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Um es kurz zu machen

Bei den Ausschachtungsarbeiten für den großen Atombunker stießen wir in fünfzehneinhalb Meter Tiefe auf eine Art Friedhof. Vielleicht ist das nicht ganz der richtige Ausdruck, entschuldigen Sie, doch wie soll man so etwas schließlich nennen. Zweiundfünfzig Skelette haben die Professoren dort ausgebuddelt, Stück für Stück. Möglich, daß es auch dreiundfünfzig waren, und sie haben nur die Lust am Knochensammeln verloren. Wir sind die letzten, die ihnen das übelnehmen. Wir sind nur zu froh, daß die Brüder wieder abgezogen sind und wir da weiter ausschachten können. Wir sind termingebunden, die Regierung drängt, und es kann die Firma hohe Konventionalstrafen kosten. Denn ob sich so ein Friedhof als »Höhere Gewalt« auslegen läßt, ist noch die Frage.
Was möchten Sie denn nun eigentlich gern wissen? Selbstverständlich hat der, der Ihnen das erzählt, es auch seiner Frau erzählt. Warum denn nicht? Leute, die bald dreißig Jahre verheiratet sind, erzählen sich doch beim Abendessen und vor dem Zubettgehen all die Kleinigkeiten, die sie tagsüber erlebt haben. Es wäre doch schlimm, wenn es anders wäre. Und außerdem handelt es sich doch um eine ausgesprochen witzige Geschichte.
Na, um es kurz zu machen: der Arbeiter, der unten in der Baugrube postiert war, um den Kranbagger zu kontrollieren, rief durch sein Mikrofon herauf: »Hier sind schon welche vor uns gewesen.«
»Was ist los?«
»Da liegt so etwas wie ein Gerippe.«
Welch ein Ärger! Aber was blieb uns andres übrig? Der Bagger wurde abgestellt und der aufsichtsführende Ingenieur mußte sich in die Grube hinunterlassen. Das war, mit Verlaub, der, der Ihnen dies erzählt.
Und tatsächlich, da hatte der Greifer ein menschliches Skelett freigekratzt, und vielleicht sogar zwei, denn einen halben Meter davon war noch so etwas wie ein Arm mit einer Hand daran zu sehen. Das eine Bein hatten die Zinken des Greifers schon herausgerissen, doch es war der Abdruck im Lehm ganz deutlich zu sehen, und der Lehm da unten war beinahe so hart wie Beton.
Da gilt es, sich blitzschnell zu entscheiden. Der Arbeiter hatte die Bescherung gesehen und zum mindesten der Kranführer oben hatte es gehört und andre sicher auch. Sonst hätte der Ingenieur ganz einfach sagen können: Weitermachen! Was stören uns schon ein paar alte Knochen. Aber so wie die Dinge lagen, war es nicht mehr zu verheimlichen. Es hätte bestimmt einer darüber geredet, und dann wären wir in Teufels Küche geraten.
So mußten wir also die Bauleitung benachrichtigen, und diese mußte erst einmal der Polizei Bescheid sagen. Na, die Polizei zog verärgert wieder ab, sie hat andre Sachen zu tun, als sich um ein paar alte Knochen in fünfzehneinhalb Meter Tiefe zu kümmern. Auch die Presse und Fernsehleute, die natürlich angebraust kamen, hielten sich nicht lange damit auf. Mit den paar Skeletten kann man niemand vor den Fernsehschirm locken, das ist klar.
Ja, wenn die Sache damit erledigt gewesen wäre! Haben Sie eine Ahnung, mit was für blödsinnigen Schwierigkeiten wir in unserm Beruf rechnen müssen. Mit Anachronismen, wie man das nennt. Wir haben strenge Anweisung, sogar mit Entlassung wird gedroht, daß wir sofort mit der Arbeit aufhören sollen, sobald wir auf etwas Historisches stoßen. Es gibt da so eine Klausel deswegen in allen Regierungskontrakten. Fragen Sie unsereinen bitte nicht, warum. Unsre Tiefbaufirma ist ohne Zweifel das größte Unternehmen dieser Art in der Republik, und Sie können sich darauf verlassen, daß die hohen Herren über die besten Beziehungen zu den Ministerien verfügen. Doch nichts zu machen! Anscheinend wagt kein Minister, diese altmodische Klausel zu streichen, wohl aus parteipolitischen Gründen und weil er dabei seinen Posten verlieren könnte.
Und wenn es sich noch um etwas handelte, was man zur Not als historisch bezeichnen könnte. Aber ein Haufen alter Knochen, ich bitte Sie. Na, so kam denn ein Professor vom Kulturhistorischen Museum, ein Archäologe, wie man es nennt. Und dann noch ein Geologe. Und schließlich noch ein Anthropologe oder so ähnlich, ein vornehmer alter Herr mit grauem Bart. Wir versorgten sie mit Schutzhelmen, damit ihnen keine Dreckklumpen auf die gelehrten Schädel flögen. Absichtlich suchten wir recht bunte Helme aus, blaue, rote und gelbe. Eine wahre Pracht, wie die Professoren da unten in der Baugrube mit den bunten Dingern auf dem Kopf herumstanden und sich über die Knochen stritten. Das hätten die Fernsehleute aufnehmen sollen.
Der Archäologe ließ dann noch ein paar junge Leute kommen, Studenten offenbar, die kratzten mit ihrem Kinderspielzeug die zweiundfünfzig Skelette frei, mit winzigen Schaufeln, Harken und Bürstchen. Wir hätten ihnen das ganze Zeug mit einem Ruck herausholen und auf das Laufband werfen können. Na, sollen sie auch ihren Spaß haben.
Ob der, der Ihnen das erzählt, das auch seiner Frau so erzählt hat? Aber warum denn nicht? Es ist doch kein Geheimnis dabei. Und wie soll man es denn sonst erzählen?
Um es kurz zu machen: wir überließen den Professoren das Feld und zogen mit unsern Kranen und Baggern an eine andre Stelle. Wir können es uns nicht leisten, unsre Zeit mit solchem Kinderkram zu vertrödeln. Den halben Tag, den wir verloren haben, werden wir durch Überstunden schon wieder hereinholen, vorausgesetzt, daß wir nicht auch anderswo auf Knochen stoßen.
Aber nun kommt der Witz der Sache, weshalb sich das zu erzählen lohnt. Mittags in der Kantine saßen die Professoren bei uns am Tisch der Ingenieure, wir fragten sie über ihre Arbeit aus und taten sehr interessiert. Sie merkten Oberhaupt nicht, daß wir uns über sie lustig machten, so todernst nahmen sie ihr Knochensammeln.
Der Geologe war übrigens ein ganz vernünftiger Mann, sehr brauchbar auch für uns vom Tiefbau. Diese Leute können einem vorher sagen, wo wir auf Grundwasser oder Felsen stoßen, auf die Weise kann man rechtzeitig planen. Daß es noch keine Instrumente gibt, mit denen man ein paar alte Knochen in fünfzehneinhalb Meter Tiefe feststellt, kann ihnen niemand zum Vorwurf machen. Doch die fünfzehneinhalb Meter regten auch den Geologen auf, der sonst ein sachlicher Kerl war. Er erklärte uns, daß sich die Bodenhöhe hier kaum um zwei Meter hin und her verändert haben könne, in den letzten zweitausend Jahren wenigstens. Zuerst seien hier nur Wälder gewesen, Laubwälder, wie er behauptete, und dann, nachdem man die Wälder abgeholzt hatte, Äcker und Wiesen. Und dann in den letzten hundert Jahren, als die Stadt sich ausbreitete, Schrebergärten. Und dann im ersten Weltkrieg, wie man das nennt, ein lächerlich vorsintflutlicher Flugplatz ohne betonierte Pisten und so weiter. Und nachher wieder Schrebergärten.
»Irgendwelche Anschwemmungen durch veränderte Flußläufe und dergleichen hat es hier nicht gegeben«, behauptete er. »Selbst wenn wir annehmen, daß sich der Boden um zwei Meter gesenkt hat, obwohl eher anzunehmen ist, daß er sich mit all dem Abfall um zwei Meter erhöht hat, bleiben immer noch dreizehneinhalb Meter, und es ist die Frage, wie die Leute damals mit ihren primitiven Mitteln dahingelangt sind. Schön, sie können einen Tunnel gegraben haben und der ist natürlich in den Jahrtausenden zusammengedrückt, so daß sich keine Spur mehr davon finden läßt, aber ein Rätsel bleibt es doch.«
»Na, es hat eben auch schon damals tüchtige Ingenieure gegeben«, trösteten wir ihn.
Ja, und dann der Knochenexperte, wie wir den Onkel Doktor mit seinem Bart nannten. Der alte Knabe hatte also herausgefunden, daß die Skelette da unten achtzehnhundert bis zweitausend Jahre alt waren. Stellen Sie sich das vor! Und deswegen die ganze Aufregung. Diese Burschen können ja heute die Radioaktivität von solchen alten Knochen messen; auf hundert Jahre mehr oder weniger kommt es dabei nicht an.
"Was für Leute waren denn das?« fragten wir.
»Wenn Sie die Rasse meinen, genau solche Leute wie wir, meine Herren«, sagte er und sah uns tadelnd dabei an wie ein Großpapa, der auf dumme Fragen antworten muß. Zum Wälzen! »Wir werden noch Schädelmessungen vornehmen, um das genaue Gewicht des Gehirns festzustellen.«
»Sind auch Frauen dabei?« fragte einer von uns.
»Siebzehn weibliche Skelette, also fast ein Drittel.«
»Auch junge?«
»Die meisten etwa zwischen vierzig und fünfzig, aber drei davon können nicht mehr als zwanzig gewesen sein.«
»Die armen Dinger!« schrien wir, und der alte Knabe sah uns wieder tadelnd an.
Diese Knochenexperten können nämlich an den Gelenken und Gelenkpfannen sehen, wie alt so ein Toter gewesen ist, das behaupten sie wenigstens.
Die Frau dessen, der Ihnen dies erzählt, fragte übrigens, als er ihr das beim Abendessen erzählte: »Auch Kinder?« Nein, Kinder hatten die Professoren da unten in der Baugrube nicht gefunden, nur Erwachsene. Doch das nur nebenbei.
Der größte Witz war der Archäologe. Der arme Kerl konnte einem richtig leid tun, er war mit seiner Wissenschaft sozusagen am Ende und völlig ratlos. Wir haben ihn nach Kräften zu trösten versucht, soweit uns das möglich war, ohne ihn auszulachen, und schließlich ist es einem von uns auch ganz aus Versehen gelungen. Jedenfalls zog der Mann ganz befriedigt ab.
Was ihn so entsetzlich aufregte, war, daß die Toten da nicht einfach hingeschmissen waren, wie man das von Kriegen, Epidemien und Massenexekutionen her gewohnt ist. Nein, kein Zeichen von Gewaltanwendung, wie sein medizinischer Kollege ihm versicherte, alle eines natürlichen Todes gestorben. Gift vielleicht, doch das läßt sich nach so vielen Jahren nicht mehr feststellen, und dagegen spricht das verschiedene Alter der Leute zwischen zwanzig und fünfzig.
Diese Skelette lagen da fein säuberlich nebeneinander. Männer und Frauen nicht getrennt, doch dagegen läßt sich nichts sagen, das ist ja auf ordentlichen Friedhöfen auch so. Aber das Aufregendste für den Mann war, daß die Toten da unten sozusagen auf dem Bauch lagen und nicht, wie es sich gehört, auf dem Rücken oder, wie es auch manchmal Mode gewesen sein soll, auf der rechten Seite mit angezogenen Knien und die Hände vor dem Gesicht. Der Professor behauptete schlankweg, in der ganzen Geschichte oder Vorgeschichte hätte man noch nie einen Bestattungsplatz gefunden, wo man die Toten offenbar absichtlich auf den Bauch gelegt habe, denn die Skelette da unten lagen höchst pedantisch, sozusagen mit den Händen an der Hosennaht und das Gesicht im Dreck nebeneinander ausgestreckt.
»Das muß ihr Ritus gewesen sein«, meinte der Professor und schüttelte den Kopf vor lauter Ratlosigkeit.
Am meisten konsternierte ihn, daß sich keine Grabbeigaben gefunden hatten, wie er es nannte. Er und seine Studenten werden mit ihren Kinderschaufein und Bürsten jeden Millimeter danach abgesucht haben, darauf können Sie Gift nehmen.
»Ein Kreuz oder etwas Christliches war selbstverständlich nicht zu erwarten, das gab es damals noch nicht«, meinte er, »aber irgendein Talisman, ein Schmuckstück, eine Waffe oder zum mindesten ein Tontopf als Grabbeigabe, das ist von jeher so Brauch gewesen. In allen uns bekannten Gräbern der vergangenen zehntausend Jahre haben wir solche Dinge gefunden, und wir können daraus Schlüsse über das Leben der Leute ziehen. Aber hier! Und dazu auf dem Bauch und mit dem Gesicht zur Erde, das ist einfach noch nicht vorgekommen.«
Und nur, weil der arme Mann ein so hilfloses Gesicht machte, und um ihn zu trösten, sagte einer von uns - ja, das war der, der Ihnen dies erzählt, entschuldigen Sie -, er sagte also über den Tisch weg: »Das wird wohl die Sekte der Dreckfresser gewesen sein.« Da hätten Sie wohl unsern Professor sehen sollen. Ihm fiel der Suppenlöffel aus der Hand. Er zog die Augenbrauen hoch, höher ging es nicht, und sprang vom Tisch auf: »Woher haben Sie das?«
»Nur so, und weil es doch logisch ist.«
Der Professor raste weg, in seine Bibliothek oder in sein Museum, um nachzuschlagen, ob es so eine Sekte gegeben hat. Und bestimmt wird er selber ein Buch darüber schreiben. Ja, so sorgt ein schlichter Ingenieur dafür, daß die Gelehrten ihre Beschäftigung haben und nicht auf dumme Gedanken kommen.
Klar doch! So hat der, der Ihnen das erzählt, es auch seiner Frau erzählt. Wozu fragen Sie das immer? Das war doch nun wirklich zum Lachen, das kann man doch seiner Frau nicht vorenthalten. Und sie hat denn auch noch einen Witz dazu gemacht, der sich gewaschen hat. Da soll uns noch mal jemand erzählen, Frauen hätten keinen Humor.
Warten Sie. Ja, natürlich bei Tisch. Es war ein Luftpostbrief von dem Sohn gekommen, ein erfreulicher Brief. Ein begabter Junge. Gleich nach dem Examen hat er ein Stipendium für irgendein Institut da drüben erhalten. Die da drüben sind ja in vielen Dingen weiter als wir, sie haben mehr Geld, deshalb. Der Junge hat seinen Doktor über Gerontologie gemacht, falls Sie wissen, was das ist. Es hat etwas mit alten Leuten zu tun. Sie experimentieren daran herum, wie die Menschen hundert oder hundertfünfzig Jahre alt werden können. Wollen wir wetten, daß die Burschen das eines Tages zustande bringen und irgend so eine Pille erfinden? Und die Braut des Jungen ist auch Medizinerin, sie steckt noch im Examen. Sie hat sich auf nukleare Medizin spezialisiert. Das alles hat große Zukunft, das müssen Sie zugeben. Wir Eltern brauchen uns keine Sorge um die Kinder zu machen.
Um es kurz zu machen: die Frau, als sie die komische Geschichte mit den Dreckfressern hört ... das kann noch bei Tisch gewesen sein oder als der, der Ihnen das erzählt, lachend vom Tisch aufstand und sich den Mund mit der Serviette abwischte ... oder wenn Sie wollen, auch schon im andern Zimmer vor dem Fernsehapparat. Man muß ja die Nachrichten hören, um zu wissen, ob die Idioten irgendwo einen Krieg angezettelt haben, so etwas kann einem das ganze Konzept durcheinanderbringen ... ja, also, ob Sie es glauben oder nicht, die Frau sagte: »Das müssen glückliche Menschen gewesen sein.«
»Na hör mal, Kind, mit dem Gesicht im Dreck, was ist denn daran besonders glücklich?«
»Sie wollten eben nicht wieder auferstehen.«
Zum Schießen! Stellen Sie sich doch den Professor vor, wenn er das gehört hätte. Wirklich, man sollte es ihm mitteilen. Die Dreckfresser, weil sie auf Auferstehung und dergleichen Zeug keinen Wert legen. Was für ein dickes Buch läßt sich darüber schreiben. Zum Totlachen!
»Na, gehen wir zu Bett, Kind. Morgen ist auch ein Tag.«
Unsereiner hat seinen Schlaf nötig. Den ganzen Tag vom frühen Morgen an auf den Beinen und an der frischen Luft, da schläft man wie ein Ratz. An uns können die Schlafmittel-Fabriken pleite gehen.
In dieser Nacht gab es eine kleine Unterbrechung. Nichts Besonderes, um Gottes willen, denken Sie das nicht. Warum soll unsereiner nicht mal im Schlaf lachen? Und dazu noch nach einem so komischen Erlebnis. Man braucht sich nur die drei Professoren mit den Schutzhelmen da unten in der Baugrube vorzustellen. Wie ein paar bunte Blümchen.
Die Frau dessen, der Ihnen dies erzählt, weckt ihn also mitten in der Nacht. Sie stößt ihn mit dem Ellbogen an oder schüttelt seinen Arm. »Was ist denn los?«
»Du hast im Schlaf gelacht.«
»Was hab ich?«
»Worüber hast du gelacht?«
Du lieber Himmel, wie soll man das noch wissen! Man sagt: »Verzeih, Kind«, legt sich auf die andre Seite und schläft weiter.
Was möchten Sie denn sonst noch gern wissen? Das sind doch sozusagen alles reine Privatsachen.
Also, um sechs rasselt der Wecker. Auf, mein Lieber! Um sieben heißt es an der Arbeitsstelle sein. Es geht morgens immer ziemlich gehetzt zu. Jeder Handgriff muß sitzen.
Meistens steht die Frau dessen, der Ihnen das erzählt, auch sofort mit auf, um Kaffeewasser aufzusetzen und dergleichen. Aber diesmal bleibt sie liegen. Na, soll sie noch fünf oder zehn Minuten schlafen, sie braucht nicht nach der Uhr zu leben wie unsereiner. Das Kaffeewasser kann man auch allein aufsetzen und unterdessen kann man sich duschen und anziehen.
Und als es so weit ist ... : »He, willst du heute gar nicht aufstehen?«
Sie liegt da in ihrem Bett auf dem Bauch, das Gesicht im Kopfkissen und rührt sich nicht. He! Sollte sie sich Oropax in die Ohren gestopft haben? Das kann sein, sie ist etwas lärmempfindlich. In der Küche fängt der Wasserkessel gerade an zu pfeifen, auch davon wacht sie nicht auf. Natürlich kann man sich den Kaffee auch selber aufgießen und leise weggehen und sie einfach schlafen lassen. Warum eigentlich nicht?
Aber besser zudecken sollte man sie vorher, damit sie sich nicht erkältet. Sie hat so ein ärmelloses Nachthemd an, wie die Frauen es tragen, und die Arme fühlen sich reichlich kalt an. Nun ja, die Haut ist bei den Frauen ja immer etwas kühler als bei uns, das weiß man, doch ihre Arme fühlen sich allzu kalt an. Ziehen wir also lieber die Steppdecke etwas höher. Ja, und auch davon wacht sie nicht auf.
Um es kurz zu machen: es steht ein Wasserglas auf ihrem Nachttisch mit einem Rest Wasser darin. Es hat einen Kringel auf der Glasplatte gemacht, aber das läßt sich wieder abwischen. Und daneben eine leere Glasröhre. Das blöde Ding rollt einem über die Glasplatte, als man es wieder hinlegt, fällt auf den Fußboden und rollt natürlich unters Bett. Pech! Man muß sich erst hinknien, um die Röhre unter dem Bett hervorzuangeln. Als ob man unbegrenzt Zeit hätte!
Na, Sie werden sich das schon selber gedacht haben: Schlafmittel! Zuviel Schlafmittel! Vermutlich hat sich die Ärmste im Dunkeln verzählt. Im Dunkeln, um ihren Mann nicht noch einmal zu wecken. Pech!
Da hilft alles nichts. Zunächst muß der Wasserkessel abgestellt werden, der die ganze Zeit wie verrückt pfeift; sonst gibt es noch Krach mit den Nachbarn. Dann muß man den Doktor anrufen, denn man hat ja keine Ahnung, wieviel Tabletten noch in der Röhre waren. Etwas peinlich, ja, aber Vorsicht ist besser. Es wohnt ein Doktor zwei Häuser weiter, ein jüngerer Mann, und so früh morgens ist er zum Glück zu Haus und kann gleich rüberkommen. Ja, und dann ein Unfallwagen, weil der Doktor das für richtig hält, und selbstverständlich gucken die Nachbarn überall hinter den Gardinen zu, weil die Sirene des Wagens sie aufgeschreckt hat. Sehr ärgerlich, ja. Und die Bauleitung muß auch angerufen werden, daß man heute nicht pünktlich kommen kann. Und dann in die Klinik. Der Magen wird ausgepumpt, und dann Spritzen und dergleichen, um das Herz wieder in Gang zu bringen. Aber nichts zu wollen. Zu spät! Oder zuviel Schlafmittel. So eine vernünftige Frau und nie krank gewesen. Nur etwas lärmempfindlich, wie gesagt. Und dem Jungen in den USA muß natürlich auch ein Telegramm geschickt werden, daß er nun keine Mutter mehr hat.
Ja, das wäre wohl alles. Ach so, die Baugrube, entschuldigen Sie. Wir haben uns natürlich sofort wieder darüber hergemacht, nachdem die Professoren das Feld geräumt hatten. Zum Glück sind wir auf keine weiteren Friedhöfe gestoßen, oder wie Sie so etwas nennen wollen. Wir sind schon über fünfundzwanzig Meter tief, bis dreißig werden wir laut den Plänen gehen müssen. Es besteht also berechtigte Hoffnung, daß die vereinbarten Termine eingehalten werden können. Unberufen!

zuerst in: Merkur Jg. 24 (1970), H.3, S. 251-258

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer