| Hans Erich Nossack: Die
Tagebücher
1997 erschienen die von Gabriele Söhling herausgegebenen
Tagebücher Hans Erich Nossacks (Hans Erich Nossack: Die Tagebücher 1943 1977. Mit
einem Nachwort von Norbert Miller. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1997). An dieser Stelle unserer
Internet-Dokumentation zu Hans Erich Nossack finden Sie zunächst eine Einführung der
Herausgeberin, sodann auf separaten Seiten das Nachwort von
Norbert Miller, eine Auswahl mit Textauszügen der Tagebücher,
eine Liste der erschienenen Rezensionen sowie eine Handschriftenprobe mit Transkription.
Die Tagebücher 1943 1977. Eine Einführung
Nossacks frühe, seit seinem fünfzehnten Lebensjahr
geführten Tagebücher sind zusammen mit anderen Manuskripten und Briefen bei der
Bombardierung Hamburgs verbrannt. Für ihn selbst war dies der schwerste Verlust, an
dessen Relevanz auch noch dreißig Jahre später kein Zweifel bestand: "Die Zeit seit
1943 läßt sich auch ohne sie [die erhaltenen Tagebücher] leicht rekonstruieren, aber
für die fünfundzwanzig Jahre davor sind die Aufzeichnungen verloren und auf diese Jahre
käme es doch vor allem an." (Tagebuch-Eintragung vom 4.11.1976) Angesichts des fast
völligen Mangels an Zeugnissen aus diesen frühen Jahren wären sie eine wichtige, bis in
die Zeit des ersten Weltkriegs zurückreichende Quelle gewesen. Die erhaltenen Tagebücher
beginnen im August 1943 und enden kurz vor seinem Tod 1977. Mit Ausnahme einiger
größerer Lücken in den 40er bzw. 50er Jahren wurden sie kontinuierlich geführt, die
Eintragungen erscheinen in der Form ihrer spontanen Niederschrift; nachträgliche
Korrekturen sind selten. Auch wenn die endgültige Entscheidung zur Veröffentlichung der
Tagebücher erst 1973 getroffen wird, so wurden sie doch von Anfang an mit Blick auf die
spätere Publikation geschrieben; Privates blieb ausgespart, bei bestimmten Themen legte
sich Nossack auch hier Zurückhaltung auf.
Die Aufzeichnungen wechseln zwischen der Form eines Journal
intime und eines Gedankentagebuchs. In der Kriegs- und Nachkriegszeit sind sie Ersatz
für fehlende Gesprächspartner und helfen über die äußere und innere Not hinweg. Ihr
Schwerpunkt liegt dabei in der Auseinandersetzung mit philosophisch-weltanschaulichen
Themen, insbesondere mit der Frage nach dem geistigen Standort des Menschen angesichts
einer zerstörten Welt. Der reflexive Charakter der Notate überwiegt, das Tagebuch ist
primär ein Mittel der Ich-Aussprache und "eine Art Rechenschaftsbericht an mich
selber"; der Kaufmann Nossack tritt dabei nicht in Erscheinung. Mit der Etablierung
als Schriftsteller und der wachsenden Teilnahme am öffentlich-literarischen Leben dringt
etwa ab Mitte der 50er Jahre auch die äußere Welt zunehmend in die Bücher ein. Die
Eintragungen tendieren zum Bericht des Erlebten und dessen Bewertung: Lektüreeindrücke
wechseln mit Reflexionen über Freunde wie Hans Henny Jahnn, Hermann Kasack, Rolf
Italiaander, Hans Bender, Marie Luise Kaschnitz. Begegnungen mit Kollegen werden
festgehalten, etwa mit dem jungen Uwe Johnson, mit Martin Walser, Walter Jens, Adorno,
Gadamer und anderen, Korrespondenz und Reiseeindrücke werden notiert. Hier bieten die
Tagebücher auch einen Einblick in das literarische Leben der Bundesrepublik insbesondere
der 60er und 70er Jahre. Der zeitgeschichtliche Hintergrund, die gesellschaftliche und
politische Situation der Zeit, vermittelt sich zum einen in der Diskussion von aktuellem
Zeitgeschehen, dem Nossacks besonderes Interesse galt (etwa die Studentenbewegung der
späten 60er), er tritt jedoch auch immer wieder in der Darstellung des
Schriftstelleralltags, in der Schilderung von Gesprächen und Auseinandersetzungen in
Institutionen, bei öffentlichen Anlässen und bei Autorentreffen seines Verlags hervor.
Gleichzeitig begleiten die Aufzeichnungen die eigene schriftstellerische Entwicklung,
indem sie die Veröffentlichungen festhalten, den Fortgang der Arbeiten vermerken und
gelegentlich als Skizzenbuch für literarische Vorhaben Verwendung finden. Ab den späten
60er Jahren finden sich längere reflexive Passagen nur noch selten; es dominieren knappe,
die Ereignisse des Tages zusammenfassende Berichte, die nun als "Buchführung mit
ihrem dauernden Debet" "3 Seiten. Sonst nichts" vor allem der
Selbstdisziplinierung dienen sollen.
Ein Tagebuch veröffentlichen?
Nossacks Haltung gegenüber den Tagebüchern ist
ambivalent. Einerseits postuliert er: "Wer bei einem Tagebuch an Veröffentlichung
denkt, verliert seine Unbefangenheit, das einzig gültige Wahrheitskriterium."
Andererseits ist die Publikation der Bücher Bedingung für eine über die Grenzen der
eigenen Zeit hinausreichende Verständigung mit anderen, vor allem mit der "Sippe der
Tagebuchschreiber", der "einzigen lebendigen Gesellschaft, mit der man sich
unterhalten kann". In dieser "Sippe" kennt Nossack sich aus, denn ihn
interessierten Tagebücher und Briefe von Künstlern so viel mehr als ihre Werke.
"Die Werke nehme ich als gegeben und sie zu schaffen halte ich für möglich, aber
wie sie es ertragen haben, das bleibt ein Rätsel" (Tagebuch, 7.7.1963). Seine
Lektürenotizen lassen kaum einen Namen der europäischen Tagebuchtradition vermissen:
angefangen von Pascals "Pensées" und Samuel Pepys Aufzeichnungen über
Lichtenberg, Goethe, Hebbel, Kierkegaard, Stendhal und Strindberg bis zu den Diarien der
eigenen Zeit, etwa von Valéry, Klee, Harry Graf Kessler, Musil, Virginia Woolf, Loerke,
Gide, Ernst Jünger, Julien Green, Max Beckmann, Léautaud, Montherlant, Camus, Ionesco,
Gombrowicz, Anaïs Nin, Pavese und Canetti. Hinzu kommen andere autobiographische Formen,
Selbstzeugnisse, Briefe und Biographien. Bei der Beurteilung dieser Werke ist für Nossack
"der rein menschliche Wahrheitsgehalt, der zwischen den Gedanken fühlbar wird",
ausschlaggebend, weniger die Gedanken als solche oder die literarische Qualität der
Texte: Mit den eigenen Aufzeichnungen verbindet sich daher die Hoffnung, daß das eigene
individuelle Schicksal als menschliches Dokument allgemeine Bedeutung erlangt, daß es
zeigt, "wie ein Mensch seine Zeit besteht". Die menschliche Fähigkeit zur
Zwiesprache mit sich selbst, die Nossack für zentral hält, findet im Tagebuch ein
ideales Medium. In den Nossackschen Aufzeichnungen stellt sich das Ich vor allem als ein
kritischer und mißtrauischer Beobachter seiner selbst dar. Das genaue Registrieren der
eigenen persönlichen Entwicklung, der hohe Anspruch an die künstlerische Leistung und
eine schonungslose, z. T. quälerische Selbstanalyse erinnern an die Tagebücher Gides
oder Stendhals, insbesondere aber an die des "Lehrmeisters" und geistigen Vaters
Friedrich Hebbel.
Die Wahrheit im Tagebuch
Die Frage nach der Wahrheit im Tagebuch ist wie für viele
andere Diaristen auch für Nossack ein Kernproblem. Die Form des Tagebuchs und anderer
autobiographischer Texte bedingt, daß dem bewußten Bemühen um Objektivität und
Ehrlichkeit eine unbewußte Tendenz zur Selbststilisierung entgegenläuft, unabhängig
davon, ob an einen Leser gedacht wird oder nicht. Nossacks Suche nach objektiver Wahrheit
tendiert gelegentlich zu starren Reflexionsmustern und Systematisierungen, während der
Versuch zu subjektiver Wahrhaftigkeit immer wieder an Selbstzweifeln und der bangen Frage
nach den eigenen "Posen" seine Grenzen findet. Aufrichtigkeit und spontane
Selbstoffenlegung des Tagebuchschreibers sind daher auch die Hauptkriterien Nossacks bei
der Beurteilung der Bücher anderer: Aufzeichnungen im Grenzbereich zwischen privaten
Notizen und ihrer Literarisierung bzw. ihrer literarischen Auswertung wie etwa bei Musil
oder Jünger werden abgelehnt; das harte Urteil über die Tagebücher von Max Frisch
"unecht und völlig steril" bzw. "pseudogeistreiches
Geschwätz" wird zwar beim späteren Wiederlesen etwas abgemildert, aber es
bleibt beim diagnostizierten Mangel an persönlichem Einsatz. Als reine Gedankenjournale
angelegte Sammlungen, z. B. die "Aufzeichnungen" Canettis mit ihrer Mischung aus
Skizzen, Beobachtungen, Reflexionen und Aphorismen, die das private Selbstgespräch von
vornherein nicht intendieren, läßt Nossack dagegen gelten. Hebbel, Stendhal, Max
Beckmann, Camus oder Pavese aber haben aufgrund ihrer "schonungslosen
Ehrlichkeit" und ihres leidenschaftlichen Suchens Vorbildcharakter und gehören für
Nossack zur "Familie".
Seine Vorbehalte etwa Goethe oder Thomas Mann gegenüber
haben hier ihren Ursprung. Selbst ambivalent und skeptisch dem Erfolg und dem
Erfolgreichen gegenüber, stört Nossack an Thomas Mann, den er 1975 in einer Umfrage den
"Inbegriff der Unehrlichkeit und der Feigheit" nennt, dessen "fürstliches
Talent zum Repräsentieren". Die Tagebücher Thomas Manns verdeutlichen den
unterschiedlichen Ansatz. Hier strebt das schreibende Ich nach Genauigkeit und
Vollständigkeit des Erlebten: die sachlich-kühlen, präzisen Berichte stellen
alltäglich-banale Verrichtungen, Mitteilungen über den Gesundheitszustand, über
Mahlzeiten und Kleidung gleichberechtigt neben Reflexionen, Lektüreeindrücke und
Berichte über den Fortgang der schriftstellerischen Arbeiten. Auch hier ist das Ich,
seine Empfindungen, Stimmungen und Gedanken, Dreh- und Angelpunkt der Eintragungen. Das
Festhalten als Rekapitulation und Rechenschaft zielt jedoch in viel stärkerem Maße auf
seine Person als Autor, weniger auf die Privatperson Thomas Mann. Trotz des weitgehenden
Verzichts auf bewußte Selbststilisierung und der über weite Strecken beschönigungslosen
Selbstbeobachtung bleibt die Kunst der Selbstrepräsentation spürbar. Dagegen werden in
den Tagebüchern Nossacks die ohnehin seltenen Momente von Selbstbewußtsein oder gar
Stolz auf das Geleistete meist wieder durch Zweifel oder scharfe Selbstkritik in Frage
gestellt. Wenn Nossack etwa anläßlich des Briefwechsels zwischen Thomas Mann und Hermann
Hesse von deren "Verlogenheit" spricht, so meint er damit eine Haltung des
"noch vor sich selbst Posierens": die überlegene Selbstgewißheit der Person
erscheint angesichts der Fraglichkeit des eigenen Ich und seiner Authentizität suspekt
und vorgetäuscht. Letztlich aber ist die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen eines
wahrhaftigen Ich im Tagebuch Nossack charakterisiert sie mit dem von Gombrowicz
übernommenen Begriff der "unaufrichtigen Aufrichtigkeit" auch für ihn
nicht lösbar; sie wird allenfalls mit zunehmendem Alter nicht mehr mit der gleichen
Dringlichkeit gestellt.
Während die fiktionale Prosa Nossacks sich mit Vorliebe
einer Poetik des Andeutens, der Nebensätze und der Zwischentöne bedient, kommt in den
Tagebuchaufzeichnungen in stärkerem Maße die Freude an radikaler Stilisierung und eine
Tendenz zu apodiktischen und paradoxen Formulierungen zum Ausdruck. Der "Drang zum
Aphorismus", der Nossack erneut mit Hebbel und mehr noch mit Lichtenberg verbindet
1962 gab Nossack unter dem Titel "Gedanken zur Zeit" eine kleine
bibliophile Auswahlausgabe der Aphorismen Lichtenbergs heraus , ist in den
Tagebüchern besonders präsent. "Der, der für Freundschaft geboren ist, muß die
Geselligkeit meiden. Das ist ein Naturgesetz", schreibt er etwa, "stumm darf nur
sein, wer etwas zu sagen hat" oder: "Absoluter Tiefpunkt. Erfahrungsgemäß der
geeignetste Moment, sich an eine neue Arbeit zu machen." Und das Schreiberlebnis
selbst stellt sich dann folgendermaßen dar:
"Wie erschreckend langsam das geht. Da hat man drei
oder vier Stunden intensiv geschrieben, man glaubt eine Welt von Gefühlen und Gedanken
durchmessen zu haben und fühlt sich sogar einen Augenblick glücklich und wenn man
den Schaden besieht, sind es kaum drei Buchseiten."
Erst wenn der Schriftsteller sich ganz den Problemen und
der Not seiner Zeit stellt, entsteht nach Nossack das ungeschichtliche, "monologische
Bekenntnis zu sich selbst und damit zum Menschen". Zu diesem "geistigen
Abenteuer" wollen die Tagebücher ermutigen: "Vielleicht liest einer in zwanzig
oder fünfzig Jahren dies, und es gibt ihm Mut zum Durchhalten." In diesem Sinn sah
Nossack seine Tagebücher nicht als privates Reflexionsmedium, sondern als zentralen Teil
seines Werkes an.
G. Söhling |