| Auszüge aus den Tagebüchern von Hans Erich Nossack (Teil
2) Aus dem literarischen Leben:
Über die Mainzer Akademie - Mit der Gruppe 47 in Hamburg - Besuch der Frankfurter
Buchmesse 1968 - Tagung des Kulturkreises der Deutschen
Industrie 1976 in Duisburg
Über Freunde und Kollegen:
Begegnung mit Jean Genet in Hamburg - Die Beerdigung von Hans Henny Jahnn - Erinnerungen an
Heimito von Doderer - Über Thomas Bernhard - Erinnerungen an Ernst Kreuder - Erinnerung an
Ludwig Marcuse
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Aus dem literarischen Leben:
Über die Mainzer Akademie
[Darmstadt] 2.8.1964
Am 30.7. mittags nach Mainz wegen der Akademie-Sitzungen.
Abends ein paar Stunden mit Eva Gripe, der schwedischen Germanistin, zusammen.
Am 31.7. unerträgliche Hitze und zu langer Vortrag vom
alten Spatz. Wurde zum Vizepräsidenten gewählt. Ließ sich nicht vermeiden, war kein
anderer da. Das bedeutet Mehrarbeit. Präsident wird nur, wer als Individualität erledigt
ist.
[Frankfurt] 31.7.1965
Am 29. früh nach Mainz. Den ganzen Vormittag
Präsidialsitzung. Nachmittags Sitzung mit den Leuten von Luchterhand wegen des 3. Bandes
von "Literarische Revolution", der gottlob endgültig aufgegeben wurde. Dann
Sitzung vom Geldverwendungsausschuß. Am 30. dann die Literatur war zahlreich
erschienen wie noch nie, auch die neuen Mitglieder Bender und Fritz erfreulich aktiv
kam [es] zu einem Skandal wegen der schikanösen Nicht-Wahl von Jens (11
Nein-Stimmen der Geisteswissenschaftler). Die Literatur erschien nicht im Plenarsaal, als
Demonstration, und verlangte so eine Grundsatzdebatte. Gute Hilfestellung seitens der
Naturwissenschaften, von denen einige ihrerseits drohten, nicht mehr zu kommen, wenn die
Literatur ausschiede. Usw. Im großen Ganzen war es gut, einmal die Zähne gezeigt zu
haben.
[Frankfurt] 13.7.1968
Vom 11. bis heute in Mainz. Es gelang endlich, das Amt des
Vizepräsidenten an Bender abzugeben. Ein Kuriosum, das im Protokoll verschwiegen wird:
der Wahlakt fand nachts in Eberbach im Autobus statt, da wir vorher nicht beschlußfähig
waren.
[Hamburg] 14.2.1971
Vom 11.-13. in Mainz. Sehr guter Besuch der Literaten. So
scheint denn das, woraufhin ich vier Jahre arbeitete, die Verjüngung der Klasse, gelungen
zu sein. Kreuder wird immer zänkischer, schwer zu ertragen. Nachts langes
Gespräch mit Blumenberg, ein guter Mann, aber überaus empfindlich. Gespräch über das
Wirklichkeitsproblem, das von mir zur Behandlung durch die drei Klassen angeregt wurde.
Von Blumenberg stammt der gute Vorschlag, daß die Literaten ihr Wirklichkeitsproblem von
der negativen Seite aus anfassen sollten: Warum werfen Sie etwas in den Papierkorb? Woher
nehmen Sie das Kriterium für Mißlungenes? Von Vormweg oder Dieter Hoffmann hörte
ich die Tagebuchnotiz Lichtenbergs: "Genug Stoff, um zu schweigen." Oder so
ähnlich.
Mit der Gruppe 47 in Hamburg
[Hamburg] 6.5.1952
Abends Empfang in der Generaldirektion des NWDR für die
"Gruppe 47". Lernte auf die Weise Hans Werner Richter, Günter Eich, Kolbenhoff,
Böll und junge Österreicher wie Federmann, der mir von Hakel empfohlen war, und Ilse
Aichinger, die ich schon einmal in Mainz gesehen hatte, kennen. Außerdem waren die
meisten hiesigen Literaten, Kritiker und Verleger da.
Ich regte Schüddekopf zu einer Sendung junger
österreichischer Dichter an. Sprach länger mit Eich, auch über Horst Lange, dessen
Alkoholismus uns allen Sorge macht.
28.5.1952
Gestern abend bei Weisenborn zu einer Linsensuppe mit zehn
Leuten von der "Gruppe 47". Nachher nach St. Pauli, wir waren im ganzen
sechzehn. Alle sehr übermüdet. Zum Schluß in die Herbertstraße. Ließen uns von zwei
Mädchen etwas "Französisches", wie sie es nannten, vorführen. Aber mein Gott,
wie kleinbürgerlich und ordentlich war das alles. Gemein waren nicht die Mädchen und
nicht die Männer, sondern die Schriftstellerin S.-L., wahrscheinlich eine ausgekochte
Lesbierin. Mit welcher Gier sie darauf lauerte, daß die Mädchen sich entwürdigten, und
wie schimpfte sie hinterher, weil es mehr durch die Zurückhaltung von uns Männern
verhindert wurde.
Übrigens wie bei Kafka. Wir saßen in einem Raum, der
Salon genannt wurde. Ein Tisch, ein paar billige Stühle, ein Grammophon und eine
Chaiselongue. Im übrigen furchtbar geheizt. Plötzlich läutet das Telefon, das auf einer
Art Kommode stand. Die dicke Aufwartefrau, die Bier und Schnaps gebracht hatte, nimmt den
Hörer ab. Ich frage eines von den nackten Dingerchen neben mir, wer da denn anruft:
"Der Chef", sagt sie. "Und wer ist der Chef?" "Ach,
wir kennen ihn kaum. Er läßt sich höchstens dreimal im Jahr sehen." Das
Telefongespräch endet mit der Auskunft: "Ja, wir haben Gäste im Salon",
woraufhin dieser anonyme Chef auflegt.
Heute, nachmittags, wieder Zusammenkunft der Gruppe 47 und
des Weisenbornschen Dramatischen Kollegs. Diskussion: Epik oder Drama. Richter und die
Gruppe für Roman, Hörspiel, Fernsehen und Massenwirkung, Weisenborn etc. pro Theater.
Doch im Grunde waren sie gar keine Opponenten. Sie gehören beide mit ihrem Anhang zur
Unkultur, zum Proletarischen, zum Substanzlosen, zum Kollektivistischen. Nicht ein
einziges Mal fiel das Wort: Elite oder Aristokratie. Beide Parteien gebärdeten sich als
mächtige Feinde der restaurativen Tendenzen des Zeitalters. Bis ihnen Rolf Schroers
übers Maul fuhr und fragte: Was ist denn Restauration! Gerade die sind ihre Vertreter,
die sich modern und avantgardistisch vorkommen, weil sie alte Inhalte für den
Massenverbrauch über die neuen technischen Erfindungen zurechtstutzen. Das war
gut. Ich lud dann Schroers noch für eine Stunde zu uns ein. Ein scharfer Analytiker und
Formulierer. Ein etwas gnomenhaftes Gesicht, aber wie besessen vom Intellekt.
Besuch der Frankfurter Buchmesse
1968
[Frankfurt] 19.9.1968
Gegen 2 h in die Buchmesse, durch die Stände gewandert und
natürlich eine Unzahl von Bekannten getroffen, wobei man wie üblich trotz herzlicher
Begrüßung nicht weiß, um wen es sich handelt. Aber z. B. Axel Eggebrecht, den ich schon
seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, und überflüssigerweise von Wiese. Ledig gab mir
die neue Taschenbuchausgabe von "Spätestens im Nov." Dann gegen 4 h
Fernsehinterview vor dem Suhrkamp-Stand, wo ich mitten im Getümmel ein paar Fragen
beantworten mußte. Später mit W. H. Fritz zum Kritikerempfang bei Unseld. Wieder
eine Unmenge Bekannte, vor allem Eich, Johnson, Härtling, Augstein, Habermas usw., auch
der nette Kritiker aus New York. Johnson las aus seinem neuen Roman. Später fragte er
mich, ob ich was gegen ihn hätte, irgendein Klatsch muß ihm so etwas zugeflüstert
haben. Na, ich konnte das mit gutem Gewissen verneinen, da ich ihn schon als
gewissenhaften Arbeiter allein hochschätze. Das hat bis 1 h gedauert. Müde. Ich gehöre
nicht dahin, das ist klar.
[Frankfurt] 21.9.1968
Anstrengender Tag. Morgens drei Stunden in dem Gedränge
beim Suhrkamp-Empfang im Insel-Verlag herumgestanden, aber rein geschäftlich wird es sich
wohl gelohnt haben. Natürlich mit unzähligen Menschen gesprochen. Nachmittags am
Hauptportal mit Reich-Ranicki und den Leuten vom Hamburger Rundfunk [zusammen]getroffen.
Wir alle in die Anlagen am linken Main-Ufer und dort im Gehen kurzes Fernsehinterview
über d'Arthez. Hinter uns der Main und vorbeifahrende Lastkähne, sicher ganz nett.
Abends oder nachts ins Theater am Turm, wo ein Suhrkamp-Abend mit Eich, Alsheimer
und Walser stattfinden sollte. Aber gestört durch den SDS. Ganz gut, das einmal
mitgemacht zu haben. Die Unfähigkeit der Jungen war beschämend, nur Anti und Krach. Das
Wort Revolution steht ihnen nicht an, es ist klar, warum wir die Schlacht der beiden
letzten Jahre verloren haben. Um es kurz zu machen: daß sie die Großväter von den
Stühlen werfen wollen, ist ganz in Ordnung, aber man kann eine etablierte Literatur nur
durch bessere Literatur beseitigen, auf keinen Fall durch Politik. Man kann eine Politik
nur durch Politik bekämpfen, aber nicht durch Philosophie (Hegel) und soziologische
Slogans. Und man tut der Gesellschaft nichts an, indem man sie durch Faschingsgebaren
verulkt und beschimpft. Die Hilflosigkeit ist deprimierend. Um auch das zu
erwähnen: Walser diskutierte gut, ich hätte das nicht gekonnt. Nachher noch in
ein kleines Lokal und weiter diskutiert. Um 3 h zuhaus.
Tagung des Kulturkreises der
Deutschen Industrie 1976 in Duisburg
[Hamburg] 18.10.1976
Auch Duisburg wäre überstanden. Am 15. nachmittags dort
eingetroffen, gleich in den Duisburger Hof, ein gutes Hotel, und ins Bett, denn immer noch
taumelig und dazu üble Bauchschmerzen. Aber de le Roi rief schon bald an und so traf ich
ihn im Restaurant mit seiner Frau und später gesellten sich Huchel und die Aichinger
dazu. In die ars viva ging ich nicht, sondern blieb mit Huchel im Gespräch über frühere
Zeiten und verstorbene Kollegen. Er erzählte mir die erschütternde Geschichte von
Johannes R. Becher. In den letzten drei Tagen auf dem Sterbebett redete dieser wilde
Marxist nur von der Jungfrau Maria. Also die Kindheit kam bei diesem Ernstfall wieder in
ihm hoch. Am nächsten Vormittag die öffentliche Feier in der Mercator-Halle mit
Bundespräsident usw. mitgemacht, höchst langweilig, und dann nachmittags nur noch in die
Stadtbibliothek wegen der Lesung von der Aichinger, Huchel und mir, die übrigens gut
ankam. Das folgende Konzert im Theater und das anschließende Festessen schenkte ich mir.
Saß stattdessen mit Huchel, Bender, Lanser und Deesen zusammen und hörte ihnen zu. Traf
übrigens auch irgendwann Peter de Mendelssohn und Zeller. Früh zu Bett. Gestern
zurückgefahren und gegen 4 h zu Haus. M. einigermaßen gesund.
Bei einer der Sitzungen in Passau, als wir über die
Zuwahlen von Beckett oder Ionesco debattierten und der Kanzler bemerkte, daß Beckett den
Orden ja bereits abgelehnt habe, rief jemand, ich weiß nicht mehr wer: "Ja, gibt es
denn auch so eitle Menschen?"
Über Freunde und Kollegen
Begegnung mit Jean Genet 1951 in
Hamburg
[Hamburg] 22. September 1951
Letzten Sonntag übrigens mit Jean Genet zusammen, dem
Dichter und Dieb. Meinem Fingerspitzengefühl nach: ich halte ihn für echt, d. h. er
dichtet aus wirklicher Not. Ich habe nichts von ihm gelesen, daß er den "Prix des
Pléiades" erhalten, daß Sartre und Cocteau sich beim Präsidenten Frankreichs für
ihn eingesetzt haben und was sonst noch, interessiert mich zunächst nicht. Ich sehe nur
den Menschen, ca. 40 Jahre, früh ergraut, die Stirn über die Augen gedrückt,
mißtrauisch etc. Das alles ist echt, daß er uns alle bourgeois nannte, die nicht fähig
seien, sich in die Lage eines jugendlichen Kriminellen, dem nichts übrig bleibt, als
Strichjunge zu werden und zu stehlen, zu versetzen, zählt nicht. Wahrscheinlich verstehen
wir, wenigstens Jahnn und ich, ihn besser als er uns; denn es ist ein Zufall, daß wir
nicht schlimmere Dinge getan haben als ein paar Diebstähle, und wir selber machen uns in
der Beziehung nichts vor. Und jedenfalls haben wir unsere Verbrechen nicht aus
Opportunismus unterlassen. Auch nicht deshalb, weil wir in einem bürgerlichen Milieu
groß wurden, während Genet im Findelhaus aufwuchs, von seiner Mutter ausgesetzt. Ich
möchte behaupten: im Gegenteil, da wir aus einem bürgerlichen Milieu stammten, mußte
unsere Revolte zu viel schwereren Taten führen.
Aber wie ihm das erklären? Die Verständigung war sehr
schlecht. Unser Französisch reichte nicht aus und über eine Dolmetscherin kann [man] von
solchen Dingen nicht reden. Überhaupt, es waren viel zuviel Leute da. So etwas läßt
sich nur zu zweit besprechen, und auch dann ist es ein Glücksfall.
Kurz, er gefiel mir sofort. Sein ganzes Wesen ist
Empörung. Früher würde ich ihn geliebt haben, nicht als Homosexuellen, der er ist,
sondern den zornigen Aufrührer.
Er sprach von einer Verbindung des Kriminellen mit
Heiligkeit. Das klingt ein wenig nach Dostojewski. Doch ich empfand es bei Genet nicht
einmal als literarisch, sondern als eine Idee, die er sich hart zu erringen versuchte.
In Gefahr, eine Pose anzunehmen, ist er erst jetzt durch
die Mache der Literaten. Es war mir amüsant, wie die snobistischen Intellektuellen
reagierten. Über das Exzeptionelle des Falles, die Schicksalsmischung von Dichter und
Verbrecher, stand ihnen das Maul vor Bewunderung offen. Sie standen nicht an zu
verkünden, daß es unter den Jugendlichen Kriminellen die wahren Genies gebe. Zu
Lombrosos Zeiten mußte ein Künstler Syphilitiker sein, wenn er ein Genie sein wollte,
zum mindesten mußte sein Vater Säufer gewesen sein. Heute genügt das nicht. Das
wenigste, was sich von einem Genie verlangen läßt, ist wohl Homosexualität. Daß es
aber auf die Leistung ankommt und daß jede Leistung mit einem Versagen auf einer anderen
Seite bar und bitter bezahlt werden muß, das werden diese neugierigen Windköpfe niemals
begreifen.
Die Beerdigung von Hans Henny Jahnn
[Aystetten] 7.12.1959
Vom 1.-5.12. mit M. in Hamburg wegen der Beisetzung von
Jahnn. Hielt die Grabrede, wie wir es uns vor Jahren versprochen hatten. Anstrengende
Tage, viele Menschen. Meistens mit Italiaander zusammen. Er ist der einzige sachliche Kopf
in Hamburg unter den Literaten. Bewundernswert sein Einsatz um der Sache willen, ohne daß
er etwas davon hat.
Sah Jahnn aufgebahrt in seinem Musikzimmer, in dem wir oft
zusammen gegessen haben. Wie klein er mir vorkam, und sehr kindlich. Sein dicker Kopf lag
auf einem alten Samtkissen, das M. den Jahnns vor vielen Jahren für den Hund gestiftet
hatte. Wie das alles ins Bild paßt.
Ich war ganz kalt, ganz nüchtern, höchstens ein wenig
geniert, aber das war schon zu seinen Lebzeiten so. Bin ich ausgebrannt? Gespräch mit
Ellinor, sie leicht alkoholisiert. In der Kapelle spielte sein Pflegesohn Sweelinck. Der
kastenartige Sarg, wie in "Fluß ohne Ufer". Die jungen Leute, die ihn trugen,
mußten dreimal absetzen, so schwer war [er], wohl wegen der Zinkeinlagen. Wer war es
noch, der mir sagte, Bleisarg bedeute Angst vor dem Tode? War es Huchel oder Weisenborn?
Las 1924 in meiner Hungerzeit zuerst etwas von Jahnn,
"Richard III.", den Justus Ritter mir geliehen hatte. Lernte Jahnn zuerst 1927
auf einem Atelierfest kennen, auch Ringelnatz war da. Ich war damals eine Null. Und dann
erst wieder ab 1949 und von da ab das Zusammenarbeiten.
Der Name Jahnn wird jetzt berühmt und vielleicht ein
Geschäft werden. Er steht sich nicht mehr im Wege. Er war untragbar, selbst für uns,
seine Freunde. Vor Jahrhunderten hätte man ihn auf den Scheiterhaufen gebracht, nicht
wegen Ketzerei, sondern weil seine Unbedingtheit, seine monomanische Forderung nach
Gerechtigkeit der Gesellschaft zu gefährlich gewesen wäre.
Biser schenkte mir die Tagebücher von Beckmann. Habe mir
vorgenommen, sehr viel mehr zu arbeiten.
Ging zwei Stunden ganz allein und langsam durch die
Innenstadt, eine Wohltat. Auf der Mönckebergstraße memorierte ich die Grabrede.
Genau wie im Leben, so saßen auch jetzt im Jahnnschen Haus
eine Anzahl primitiver Menschen herum oder gingen dort ein und aus. Leute, die ganz nett
sein mögen, aber für ein Gespräch oder für Verkehr gar nicht in Frage kommen. Das hat
mich von jeher gestört. Aber Jahnn brauchte sozusagen Jünger, die ihn umgaben und die zu
ihm aufsahen, ohne daß sie mehr sein konnten als eben eine Umgebung. Ein mir ganz
unverständlicher Zug.
Und dann seine große schwarze Neufundländerhündin, die
grade unter den Folgen einer falschen Schwangerschaft litt. Auch das gehört dazu.
Ich fragte seine Frau: "Und der Hund?" und sie
meinte: "Sie vermißt ihn nicht so sehr. Jahnn konnte sich nicht in andere Wesen
hineindenken, so sehr das auch seinen Büchern nach den Eindruck macht."
Italiaander und ich hatten bis zuletzt, bis der Sarg in die
Gruft hinabgelassen war, Angst, daß irgendein ganz unvorhersehbarer, lächerlicher
Zwischenfall eintreten könnte, wie das bei Jahnn immer passierte.
Erinnerungen an Heimito von Doderer
[Frankfurt] 27.12.1966
Morgens etwas am Drehbuch. Nachmittags ganz plötzlich,
sozusagen innerhalb fünf Minuten und ohne jeden Grund, ganz schlechter Laune. Seltsam.
Vielleicht Luftdruckveränderung.
Doderer gestorben, am 23. Das macht traurig. Der letzte
einer rein österreichischen Tradition. Man sah ihm den k. u. k. Rittmeister
noch an. Wir lernten ihn auf dem Dampfer von Passau nach Wien kennen, als wir 1958 oder 59
mit dem Kulturkreis dahin fuhren. Doderer führte uns auch in Wien umher, auch in die
Strudlhofstiege. Wir waren auch in seiner Hinterhofwohnung in der Währingerstraße. Ich
staunte über seine Arbeitsmethode. Da stand auf einer Staffelei ein großes Reißbrett
mit mehrfarbigen Linien, Kurven und Quadraten. Das war der Plan des Romans, die Bewegung
der Hauptfiguren und die wichtigsten Situationen. Doderer sagte: "Das ist der Trog,
alles andere ist nur Schweinefutter." Der Roman wurde dann in Kladden geschrieben,
einseitig, in sehr kleiner Schrift, kaum Änderungen. Im Bücherschrank standen zahllose
solcher Kladden, sie wurden also aufgehoben. Oder die Szene abends es war sehr
heiß in einem Biergarten oberhalb des alten Marstalls. Doderer saß mir
gegenüber. Wir kamen auf Sieburg zu sprechen. Ich sagte: "Sieburg ist ...", und
Doderer fuhr fort: "zum Kotzen". Wir standen beide auf und umarmten uns über
den Tisch weg. Sehr zum Staunen der danebensitzenden Kulturhausleute, die so sehr von
Sieburg fasziniert waren. Nachts führt uns D. auch in sein Café ich weiß nicht
mehr welches, in der Nähe eines unterirdischen Flusses, vielleicht die Wien ? und
stellte mich dem Wirt und dem Ober vor: "Das ist ein berühmter Mann aus Deutschland
usw." Und schließlich die Szene oben auf dem Kahlenberg. Doderer erklärte
uns die Türkenschlacht und wie sie gewonnen wurde, dann drehte er sich zu uns hin und
sagte: "Ja, meine Herren, wenn die damalige Nato nicht eingegriffen hätte, wären
wir heute alle beschnitten."
Über Thomas Bernhard
[Hamburg] 14.9.1970
"Das Kalkwerk" von Thomas Bernhard. Welch eine
Freude! Und noch einmal: wie gut steht es in diesem Jahr um unsere Literatur. Dieser
Bernhard ist Fleisch von meinem Fleisch. Eigentlich müßte ich nun mit meiner etwas
prahlerischen Theorie ernst machen und mit Schreiben aufhören. Da sich einer gefunden
hat, der die Richtung konzentrierter und zeitgemäßer fortsetzen kann.
Erinnerungen an Ernst Kreuder
[Hamburg] 24.12.1972
Etwas weiter an der 2.Fassung und noch einige Post
erledigt. Mittags mit M. ins "Funkeck". Kreuder gestorben, M. hörte
nachmittags die Nachricht zufällig im Rundfunk. Das ist nun wirklich ein harter Schlag.
Er, Jahnn und ich bildeten ab 1949 eine Gruppe in Mainz. Es ging ihm gesundheitlich schon
die letzten beiden Jahre schlecht, wohl die Folge von zu vielem Bier, trotzdem kam er
regelmäßig nach Mainz, das auch für ihn eine Art Heimat war. Auch finanziell ging es
ihm schlecht, da er völlig außer Kurs geraten war und seine letzten Bücher sich nicht
verkauften. Zugegeben, literarisch war er nicht sehr stark. Der Erfolg des
"Dachbodens" 1948 hatte Ansprüche in ihm geweckt, denen er nicht gewachsen war.
Im Grunde ein Romantiker, der immer von einer Gemeinschaft Gleichgesinnter träumte und
dergleichen überholte Romantizismen mehr. Er benahm sich oft pöbelhaft, wohl aus
Unzufriedenheit, aber da ist auch der andere Kreuder, der wie ein Schloßhund am Grabe von
Jahnn heulte, und sicher, mein lieber Ernst, hättest du auch an meinem Grabe geheult. Ja,
da bleibt einem nichts, als das Buch noch schneller zuende zu schreiben.
25.12.1972
Ein gutes Stück weiter. Als Titel "Tabu" in
Erwägung gezogen. Na, warten wir ab, es wird uns schon etwas einfallen. Sonst nichts.
Nicht das Haus verlassen. Zum Gestrigen fiel mir noch ein, daß natürlich auch
Kessel zu unserer Gruppe gehörte, jedenfalls solange seine Augen es ihm erlaubten, nach
Mainz zu kommen. Die kleinen Streitereien zwischen Kessel und Kreuder waren überaus
witzig. "Ihr Aufklärer seid an allem schuld", schrie Kreuder, ohne es ganz
ernst zu meinen, Kessel an, der lächelnd abwehrte: "Ach, ihr Romantiker." Die
Gruppe von uns vier so grundverschiedenen Leuten [hatte sich] von Anfang an wie von selbst
zusammengefunden, vermutlich aus Abwehr gegen Leute wie Kasack, Thiess, Hausmann usw.
Und noch eine andere Kreuder-Anekdote, die mir in Duisburg erzählt wurde, wo er
vor einiger Zeit gelesen hatte. Aber nicht die Lesung war den Duisburgern im Gedächtnis
geblieben, sondern die Art, in der Kreuder ihnen hinterher eine Stunde lang erklärte,
welches die einzig richtige Methode sei, Kartoffelsalat herzustellen.
Erinnerung an Ludwig Marcuse
[Hamburg] 28.7.1974
Den "Nachruf" von Ludwig Marcuse wiedergelesen.
Dahinein gehörte ein Erlebnis, das M. und ich mit ihm hatten. Wir aßen mit ihm, seiner
Frau und anderen zusammen, ich glaube in der "Traube" in Darmstadt. Auf einmal
rief seine Frau über den Tisch: "Bübchen, Du weißt doch, daß Du keine Leber essen
sollst." Dies Bübchen für den alten nihilistischen Schimpfer ist köstlich. |