen, ist ganz in Ordnung, aber man kann eine etablierte Literatur nur durch bessere Literatur beseitigen, auf keinen Fall durch Politik. Man kann eine Politik nur durch Politik bekämpfen, aber nicht durch Philosophie (Hegel) und soziologische Slogans. Und man tut der Gesellschaft nichts an, indem man sie durch Faschingsgebaren verulkt und beschimpft. Die Hilflosigkeit ist deprimierend. — Um auch das zu erwähnen: Walser diskutierte gut, ich hätte das nicht gekonnt. — Nachher noch in ein kleines Lokal und weiter diskutiert. Um 3 h zuhaus.

Tagung des Kulturkreises der Deutschen Industrie 1976 in Duisburg

[Hamburg] 18.10.1976

Auch Duisburg wäre überstanden. Am 15. nachmittags dort eingetroffen, gleich in den Duisburger Hof, ein gutes Hotel, und ins Bett, denn immer noch taumelig und dazu üble Bauchschmerzen. Aber de le Roi rief schon bald an und so traf ich ihn im Restaurant mit seiner Frau und später gesellten sich Huchel und die Aichinger dazu. In die ars viva ging ich nicht, sondern blieb mit Huchel im Gespräch über frühere Zeiten und verstorbene Kollegen. Er erzählte mir die erschütternde Geschichte von Johannes R. Becher. In den letzten drei Tagen auf dem Sterbebett redete dieser wilde Marxist nur von der Jungfrau Maria. Also die Kindheit kam bei diesem Ernstfall wieder in ihm hoch. — Am nächsten Vormittag die öffentliche Feier in der Mercator-Halle mit Bundespräsident usw. mitgemacht, höchst langweilig, und dann nachmittags nur noch in die Stadtbibliothek wegen der Lesung von der Aichinger, Huchel und mir, die übrigens gut ankam. Das folgende Konzert im Theater und das anschließende Festessen schenkte ich mir. Saß stattdessen mit Huchel, Bender, Lanser und Deesen zusammen und hörte ihnen zu. Traf übrigens auch irgendwann Peter de Mendelssohn und Zeller. Früh zu Bett. — Gestern zurückgefahren und gegen 4 h zu Haus. M. einigermaßen gesund.

— Bei einer der Sitzungen in Passau, als wir über die Zuwahlen von Beckett oder Ionesco debattierten und der Kanzler bemerkte, daß Beckett den Orden ja bereits abgelehnt habe, rief jemand, ich weiß nicht mehr wer: "Ja, gibt es denn auch so eitle Menschen?"

Über Freunde und Kollegen

Begegnung mit Jean Genet 1951 in Hamburg

[Hamburg] 22. September 1951

Letzten Sonntag übrigens mit Jean Genet zusammen, dem Dichter und Dieb. Meinem Fingerspitzengefühl nach: ich halte ihn für echt, d. h. er dichtet aus wirklicher Not. Ich habe nichts von ihm gelesen, daß er den "Prix des Pléiades" erhalten, daß Sartre und Cocteau sich beim Präsidenten Frankreichs für ihn eingesetzt haben und was sonst noch, interessiert mich zunächst nicht. Ich sehe nur den Menschen, ca. 40 Jahre, früh ergraut, die Stirn über die Augen gedrückt, mißtrauisch etc. Das alles ist echt, daß er uns alle bourgeois nannte, die nicht fähig seien, sich in die Lage eines jugendlichen Kriminellen, dem nichts übrig bleibt, als Strichjunge zu werden und zu stehlen, zu versetzen, zählt nicht. Wahrscheinlich verstehen wir, wenigstens Jahnn und ich, ihn besser als er uns; denn es ist ein Zufall, daß wir nicht schlimmere Dinge getan haben als ein paar Diebstähle, und wir selber machen uns in der Beziehung nichts vor. Und jedenfalls haben wir unsere Verbrechen nicht aus Opportunismus unterlassen. Auch nicht deshalb, weil wir in einem bürgerlichen Milieu groß wurden, während Genet im Findelhaus aufwuchs, von seiner Mutter ausgesetzt. Ich möchte behaupten: im Gegenteil, da wir aus einem bürgerlichen Milieu stammten, mußte unsere Revolte zu viel schwereren Taten führen.

Aber wie ihm das erklären? Die Verständigung war sehr schlecht. Unser Französisch reichte nicht aus und über eine Dolmetscherin kann [man] von solchen Dingen nicht reden. Überhaupt, es waren viel zuviel Leute da. So etwas läßt sich nur zu zweit besprechen, und auch dann ist es ein Glücksfall.

Kurz, er gefiel mir sofort. Sein ganzes Wesen ist Empörung. Früher würde ich ihn geliebt haben, nicht als Homosexuellen, der er ist, sondern den zornigen Aufrührer.

Er sprach von einer Verbindung des Kriminellen mit Heiligkeit. Das klingt ein wenig nach Dostojewski. Doch ich empfand es bei Genet nicht einmal als literarisch, sondern als eine Idee, die er sich hart zu erringen versuchte.

In Gefahr, eine Pose anzunehmen, ist er erst jetzt durch die Mache der Literaten. Es war mir amüsant, wie die snobistischen Intellektuellen reagierten. Über das Exzeptionelle des Falles, die Schicksalsmischung von Dichter und Verbrecher, stand ihnen das Maul vor Bewunderung offen. Sie standen nicht an zu verkünden, daß es unter den Jugendlichen Kriminellen die wahren Genies gebe. Zu Lombrosos Zeiten mußte ein Künstler Syphilitiker sein, wenn er ein Genie sein wollte, zum mindesten mußte sein Vater Säufer gewesen sein. Heute genügt das nicht. Das wenigste, was sich von einem Genie verlangen läßt, ist wohl Homosexualität. Daß es aber auf die Leistung ankommt und daß jede Leistung mit einem Versagen auf einer anderen Seite bar und bitter bezahlt werden muß, das werden diese neugierigen Windköpfe niemals begreifen.

Die Beerdigung von Hans Henny Jahnn

[Aystetten] 7.12.1959

Vom 1.-5.12. mit M. in Hamburg wegen der Beisetzung von Jahnn. Hielt die Grabrede, wie wir es uns vor Jahren versprochen hatten. Anstrengende Tage, viele Menschen. Meistens mit Italiaander zusammen. Er ist der einzige sachliche Kopf in Hamburg unter den Literaten. Bewundernswert sein Einsatz um der Sache willen, ohne daß er etwas davon hat.

Sah Jahnn aufgebahrt in seinem Musikzimmer, in dem wir oft zusammen gegessen haben. Wie klein er mir vorkam, und sehr kindlich. Sein dicker Kopf lag auf einem alten Samtkissen, das M. den Jahnns vor vielen Jahren für den Hund gestiftet hatte. Wie das alles ins Bild paßt.

Ich war ganz kalt, ganz nüchtern, höchstens ein wenig geniert, aber das war schon zu seinen Lebzeiten so. Bin ich ausgebrannt? Gespräch mit Ellinor, sie leicht alkoholisiert. In der Kapelle spielte sein Pflegesohn Sweelinck. Der kastenartige Sarg, wie in "Fluß ohne Ufer". Die jungen Leute, die ihn trugen, mußten dreimal absetzen, so schwer war [er], wohl wegen der Zinkeinlagen. Wer war es noch, der mir sagte, Bleisarg bedeute Angst vor dem Tode? War es Huchel oder Weisenborn?

Las 1924 in meiner Hungerzeit zuerst etwas von Jahnn, "Richard III.", den Justus Ritter mir geliehen hatte. Lernte Jahnn zuerst 1927 auf einem Atelierfest kennen, auch Ringelnatz war da. Ich war damals eine Null. Und dann erst wieder ab 1949 und von da ab das Zusammenarbeiten.

Der Name Jahnn wird jetzt berühmt und vielleicht ein Geschäft werden. Er steht sich nicht mehr im Wege. Er war untragbar, selbst für uns, seine Freunde. Vor Jahrhunderten hätte man ihn auf den Scheiterhaufen gebracht, nicht wegen Ketzerei, sondern weil seine Unbedingtheit, seine monomanische Forderung nach Gerechtigkeit der Gesellschaft zu gefährlich gewesen wäre.

Biser schenkte mir die Tagebücher von Beckmann. Habe mir vorgenommen, sehr viel mehr zu arbeiten.

Ging zwei Stunden ganz allein und langsam durch die Innenstadt, eine Wohltat. Auf der Mönckebergstraße memorierte ich die Grabrede.

Genau wie im Leben, so saßen auch jetzt im Jahnnschen Haus eine Anzahl primitiver Menschen herum oder gingen dort ein und aus. Leute, die ganz nett sein mögen, aber für ein Gespräch oder für Verkehr gar nicht in Frage kommen. Das hat mich von jeher gestört. Aber Jahnn brauchte sozusagen Jünger, die ihn umgaben und die zu ihm aufsahen, ohne daß sie mehr sein konnten als eben eine Umgebung. Ein mir ganz unverständlicher Zug.

Und dann seine große schwarze Neufundländerhündin, die grade unter den Folgen einer falschen Schwangerschaft litt. Auch das gehört dazu.

Ich fragte seine Frau: "Und der Hund?" und sie meinte: "Sie vermißt ihn nicht so sehr. Jahnn konnte sich nicht in andere Wesen hineindenken, so sehr das auch seinen Büchern nach den Eindruck macht."

Italiaander und ich hatten bis zuletzt, bis der Sarg in die Gruft hinabgelassen war, Angst, daß irgendein ganz unvorhersehbarer, lächerlicher Zwischenfall eintreten könnte, wie das bei Jahnn immer passierte.

Erinnerungen an Heimito von Doderer

[Frankfurt] 27.12.1966

Morgens etwas am Drehbuch. Nachmittags ganz plötzlich, sozusagen innerhalb fünf Minuten und ohne jeden Grund, ganz schlechter Laune. Seltsam. Vielleicht Luftdruckveränderung.

Doderer gestorben, am 23. Das macht traurig. Der letzte einer rein österreichischen Tradition. Man sah ihm den k. u. k. Rittmeister noch an. Wir lernten ihn auf dem Dampfer von Passau nach Wien kennen, als wir 1958 oder 59 mit dem Kulturkreis dahin fuhren. Doderer führte uns auch in Wien umher, auch in die Strudlhofstiege. Wir waren auch in seiner Hinterhofwohnung in der Währingerstraße. Ich staunte über seine Arbeitsmethode. Da stand auf einer Staffelei ein großes Reißbrett mit mehrfarbigen Linien, Kurven und Quadraten. Das war der Plan des Romans, die Bewegung der Hauptfiguren und die wichtigsten Situationen. Doderer sagte: "Das ist der Trog, alles andere ist nur Schweinefutter." Der Roman wurde dann in Kladden geschrieben, einseitig, in sehr kleiner Schrift, kaum Änderungen. Im Bücherschrank standen zahllose solcher Kladden, sie wurden also aufgehoben. Oder die Szene abends — es war sehr heiß — in einem Biergarten oberhalb des alten Marstalls. Doderer saß mir gegenüber. Wir kamen auf Sieburg zu sprechen. Ich sagte: "Sieburg ist ...", und Doderer fuhr fort: "zum Kotzen". Wir standen beide auf und umarmten uns über den Tisch weg. Sehr zum Staunen der danebensitzenden Kulturhausleute, die so sehr von Sieburg fasziniert waren. Nachts führt uns D. auch in sein Café — ich weiß nicht mehr welches, in der Nähe eines unterirdischen Flusses, vielleicht die Wien ? — und stellte mich dem Wirt und dem Ober vor: "Das ist ein berühmter Mann aus Deutschland usw." — Und schließlich die Szene oben auf dem Kahlenberg. Doderer erklärte uns die Türkenschlacht und wie sie gewonnen wurde, dann drehte er sich zu uns hin und sagte: "Ja, meine Herren, wenn die damalige Nato nicht eingegriffen hätte, wären wir heute alle beschnitten."

Über Thomas Bernhard

[Hamburg] 14.9.1970

"Das Kalkwerk" von Thomas Bernhard. Welch eine Freude! Und noch einmal: wie gut steht es in diesem Jahr um unsere Literatur. Dieser Bernhard ist Fleisch von meinem Fleisch. Eigentlich müßte ich nun mit meiner etwas prahlerischen Theorie ernst machen und mit Schreiben aufhören. Da sich einer gefunden hat, der die Richtung konzentrierter und zeitgemäßer fortsetzen kann.

Erinnerungen an Ernst Kreuder

[Hamburg] 24.12.1972

Etwas weiter an der 2.Fassung und noch einige Post erledigt. Mittags mit M. ins "Funkeck". — Kreuder gestorben, M. hörte nachmittags die Nachricht zufällig im Rundfunk. Das ist nun wirklich ein harter Schlag. Er, Jahnn und ich bildeten ab 1949 eine Gruppe in Mainz. Es ging ihm gesundheitlich schon die letzten beiden Jahre schlecht, wohl die Folge von zu vielem Bier, trotzdem kam er regelmäßig nach Mainz, das auch für ihn eine Art Heimat war. Auch finanziell ging es ihm schlecht, da er völlig außer Kurs geraten war und seine letzten Bücher sich nicht verkauften. Zugegeben, literarisch war er nicht sehr stark. Der Erfolg des "Dachbodens" 1948 hatte Ansprüche in ihm geweckt, denen er nicht gewachsen war. Im Grunde ein Romantiker, der immer von einer Gemeinschaft Gleichgesinnter träumte und dergleichen überholte Romantizismen mehr. Er benahm sich oft pöbelhaft, wohl aus Unzufriedenheit, aber da ist auch der andere Kreuder, der wie ein Schloßhund am Grabe von Jahnn heulte, und sicher, mein lieber Ernst, hättest du auch an meinem Grabe geheult. Ja, da bleibt einem nichts, als das Buch noch schneller zuende zu schreiben. —

25.12.1972

Ein gutes Stück weiter. Als Titel "Tabu" in Erwägung gezogen. Na, warten wir ab, es wird uns schon etwas einfallen. Sonst nichts. Nicht das Haus verlassen. — Zum Gestrigen fiel mir noch ein, daß natürlich auch Kessel zu unserer Gruppe gehörte, jedenfalls solange seine Augen es ihm erlaubten, nach Mainz zu kommen. Die kleinen Streitereien zwischen Kessel und Kreuder waren überaus witzig. "Ihr Aufklärer seid an allem schuld", schrie Kreuder, ohne es ganz ernst zu meinen, Kessel an, der lächelnd abwehrte: "Ach, ihr Romantiker." Die Gruppe von uns vier so grundverschiedenen Leuten [hatte sich] von Anfang an wie von selbst zusammengefunden, vermutlich aus Abwehr gegen Leute wie Kasack, Thiess, Hausmann usw. — Und noch eine andere Kreuder-Anekdote, die mir in Duisburg erzählt wurde, wo er vor einiger Zeit gelesen hatte. Aber nicht die Lesung war den Duisburgern im Gedächtnis geblieben, sondern die Art, in der Kreuder ihnen hinterher eine Stunde lang erklärte, welches die einzig richtige Methode sei, Kartoffelsalat herzustellen.

Erinnerung an Ludwig Marcuse

[Hamburg] 28.7.1974

Den "Nachruf" von Ludwig Marcuse wiedergelesen. Dahinein gehörte ein Erlebnis, das M. und ich mit ihm hatten. Wir aßen mit ihm, seiner Frau und anderen zusammen, ich glaube in der "Traube" in Darmstadt. Auf einmal rief seine Frau über den Tisch: "Bübchen, Du weißt doch, daß Du keine Leber essen sollst." — Dies Bübchen für den alten nihilistischen Schimpfer ist köstlich.

 

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer